Fröschlein mit dem grünen Strumpf
Guckt hervor aus seinem Sumpf,
Lugt nach allen Zeiten um:
„Ei, wie war ich doch so dumm,
Daß ich stets da drunten blieb,
Und da droben ist's so lieb:
Mau der Himmel, grün das Land,
Weich das Moos und warm der Land,
Morgentau und Sonnenschein,
Herrlich muß es draußen sein!
Nun ade, du dumpfes Loch,
Heute wandr' ich weiter noch."
Flink und schnell in Saus und Braus
Rudert's aus dem Sumpf heraus,
Dann im Röhricht sitzt's und lauscht's,
Denn von weitem spritzt's und rauscht's.
Kommt der Krebs mit seiner Scher'
Wackelnd in dem Schilf daher:
„„Ei, du lustiger Gesell,
Fröschlein, sag, wohin so schnell?
Fröschlein mit dem Dudelsack,
Sag, wohin mit Sack und Pack?
Gehst du zu der alten Unk'
Dorten an dem Weidenstrunk,
Oder zu der jungen Kröt'
Dorten in der Röhricht-Öd'?
Drüben bei der alten Unk'
Gibt es einen frischen Trunk,
Hüben bläst die junge Kröt'
Neue Lieder auf der Flöt'.""
„Unk' und Kröte laß ich ruhn,
Hab' bei ihnen nichts zu tun.
Mir gefällt's nicht mehr zu Haus,
In die Welt will ich hinaus,
Kreuz und quer und überzwerch
Durch das Tal und übern Berg,
Durch den Wald und durch das Feld,
Endlich bis ans End' der Welt."
„„Ei, dich plagt der Übermut,
Wandern tut nicht allen gut!
Fröschlein, das ist gar nicht klug,
Ziehst du dir daheim nicht g'nug?

Dort im Weiher, hier im Rohr,
Da im Graben, dort im Moor? —
Weit und breit kein schlauer Hecht
Und kein grober Fischersknecht.
Aber Fröschlein, draußen, horch,
Lauert auf der Klapperstorch,
Und der Bauernbube fängt
Unsereinen, eh' er's denkt.
Überleg's und kehr' zurück,
Denk' an mich, es ist dein Glück!""
Fröschlein aber hat kein Ohr,
All das kommt ihm närrisch vor;
Glaubt dem Krebs kein einzig Wort, —
Schlüpft heraus und hüpfet fort.
Übern Steg und durchs Geheg,
Immer weiter führt der Weg,
Durch die schöne, grüne Au
Unterm Himmel goldig blau.
Über weiches Gras und Moos
Springt das Fröschlein leicht und los.
Aber wie die Sonne glüht!
Fröschlein wird schon matt und müd',
Hunger quälen es und Durst,
Aber nicht in Forst und Hurst,
Nicht im Schlag und nicht im Hain,
Nicht im Hag und nicht am Rain
Quillt ein Bronnen, rinnt ein Bach.

Fröschlein seufzet: Weh und Ach!
Nirgends auf der weiten Au
Blinkt und winkt ein Tröpflein Tau.
Nirgends liegt ein Tierlein tot,
Das ihm wär' ein Mittagsbrot.
Eh' es nach dem Schnaken schnappt,
Hat's der Sperling schon ertappt;
Eh' es nach der Mücke fängt,
Hat's die Spinne schon erhenkt;
Eh' es nach dem Würmlein hüpft,
Ist die Eidechs 'mit entschlüpft-
Eh' das Schnecklein es erwischt,
Huscht die schlang' hervor und zischt.
Und nun klappert's gar, horch, horch!
Droben fliegt und wiegt der Storch.
Hu! mit seinem langen Bein
Steigt er in das Feld hinein!
Armes Fröschlein, fasernackt,
Daß er dich nicht packt und hackt,
Und dich nicht in seinem Nest
Von den Jungen fressen läßt!
Doch zum größten Glücke noch
Neben ist der Maus ihr Loch,
Husch da schlüpft es schnell hinein
Und da wird es sicher sein,
Aber nun will just die Maus
In die Flur spazieren aus.

