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Thema: Enjambement und Hakenstil

  1. #1
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    Enjambement und Hakenstil

    Hallo!

    Ich habe einige Fragen zu Enjambements und dem Hakenstil, die im
    Zusammenhang mit expressionistischer Lyrik aufgekommen sind:

    1) Was genau ist ein Enjambement? Im Allgemeinen begegnet mir immer die
    Definition, dass Zeilenstil dann gebraucht wird, wenn Satz und Vers
    übereinstimmen. Beim Enjambement soll der Sinnzusammenhang über die
    Versgrenze hinweg fortgeführt werden. Eine naheliegende Fage ist, ob
    es ein Enjambement ist, wenn der Vers mit einem Komma endet?

    Könnt ihr mir bei dem folgenden Gedicht (Weltende von Jakob van
    Hoddis) sagen, wo es ein Enjambement ist?

    1 Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
    2 in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
    3 Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
    4 und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

    5 Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
    6 an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
    7 Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
    8 Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

    2) Der Hakenstil liegt dann vor, wenn Enjambements verkettet werden.
    Auch hier: wie kann ich entscheiden, ob der Hakenstil vorliegt? Wann
    weiß ich, dass es genug Enjambements gab? Ist das obige Gedicht im
    Hakenstil verfasst?

    Vielen Dank im Voraus!

    Gruß
    Morgenlicht

  2. #2
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    1. Ein Enjambement ist meiner Meinung nach nur gemeint, wenn der Satz ohne Komma oder inhaltlichen Bruch einfach fortgeführt wird.
    Das wäre in deinem Beispiel eindeutig von 5 auf 6. Hier ist ja der Sprung ganz offensichtlich.

    2. Aus 1 ergibt sich, denke ich, dass in dem Gedicht kein Hakenstil vorliegt. Dazu müssten mehrer Enjambements folgen...

  3. #3
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    Das interessiert mich auch.

    Enjambement sind meines Erachtens auch nur Zeilenumbrüche ohne eigentliche Zäsur, als von Zeile 5 auf 6.

    Da ich ja auch ab und zu dieses Element verwende, kapere ich für eine Frage diesen thread, weil mir der Begriff hakenstil fremd ist.

    Schreibt yarasa zwischendurch Hakenstil - wenigstens hier:
    schale Haute

    Würd mich doch freuen, wenn das, was ich produziere, wenigstens ein Namen hat (auch wenn er nicht hübsch ist)
    Ich bin dem Leben staunend auf den Versen
    .
    Tagesmenü:Muuse, Wildwuchs, Falscher Pfeil, Morgenmoor, Dies Irae,

    Eine Art Grundsatzpapier zu meinen Kritiken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .yarasas Fingerübungen
    Die Frederick-Maus hat mich schon als Kind nachhaltig verdorben. Von da an wollte ich Dichterin sein.

  4. #4
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    Zitat Zitat von yarasa
    Das interessiert mich auch.

    Enjambement sind meines Erachtens auch nur Zeilenumbrüche ohne eigentliche Zäsur, als von Zeile 5 auf 6.
    Stimmt, soweit ich weiß.

    Da ich ja auch ab und zu dieses Element verwende, kapere ich für eine Frage diesen thread, weil mir der Begriff hakenstil fremd ist.

    Schreibt yarasa zwischendurch Hakenstil - wenigstens hier:
    schale Haute

    Würd mich doch freuen, wenn das, was ich produziere, wenigstens ein Namen hat (auch wenn er nicht hübsch ist)
    Und ja, das müsste eigentlich ein Hakenstil sein, weil z.b. in S2 zwei Enjambements aufeinander folgen. Am stärksten ist der Hakenstil wohl dann, wenn jeweils in den Versen eine Zäsur vorhanden ist, sprich die einzelnen Enjambements z.b. von V1 zu V2 gehen, dort eine Zäsur ist und das nächste Enjambement von V2 in V3, dort ist dann ebenfalls eine Zäsur.

    Hoffe man versteht, was ich sagen will und es stimmt auch, habs jedenfalls so gelernt.

