Evangel. Luc. VII. v. 11. etc.

Text

Im Thor zu Nain traf der Herr
Mit seiner großen Menge,
Die ihm vom weiten nachgefolgt,
Ein volckreich Leichgepränge.
Hier ward ein lieb- und einzler Sohn
Der Mutter ausgetragen,
Der dieser Tod ihr Wittwenherz
Vom neuen wund geschlagen.

Der Herr ersah das arme Weib
Und brannte vor Erbarmen
Und sagte freundlich: Weine nicht,
Der Glauben hilft den Armen.
Er trat hinzu, ergrif den Sarg,
Die Träger stunden stille;
Da sprach er: Jüngling, heb dich auf,
Dies ist des Höchsten Wille.

Der Todte stund und redete
Und ward der Mutter wieder.
Ein Schauer aber heilger Furcht
Durchlief der Leute Glieder;
Sie priesen Gott, daß ein Prophet
In Jacobs Seegenslanden,
Die Gott so gnädig heimgesucht,
Vom neuen auferstanden.

Lehre

Wie bald kan doch nicht auf der Welt
Die Freude zu Beschwerden
Und ein betrübtes Leichenhaus
Aus Nains Luststadt werden!
Kein Ort ist so vergnügt und klein,
Er hat bisweilen Jammer
Und ist oft schlecht und groß genung
Zu unsrer Sterbekammer.

Des Jünglings Leichnahm lehret uns
Auf seiner Todtenbaare,
Wie schnell der Jugend Frühlingslust
Nach Art der Ros entfahre,
Die unter Morgenröth und Thau
Gemüth und Blick vergnüget
Und durch den heißen Mittagswind
Verwelckt vom Stocke flieget.

Euch armen Wittwen kan allhier
Ein holder Trost erscheinen:
Ihr seyd den Turteltauben gleich,
Die still und einsam weinen;
Doch wenn der lezte Stab zerbricht
Und alle Hofnung schwindet,
So merckt doch, wie so plözlich sich
Der Herr zum Helfen findet.

Erwegt auch hier das Allmachtswort,
Das Nacht und Tod bezwinget
Und durch ein kräftiges Steh auf!
Den Geist zurückebringet.
Dies Wunder stärckt die Zuversicht,
Die fromme Christen faßen:
Es werd auch uns die Hand des Herrn
Nicht stets im Grabe laßen.