Die Freude gebrochen, der Glaube tot,
Die Hoffnung welk und verdorben,
Der Liebe tröstliches Abendrot
Im Herzen selber gestorben;

Mich trieb ein dumpfes, starres Gefühl
Hinaus - und fort und weiter,
Es flatterten um mich im bunten Gewühl
Der Sorge finstre Begleiter.

Es dampfte die Nacht, der Windhauch ging
Leisatmend durch Tal und Wipfel,
Die Wasser rauschten. das Mondlicht hing
Um Wald und Bergesgipfel.

Ich legte mein Haupt unterm Fliederbaum,
Draus stieg ein Duften und Klingen,
Die Augen sanken in tiefen Traum,
Und meine Sinne vergingen.

Und aus der Erde stieg ein Greis’
In grünem glänzenden Kleide,
Ein Silberbart, so klar wie Eis,
Umfing ihn als Geschmeide:

„Bist fertig Du mit dem Leben hier.
Weils Dir nicht stets gelächelt,
Weil was Du vorgelogen Dir,
Ein Luftzug weggefächelt?

Was soll Verzweiflung, Gram und Schmerz!
Irrlichter sind’s, die schaden; —
So komm mit mir, Du sollst Dein Herz
Im Frühlingstaue baden!

Du blickst voll Argwohn auf mich her —
So wisse denn zur Stelle
Waldmeister ist mein Nam’ — und der
Ist Gundermann, mein Geselle!“

Ein schmucker Bursch’ vorüber zog
Mit blauem Ordenssterne,
Ein licht’ Johanniswürmchen flog
Ums Haupt ihm als Laterne.

Der Alte folgte, — hinterdrein
Schlich ich mit schwanken Füßen,
Die Zweige neigten sich vor uns drein
Ehrfürchtig mit rauschenden Grüßen.

Waldmeister druckte die Hand mir gelind
Und sprach aus tiefstem Gemüte:
„Gesegnet sei mir Du Menschenkind
Im Land der gesegneten Blüte!

Trink diesen duftigen Frühlingstrank
Aus meinem Blumenkelche,
Und aller Sorgen wirst Du frank,
Was Du auch trägst für welche.

Das Weltgeheimnis wird Dir klar
In diesem grünen Reiche,
Musik bringt Dir das Veilchen bar
Und Poesie die Eiche!“ —

Und wie ich genommen den Ätherpokal,
Ich leert ihn mit durstigen Zügen,
Und wie ich getrunken, — zerstob die Qual
Ins Nebelland der Lügen.

Ich sah auf einer Lilie sich
Zwei Schmetterlinge wiegen,
Die wuchsen, dehnten und wandelten sich
Und wurden Engel im Fliegen.

Ihr göttliches Wesen, ihr Flug, ihr Gang
Und jede Bewegung der Glieder
Verriet sich wie musikalischer Klang.
Wie der Rhythmus lieblicher Lieder.

Wohin sie sich wandten, erschloss sich das Reich
Der Majestät und Schöne;
Wohin sie blickten, erwachten sogleich
Gedanken, Gefühl’ und Töne.

Sie lenkten den allgewaltigen Gang
Erhabener leuchtender Blitze,
Und rollten darein den Donnergesang
Von der Ewigkeit eisigem Sitze.

Sie schleuderten aus den Wolken hervor
Den Sturm im vulkanischen Grimme,
Beschwingten der Lüfte melodischen Chor
Und liehen dem Echo die Stimme.

Sie liehen dem Wasser im Narren Fall
Der Tropfen kristallene Klänge,
Und gaben der einsamen Nachtigall
Süßschluchzende Flötengesänge.

Sie lockten aus grünem Gras hervor
Maiblumen und Violen,
Die blickten hold verschämt empor
Und lächelten verstohlen.

Und draus im vollsten Purpur glomm
Ein Röslein mir zu Füßen,
Es blickte so schön, es blickte so fromm.
Als wollt’ es was Liebes grüßen.

Mich zogs mit wundersamer Gewalt
Ich wollt’ es brechen vor Sehnen, —
Da begann eine süße Mädchengestalt
Sich aus dem Kelche zu dehnen.

Die blonden Locken wallten ihr
Ums Haupt wie goldene Trauben,
Die lichten Augen sprachen zu mir
Wie Blicke frommer Tauben:

Brichst Du die Rose, so ist es auch
Um ein Menschenleben geschehen,
O gönne mir noch den Frühlingshauch,
Und wieder wirst Du mich sehen!

„Dich wieder sehen! O süße Gestalt,
Nach Dir nur verlang und schmacht’ ich,
Das Leben, das erst so öd’ und kalt,
Lacht wonnig nun“ — da erwacht’ ich.

Es wehte vom Baum ein grünes Blatt,
Vom Frühlingshauche getroffen:
Ins Auge fiel mir der helle Tag.
Ins Herz ein frisches Hoffen.