Mein Trauter wollte reisen
Wohl in ein fernes Land,
und schweren Herzens gingen
wir beide Hand in Hand.

Da lag zu unsern Füßen
zertreten, nackt und bloß,
ein Reische hart am Wege,
verdorrt und wurzellos.

Mich jammerte das Reischen,
ich steckts an meine Brust;
„o könnt‘ ich dich erwecken,
das wäre Schöpferslust!“

Mein Freund an meiner Seite
Belächelt mich drob,
daß ich ein dürres Reischen
so ernst vom Boden hob.

„O laß mir doch mein Reischen,
auch Träume find Genuß“ -
so sprach ich, und wir schieben
nach manchem Wechselkuß.

Ich ging und trugs nach Hause,
und grub mit leiser Hand
es sorgsam in die Erde,
an meine Hüttenwand.

Des Frühlings Odem wehte
Ihm junges Leben ein,
und frische Knospen schwollen
im Thaum und Sonnenschein.

Treu eilt‘ ich jeden Morgen
Mit Pflegevatersinn,
voll süßer Phantasieen,
zu meinem Findling hin.

Und als ich einst - o Wonne!
Das Laub entfaltet fand,
da prangt‘ - ein Weinbeerreischen
an meiner Hüttenwand.

Nun zog ich ihm ein Gitter,
und sah mit Lust, wie schön,
wie üppig seine Ranken
empor sich ringelten;

Wie jeder zarte Sprösßling
mit leisem Liebeszug,
gleich jungen Kindesarmen,
sich ums Geländer schlug;

Wie dicht sein Laub sich drängte,
wie prächtig, nach und nach,
sich seine Zweige wölbten
zum kühlen Schattendach!

Hier - rings umglüht von Trauben,
so schön für Aug‘ und Gaum -
hier saß und träumt‘ ich fröhlich
an meinem Lebenstraum!

Da kam, nach dreyen Jahren,
wer anders wohl? als - Er,
vom hohen Grennungshügel,
mein Trauter wieder her!

Ich führt‘ ihn in den Garten,
ermüdet, wie er war,
und bot ihm meine Laubee,
und ihre Trauben dar.

Er stand und staunte lange
Ins hochgewölbte Grün,
das wie durch Zauberwerfen
hervorgegangen schien.

Schön! rief er dann, und faßte
die Hand mir fest gedrückt -
dich wie? was ist dies alles,
was hier mein Aug‘ entzückt?

Es ist, so sprach ich lächelnd,
es ist, o rathe, was?
Es ist .... das kleine Reischen,
das ich vom Boden las.

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Verachte nicht das Kleinste,
auf Gottes Segenswelt!
sein Schicksal nur entscheidet
die Hand, worin es fällt.

Verachte nicht das Kleinste,
auf Gottes Segenswelt!
wie mancher arme Knabe
ward König und einst Held!

Verachte nicht das Kleinste,
auf Gottes Segenswelt!
giebts überall ein Kleines
im weiten Schöpfungsfeld?