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Alt 15.02.2007, 06:31
KaPunkt KaPunkt ist offline
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Nach Hause

Nach Hause

050630

Ein Blick durchs Fenster: es regnet immer noch. Egal. Jetzt habe ich lange genug gewartet - ich will endlich nach Hause. Die Uhr zeigt 22.13 als ich aus der Sammlung eines meiner Kollegen einen Schirm entleihe - so etwas ist sehr praktisch! Man muss die sperrigen Teile wenigstens nicht bei strahlend blauem Himmel wie ein Idiot in der Gegend herumschleppen. Ob er mir etwas nützen wird muss sich erst noch zeigen, der erneute Blick durchs Fenster zeigt eine wahre Wasserwand.
Durch den Fahrstuhl und das Foyer. Das Lichtkunstwerk wechselt gerade seine Farbe von Blau auf Rosa. Weiter durch den Notausgang auf die Straße. Um diese Zeit sind die riesigen Drehtüren schon ordentlich verschlossen. Der entscheidende Moment: ich verlasse das schützende Vordach und trete hinaus in den Regen. Zum Glück stürmt es nicht. Der Regen fällt schnurgerade. Auf der neuen Stichstraße haben sich miteinander verbundenen Pfützen gebildet. Auf dem Baustellenasphalt bildet das Wasser Muster, denen einer Buchsbaumhecke in einem Barocken Garten nicht unähnlich. Bei diesem Wetter sehen selbst die am Straßenrand geparkten Nobelkarossen trist aus. Ich springe durch die künstliche Wasserlandschaft auf den Bürgersteig und fange an zu laufen. Zum Glück ist mein Wagen heute nicht sehr weit weg geparkt. Auf der anderen Straßenseite steigt ein Mann im Abendanzug aus einem Kleinwagen. Er spannt einen Schirm auf und hilft einer Frau beim Aussteigen. Der Saum ihres stahlblau-irisierenden Abendkleides schleppt sich durch eine tiefe Pfütze.
Ich jogge weiter durch die Weststadt. An meinem Auto angekommen kann ich gerade noch rechtzeitig bremsen: es steht in einer riesigen Pfütze! Ich steige über die Beifahrertür ein, und versuche den triefenden Schirm etwas ablaufen zu lassen, bevor ich ihn im Fußraum des Beifahrersitzes deponiere. Das gelingt zwar fast, aber nun ist mein rechter Arm und Hemdärmel tropfnass. Die Tür hinter mir schließend klettere ich über die Gangschaltung und die Handbremse und setze mich in den Fahrersitz. Gleich weiter zum nächsten Problem - ich bin im Laufe des Tages ordentlich eingeparkt worden. Nach dem Anlassen und einigem hin- und herrangieren sehe ich es ein: ich muss aussteigen, um von der Seite schauen zu können, wieviel Platz ich noch habe. Also raus aus der Tür - platsch! Ach ja, die Pfütze. Naja, was solls. Wenigstens stelle ich erfreut fest, dass ich hinten wesentlich mehr Platz habe, als ich durch die mittlerweile völlig beschlagene Scheibe zu sehen dachte. Während die Regentropfen den Rücken meines Hemdes durchweichen steige ich wieder ein und manövriere meinen Wagen endgültig aus der Parklücke. So, geschafft.
Während ich beschleunige fällt mir auf, wie unregelmäßig der Straßenbelag doch wirklich ist - das fast stehende Wasser offenbart Vertiefungen und Hügellandschaften, die mir im Trockenen nie aufgefallen waren. Kurz darauf fahre ich erschrocken zusammen. Eine besonders tiefe Lache spritzt beim Durchfahren hoch in den Lichtkegel des Scheinwerfers - wie ein weißer Geist leuchtet der Wassernebel auf.
Mehrmals verreiße ich das Steuer, da ich rechts oder links in unerwartet tiefe Spurrillen gezogen werde. Auch alle anderen Fahrzeuge führen wahre Veitstänze auf. Man sollte nicht glauben, wie sehr ein starker Regen doch alles durcheinander bringen kann. Auf der Ausfallstraße geht es heute recht gemächlich zu. Man zuckelt mit 60 Sachen in fröhlichem Slalom um die vermeintlich tiefsten Wasserlöcher herum. Aufstiebende Wasserfontänen hier und da künden von der Erfolglosigkeit dieser Versuche. An der Stadtgrenze angekommen ist es plötzlich taghell. Ein Blitz durchzuckt den Himmel von Horizont zu Horizont. Krachend stellt sich sofort der dazu passende Donner ein. Das Gewitter scheint direkt über mir zu hängen. Die Obstbaumallee mutiert zu Erlkönigen. Blitze zucken nun von allen Seiten und strahlen flach über die Landschaft. Der Regen fällt immer noch in Strömen. Ich erinnere mich an den Physikunterricht der Mittelstufe und überlege mir, ob das mit dem Faradayschen Käfig wirklich so stimmt, wie es uns damals beigebracht wurde. Da mir aber keine andere Wahl bleibt fahre ich einfach weiter. Mein Vordermann bremst abrupt und schert zur Seite. Noch während ich überlege warum beschleunigt er wieder. Hat sich wohl auch nur von der Show verschaukeln lassen. Eine erneute Serie von Blitzen und Donnerschlägen erleuchtet die Landstraße wie ein Stroboskop. Ich kann jeden Donnerschlag einzeln im Lenkrad fühlen. Es ist, als ob ich mich unter einer Käseglocke bewege. Ich habe meine eigene Zeit dabei, diese reicht allerdings nur wenige Meter weit, dann kommt das Nichts. So schwimme ich mit meinem Auto über die Landstraße.
Nach einer Weile erreiche ich eine Ortschaft. Die Straßenlaternen erweitern meine Käseglocke ein wenig. Verschwommen huschen die Häuser an meinem Auto vorbei. Stetig wird die Szenerie von Blitzen erhellt, allerdings werden die Abstände zum Donnergrollen größer. Das Gewitter entfernt sich wohl - oder entferne ich mich vom Gewitter? Immer noch im sintflutartigen Regen fahre ich aus dem Ort hinaus auf das letzte Stück Landstraße. Wegen des Wassers auf der Fahrbahn hat sich eine lange, langsam schleichende Kolonne gebildet. Geduldig stelle ich mich hinten an und zuckele die letzen Kilometer durch den Regen.
Ausnahmsweise parke ich heute direkt vor der Haustür, und lasse den Regenschirm beim Aussteigen über mir aufspringen. Trotzdem werde ich auf den letzten 10 Metern noch einmal richtig von Regentropfen umwirbelt. In der Ferne zucken immer noch Blitz und Donner. Alles an mir trieft.
"Na, wars nass?" schallte es mir zur Begrüßung entgegen, als ich die Haustür hinter mir schließe und mir die Wassertropfen von der Stirn wische. "Schon. Aber ich hab schon mehr Geld für schlechtere Geisterbahnen ausgeben!", erwidere ich und spanne dabei den Schirm zum Trocknen wieder auf. Kleine Rinnsale bilden sich und laufen über die Fliesen des Flurs. Endlich zu Hause.

***
Gruß, K.
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