Zieht den Frosch und reißt und beißt,
Daß ihm schier der Strumpf zerschleißt,
Zwackt und zwickt und packt und pickt,
Daß sich nur das Fröschlein schickt,
Wie es wieder kommt heraus
Aus der Höhle voller Graus.
Mehr noch als des Hungers Zahn
Hat die Maus ihm wehgetan.
Da ein Biß und dort ein Riß
Und dazu noch Ärgernis.
Doch der Storch ist wieder fort,
Fröschlein hüpft von Ort zu Ort.
Unter Baum und Busch und Strauch
Kommt es in ein Dörflein auch.
Gleich beim allerersten Haus
Rauscht ein Brünnlein frisch heraus.
Ei, das spritzet und das springt,
Hei, das blitzet und das blinkt!
Da ist's nimmer heiß und schwül,
Schattig rings herum und kühl;
Zappelnd liegt ein Würmlein rot
Lockend da zum Abendbrot
Und ein Schnecklein auch dabei,
Daß doch ja kein Mangel sei.
Fröschlein duckt und setzet sich,
Gluckt und schluckt und letzet sich,
Bläst auch auf dem Dudelsack

Gick und gack und quick und quack!
Ui — da fährt das Fenster auf
Und im schnellsten Sprung und Lauf
Kommt der böse Bauernknab',
Ächzt und krächzt als wie ein Rab',
Daß arm Fröschlein Aug' und Ohr
Wie mit einemmal verlor.
Zitternd sitzt es auf dem Sand;
Und schon hat er's in der Hand:
„Fröschlein, so, komm' nur herein!
Kannst das Wetter prophezein.
Sieh, da ist ein helles Glas,
Ringsum frisches, grünes Gras,
Wasser auch, soviel du willt,
Das dir Durst und Hunger stillt,
Eine Leiter auch, und jetzt —
Guck, wirst du hineingesetzt!
Wenn ich morgens nach dir schau',
Lagst du mir's aufs haar genau,
Was wird für ein Wetter sein,
Regen oder Sonnenschein!
Und ein Mücklein fang' ich dann
Meinem Herrn Kalendermann."
Einen Deckel deckt er drauf
Jetzt mit einem schweren Knauf,
Lüpft den Hut, schlüpft in die Schuh',
Treibt den Ochsen und die Kuh

Auf den hohen Berg hinaus,
Kommt am Abend spät nach Haus,
Legt sich nieder müd' und matt,
Fragt nicht, ob das Fröschlein satt,
Fängt kein Mücklein, keinen Wurm,
Läßt es schmachten so im Turm. —
Wie der andere Morgen graut,
Kommt der Knabe doch und schaut:
„Ei, mein Fröschlein, guten Tag! —
Sag, wie's Wetter werden mag,"
„„heut' noch kommt ein Regenguß!""
Und der Knabe, voll Verdruß,
Dreht sich um und geht davon. —
Hunger ist des Fröschleins Lohn.
Und so geht's ihm unverhofft,
Wenn ein Regen droht, noch oft.
Selten ihn das Büblein lockt
Und ihm vor ein Bröslein brockt,
Oder ihm ein Mücklein fängt,
Wenn es g'rad nichts andres denkt.
Und das Fröschlein denkt zu spat
An den Krebs und seinen Rat.
Wollte gern zufrieden sein
In dem Sumpfe ganz allein,
Ja in einer Pfütze jetzt,
Würd' es frei hineingesetzt.
Und vergessen wollt' es bald

Hag und Halde, Schlag und Wald.
Doch der Turm ist fest und groß,
Läßt das Fröschlein nimmer los;
Eingesperrt sein Lebetag
Bleibt es, wie's auch jammern mag,
Und ist selber schuld daran:
Hätt's daheim nur gut getan. —