    Gruß,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
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  5. #5
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    Zum Stilmittel des Enjambements, seiner Wirkung und seiner poetischen Konstitution habe ich einen ausführlicheren Überblicksartikel verfaßt, der unter http://abgedichtet.org/?p=31 nachgelesen werden kann.

    Also der Begriff Enjambement kommt aus dem Französischen und meint zu deutsch "Zeilensprung". Die Idee dieser Stilfigur hat ihren Ursprung im metrischen Vers. Dieser endet mit einer Kadenz, die heutzutage oft durch einen Endreim verstärkt wird. Kadenz kommt von lat. "cadere" (dt. fallen). Dies meint nicht primär, dass die Zeile dort zu ende ist, sondern dass der Vers aufhört. Das geht mit einer natürlichen Sprechpause einher. Natürliche Sprechpausen befinden sich an syntaktischen Phrasennahtstellen, z.B. am Satzende, am Halbsatzende, am Ende syntaktischer Phrasen, vor und nach Einschüben.

    Am Ende eines Verses befindet sich also für gewöhnlich eine Phrasennahtstelle, die eine natürliche Sprechpause nach sich zieht. In deinem Beispielgedicht von Hoddis ist am Ende jedes Verses eine Phrasennahtstelle, d.h. es enthält kein einziges Enjambement. Denn beim Enjambement wird die syntaktische Phrase in den nächsten Vers (nach heutigem Layout, die nächste Zeile) fortgeführt. Es kommt also am Ende nicht zu einer Kadenz. Im Gegenteil, die intonative Spannung wird bis in den nächsten Vers gesteigert und entläd sich mit voller Kraft an der nun folgenden Phrasnegrenze, die sich meist in der Versmitte befindet. An der Stelle, wo man also aufgrund der metrischen Anlage des Textes auf eine Kadenz gefaßt war, kommt einfach keine - daraus ergibt sich der Reiz des Enjambements.

    Ein Beispiel aus eigener Feder: "Mit fester Hand führ ich die Klinge, | die in dein klagend Herz sich senkt | und in die tiefe Wunde dringe | ich - Dämon - toll und schmuckbehängt."
    Die Kurve wird vom Ende V3 bis zum Anfang V4 übernommen und entläd sich erst nach dem "ich", wodurch das "ich" eine artifiziell gesteigerte Betonung erfährt.

    Für mich, Leute schimpfen mich deswegen konservativ, verfällt die Wirkung, der Reiz des Enjambements, wo es keine Erwartungen zur Kadenzgestaltung mehr gibt, d.h. wenn wir als Leser nicht getäuscht werden, weil wir keine Erwartungen dazu haben, wo sich Kadenzen befinden müßten, kann diese Erwartung auch nicht enttäuscht werden und der Effekt eines Enjambements verpufft, ohne unsere Aufmerksamkeit erregt zu haben.

    Dies dürfte in Fällen gegeben sein, in denen Kadenzen an immer unterschiedlichen Stellen kommen und darob keine Erwartungshaltung demgegenüber aufgebaut werden kann oder in denen es vor lauter Enjambements keine Kadenzen mehr gibt. Dieses Phänomen findet sich in zeitgenössischer Möchtegern-Lyrik sehr häufig, weil die Natur des Enjambements als optische Komponente verkannt wird - da werden Zeilen willkürlich irgendwo umgebrochen, weil das eben mehr nach Gedicht aussieht. Aber da für mich das Vorhandensein eines Enjambements and das Vorhandensein von Kadenzen (und ja, die gibt es auch im vers libre) geknüpft ist, gibt es ohne Kadenzen schlicht und ergreifend keine Enjambements.

    War jetzt viel und verwirrend, aber vielleicht hellt es die Problematik ja trotzdem ein wenig auf.

    edit: Sorry, "cadere" heißt nicht "aufhören", wie ich erst schrieb, sondern "fallen". Es geht um die Stimmabsenkung vor der Pause.


