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  #16  
Alt 05.07.2010, 13:38
Hinterweltler Hinterweltler ist offline
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Beiträge: 206
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kurushio schrieb:

"Warum die Persiflage auf Denglisch, wenn es Dir um die Möglichkeiten der deutschen Sprache geht? Warum nicht diese aufzeigen und betonen, daß Amerikanisch vieles kann, aber kein Wort wie Weltanschauung und Fahrvergnügen hervorbringen? Warum nicht mit Neologismen um Dich werfen, bis einer hängenbleibt?"

So, ich muss jetzt diese angeregte Unterhaltung beenden, da eine Besprechung mit netten Arbeitskolleginnen und -kollegen auf mich wartet. Für das Herunterladen von Daten aus dem Internet habe ich leider auch keine Zeit mehr, ich muss nun die Verbindung zum Internet unterbrechen. Trotzdem, ich alter Internetsüchtiger: Immer schön ruhig. Heute abend geht's mal wieder ins reale Leben. Nach den vielen Überraschungstreffen mit wundervollen Frauen, wobei auch einige aufregende Nächte dabei waren, versuche ich mich heute mal mit einer neuen Sorte von Verkuppelung. Da kann man in kurzer Zeit viele nette Frauen kennenlernen. Ist das nicht wunderbar? Mit dem richtigen Anzug (vielleicht sollte ich auch ein bisschen Schmuck tragen) klappt das schon. Meine Bemalungen auf der Haut können sie ruhig sehen, ich werde ein kurzärmliges Hemd tragen. Ich alter Kavalier mit scheinbar kühlem Gesicht, immer vorn dabei. Aber wenn's dann soweit ist - die Männer unter den Lesern werden es schon verstehen - bloß nicht zu schnell. ;-)

Bevor ich dann mit den tollsten Fluglinien um die Welt fliege, in den Urlaub, nach meiner schweren und trockenen Arbeit in der Finanzbuchhaltung im großen Investitionsgeschäft. Die Verwaltung von Bankkonten über das Internet, mit Geheimzahl versteht sich, funktioniert sicher, gut und zuverlässig.
Da fällt mir ein, ich muss die Liste häufig gestellter Fragen noch auf den neuesten Stand bringen. Ich hatte damals bei der Unternehmensumstellung Glück, dass meine Position nicht der Rationilisierung zum Opfer gefallen ist. Die führenden Mitarbeiter aus der Vermarktungsabteilung konnten mir nichts anhaben, das waren alles nur junge, wenn auch erfolgreiche, Großstädtertypen oder eben Leute, die meinen, sie könnten einem sagen, wo's lang geht. Mit mir nicht. Ich bin jemand, der den Durchblick in die internen Strukturen des Unternehmens hat, ich habe das Wissen in der Absatzförderung. Was sagte der Kollege aus der Personalabteilung noch: Ich hätte ein hohes Potenzial. Ich weiß, wohin die Richtung geht. Mich wegrationalisieren? Die wollten das ganze Unternehmen übernehmen. Trotzdem scheiss Arbeit, ich muss wohl mehr Lotto spielen, bei dem Spiel könnte ich vielleicht einmal den Pott knacken.
Aber erst noch meine elektronischen Briefe überprüfen. Ich muss mehr Sicherungen machen oder gleich meine ganze Festplatte auf eine andere kopieren. Beim letzten Hochfahren hing der Rechner (geiles Hochtechnologiegerät, sowohl von den Bauteilen her, als auch von der Programmierung). Der Internetfilter macht auch wieder Probleme. Ich muss mal den Telefondienst in der Zentrale des Internetanbieters anrufen (scheiss Dienst!), vielleicht können die das Problem beheben. Vielleicht liegt’s auch an der Empfängerkarte, der Hauptplatine, am Internetzugangsgerät, am Netzwerkverteiler, am Diensterechner oder vielleicht sogar nur an der alten Tastatur.
Geht heute mit dem Teufel zu, wenig Zeit. Muss trotzdem noch was für meinen Körper tun, ich muss mit dem Schnellfress und den kleinen Kuchen aufpassen, sonst geht meine Vitalität bei meinem Lebensstil flöten. Aber vorher noch den Wagen (tolles Aussehen, zusätzliche Rundungen) aus dem Schuppen holen. Wenn ich zum Verein fahre - das wird ein Fahrvergnügen - höre ich mir erstmal die neuesten Bestenlisten an, aber vielleicht lande ich dann doch wieder bei den Schlagern, bin ein treuer Anhänger davon. Tja, irgendwann ist selbst das einmal vorbei, was in aller Munde war. Dann gibt’s oft nur noch Nachgemachtes und Neuvermischtes.
Wenn ich vom Verein zurück komme, unterhalte ich mich erstmal mit netten Mädels in virtuellen Räumen im Internet. Vielleicht kommt doch noch ein reales Treffen zustande. Wäre das nicht wundervoll? Aber heute bin ich klüger bei den Mädels, ich möchte nicht immer nur die Figur spielen, über die sich alle lustig machen, ich fühle mich dann ungerecht behandelt. Keine ungerechten Angriffe bitte! Ich werde noch zum verrückten Anhänger dieser Internetunterhaltungen. Das wird eine Rückkehr, mit vielen Überraschungen, die Aussichten stehen Fünfzig zu Fünfzig! Aber achte bei einem Treffen auf Deine Zeiteinteilung, Dein Auftreten, Deine Kosmetik und Dein Durchhaltevermögen. Aber sei nicht übertrieben gekleidet, achte auf Dein Äußeres. Jetzt schon mal ein Hoch auf den heutigen Abend!

