Das Morgenroth begann empor zu glühn,
als schon an ihrem buschumkränzten Quell
die schöne Myris stand, um, wie sei pflegte,
mit seiner Frische sich zu überströmen;
doch seit geraumer Zeit besucht sie
dies traute Plätzchen nur mit schwerer Seele;
sie liebte Lyfias und ward geliebt.
Doch barg sie ängstlich ihre Leidenschaft
dem Vater noch, der lange sie errieth,
und, ob er gleich sie leise billigte,
(denn Lyfias war edel, sanft und schön)
so mischt' er doch, so oft auf ihren Liebling
die Rebe fiel, manch tadelnd Wörtchen ein,
als: über seines Anzugs Sorgsamkeit,
sein scheues Wesen, seine Blumenliebe -
"Ach nimmer wird mein Vater", seufzt sie oft,
"bewilligen, was meine Seele wünscht!"
Und das war diesmal auch der Hauptgewalt
von einem Seufzer, der, mehr Hauch als Laut,
sich an des Quelles Silberfläche brach:
der Hauptgehalt, doch ach! der ganze nicht:
denn Lysias war fest entschlossen, sich,
um des geliebten Vaters Ruhe willen,
der Gegend zu entziehn und bess'rer Zeit zu harren.

Dies war der kleinen Myris ganzer Schmerz;
von ihm durchdrungen, saß sie starrend da,
mit bleicher Wang' und trübem dunkeln Blick -
"Beständigkeit und Treue" lispelt sie,
und sinkt in tieferes Verstummen wieder,
als, wundervoll! indem sie um sich blickt,
der leise Seufzer schnell zu ihren Füßen
in eine Blume aufzusprossen schien,
die sie bisher auf keiner Flur gesehn.
Es wär ein liebes Blümchen klein und zart;
im Mittelpunkt das schönste Gold der Treue,
und ringsumher auf seiner Blätterkrone
Beständigkeit im reinsten Himmelsblau.

Des Mädchens Auge, sanft und wehmutsvoll,
ruht auf dem Blümchen, seiner stillen Schöne,
und seinen Farben, voll Bedeutsamkeit,
als seitwärts im Gebüsch die Blätter rauschten,
die Zweige leis' sich aus einander bogen
und Lysias auf einmal vor ihr stand.
"Ich komme, meiner Myris Lebewohl
zu sage," spricht der bleiche Lysias,
und sinkt gerührt in seines Mädchens Arm.
"O Lysias!" ruft mit gebrochnem Laut
die Gute, pflügt das Blümchen, heftet es
an seine Brust, und spricht: "Vergiß mein nicht!" -
"Was sagst du das?" fällt eine fremde Stimme
auf einmal ein - und Myris Vater stand
vor beiden da! der schöne Morgen hatte
sein Herz zu milden Regungen erweicht;
und ihren Bund durch seinen Vatersegen
zu heiligen, war er zum Quell geeilt.
"Was sagst du?" ruft die väterliche Stimme:
"Ich sage" - stottert sie, mit zögernder
Verlegenheit, - "ich sage Lysias
den Namen dieser Blume" - "Hast du denn,"
fährt jener lächelnd fort, "sonst nichts zu thun,
als diesen Menschen Blumennamen lehren?" -
"Was soll ich sonst ihn lehren?" frägt sie schnell.
Du sollst," (und freundlich faßt er ihre Hand,
und führet sie dem schönen Jüngling zu,)
"du sollst ihn lieben lehren!" - "O mein Vater!
O Lysias!" - und Beide fielen sich,
vor Lieb' und Wonne bebend, in die Arme.

Dann lief sie schnell zum Vater: "Lieber Vater!
"wir liebten lang, und ihr, ihr wußtets nicht!
"könnt ihr uns das verzeihen?" "Nichts mehr davon,
ihr send ja selig, wie die Himmlischen
und ich durch euch! Dem Alter eines Vaters
geht in des Kindes frommer Leidenschaft
ein heller Abendstern erquickend auf!
Doch dieses Blümchen?" - fährt er fragend fort -
"O Vater! eins habt ihr noch zu verzeihn:
ich nannte nicht den Namen dieser Blume,
Ich nur ihn Lysias: Vergiß mein nicht!
Das Blümchen sah ich heut zum ersten Mal
wie aus dem Boden steigen, und es blüht
vielleicht noch namenlos; wie ich es nannte,
so heißt es sicher nicht" - "Auf jeden Fall
verdient es so zu heißen" sprach der Alte,
von nun an sey Verißmeinnicht sein Name.

Und alle blickten nun das neue Blüchen,
in Lysias empor gebob'ner Hand,
auf diesen schönen trauten Namen an,
und Jedem schien es freundlich zuzuwinken:
Vergiß mein nicht!