    Ähem, sorry, dass ich jetzt doch noch einen Doppelpost fabriziere. Aber ich habe meine Gedanken zum Enjambement, die ich mir ja, wie einige wissen werden, schon seit einer ganzen Weile mache, mal in einem Essay geordnet zusammengefaßt. Den habe ich jetzt in meinem Blog veröffentlicht. Wer das nochmal nachlesen möchte, klickt hier: http://abgedichtet.org/?p=31
    Geändert von Nachteule (21.09.2013 um 14:26 Uhr) Grund: Platzsparen
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
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    Man lernt nie aus... Ich werd das Enjambement von nun an mit anderen Augen betrachten. Sollte man sich auf jedenfall merken und versuchen selber anzuwenden. Danke für die gute Erklärung.

    Flo

    edit: @LeV bei dem oben genannten Beispielgedicht, ist nicht der Zeilensprung von V5 zu V6 doch ein Enjambement, der Leser setzt ja am Ende von V5 keine Pause, bzw. senkt die Stimme. Bzw. wenn du sagst er senkt die Stimme aufgrund der weiblichen Kadenz, würde es also so sein, dass ein Versende mit weiblicher Kadenz nie ein Enjambement sein kann.
    Geändert von Ensimismado (06.10.2006 um 20:33 Uhr)
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  7. #7
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    Entnommen aus Als-Märtyrer, in dessen Ader, mit Meletes Zustimmung.
    Gruß
    Nachteule

    Wo ruht dein Herz? und wo zum Troste
    das Netz, um mir den Fall zu dämpfen?
    Mit dem Fragezeichen habe ich überhaupt keine Probleme, das ist für mich ein Stilmittel. Was nun das Enjambement betrifft: Also für mich ist es gar keines, sondern ein Zeilenumbruch. Bei einem Enjambement müsste die an einem Versende liegende Zäsur wegfallen. Wann ist das wirklich der Fall? Zum Beispiel so:

    Wo ruht dein Herz? und wo zum Troste
    bleibt das Netz, den Fall zu dämpfen?
    Hier geht der Satz "nahtlos" weiter, Vers 1 endet mit einer unbetonten Silbe, Vers 2 beginnt mit einer betonten. Der Satz wird "mittendrin" getrennt, die Zäsur am Ende von Vers 1 ist nur eine Mikrozäsur, nicht stärker als beim "üblichen" Abstand zwischen einzelnen Worten. Das ist dann wirklich ein Enjambement. Sehr effektvoll wäre es besonders dann, wenn der Leser dafür "danach" mit einer Zäsur "überrascht" wird, da, wo er gar keine "erwartet":

    Wo ruht dein Herz und wo zum Troste
    bleibt das Netz? Was dämpfte meinen Fall?
    Klar, der Inhalt ist hier - äh, Schwamm drüber. Es geht nur ums Aufzeigen eines Beispiels. Noch eins:

    Wo ruht dein Herz und wo zum Troste
    Schutz? Kein Netz dämpft meinen Fall!
    Zum Troste kann ich aber sagen, dass mir der Satzbau keine Probleme macht. Ich komme da gut klar.

    LG,

    Melete
    Geändert von Nachteule (20.09.2013 um 20:09 Uhr)
    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Der Staatshaushalt muß ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muß gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen will.
    Marcus Tullius Cicero, * 3. Januar 106 v. Chr.; † 7. Dezember 43 v. Chr.