Gebt mir bitte eine Rückmeldung, aber dreht mich nicht durch den Wolf. Sonst kann ich in meiner ruhigen Stunde vor dem Fernseher mit meinem Mischgetränk beim Durchschalten durch die Fernsehkanäle nicht entspannen. Die Zeit läuft. Ich muss unbedingt mal einen Intensivkurs Deutsch machen. So ein Mist, jetzt hab’ ich mich selbst bloßgestellt. Aber die deutsche Sprache ist für mich wie eine unbekannte schwarze Kiste, kein Scherz.

Hallo
JM (ein bisschen an- und aufgeregt, aber nicht komplett daneben, noch alles leicht, kein Schwindel, rauche gerade)

PS: Schaut doch mal auf meine Heimseite, hab’ ne gute Internetseite, echt was Besonderes, für ein Lesezeichen wäre ich dankbar, nutzt bitte diese Möglichkeit, bin gut bei meinem Heimseitendienstleister aufgehoben (jetzt muss ich selbst lachen :-) ). Suche noch einen Geldgeber.

Zugegeben, das war nur ein Gedankenexperiment, das unter dem Einfluss des Zeitgeistes eines modernen Menschen stand. Das Geschriebene war nicht wunderbar, schon gar nicht wundervoll, der Beitrag hätte besser sein können. Aber er ist recht schnell fertig geworden. Das ist Lernen durch Praxis. Ich bin Neuling, aber kein Niemand. Jetzt bin ich aber fertig, nach ununterbrochenem Schreiben, das war keine Kleinigkeit. Jetzt erstmal ein Bier, im Schnelllauf zum Schrank. Das war kein Kommentar, das war ein Ereignis, was echt Besonderes im Internet. Und das ist nicht gerade schlecht ausgefallen. Lasst uns dennoch ernsthaft diskutieren, wir sind hier doch nicht im Kindergarten. Jeder trage seine Weltanschauung ruhig vor.

Gruß
Jörg

Geändert von Hinterweltler (05.07.2010 um 15:14 Uhr).
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  #17  
Alt 05.07.2010, 23:43
Friedrich Friedrich ist offline
gebügelt
 
Registriert seit: Sep 2008
Beiträge: 264
Hallo kurushio

Zitat:
ps: Meine hugenottischen Vorfahren schreien entsetzt auf, wenn man ihre Errungenschaften Napoleons Truppen zuschreibt. Sie waren hundert Jahre früher da - und eingeladen, nicht einmarschiert.
Deine hugenottischen Vorfahren in allen Ehren, doch das Wort "mutterseelenallein" ist meines Wissens erst seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts verbürgt und damit wohl eher der napoleonischen Besatzungszeit als der hugenottischen Immigration zuzurechnen. "Sorry!"

