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Thema: Das Lebkuchenherz

  1. #1
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    Das Lebkuchenherz

    Das Lebkuchenherz

    "Wer das Scheiden hat erfunden,
    hat an Liebe nicht gedacht."

    Erzählung von
    Hans Werner


    In dichten Flocken fiel erster Schnee vom Himmel. Es war erst Mitte November und daher für den Wintereinbruch noch etwas früh. Doch hatte die Natur alle Farbe verloren und schien auf die schützende Schneedecke zu warten. Ein kleines Mädchen ging durch die Straßen der Kleinstadt, das puppenartige Köpfchen in dichten Pelz eingemummt. Es mochte vielleicht acht Jahre alt sein, und wer genauer hinsah, konnte in den klaren, wasserblauen Augen eine verstohlene Träne entdecken. Denn die Eltern hatten sich am Vorabend heftig gestritten, sich Ausdrücke an den Kopf geworfen, die den letzten Rest ihrer Liebe zerstören mußten. Ein Kind fühlt mit feinen Antennen, wo ein Streit anfängt, ernst und endgültig zu werden. Hier, das wußte das Mädchen, lag Versöhnung in weiter Ferne. Es drohten Trennung, Spaltung, Scheidung.
    Das Mädchen, nennen wir sie Anita, schaute in die Auslagen der Geschäfte und betrachtete voller trauriger Verwunderung die Preisschilder, auf denen Zahlen standen, die sie nach dem gegenwärtigen Stand ihrer Rechenkenntnis nicht einmal aussprechen konnte. Ihre Hand drehte in der Manteltasche einige Münzen, die sie heute Morgen dem Sparschwein entnommen hatte. Der Schlag mit dem Hämmerchen war ihr schwer gefallen, zu sehr liebte sie die glücklichen Augen des Schweinchens. Nun lagen dessen Scherben im Abfalleimer. Aber was waren Scherben eines Sparschweins gegenüber dem gewaltigen Scherbenhaufen einer zerbrochenen Familie! Noch bildete sie ein Ganzes, aber Anita wußte, daß kräftige Risse durch sie hindurchgingen.
    Sie war ein Kind und wollte zum Guten helfen, wußte aber nicht, wie sie es anstellen sollte. Da erblickte sie im Schaufenster einer Bäckerei ein großes Lebkuchenherz mit einer aus Zuckerguß aufgetragenen Schrift "Ich liebe dich". Acht Mark fünfzig kostete dieses Herz, sie hatte nur sechs. Trotzdem betrat sie mutig den Laden und stellte sich hinter den Frauen an, die für den Sonntag ihre Einkäufe machten. Als sie an der Reihe war, zeigte sie auf das Herz und sagte:
    "Ich hätte gern dieses Herz, aber mir reicht das Geld nicht ganz."
    "Ja, dann mußt du eben ein kleineres nehmen", erwiderte die Verkäuferin freundlich.
    "Ich brauch' aber das große", sagte das Mädchen mit fester Stimme.
    Die Leute im Laden wurden aufmerksam. Eine Frau hinter ihr sprach sie an:
    "Wozu brauchst du denn das große Herz?"
    "Dieses Herz soll meine Familie retten. Meine Eltern haben sich gestritten und wollen einander verlassen. " Das Mädchen fing an zu weinen.
    "Nun, dann geben Sie ihr schon das Herz", sagte die Frau zur Verkäuferin "den Rest bezahle ich."
    "Oh, danke!" rief das Mädchen aus und streckte seine Ärmchen empor, um die Frau zu umarmen. Diese fühlte einen Stich in ihrem Innern, denn ihr wurde bewußt, daß ihre eigenen Kinder sie schon lange nicht mehr umarmt hatten. Die Verkäuferin holte das Herz von der Regalwand und schlug ein dünnes Papier darum. Dann reichte sie es dem Kind, nahm das Geld von beiden Kunden in Empfang, kleine Münzen, die aber schwer wogen wie Gold.
    Anita ging hüpfenden Schrittes nach Hause. Fast wäre sie einmal hingefallen, denn der Schnee hatte auf dem Bürgersteig schon eine dichte Schicht gebildet, welche von Fußgängern an gewissen Stellen glattgetreten war. Zu Hause schlich sich Anita an den Eltern vorbei, die für sich allein in verschiedenen Räumen irgendwelchen unnötigen Tätigkeiten nachgingen. In ihrem Zimmer packte Anita das Lebkuchenherz aus und betrachtete es selig, als sei mit ihm ihr eigentliches Ziel schon erreicht. Dann fiel ihr ein, daß die Inschrift ja gar nicht paßte. Sie wollte es doch beiden Eltern schenken, und deshalb mußte es heißen: "Ich liebe Euch". Aber wie kann man eine Schrift aus Zuckerguß korrigieren?
    Schließlich nahm sie ein Stück Papier, schnitt mit der Schere ein Rechteck aus, vier bis sechs Zentimeter groß, dann schrieb sie mit einem roten Filzschreiber in Großbuchstaben das Wort "euch" darauf. Anschließend nahm sie vier Gummibärchen, die sie aus dem Geschenkvorrat von ihrer Oma noch besaß, und befestigte das Papierviereck jeweils an den Ecken mit einer Stecknadel und einem Gummibärchen. Wie sie fertig war, betrachtete sie voller Stolz ihr Erzeugnis. Es sah wunderlich aus. Vier Gummibärchen bildeten eine Leibgarde um das bedeutungsvolle Wort "Euch".
    Anita rief nach ihren Eltern. "Kommt, ich hab was für euch. Kommt schnell." Der Ruf mußte so eindringlich gewirkt haben, daß die Eltern schnurstracks ins Kinderzimmer eilten. Anita stellte sich vor sie hin und hielt ihnen das Lebkuchenherz entgegen. "Das hab ich für euch, und ihr sollt wieder lieb sein zueinander." Anitas Augen waren durchaus ernst und gingen von der Mutter zum Vater. Diese waren verwundert, überrascht, ja fassungslos, dann lachten sie herzlich über die verbesserte Inschrift, über die Gummibärchen und drückten abwechselnd ihr Kind an die Brust. Anita aber flüsterte jedem der Elternteile dieselben Worte ins Ohr "Ich brauch euch doch beide."
    Die Eltern gingen in ihre Zimmer zurück und stellten ihre Koffer wieder beiseite. Für den Nachmittag wurde ein gemeinsamer Spaziergang geplant, ein Bummel durch Spielwarengeschäfte, denn sie wollten ihrem Kind etwas schenken. Anschließend würden sie in einem Café einkehren zu einer heißen Schokolade und einem Stück Kuchen. Für den Rechtsanwaltstermin um 17 Uhr, das dachten beide, ohne ein Wort zu sagen, würde es trotzdem noch gut reichen.