  8. #8
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    Hey Melete,

    Zum Enjambement:
    Ich schätze mal, wir deuten das Stilmittel als solches unterschiedlich.
    Ich nutze mal wieder schamlos die Chance einer Schleichwerbung und verknüpfe mein Lexikon statt dem Direktlink.http://www.gedichte.com/threads/1633...972#post796972
    Was dem dort verlinkten Beitrag angeht, so gehe ich mit yarasa konform, dass ein Enjambement keine direkte Zäsur benötigt, eher sage ich sogar nicht haben darf. Allerdings denke ich, dass du dich nur komisch ausdrückst und auch meinst, dass die Zäsur eben im nächsten Vers sein sollte - und das ist sie ja. Wenn man das doppelte gemeinte ruht nicht streicht, heißt der Satz
    Wo ruht dein Herz? Wo ruht zum Troste/Das Netz,
    Da ist für mich eindeutig die Zäsur, die man am Ende des ersten Verses erwartet im zweiten Vers. Und wenn ich mir dann noch levampyres Homepage anschaue (für alle Kritiker: Fremdverlinkungen waren da noch erlaubt ), ist sie der selben Meinung und würde, wie ich es deute damit übereinstimmen, dass es sich um ein Enjambement handelt:
    Ein Enjambement liegt überall dort vor, wo anstelle einer erwarteten Kadenz keine Phrasengrenze liegt, sondern die Phrase über das erwartete Ende des Verses hinaus in den nächsten Vers übergreift. Da wir heute üblicherweise jedem Vers seine eigene Zeile geben, erklärt sich also auch der deutsche Begriff “Zeilensprung”; die Phrase springt in die nächste Zeile über. Am Ende der Zeile befindet sich vielleicht ein Reim, jedoch keine Sprechpause, denn die Phrase ist ja noch nicht zu ende. Bis in die nächste Zeile hinein, bleibt die Spannungskurve intonatorisch erhalten.
    (Kadenz ist hier mehr oder weniger mit Zäsur gleichzustellen und Phrase mit dem Abschnitt zwischen zwei Kadenzen. Genaueres auf ihrer Homepage.)
    Die Phrase beginnt hier entweder mit "Wo" oder "und" (eher mit und) Und endet mit "Netz" womit ein Enjambement gegeben wäre. (Wenn du mit mir darüber diskutieren möchtest, bin ich gerne dabei, allerdings nicht hier, sondern im von mir im Lexikon verlinkten Faden, sobald ich wieder an meinem Laptop schreiben kann und nicht den PC meiner Eltern missbrauchen muss...)

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Geändert von Nachteule (21.09.2013 um 17:06 Uhr)
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule Für Einsteiger: der Kommentarfaden
    Überraschungstext (26.01.14):Gedicht ; Drama: Das Gericht;Prosa: Fernreise als Kurztrip,Krieg im Frieden,Die Tote

  9. #9
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    Hey, Nachteule,

    wie vereinbart , diskutiere ich also hier mit dir. (Ist ja auch richtig, denn die Diskussion entfernt sich vom Gedicht.)

    Also: Wer bin ich, dass ich es wagen würde, levampyre zu widersprechen?

    Zitat Zitat von Nachteule
    Zum Enjambement:
    Ich schätze mal, wir deuten das Stilmittel als solches unterschiedlich.
    Ja, bestimmt. Und ich schätze, das liegt zum Teil an unserer unterschiedlichen Wahrnehmung und zum Teil daran, dass wir wohl levampyres Ausführungen unterschiedlich verstehen bzw. auffassen.

    Hmm - komisch ausgedrückt, schreibst du. Ich weiß nicht, wirklich "komisch", oder kommt es zu dir nicht wirklich rüber, eben weil du etwas anders wahrnimmst/verstanden hast als ich? Da gab es ja auch das Gedicht von BaluDerTanzbär: "Roaming". Dort las einer einen Anapäst, der andere Amphibrachys und ich - einen Daktylus mit Auftakt. ^^
    Drei Leute, drei verschiedene "Wahrnehmungen".

    Zitat Zitat von levampyre
    Ein Enjambement liegt überall dort vor, wo anstelle einer erwarteten Kadenz keine Phrasengrenze liegt, sondern die Phrase über das erwartete Ende des Verses hinaus in den nächsten Vers übergreift. Da wir heute üblicherweise jedem Vers seine eigene Zeile geben, erklärt sich also auch der deutsche Begriff “Zeilensprung”; die Phrase springt in die nächste Zeile über. Am Ende der Zeile befindet sich vielleicht ein Reim, jedoch keine Sprechpause, denn die Phrase ist ja noch nicht zu ende. Bis in die nächste Zeile hinein, bleibt die Spannungskurve intonatorisch erhalten.
    Hier könntest du mich zustimmend nicken sehen, wenn's bei Gedichte.com eine entsprechende Funktion gäbe. Ich habe da auch mal etwas unterstrichen.

    Ich bemerkte irgendwann, dass ich im Laufe der Zeit eine andere "Zäsurwahrnehmung" entwickelte. Für mich beginnt das bei der "Mikrozäsur" (ich nenne das so, denn in der Musik ist es eine "Mikropause"), also dem Abstand beim Geschriebenen und der winzigen Pause beim Sprechen zwischen den Worten, endet bei einer sehr starken Zäsur (z. B. die Mittelzäsur beim Alexandriner). Aber dazwischen nehme ich mittlerweile Zwischenstufen wahr. Und das eben auch hier, bei dem Vers, den ich in meinem vorherigen Beitrag erwähnte.