Warum die Berliner sich überhaupt des französischen Vokabulars bzw. derartiger Ausdrücke bedienten, lag wohl daran, daß ihnen die Sieger imponierten; die Grande Nation militärisch und kulturell zumal. Und von diesem "Flair" wollten sie dann etwas abhaben.

Das Motiv zur Übernahme von Anglizismen ist wohl dasselbe wie damals. Warum sagen "moderne" Leute heute shopping und nicht mehr Einkauf, jogging statt Dauerlauf, roller scates statt Rollschuhe, party statt Feier? Doch nur aus dem Grunde, weil die "alten" deutschen Wörter so "uncool" sind. Mit derem Gebrauch zeigt man, daß man "von gestern" ist, daß man am Ende damit sogar noch "deutschtümelt".

Hat man damals die französischen Wörter "aufgeschnappt" und ohne phonetische Ausbildung nachgesprochen, so ist die Verbreitung der Anglizismen heutzutage eine großmediale Umerziehung. Dazu gehört auch, daß Neologismen weitgehend englischer Natur sind, und zwar auch dann, wenn sie mit den Bedeutungen im englischsprachigen Raum nicht übereinstimmen (siehe public viewing).

Eine ähnliche Umerziehung gab es schon vor zweihundert Jahren mit übrigens großem Erfolg, und zwar in dem von den Briten kolonisierten Indien. Als Architekt des indischen Umerziehungsprogramms (architect of Colonial Britain's Educational Policy in India) gilt der Engländer Thomas Macaulay (1800 - 1859), der 1835 folgendes schrieb:
Zitat:
We must do our best to form a class who may be interpreters between us and the millions whom wie govern, a class of persons Indian in blood and colour, but English in taste, in opinions, words and intellect."
Kurzum: Englische Sprache, Kultur und Kleidung war "in", indische Kultur war "out".

Wenige Jahre später konnte ein Zeitgenosse Macaulays, J.N. Farquhar, große Erfolge vermelden.
Zitat:
The new educational policy of the Government created during these years the modern educated class of India. These are men who think and speak in English habitually (...); large numbers of them enter government services, while the rest practice law, medicine or teaching, or take to journalism or business.
Natürlich erzählte damals niemand öffentlich den Indern, was Macaulay und Co im Schilde führten, stattdessen erzählte ihnen ein Rudyard Kipling von The White Man's Burden, das heißt, daß alles von britischer Seite nur aus Idealismus und christlicher Nächstenliebe geschehe; und ich denke, nicht wenige haben dieses Märchen dann auch geglaubt.

Wahrscheinlich werden sich jetzt wieder Deine Nackenhaare sträuben, lieber kurushio, aber, und das mußt Du auch verstehen, ein Geschichtsstudium macht hellhörig und mißtrauisch, vor allem dann, wenn es um das Schicksal von nationalen Sprachen und Kulturen unter dem Einfluß von Welt- oder Kolonialmächten geht. Und da ich unserer Sprache ungemein viel verdanke, möchte ich im Gegenzug auch etwas für sie tun, wie z.B. sie, so weit ich das eben kann, zu erhalten, zu pflegen und ... zu schützen.

