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Thema: Bergsteiger

  1. #1
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    Bergsteiger

    Ich klett’re hier von Vers zu Vers,
    such’ Halt an jedem Reim,
    zieh’ mich an diesem Berg empor
    und spür' den kalten Stein.

    Erklimme schwer den alten Pfad,
    der euch, so wohl bekannt,
    den Weg zum Gipfelkreuze wies,
    an jener steilen Wand.

    Zieh mich mit Kraft und Seilen hoch,
    wo ihr so leicht hinauf.
    Doch eig’ne Haken schlag ich ein,
    lass' eure stets ganz aus.

    Und oben merk' ich, voll Bewunderung,
    auch eure Hände sind vom Klettern wund.
    Geändert von Garahn (24.02.2009 um 19:41 Uhr)
    Blicke zurück, um zu lernen.
    Schaue nach vorn, um zu träumen.
    Halte inne, um zu leben.

  2. #2
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    garahn,
    das hast du gut gemacht. die ausgeschlagenen haken erkenne ich jedenfalls wieder: die reim-enden sind gewagt und lassen schon fast mal einen absturz zu - wären da nicht hände, die offensichtich einen kratzer nicht scheuen, gedankenfinger, die das alte lied des mühseligen dichtens mit den nägeln ganz eigenwillig in den fels ritzen. mir gefällts!
    die "bewunderung" für unsere (wer fühlt sich eigentlich angesprochen? ich fast nicht, möglicherweise hänge ich weniger lang an der wand als du) wunden hände - nein, garahn, das ist leicht sado bis maso. "erstaunen" im sinne überraschten erkennens würde doch reichen? wie ein "reim" daraus wird, wäre wiederum deine sache. so lange verstecke ich meine hände vor dir ...
    ciao!rekar
    Geändert von rekar (21.02.2009 um 07:03 Uhr)

  3. #3
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    Hallo rekar,

    vielen Dank für deinen Kommentar.
    Deine Interpretation ist gelungen.
    Wobei ich denke, nicht dei Reime an sich bringen einem den Absturz nahe, sondern eher die gewollte Suche nach passenden, aber "unreinen" Reimen.
    (ich konnte es aber nicht unterlassen, in einfacher aber dezenter Weise auch auf meine Befähigung zum "reinen Reimen" hinzudeuten )

    Ich werf' dan bei Gelegenheit auch noch einmal einen Blick auf deine Hände, um zu sehen, ob sie wund sind

    Ach ja, die "Bewunderung" steht in keiner Beziehung zu SM, sondern ist zum Teil dem Reim geschuldet bzw. entspricht der Bewunderung, die ich hier manchmal beim Lesen anderer Gedichte verspüre.

    MfG

    Garahn
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  4. #4
    DerKleinePrinz* Guest
    Lieber Garahn

    Das gefällt mir gut. Innovation und soldige handwerkliche Arbeit gibt meistens ein ordentliches Ergebnis, so auch hier.

    Ein paar Kleinigkeiten:

    Ich klett’re hier von Vers zu Vers,
    such’ Halt an jedem Reim,
    zieh’ mich an diesem Berg empor
    und spür' den kalten Stein.

    Erklimme schwer den alten Pfad,
    der euch so wohl bekannt(,)
    den Weg zum Gipfelkreuze wies,
    an jener steilen Wand.

    Zieh' mich mit Kraft und Seilen hoch,
    wo ihr so leicht hinauf. (Klingt noch ein wenig unglücklich.)
    Doch eig’ne Haken schlag ich ein,
    lass eure stets ganz aus.

    Und oben merk' ich, voll Bewunderung,
    auch eure Hände sind vom Klettern wund.
    Weiter so

    Liebe Grüße
    Der Kleine Prinz*

  5. #5
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    Ob unsre Hände wund sind, kannst du ja gar nicht wissen

    Für mich bedeutet Dichten sicher nicht Bergsteigen, sondern eher Fliegen und leichtes Schweben, wenn man es schon mit einer anderen Tätigkeit vergleichen muss, und dabei habe ich mir noch nie blutige Hände geholt.


    Zur Kritik:

    I.

