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Thema: Enjambement und Hakenstil

  1. #1
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    Enjambement und Hakenstil

    Hallo!

    Ich habe einige Fragen zu Enjambements und dem Hakenstil, die im
    Zusammenhang mit expressionistischer Lyrik aufgekommen sind:

    1) Was genau ist ein Enjambement? Im Allgemeinen begegnet mir immer die
    Definition, dass Zeilenstil dann gebraucht wird, wenn Satz und Vers
    übereinstimmen. Beim Enjambement soll der Sinnzusammenhang über die
    Versgrenze hinweg fortgeführt werden. Eine naheliegende Fage ist, ob
    es ein Enjambement ist, wenn der Vers mit einem Komma endet?

    Könnt ihr mir bei dem folgenden Gedicht (Weltende von Jakob van
    Hoddis) sagen, wo es ein Enjambement ist?

    1 Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
    2 in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
    3 Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
    4 und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

    5 Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
    6 an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
    7 Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
    8 Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

    2) Der Hakenstil liegt dann vor, wenn Enjambements verkettet werden.
    Auch hier: wie kann ich entscheiden, ob der Hakenstil vorliegt? Wann
    weiß ich, dass es genug Enjambements gab? Ist das obige Gedicht im
    Hakenstil verfasst?

    Vielen Dank im Voraus!

    Gruß
    Morgenlicht

  2. #2
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    626
    1. Ein Enjambement ist meiner Meinung nach nur gemeint, wenn der Satz ohne Komma oder inhaltlichen Bruch einfach fortgeführt wird.
    Das wäre in deinem Beispiel eindeutig von 5 auf 6. Hier ist ja der Sprung ganz offensichtlich.

    2. Aus 1 ergibt sich, denke ich, dass in dem Gedicht kein Hakenstil vorliegt. Dazu müssten mehrer Enjambements folgen...

  3. #3
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    Das interessiert mich auch.

    Enjambement sind meines Erachtens auch nur Zeilenumbrüche ohne eigentliche Zäsur, als von Zeile 5 auf 6.

    Da ich ja auch ab und zu dieses Element verwende, kapere ich für eine Frage diesen thread, weil mir der Begriff hakenstil fremd ist.

    Schreibt yarasa zwischendurch Hakenstil - wenigstens hier:
    schale Haute

    Würd mich doch freuen, wenn das, was ich produziere, wenigstens ein Namen hat (auch wenn er nicht hübsch ist)
    Ich bin dem Leben staunend auf den Versen
    .
    Tagesmenü:Muuse, Wildwuchs, Falscher Pfeil, Morgenmoor, Dies Irae,
    Eine Art Grundsatzpapier zu meinen Kritiken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .yarasas Fingerübungen
    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  4. #4
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    Zitat Zitat von yarasa
    Das interessiert mich auch.

    Enjambement sind meines Erachtens auch nur Zeilenumbrüche ohne eigentliche Zäsur, als von Zeile 5 auf 6.
    Stimmt, soweit ich weiß.

    Da ich ja auch ab und zu dieses Element verwende, kapere ich für eine Frage diesen thread, weil mir der Begriff hakenstil fremd ist.

    Schreibt yarasa zwischendurch Hakenstil - wenigstens hier:
    schale Haute

    Würd mich doch freuen, wenn das, was ich produziere, wenigstens ein Namen hat (auch wenn er nicht hübsch ist)
    Und ja, das müsste eigentlich ein Hakenstil sein, weil z.b. in S2 zwei Enjambements aufeinander folgen. Am stärksten ist der Hakenstil wohl dann, wenn jeweils in den Versen eine Zäsur vorhanden ist, sprich die einzelnen Enjambements z.b. von V1 zu V2 gehen, dort eine Zäsur ist und das nächste Enjambement von V2 in V3, dort ist dann ebenfalls eine Zäsur.

    Hoffe man versteht, was ich sagen will und es stimmt auch, habs jedenfalls so gelernt.

    Gruß,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
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    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
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  5. #5
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    Zum Stilmittel des Enjambements, seiner Wirkung und seiner poetischen Konstitution habe ich einen ausführlicheren Überblicksartikel verfaßt, der unter http://abgedichtet.org/?p=31 nachgelesen werden kann.

    Also der Begriff Enjambement kommt aus dem Französischen und meint zu deutsch "Zeilensprung". Die Idee dieser Stilfigur hat ihren Ursprung im metrischen Vers. Dieser endet mit einer Kadenz, die heutzutage oft durch einen Endreim verstärkt wird. Kadenz kommt von lat. "cadere" (dt. fallen). Dies meint nicht primär, dass die Zeile dort zu ende ist, sondern dass der Vers aufhört. Das geht mit einer natürlichen Sprechpause einher. Natürliche Sprechpausen befinden sich an syntaktischen Phrasennahtstellen, z.B. am Satzende, am Halbsatzende, am Ende syntaktischer Phrasen, vor und nach Einschüben.