    (Sodale, das ist jetzt mal die „Hälfte“, das betrifft die Sache mit der unterschiedlichen Wahrnehmung.)

    Ich versuche mal, mich bezüglich der anderen Hälfte (andere Auffassung) halbwegs verständlich machen zu können.

    Zitat Zitat von Kopf.kino
    Wo ruht dein Herz? und wo zum Troste
    das Netz, um mir den Fall zu dämpfen?
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxXx

    Erst mal schreibe ich das in eine Zeile hintereinander.

    Zitat Zitat von Kopf.kino
    Wo ruht dein Herz? und wo zum Troste das Netz, um mir den Fall zu dämpfen?
    xXxXxXxXxxXxXxXxXx

    Siehst du die zwei unbetonten Silben nacheinander? Das jetzt nur, um‘s ein wenig zu veranschaulichen.

    Zitat Zitat von Nachteule
    Kadenz ist hier mehr oder weniger mit Zäsur gleichzustellen und Phrase mit dem Abschnitt zwischen zwei Kadenzen.
    Ich glaube, hier ist der Punkt, wo unsere Auffassungen auseinandergehen.
    Um es mit levampyre zu sagen: Am Ende des Verses befindet sich die Phrasennahtstelle, und diese zieht eine Sprechpause nach sich.

    Zitat Zitat von levampyre
    Es kommt also am Ende nicht zu einer Kadenz. Im Gegenteil, die intonative Spannung wird bis in den nächsten Vers gesteigert und entlädt sich mit voller Kraft an der nun folgenden Phrasengrenze, die sich meist in der Versmitte befindet. An der Stelle, wo man also aufgrund der metrischen Anlage des Textes auf eine Kadenz gefaßt war, kommt einfach keine - daraus ergibt sich der Reiz des Enjambements.
    (Sie schreibt hier „meist“, nicht „immer“. ) Und wichtig ist, was levampyre meint. Keine Kadenz heißt: Zwar gibt es dort eine letzte Silbe, aber die ist keine Kadenz und zieht somit auch keine Sprechpause/Zäsur nach sich.

    Sieh dir mal den Verlauf der Betonungen, das Muster, bei einem von levampyre selbst angeführten Beispiel an.

    Zitat Zitat von levampyre
    Ein Beispiel aus eigener Feder: "Mit fester Hand führ ich die Klinge, | die in dein klagend Herz sich senkt | und in die tiefe Wunde dringe | ich - Dämon - toll und schmuckbehängt."
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX


    xXxXxXxXxxXxXxXxXxXxXxXxXxxXxXxXxX

    So kannst du es sehen. Im Übergang von Vers 2 zu Vers 3 gibt es keine zwei unbetonten Silben nacheinander, im Gegenteil zu den Übergängen von Vers 1 zu Vers 2 und von Vers 3 zu Vers 4, wo eine unbetonte auf eine unbetonte Silbe folgt.

    Und das erzeugt eine Pause, eine Zäsur, denn an diesen beiden Übergängen ist die letzte Silbe eine Kadenz.

    Daher ist hier (bei dieser Lesart) das Enjambement im Übergang von Vers 2 zu Vers 3 zu finden.

    Nur ein "Haken" ist dabei: Gewohnheitsmetrum oder nicht? Wenn das z. B. die ersten Verse in einem Gedicht wären, dann sähe es durchaus noch etwas anders aus:

    Zitat Zitat von levampyre
    Ein Beispiel aus eigener Feder: "Mit fester Hand führ ich die Klinge, | die in dein klagend Herz sich senkt | und in die tiefe Wunde dringe | ich - Dämon - toll und schmuckbehängt."
    xXxXxXxXxxXxXxXxXxXxXxXxXxXXxXxXxX

    Das ergäbe sogar ein Enjambement der Sorte, bei dem levampyre vom "Überraschungseffekt" sprach. Ich kann mich erinnern, dass sie erwähnte, dass dieser Effekt besonders stark ist, wenn nach nur einem Wort (hier: ich) eine starke Zäsur folgt (hier der Gedankenstrich). Und das noch verbunden mit einem (Fast)Spondäus (durch die starke Zäsur ist es ja keiner, also zwei betonte Silben) - meiner Meinung nach ein Enjambement, das echt "reinhaut" bzw. hinhaut. Findest du nicht auch?