    Das Gedicht überzeugt in dem ersten drei Strophen mit klaren und stringenten Bildern, die die Metapher des Bergerklimmens passend weiterführen. Reime wie "Reim"/"Stein" und "hinauf"/"aus" stören hier aus meiner Sicht in keiner Weise, sondern fügen sich gut in den sonstigen Klang der Zeilen ein.

    Auch die (ob der Qualität der ersten 12 Zeilen ein wenig ostentative) Bescheidenheit des Sprechenden und sein Blick auf die aus seiner Sicht leichter Erklimmenden werden einfach und kraftvoll dargestellt:

    Zieh' mich mit Kraft und Seilen hoch,
    wo ihr so leicht hinauf.


    Anzumerken ist nur, dass bei der ersten Zeile der dritten Strophe

    Zieh' mich mit Kraft und Seilen hoch,

    die vorher (insbesondere auch bei dem recht ähnlichen dritten Vers der ersten Strophe) gut passende Betonung xXxXxXxX nun ein wenig gezwungen klingt, weil der zuvor gehaltene Rhythmus nun die übliche Aussprache für mich zu sehr überlagert, so dass die Worte im Eindruck hinter dem Rhythmus zurücktreten.
    Der natürlichere Klang für die gewählten Worte wäre aus meiner Sicht eher XxxXxXxX.
    Vielleicht lässt sich da ja noch etwas finden, das den sehr guten Sinn bewahrt und sich besser in den Rhythmus einfügt.

    Auch der ungebrochene Mut des Sprechenden und sein Selbstbewusstsein, die Anderen doch nicht nur zu imitieren, sondern auf seinem eigenen Weg Wahres zu finden, klingt in den Zeilen

    Doch eig’ne Haken schlag ich ein,
    lass eure stets ganz aus.


    prägnant an.


    II.

    Am Ende des dritten Verses der zweiten Strophe

    den Weg zum Gipfelkreuze wies,


    gehört aus meiner Sicht kein Komma. Dies wäre nur anders, wenn du damit den "der"-Satz wirklich beenden wolltest und sich die vierte Zeile auf die erste bezieht, wenn er also den alten Pfad an der steilen Wand erklimmt.
    Wegen des sich stets tendenziell an der vorherigen Zeile orientierenden Leseflusses und dem daraus folgenden natürlichen Bezugspunkt "Weg zum Gipfelkreuz" würde ich das Komma weglassen. Auch wenn du eigentlich den Bezug zur ersten Zeile gewollt haben solltest, so geht jener selbst dann unter, wenn man es derart lesen will. Die "steile Wand" sucht beständig die Nähe zum "Gipfelkreuzweg" als letztem syntaktischem Ansatzpunkt.

    Wenn sich die vierte Zeile aber auf die dritte Zeile beziehen soll, dann ist das Komma zu streichen.


    III.

    Die letzten beiden Zeilen des Gedichts sind allerdings angesichts der bis dahin gezeigten Qualität von enttäuschender Natur:


    III.1

    Ein rhythmischer Bruch kann zwar auch eine gekonnte Abwechslung darstellen und erst den Weg für die Conclusio gut bereiten, hier fehlen dem neuen Rhythmus aber sowohl Kraft als auch Harmonie, er "klingt" nicht im Zusamenspiel mit dem Vorherigen und in sich.


    III.2

    Weiterhin ist der Reim aus meiner Sicht als mißlungen anzusehen: "voll Bewunderung" und "vom Klettern wund" haben, trotz der vermeintlichen Ähnlichkeit, zuwenig gemeinsamen Anklang, um in der Gesamtwirkung eine Reimbindung zu erzeugen.


    III.3

    Zudem ergeben sich rhythmische Probleme im Verhältnis der beiden Zeilenenden: Bei oberflächlicher Betrachtung folgen zwar beide Zeilen dem Schema xXxXxXxXxX, dies ist aber nur gegeben, wenn man in der ersten Zeile sowohl "voll" als auch "-ung" stärker betont als es üblich wäre, wodurch ein künstlicher, rhythmusgezwungener Klangeindruck entsteht. Der eigentliche Betonungsschwerpunkt liegt in der vorletzten Zeile nämlich auf "voll Bewunderung", wohingegen er in der letzten Zeile auf "vom Klettern wund" liegt. "Kle-" klingt dabei immer noch stärker an als in der Zeile davor "-ung". Hierdurch entsteht ein Ungleichgewicht in der Betonung und somit auch im Rhythmus.


