Auf Markt und Straßen ward es still,
Des Wächters Lieb ertönte schrill,
Der Schnee fiel immer gröber,
Im Schenkhaus nur war rege Luft,
Da schlug noch glühend manche Brust
Trotz Sturm und Schneegestöber.

Da saßen an dem runden Tisch
Die ernsten Alten im Gemisch
Mutwillig lust'ger Brüder.
Bei blanken Flaschenbatterien,
Bei Scherz und Becherklang erschien
Hein Wein- und Lebensmüder.

Da stützt beim neusten Zeitungsblatt
Das Haupt sich Einer, das schon matt
Und heiß von Wein und Grübeln;
Er hört den Nachbar kaum, und stampft,
Indes die Pfeife röter dampft:
„Fluch allen Kriegesübeln!"

Wirr mischte Lachen sich dem Schrein,
Und Würfel tanzten neckend drein
Zum Takte böhm'scher Lieber,
Wie reißt die blonde Harfnerin
Die Augen und die Herzen hin,
Wie strahlt der Wuchs der Glieder!

Nur Einer ruht im Winkel dort,
Den kümmern an dem heitern Ort
Nicht Würfel, Wein und Harfen,
Ein alter bärt'ger Invalid,
Ein moosger Stamm in jungem Ried,
Den keine Blitze warfen.

Ein Degen aus der Heldenzeit,
Sein Tagebuch vom welschen Streit
War eingenarbt der Stirne;
Jetzt schlief er sanft, ein holder Traum,
So duftig wie Champagnerschaum,
Stieg auf in seinem Hirne:

Er hört den alten, grünen Rhein
Im sommerlichen Mondenschein
Längs grauer Burgen rauschen!
Und drüberhin steht er zur Schlacht
Sich rüsten eine Geisterwacht
Und Kriegesmantel bauschen.

Das ist die alte, treue Schaar
Im Eichenkranz, im Bluttalar —
All' trotzige Gesichter,
Da steht der Tell, der Winkelried,
Die wilde Jagd in Reih und Glied,
Der Kämpe bei dem Dichter.

Das ist ein Brücklein über den Rhein,
Das statt aus Mörtel und Gestein
Gebaut aus Eisengarben,
Das ist ein Regenbogenband,
Das sich aus Heldenschatten wand,
Aus Bannern deutscher Farben.

Andreas Hofer, Blücher, Schill,
Der Schenkendorf der Max — doch still
Was wirbt der Ruf der Hörner?
Wie tausendstimm'ger Orgelklang,
Wie Donnerroll, wie Sturmgesang
Erbraust das Lied von Körner! —

Nicht langer trägt s der Invalid.
Fort will er, will in Reih und Glied
Den Leib im Sturm begraben,
Fort reißen ihn mit Zaubermacht
Die alten Lieder — er erwacht;
Was hört er da von Raben?

"Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein!"

So musiziert mit lautem Schrein
Die kalten Straßen aus und ein
Die rauschende Reveille!
Ade! du süßer Harfenklang,
Du Würfellust, du heit‘rer Sang
Bei Becher und Bouteille.

Das Schenkhaus steht nun öd' und leer,
Erbarmt kein einz‘ger Gast sich mehr
Der Freuden dieses Raumes?
Der Invalid erhebt sich sacht,
Er hört vom freien Rhein — und lacht —
Und denkt des holden Traumes.