Mitunter muß ich bei so sorglosen Abwieglern wie Du an Mogli und die Schlange Kaa in Kiplings Dschungelbuch (Disney) denken. Da heißt es doch so schön:
Zitat:
Trust in me, just in me,
Shut your eyes,
And trust in me.
You can sleep,
Safe and sound,

Mit liebem Gruß

Friedrich


P.S.: zu empfehlen: Ewald Harndt, Französisch im Berliner Jargon, Stapp Vlg, Bln
Die Authentizität und die Quelle der Zitate findet man leicht mit google im Internet
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  #18  
Alt 07.07.2010, 06:59
kurushio kurushio ist offline
Admin (Dornseiff 15.74)
 
Registriert seit: Mar 2002
Ort: Berlin
Beiträge: 3.488
Hinterweltler,

viel besser. Und ein bißchen selbstironisch, das gefällt mir. Mit ein bißchen mehr Muße werde ich mir mal den ganzen neuen Text vornehmen - vieles davon würde ich im Alltag genau so formulieren. (Ist Dir aufgefallen, daß Du selbstverständlich "Internet" als Begriff verwendest?)

Zitat:
Zitat von Friedrich
Deine hugenottischen Vorfahren in allen Ehren, doch das Wort "mutterseelenallein" ist meines Wissens erst seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts verbürgt und damit wohl eher der napoleonischen Besatzungszeit als der hugenottischen Immigration zuzurechnen. "Sorry!"

Warum die Berliner sich überhaupt des französischen Vokabulars bzw. derartiger Ausdrücke bedienten, lag wohl daran, daß ihnen die Sieger imponierten; die Grande Nation militärisch und kulturell zumal. Und von diesem "Flair" wollten sie dann etwas abhaben.

Das ist ein schöner Gedanke, aber sprachhistorisch nicht belegbar. Die Frankophilie Preußens war hauptsächlich Ergebnis des französischen Einfluß auf die Herrschaft von Friedrich II., der vieles erlebt hat, aber nicht Napoleon. Friedrich war kein Freund der deutschen Sprache, wie man in De la Littérature Allemande (sic) nachlesen kann - deswegen heißt das hübsche Gebäude 20 Kilometer südwestlich von hier auch Sanssouci und nicht Schloß Sorgenlos.

Zur hugenottischen Herkunft des Wortes "mutterseelenallein" siehe Stolz, Christel (Hrsg.): Unsere sprachlichen Nachbarn. Universitätsverlag Dr. N.Brockmeyer, Bochum 2009. Nichts gegen Harndt, aber der gute Mann war Zahnarzt, nicht historischer Linguist, und ist durchaus mehr als einer lokalpatriotischen Volksetymologie auf den Leim gegangen - zum Beispiel dem klassischen "visite me tent"-Irrtum.

Zitat:
Eine ähnliche Umerziehung gab es schon vor zweihundert Jahren mit übrigens großem Erfolg, und zwar in dem von den Briten kolonisierten Indien.

Ich wiederhole meine Frage: Wer erzieht hier um? Wer ist der Macaulay des frühen 21. Jahrhunderts, der die Deutschen zu Amerikanern machen will? Gibt es ein geheimes Zusatzprotokoll im Marshallplan? Westdeutschland war vierzig Jahre angloamerikanisch "besetzt" - trotzdem hat uns das erstaunlich wenig Anglizismen beschert. Ich kann nur wiederholen, was ich eingangs gesagt habe - der gegenwärtige Trend geht, vor allem im Bereich der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, wieder ein Stück weit weg vom Englischen. Der Zenit der Modeerscheinung ist überschritten, und einbürgern wird sich nur das, was evolutionstheoretisch betrachtet passt.

Zitat:
Wahrscheinlich werden sich jetzt wieder Deine Nackenhaare sträuben, lieber kurushio, aber, und das mußt Du auch verstehen, ein Geschichtsstudium macht hellhörig und mißtrauisch, vor allem dann, wenn es um das Schicksal von nationalen Sprachen und Kulturen unter dem Einfluß von Welt- oder Kolonialmächten geht.

Ein Geschichtsstudium sollte auch hellhörig und mißtrauisch machen, was die Verwendung des Begriffs "national" angeht. Davon abgesehen war Deutschland Kolonialmacht und ist als Teil Europas Teil der größten Weltmacht, die es gegenwärtig gibt - Protektionismus scheint hier unangebracht.

Zitat:
Mitunter muß ich bei so sorglosen Abwieglern wie Du an Mogli und die Schlange Kaa in Kiplings Dschungelbuch (Disney) denken.