  2. #2
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    Lieber Hans Werner,

    Zuallererst einmal - herzlich Willkommen in diesem Forum.

    Im großen und ganzen finde ich diese Geschichte sehr unpersönlich und kalt. Zwar zeugt die Wortwahl von ausgesprochener sprachlicher Reife, aber die sehr kurzen Satzkonstruktionen lassen das Werk abgehackt und unnatürlich erscheinen. Ich weiß, ich weiß, Kinder denken wohl kaum in verschachtelten Partizipialkonstruktionen, aber eine Aneinanderreihung von Hauptsatz/Nebensatz-Gebilden lassen bei mir als Leser nicht das Gefühl der Verzweiflung und Hilflosigkeit aufkommen, das in dem kleinen Mädchen - nennen wir es Anita - unter Garantie herrscht. Es gibt außerdem mehrere Stilblüten, die mir als etwas gewagt ins Auge gefallen sind, z.B.:
    "Hier, das wußte das Mädchen, lag Versöhnung in weiter Ferne." Das klingt nicht nach der Achtjährigen, die wenig später über Zahlen sinniert, "die sie nach dem gegenwärtigen Stand ihrer Rechenkenntnis nicht einmal aussprechen [kann]". Einmal abgesehen davon, daß ich als Achtjähriger mit 8,50 durchaus schon etwas anfangen konnte.

    Ich wollte noch so viel schreiben, aber mir rennt die Zeit davon. Den Schlußsatz fand ich übrigens sehr, sehr gut gelungen - ich hatte schon ein happy-end (man möge mir den Anglizismus verzeihen) befürchtet...

    Liebe Grüße,
    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

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    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

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