    Am Ende eines Verses befindet sich also für gewöhnlich eine Phrasennahtstelle, die eine natürliche Sprechpause nach sich zieht. In deinem Beispielgedicht von Hoddis ist am Ende jedes Verses eine Phrasennahtstelle, d.h. es enthält kein einziges Enjambement. Denn beim Enjambement wird die syntaktische Phrase in den nächsten Vers (nach heutigem Layout, die nächste Zeile) fortgeführt. Es kommt also am Ende nicht zu einer Kadenz. Im Gegenteil, die intonative Spannung wird bis in den nächsten Vers gesteigert und entläd sich mit voller Kraft an der nun folgenden Phrasnegrenze, die sich meist in der Versmitte befindet. An der Stelle, wo man also aufgrund der metrischen Anlage des Textes auf eine Kadenz gefaßt war, kommt einfach keine - daraus ergibt sich der Reiz des Enjambements.

    Ein Beispiel aus eigener Feder: "Mit fester Hand führ ich die Klinge, | die in dein klagend Herz sich senkt | und in die tiefe Wunde dringe | ich - Dämon - toll und schmuckbehängt."
    Die Kurve wird vom Ende V3 bis zum Anfang V4 übernommen und entläd sich erst nach dem "ich", wodurch das "ich" eine artifiziell gesteigerte Betonung erfährt.

    Für mich, Leute schimpfen mich deswegen konservativ, verfällt die Wirkung, der Reiz des Enjambements, wo es keine Erwartungen zur Kadenzgestaltung mehr gibt, d.h. wenn wir als Leser nicht getäuscht werden, weil wir keine Erwartungen dazu haben, wo sich Kadenzen befinden müßten, kann diese Erwartung auch nicht enttäuscht werden und der Effekt eines Enjambements verpufft, ohne unsere Aufmerksamkeit erregt zu haben.

    Dies dürfte in Fällen gegeben sein, in denen Kadenzen an immer unterschiedlichen Stellen kommen und darob keine Erwartungshaltung demgegenüber aufgebaut werden kann oder in denen es vor lauter Enjambements keine Kadenzen mehr gibt. Dieses Phänomen findet sich in zeitgenössischer Möchtegern-Lyrik sehr häufig, weil die Natur des Enjambements als optische Komponente verkannt wird - da werden Zeilen willkürlich irgendwo umgebrochen, weil das eben mehr nach Gedicht aussieht. Aber da für mich das Vorhandensein eines Enjambements and das Vorhandensein von Kadenzen (und ja, die gibt es auch im vers libre) geknüpft ist, gibt es ohne Kadenzen schlicht und ergreifend keine Enjambements.

    War jetzt viel und verwirrend, aber vielleicht hellt es die Problematik ja trotzdem ein wenig auf.

    edit: Sorry, "cadere" heißt nicht "aufhören", wie ich erst schrieb, sondern "fallen". Es geht um die Stimmabsenkung vor der Pause.
    Geändert von levampyre (17.05.2008 um 23:10 Uhr)
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
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    Ähem, sorry, dass ich jetzt doch noch einen Doppelpost fabriziere. Aber ich habe meine Gedanken zum Enjambement, die ich mir ja, wie einige wissen werden, schon seit einer ganzen Weile mache, mal in einem Essay geordnet zusammengefaßt. Den habe ich jetzt in meinem Blog veröffentlicht. Wer das nochmal nachlesen möchte, klickt hier: http://abgedichtet.org/?p=31
    Geändert von levampyre (03.04.2008 um 23:25 Uhr)
    --LeV

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  7. #7
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    Man lernt nie aus... Ich werd das Enjambement von nun an mit anderen Augen betrachten. Sollte man sich auf jedenfall merken und versuchen selber anzuwenden. Danke für die gute Erklärung.

    Flo

    edit: @LeV bei dem oben genannten Beispielgedicht, ist nicht der Zeilensprung von V5 zu V6 doch ein Enjambement, der Leser setzt ja am Ende von V5 keine Pause, bzw. senkt die Stimme. Bzw. wenn du sagst er senkt die Stimme aufgrund der weiblichen Kadenz, würde es also so sein, dass ein Versende mit weiblicher Kadenz nie ein Enjambement sein kann.
    Geändert von Ensimismado (06.10.2006 um 19:33 Uhr)
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