    Kann man also so lesen, wie ich oben anführte, oder so wie hier bei der zweiten Möglichkeit.

    Aber auf jeden Fall kommt es auch auf ein "durchlaufendes Betonungsmuster" an, so jedenfalls sehe ich das. Dann stockt wirklich gar nichts. Wenn aber z. B. ein Vers mit einer unbetonten Silbe endet und der nächste auch mit einer unbetonten beginnt, dann mache ich eine kleine Pause, dann gibt es dort am Versende eine Zäsur - auch wenn der Satz selbst direkt in den nächsten Vers übergeht. Für mich ist es ein Enjambement, wenn beides der Fall ist.

    Ich kann dich nicht überzeugen, aber vielleicht kann es ja levampyre.

    LG,

    Meletele
    Geändert von Melete (21.09.2013 um 00:36 Uhr) Grund: Kleine Änderung.
    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Der Staatshaushalt muß ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muß gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen will.
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  10. #10
    mooney Guest
    In der Musi gibt’s die „Enjambements“ auch. Dort nennt man sie „Synkopen“, und wer damit umgehen kann, bringt Dampf auch in die langweiligste Phrase. Der größte Fehler wäre, darüber nachzudenken, wann und wie man diese Stilmittel einsetzen könnte, oder sie gar vorauszuberechnen.

    Das Enjambement oder die Synkope sollten nicht Konstruktionen sein, sondern ihre Existenz der Inspiration verdanken. Natürlich kann man sie, wenn sie gefunden wurden, im Nachhinein aufzeichnen. Aber selbst die minutiöseste Partitur braucht Interpreten, die damit etwas anfangen können und sie lebendig werden lassen. Mit Texten, gereimten oder ungereimten, ist es das gleiche. Wer erst „lernen“ muss, damit umzugehen, wird weder ein guter Musiker noch ein guter Rezitator oder Schauspieler.

    Du hältst das für Schwachsinn, my Letele?

    Du singst doch „Wo ruht dein Herz?“ nach eigenem Bekunden „xXxX?“ Ich würde es niemals so betonen, wenn ich jemandem diese Frage stellen würde. Bei mir klänge es „XxxX?“, denn nur so würde mir ein Zuhörer abnehmen, dass es mich wirklich interessierte.

    Schade, dass Charlie Parker schon so lange tot ist. Er hätte Dir viel besser erklären können als ich, dass man „Enjambements“ nicht aufschreiben, sondern nur sprechen oder spielen sollte.

    lg

    mooney

  11. #11
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    Hallo, mooney,

    ich begrüße dich erst mal ganz lieb, wenn’s recht ist. Wenn nicht, tut’s mir echt leid.

    Zitat Zitat von mooney
    In der Musi gibt’s die „Enjambements“ auch. Dort nennt man sie „Synkopen“, und wer damit umgehen kann, bringt Dampf auch in die langweiligste Phrase. Der größte Fehler wäre, darüber nachzudenken, wann und wie man diese Stilmittel einsetzen könnte, oder sie gar vorauszuberechnen.
    Dankeschön! Ich schrieb hier im Forum ja bereits, dass ich mich leider im Bereich der Musik noch kaum auskenne, und auch, dass ich mich da über Informationen besonders freuen würde. Und ich wusste auch noch nicht, dass ich nicht denken soll beim Gedichteschreiben, ja, ganz besonders nicht beim Einsatz von Stilmitteln. Das versuche ich, bestimmt! Wird vielleicht ein bisschen schwierig, weil ich das Denken schon sooo lange gewöhnt bin. Aber Übung macht bekanntlich den Meister, so heißt es doch. Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch.