Huch, ein ad hominem. Ich bin kein sorgloser Abwiegler, ich bin Kulturoptimist und, was Spachen angeht, Memetiker. Ich mache mir Sorgen, wenn Menschen glauben, eine Sprache könnte und müsste auf diese Art und Weise geschützt werden, und ich mache mir erst recht immer dann Sorgen, wenn jemand sagt, daß die (Medien, Politiker, Chinesen oder welche beliebige Schublade auch immer) irgendetwas vorhaben.

Und obwohl Disneys Dschungelbuch mein erster Kinofilm war, so bevorzuge ich das englische Original.

Rikki-tikki-tikki-tschik,
kurushio
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Schwarze Gezeiten: heichaojing
in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
(work in progress)
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  #19  
Alt 12.07.2010, 21:37
Salseda Salseda ist offline
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Beiträge: 276
schon echt heavy, aber eigentlich bin froh dass die französische Aera vorbei ist, Portemonnaie, Trottoir oder gar Pissoir sind einfach viel zu oversized, da krieg ich nen echten hang over, aber macht ja nix, take it eays und slow down.
So, nach so viel Text geh ich erstmal abchillen.. cu und n8
__________________
Einladung zum mitmachen: http://www.gedichte.com/showthread.php?t=107313

-ich übe noch-
betriebsblind sehe ich nicht ob dieser Kamin noch zu retten oder schon abzureißen ist.
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  #20  
Alt 29.07.2010, 23:45
Friedrich Friedrich ist offline
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Beiträge: 264
Hallo kurushio,

leider konnte ich Dir auf Deinen letzten Beitrag nicht antworten, weil ich tags darauf schon in den Urlaub fuhr. Auch auf die Gefahr hin, daß Du oder Hinterweltler das Thema für abgeschlossen anseht, möchte ich hierzu noch einen - möglicherweise letzten - Kommentar anfügen, Dein indirekter Vorwurf, ich säße irgendwelchen aus der Luft gegriffenen "Verschwörungstheorien" auf, stünde sonst weiterhin im Raum.

In Beitrag 17 habe ich zur heutigen Entwicklung eine Paralle zur britischen Kolonialzeit im 19. Jahrhundert und deren Umerziehung der indischen Eliten gezogen. Dein Beitrag vom 7.7. geht darauf ein.
Zitat:
Zitat:
Eine ähnliche Umerziehung gab es schon vor zweihundert Jahren mit übrigens großem Erfolg, und zwar in dem von den Briten kolonisierten Indien.

Ich wiederhole meine Frage: Wer erzieht hier um? Wer ist der Macaulay des frühen 21. Jahrhunderts, der die Deutschen zu Amerikanern machen will? Gibt es ein geheimes Zusatzprotokoll im Marshallplan?
Im Grunde bedarf es eigentlich gar keiner Namen, um zu sehen, daß die kulturelle "Umerziehung" nach dem gleichen Schema wie im 19. Jahrhundert abläuft. Doch kann ich Dir mit dem Macaulay des frühen 21. Jahrhunderts durchaus aufwarten. Es ist der langjährige Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski.
Zitat:
Der 1928 in Warschau geborene Zbigniew Brzezinski gilt neben Henry M. Kissinger und Samuel P. Huntington als graue Eminenz unter den US-Geostrategen.

Heute ist er Professor für Amerikanische Außenpolitik an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Berater am Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington D.C. und Verfasser von politischen Sachbüchern. Daneben betätigt sich Brzezinski als Berater für mehrere große US-amerikanische und internationale Unternehmen.