    III.4

    Außerdem ist der Sinn der vorletzten Zeile aus meiner Sicht ein wenig obskur: Weshalb "Bewunderung" für die Hände, wenn doch eher der Sinn "Überraschung", "Verwunderung" gemeint ist. Es kann ja nicht wirklich die Vorstellung beabsichtigt sein, dass der Sprechende die Anderen so verehrt, dass er selbst und gerade im Augenblick der relativierenden Erkenntnis, dass diese auch Anstrengungen zu bewältigen hatten, sie ungeschmälert verehrt.


    III.5

    Auch ist anzuführen, dass ist die letzte Zeile einen klaren Gegenklang zur bisherigen "Bescheidenheit" bildet: Zuerst werden die Anderen verehrt, und dann sind sie plötzlich genauso bemühte und fleißige Baumeister wie der Sprechende. Fällt es also jedem schwer? Woher kann der Sprechende das wissen? Was ist das metaphorische Äquivalent zum Gipfel, an dem man sieht, ob der Weg dem Anderen Mühe gemacht hat? Dem vergleichbar wäre ja nur ein Dabeisein beim Verfassen oder Bekenntnisse anderer Autoren über die großen Mühen.


    III.6

    Hinzu kommt, dass "wunde Hände" ein eher unpassendes Bild für den kreativen Vorgang, wie ihn der Sprechende erfährt sind. Zwar wird so die Bergmetapher weitergetragen, aber aus meiner Sicht auch überzogen. Selbst ein längeres Suchen nach einem Reim ist wohl eher interessant und selbst als Suche auch befriedigend ( wenn man ihn dann gefunden hat, natürlich um so mehr) als "mühsam".


    Fazit:

    Ein hochwertiges Gedicht, das aber bereits durch ein Streichen der letzten beiden Strophen sehr an Wert gewinnen würde und in einem weiteren Vierzeiler vorheriger Qualität oder auch in einer reim-, rhythmus- und sinnharmoischen zweizeiligen Conclusio seinen verdienten Abschluss fände.


    Grüße

    Wegesanfang
    Geändert von Wegesanfang (25.02.2009 um 21:19 Uhr)

  6. #6
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    Hallo kleiner Prinz,
    hallo Wegesanfang,

    zuerst natürlich danke, dass ihr euch derart mit meinem Gedicht beschäftigt habt.
    Nach dem Hinweis von kleiner Prinz habe ich bereits ein paar Versäumnisse ausgebessert.

    Die Worte von Wegesanfang klingen derzeit noch kräftig in meinem Kopfe nach.
    Nach dem Augen(Ohren)öffnen muss ich die Rhythmusstörung in den letzten Zeilen zugeben.
    Die Kommaproblematik in S2 beschäftigt mich schon seit dem vorangegangenen Kommentar.

    Ein paar Änderungswege habe ich gedanklich bereits eingeschlagen. Sie führen mich aber zu neuen Kreuzungen.
    In einer ruhigen Stunde muss ich mich der Sache nochmal ausführlicher annehmen.

    So schonmal ein großes Danke für den geistigen "Arschtritt", hat neue Gedanken hervorgebracht.

    Ob sich hier jemand die Hände/Finger wundschreibt, kann ich in der Tat nicht objektiv bewerten. Vielleicht ist das Bild auch überzogen. Es sollte keine Verallgemeinerung darstellen.
    Ich überdenke....

    Gruß

    Garahn
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  7. #7
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    Die Worte von Wegesanfang klingen derzeit noch kräftig in meinem Kopfe nach.

    So schonmal ein großes Danke für den geistigen "Arschtritt", hat neue Gedanken hervorgebracht.


    Es war im Maße recht geübt
    die tadelnde Gewalt,
    wenn daraus dann ein Lied sich gibt,
    das dir gemäß erschallt.



    .
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  8. #8
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    Fein der zerfallende Rhythmus zum Ende hin.
    Das gemeine am Internet ist , dass man es schlecht mitnehmen kann, um es langsam oder auch vor anderen zu lesen. Sicherlich wäre es deinen Versen genehmer.

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