    Zitat Zitat von mooney
    Das Enjambement oder die Synkope sollten nicht Konstruktionen sein, sondern ihre Existenz der Inspiration verdanken. Natürlich kann man sie, wenn sie gefunden wurden, im Nachhinein aufzeichnen. Aber selbst die minutiöseste Partitur braucht Interpreten, die damit etwas anfangen können und sie lebendig werden lassen. Mit Texten, gereimten oder ungereimten, ist es das gleiche. Wer erst „lernen“ muss, damit umzugehen, wird weder ein guter Musiker noch ein guter Rezitator oder Schauspieler.
    Also das wird jetzt echt schwierig für mich. Weil ich ja eigentlich gar kein Musiker, Rezitator oder Schauspieler werden wollte. Und auch keine Musikerin, Rezitatorin oder Schauspielerin. Hm, eigentlich wollte ich so nach und nach lernen, wie man Gedichte schreibt. Und lernen soll ich auch nicht, denn das würde ja Denken erfordern. Aber das dürfte, wenn ich genug geübt habe, um mir nichts mehr zu denken, kein Problem sein, das ergibt sich dann ja von selbst. Sag mal, ergeben sich dann auch die Gedichte von selbst? Das wäre ja praktisch! Aber auch ärgerlich, verflixt – die ganze bisherige Mühe umsonst?!? Warum hat mir das nicht schon jemand mal vorher gesagt? Ach, egal, man soll verschütteter Milch nicht nachweinen, bringt nichts. Kannst du mir vielleicht beibringen (ohne, dass ich dabei was denken muss), wie ich dann die minutiöseste Partitur interpretieren kann? Das wäre so nett von dir.

    Zitat Zitat von mooney
    Du hältst das für Schwachsinn, my Letele?
    Mensch Meier! Ich war ja schon sehr beeindruckt, als hier jemand so genau wusste, was ich denke. Aber im Voraus zu wissen, was ich denken werde – wow! Und ich Unwissende war bisher im naiven Glauben, Telepathie gäb’s nur in Büchern und Filmen. Schade, ich glaube, das braucht ein angeborenes Talent, daher werde ich’s wohl nicht lernen können – äh, Moment, soll ich ja sowieso nicht. Also langsam werde ich ganz verwirrt. Ja, ich weiß, das ist allein meine Schuld. Ich versuche gerade, nicht zu denken, aber irgendwie funktioniert das noch nicht so richtig …

    Zitat Zitat von mooney
    Du singst doch „Wo ruht dein Herz?“ nach eigenem Bekunden „xXxX?“ Ich würde es niemals so betonen, wenn ich jemandem diese Frage stellen würde. Bei mir klänge es „XxxX?“, denn nur so würde mir ein Zuhörer abnehmen, dass es mich wirklich interessierte.
    Also, ehrlich, das ist jetzt aber gar nicht nett von dir. Das zwingt mich regelrecht zum Denken! Bis gerade eben sollte ich doch versuchen, das zu lassen.
    Stimmt, würde ich auch so betonen, wenn ich das tatsächlich jemanden fragte. Ich weiß ja gar nix, aber ich darf mal vage vermuten, okay? Kann das am Unterschied zwischen Prosodie und Metrum liegen? Und, wer weiß (also ich sowieso nicht – hab ich das schon gesagt?), womöglich sogar daran, dass die nicht immer übereinstimmen, weil die nicht das Gleiche sind?

    Zitat Zitat von mooney
    Schade, dass Charlie Parker schon so lange tot ist. Er hätte Dir viel besser erklären können als ich, dass man „Enjambements“ nicht aufschreiben, sondern nur sprechen oder spielen sollte.
    Das finde ich aber auch furchtbar schade. Und ich fände es auch schade, wenn er erst kurz tot wäre, bin ein mitfühlender Mensch. Wollte ich nur kurz sagen.
    Jetzt wird’s aber schwierig. Meine Gedichte – also, ich meine die, wo ein Enjambement drin ist, sind leider auch welche dabei, die ich hier reinstelle – sähen die nicht irgendwie komisch aus, wenn’s da so Lücken gibt, wo ich’s ja nicht aufschreiben soll?