Obama wird von dem Multimilliardär Georg Soros und dem ehemaligen Sicherheitsberater unter Präsident James Carter, Zbigniew Brzezinski, unterstützt. Brzezinski ist zugleich als außenpolitischer Berater Obamas tätig. Als graue Eminenz unter den US-Geostrategen verkörpert er die Sichtweisen und Interessen eines ganzen Flügels der amerikanischen Elite. Aufgrund seines intellektuellen Ranges muß sein Einfluß sehr hoch veranschlagt werden.

aus: Die Welt als Schachbrett; von Hauke Ritz
Und Brzezinski, Berater von nunmehr fünf amerikanischen Präsidenten, deckt sogar seine Karten auf. In seinem Buch Die einzige Weltmacht heißt es:
Zitat:
Ebenso stark (wie auf die politische Einbindung der besiegten Gegner) setzt (Amerika) auf die indirekte Einflußnahme auf abhängige ausländische Eliten ... . Der massive, aber nicht greifbare Einfluß, den die USA durch die Beherrschung der weltweiten Kommunikationssysteme, der Unterhaltungsindustrie und der Massenkultur sowie durch die durchaus spürbare Schlagkraft seiner technologischen Überlegenheit und seiner weltweiten Militärpräsenz ausüben, verstärkt dieses Vorgehen noch.

Die kulturelle Komponente der Weltmacht USA ist bisweilen unterschätzt worden (!) ... . Amerikas Massenkultur besitzt, besonders für die Jugendlichen in aller Welt, eine geradezu magnetische Anziehungskraft. (...) Amerikanische Fernsehprogramme und Filme decken etwa drei Viertel des Weltmarktes ab. (...) Die Sprache des Internets ist Englisch und ein Teil des Computer-Schnickschnacks stammt ebenfalls aus den USA und bestimmt somit die Inhalte der globalen Kommunikation nicht unwesentlich. Und schließlich ist Amerika zu einem Mekka für jene jungen Leute geworden, die nach einer anspruchsvollen Ausbildung streben. Annähernd eine halbe Million ausländischer Studenten drängen alljährlich in die USA, und viele der Begabtesten kehren nie wieder nach Hause zurück. Absolventen amerikanischer Universitäten sind in den Regierungskabinetten aller Herren Länder vertreten (!).

Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft; Fischer Vlg., S. 45 – 46)
Eine Amerikanisierung der Welt, und insbesondere Europas, ist also durchaus geplant und wird auch mit hohem Aufwand betrieben, und die Deutschen sind wohl in besonderem Maße empfänglich dafür. Kein Wunder also, daß "Anglizismen" hierzulande auf besonders fruchtbaren Boden fallen.

Überrascht es da eigentlich noch, daß Günther Oettinger den Englischunterricht in Baden Württemberg schon in die erste Grundschulklasse verlegt und von Deutsch als künftiger Feierabendsprache spricht? Der nächste Schritt wird sein, Englisch als Unterrichtssprache einzuführen. (Nachdem in Frankfurts Gymnasien (!) der Anteil der Kinder mit deutschen Eltern in den unteren Klassen inzwischen auf 25 bis 30% abgesunken ist, lassen sich hierfür sicher auch überzeugende Argumente finden; ein im Regierungskabinett sitzender Absolvent einer amerikanischen Eliteuniversität wird es schon richten).

Ein "Kulturoptimist", lieber kurushio, kann meines Erachtens heutzutage nur einer sein, der dem Amerikanismus gewogen oder blind für die Zeichen der Zeit ist.

"Was bleibt zu tun?" könnten Leser dieses Fadens fragen. Eine Antwort könnte ich ihnen mit den Worten des amerkanischen Dichters John Steinbeck geben. In "The Pearl" beschreibt er das Leben kolonisierter indianischer Perlentaucher, und der Protagonist, Kino, weiß eine Methode, sich "kulturell" nicht völlig vereinnahmen zu lassen:
Zitat:
And in the four hundred years Kino’s people had learned only one defence – a slight slitting of the eyes and a slight tightening of the lips and a retirement. Nothing could break down this wall, and they could remain whole within the wall.
"Heil" bleiben, indem man das Eigene bewahrt und pflegt!

Ich denke nicht, Dich mit diesem Beitrag überzeugt zu haben, lieber kurushio, doch wollte ich die Gelegenheit nicht ungenützt verstreichen lassen, mein Argument zu formulieren.

Mit lieben Grüßen

Friedrich

Geändert von Friedrich (30.07.2010 um 12:00 Uhr).
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