Als die gelben Blätter niederwallten,
Dunst und Reif die Morgenfluren deckte,
und der Nord die Stoppeln überrauschte,
mächtig jetzt das ängstlich süße Sehnen
nach dem zweyten mildern Vaterlande
des Gefieders zarte Brust durchzuckte,
alles nun gepaart, in frohen Schwärmen,
rings die Lüfte mit Gesang durschmetternd,
dem geliebten Süd entgegen rauschte -
ach! da schwirrten unter meinem Fenster
langgedehnte tiefe Schmerzenstöne;
und ich sah hinaus - ein armes Schwälbchen
lag mit blutigem, durchschoßnen Fittig
zuckend auf dem roth benezten Boden.

Und ich ließ und trugs in meiner Hütte,
hielt es sanft in meinen beiden Händen,
und behauchte, schmeichelnd oft und kosend,
die Verfklommte mit des Odems Wärme.
Lange lag sie still und ohne Regung,
nur ihr Aug‘, als ob es danken wollte,
hob sich zu dem unbekannten Pfleger.

Echt! o fleht! das halb entfloh’ne Leben
kehrte wieder in den jungen Busen -
und nach wenigen Tagen war die Kleine
der Gefahr entgangen und genesen,
hüpfte freundlich mir auf Hand und Schulter,
und umschmeichelte mit glattem Halse
meine traulich dargebotne Wange.

Aber immer nach dem Fenster wandte
sich die Holde, schmachtend, wie ich glaubte,
nach den fernen lauen Himmelsstrichen;
und ich hätte gerne sie entlassen,
doch die Lähmung ihres Fittigs machte
sie zu meinem ewigen Gefangnen.
Aber immer nach dem Fenster wandte
sich die Holde, saß hier ganze Stunden,
hüpft‘ und sang, und blickte hell und zärtlich
nach dem Apfelbaum, ihr gegen über.
In dem Bäumchen, wie ich bald bemerkte,
saß wer anders, als ihr treuer Gatte?
Aengstlich hatt‘ er wohl die Vielgeliebte
sterbend in der Hütte tragen sehen,
ach! und ohne Weichen, ohne Wanken,
war er traurend auf dem Ast geblieben,
hatte seine jauchzenden Genossen
reisen lassen - ach! wohin sie wollten;
denn die Sehnsucht nach dem fernen Lande
war mit seiner Hoffnung hingestorben.

Aber plötzlich! welch‘ Entzücken bebte
durch den kleinen abgegrämten Busen -
als er Morgens einst ins Fenster blickte,
und sein Weibchen, lebend und genesen,
freundlich ihm entgegen flattern sahe,
und ihr girrend Lieb ihn zärtlich flehte,
gutes Muths zu fern und auszuharren!

O, wie treu erfüllt er diese Bitte!
wich und wankte nicht aus ihrer Nähe,
flattert‘ um das Fenster, wo sie weilte,
und erwiedert‘ ihre Liebeslieder;
aber durch das Fenster einzufliegen
das ich stundenlang ihm offen hielte,
während jen‘ im Käfig weilen muste,
war der Scheue nimmer zu bewegen.

Immer rauher ward des Herbstes Strenge,
immer öder starrten die Gefilde,
immer schärfer toseten die Winde;
aber er, der ewig treue Gatte,
wich und wankte nicht aus ihrer Nähe.

Immer wilder ward des Frostes Wüthen,
und mit seinem schrecklichen Gefolge
kam der Winter und die Flocken sanken
weit und dicht herab - und meine Hütte,
von des Eises Zacken rings umhangen,
lag im Schneegebirge tief begraben;
alles Leben war hinweg geflüchtet;
aber er der ewig treue Gatte,
wich und wankte nicht aus ihrer Nähe.

Ein Geschäfte rief mich unterdessen
Einen Tag und eine Nacht vom Hause,
und mein Pfad auf dem ich wiederkehrte,
führte dicht am Fenster mich vorüber.
Weh! o weh! der allzutreue Gatte
lag erfroren auf der kalten Erde -
Schweres Herzens trat ich in die Kammer,
meinen kleinen Liebling zu begrüßen;
ach! - er lag, das Köpfchen nach der Leiche
hingewendet - tobt in meinem Fenster.