    Ja, da ist es wieder, mein Problem. Muss ich jetzt doch Schauspielerin werden? Aber andererseits – verdient man da vielleicht ein bisschen mehr als gar nichts damit? Dann würde ich das, ganz unverbindlich, so nebenher mal probieren.
    Allerliebsten Dank, ein ganzer Beitrag, und nur für mich alleine! Ich sag doch, du bist ein netter Mensch.

    Allerliebste Grüße!

    Melete

    P.S.: Ja, ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um mich durchzuringen. Fällt mir richtig schwer, vor allem, weil du so nett bist und jetzt vielleicht traurig wirst, und das macht mich dann auch immer traurig. Leider kann das mit my Letele nichts werden, ich bin schon vergeben. Ich hoffe, du kannst das irgendwie verkraften ...
    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Der Staatshaushalt muß ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Arroganz der Behörden muß gemäßigt und kontrolliert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen will.
    Marcus Tullius Cicero, * 3. Januar 106 v. Chr.; † 7. Dezember 43 v. Chr.

  12. #12
    mooney Guest
    In dem Cyberwald, den wir gemeinsam durchstreifen, my Letele, gibt’s keine analogen Gefühle. Du musst Dich also nicht sorgen, wenn Du mich mit allerlei Körben bewirfst: Sie fallen buchstäblich ins Nichts.

    On topic: Wer denkt, schreiben und singen lerne man in der Schule, irrt grausam. In der Schule, insbesondere der Hochschule, wird nicht kreiert, sondern fassoniert, nota bene immer nur dann, wenn genügend Substanz vorhanden ist, an der sich der Herr Professor vergreifen kann. Meist recht’s aber nicht, und am Ende stehen mit Vorschriften vollgepfropfte Hohlkörper im Regen, die unter ihrem Doktorhut zu keiner eigenen Bewegung mehr fähig sind. Beste Voraussetzungen für jedes Lehramt!

    Natürlich sträubt sich gleich wieder alles in Dir, wenn man Dir so kommt, nicht wahr?

    Tipp: Beiss die Zähne zusammen und hör den Kiddies zu, wenn sie rappen. Natürlich sondern sie tonnenweise Stuss ab, wenn der Tag lang ist. Aber manche sind schon mit siebzehn so cool wie Charlie Parker damals war. Dem hat man den Bebop nicht beigebracht, sondern er hat ihm erfunden. So wie die Kiddies den Rap. Erklär ihnen mal, was ein „Enjambement“ ist. Die schmeißen sich weg!

    Heitere Grüße

    mooney

  13. #13
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    Enjambement und Hakenstil

    Ich lese den Titel dieses Threads und wundere mich nicht schlecht: Angeblich zwei Stilelemente. Nanu? Ist doch Hakenstil nur der andere, der deutsche Begriff für Enjambement.
    Ich habe zwar nicht die ganze Dicketuerei gelesen, aber eines weiß ich jetzt: Ich habe es hier mit gebildeten Leuten zu tun.

    Lieben Gruß, Elektra

  14. #14
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    Es ist eben nicht ganz das gleiche. Der Hakenstil bezeichnet, wie der Name beinahe vermuten lässt, einen Stil, der auf Enjambements basiert. Das Enjambement wäre somit das Stilmittel und ein einzelnes Element, der Hakenstil die Ausrichtung eines Gedichts nach vielen Enjambements. Soviel zur Dicketeuerei und zu gebildeten Leuten.

    mfG
    Geändert von Taras Bulba (21.09.2013 um 15:27 Uhr) Grund: Fehler entfernt
    " >>Ich bin tot<< , stieß er hervor. >>Mich gibt es nicht mehr.<< " (Dmitrij Gluchowskij, Metro 2033)

    "Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah: Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben." (Thomas Mann, Der Zauberberg)


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  15. #15
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    Ich sag doch, ich befinde mich hier unter gebildeten Menschen. Ganz gleich, auf Bildung kommt es eben an, verhackt oder verhakt. Man redet bereits von Hakenstil bei nur einem Enjambement, kann das aber erweitern auf mehrere Enjambements - jedenfalls habe ich das so mal gelernt. Aber ich lasse mich gern belehren.

    Lieben Gruß, Elektra

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