Auf E. W. Ackermanns Tod, 1846.

O sieh Neapels Golf im goldnen Abendschimmer,
Sieh tausend Barken ziehn, der Segel weiß Geflimmer,
Die Stadt am Strande meilenlang,
Die Inseln! Dann Sorrents goldblaue Felsenwände,
Von Villen reichdurchblitzt das grüne Luftgelände
An Posilippos Felsenhang!

Und über allem sieh den Feuerkönig thronen,
Den hoh’n Vesuv. Dann sprich: „Hier möchte’ ich ewig wohnen
Und Ruhe finden im Gemüt.“ –
Und doch ein Wandrer kam – wohl kennst du seinen Namen –
Er, der Unseligste von Allen, die da kamen,
Ist still hier in sich selbst verglüht.

Denn wie hier in die Luft der Aloë Fackeln greifen,
So ließ sein Schicksal nur in ihm die Schmerzen reifen,
Bis niedersank die schwere Frucht.
Nun stehen wir, die ihn gekannt zu haben wähnen,
An seinem Grab und weih’n ihm unverstand’ne Tränen –
Wohl ihm, er hat den Tod gesucht!

Denn seine Wiege schon umstanden einst Dämonen,
Die sich’re Beute zu betrachten ohne Schonen,
Und sangen leis ihr Schicksalslied:
„Gruß dir, du Geistersohn! Gruß dir du Unsresgleichen!
Spät, aber sicher wird die Kunde dich erreichen
Des, was dich von den Menschen schied!“

„Hoch über dem Gewühl, doch einsam wirst du stehen,
Du wirst geliebt und kannst vor grimmer Sehnsucht Wehen
Nicht wieder lieben was dich liebt;
Durchsichtig, wie Kristall, wirst du die Welt erblicken
Als großes Nichts – drum soll dich auch kein Trunk erquicken,
Den sie aus tausend Quellen gibt.“

„Ja, wirf verzweifelnd dich zuletzt ins Meer der Dinge!
Es schäumt und zieht um dich leuchtendsaphir’ne Ringe,
Allein es fühlt und letzt dich nicht!
Im Geistesäther fleug die kühnsten Geistesflüge,
Bald sinkst du müd herab, rufst: Lüge, Lüge, Lüge!
Und blutest, bis dein Herze bricht!“

„Wohl wird ein schöner Gott mitleidig dich umschweben,
Er wird Sekunden dir voll reiner Wonne geben,
Als wärst du sein geliebtes Kind, -
Dann löst sich wohl dein Leid in wunderbares Klagen,
In goldne Lieder auf, bis wir darüber tragen
Die alte Nacht, den Sturmeswind.“

„Denn uns gehörst du an, wir müssen einst dich morden,
Dreimal Unseliger! Was bist du Mensch geworden!
O dir weht unser Flügelschlag!“ –
So sangen sie; wohl hört der Knabe leis Geflüster;
Auf seiner Stirne blieb majestätisch Düster,
Sein Brandmal war’s seit jenem Tag! –

Und er erwuchs. – Die Welt mit Hassen und mit Lieben
Umfing ihn heiß, doch er, von seinem Stern getrieben,
Begriff die Welt und schalt sie Trug.
Was Herzen heiligt hat er grübelnd durchempfunden,
Was Geist war war im Ding, er hat es überwunden,
Und doch, des Sieg’s war nie genug!“

Oft, wenn vom müden Aug’ rannen die heißen Tropfen,
Leis an des Herzens Tür’ hört’ er die Liebe klopfen:
„Ich bringe Glück, o laß mich ein!“
Doch aus dem Dunkel sah er Hände warnend winken
Und von den Wänden her die Geistesaugen blinken,
Und zaudernd, zagend rief er: Nein! –

So schließt sich auf vor ihm des Lebens Höllentiefe;
Die Selbstsucht, ewig wach, ob auch die Träne triefe,
Baut hoch um ihn den Marmorwall;
Und durch sein Dichten selbst, dies prächt’ge Flammensprühen,
Und mitten durch Genuß und aller Sinne Glühen
Geht leis und scharf ihr Widerhall …

Du weiß es, wie er schied! Die letzten Marterstunden
Hast in der Ferne du wie keiner nachempfunden;
Drum laß und schweigen insgesamt!
Laß hüllen dies Gebein in Königsmantelfalten;
Denn, wie ob solchem Haupt das Schicksal möge walten –
Von Göttern war er doch entflammt!

Und du, azurnes Blau, sieh mild versöhnend nieder
Auf dieses Grab! und ihr, o Sträuche, säuselt Lieder
Und duftet Balsam drüber hin!
O schütte aus, Natur, hier deiner Schönheit Fülle!
Wohl schlummert ruhiger die qualverzehrte Hülle,
Wenn Rosen blühn und Wölkchen ziehn!

Doch, wenn einst im Vesuv sich die Cyklopen regen,
Und durch die Lava quillt wildsprüh’nder Aschenregen,
Und graue Nacht die Stadt umwebt,
Und wenn in wilder Flucht die Wagen strandwärts fliegen,
Und Scharen, halbentseelt, vor Gnadenbildern liegen,
Indes der Boden brüllt und bebt –

Und Türme stürzen ein, es schüttert Straß’ an Straße,
Laut donnernd stürmt herein vom Meer die Wogenmasse;
Es mischen sich zur Melodie
So Erd’ als Meer, als wär’s die letzte Nacht der Nächte,
Dann wißt: „Dämonen sind’s, die unterird’schen Mächte,
Und ihrem Sohne rufen sie! – “