Die Warheit sey mir gram, wofern ich, großer Mencke,
Dein rein und zärtlich Ohr aus blinder Kühnheit kräncke
Und wo dies welcke Blat, das jezt der Zeit vergißt,
Kein Ausbruch und kein Zoll ergebner Demuth ist,
Die, da sie dich bisher bewundert und geschwiegen,
Nunmehr vor Sünde schäzt, sich selber zu bekriegen
Und zwischen Röth und Furcht noch länger stumm zu seyn;
Denn dadurch gäb ihr Mund gewis den gröbsten Schein,
Als wollt ich, da dir doch schon so viel Kerzen brennen,
Dein Ansehn und Verdienst mit Fleiß nicht recht erkennen.
O nein, berühmter Mann; so blöd und auch so blind
Mein Einsehn und Verstand in hohen Dingen sind,
So unterscheid ich doch vermöge deiner Größe,
Nicht wegen meiner Kraft, des falschen Hochmuths Blöße
Von jener Ehrentracht, womit dein stiller Geist
Die Augen und das Herz der Klugen an sich reißt
Und, wie des Adlers Blut den Adel nie verlieret,
Des theuren Vaters Ruhm noch in der Asche zieret
Und täglich höher hebt. Hof, Musen, Volck und Stadt
Erkennen, was dein Wort vor Salz und Nachdruck hat,
Und wie sie eifrig thun, sich in dein Lob zu theilen,
So ehren sie sein Bild auf mehr und längren Säulen,
Als Rom uns Marmor giebt und dort Demetrius
Dem Neide zu Athen zum Raube laßen muß.
Dies hab ich längst gesehn, das hätt ich längst besungen;
Doch weil die Niedrigkeit mich stets in Staub gezwungen,
So schont ich deines Ruhms: ich hätt ihn nur befleckt
Und, wenn ich auch mit Noth zehn Strophen ausgeheckt,
Vielleicht nichts mehr erlangt als etwan diese Frage,
Warum sich doch die Gans bey so viel Schwänen wage.
Du bist auch eher nicht ein Werck vor meinen Kiel,
Als bis mich etwan selbst dein nettes Saythenspiel,
Worein man sich verliebt, die reinen Thone lehre
Und bis mein Fleiß die Kunst von deinem Stimmen höre,
Dem zu Gefallen oft der Zephyr leiser geht,
Die Blätter ruhig seyn, die frohe Pleiße steht
Und Ufer, Gärth und Thal den Danck zurückeschicken.
Und darum sehn ich mich nach deinen Weißheitsblicken;
Vielleicht erhübe mich der Einfluß ihrer Kraft
In unsrer Poesie und andrer Wißenschaft,
Den angebohrnen Trieb mit Vortheil anzubringen
Und wie dein scharfer Klang den Alten nachzudringen,
Die Zierd und Gründligkeit und Neigung ausgedrückt
Und nicht wie unser Volck nur obenhin geflickt,
Als wär es schon genug, ein leeres Buch zu schmieren
Und jeden Modereim mit Franzen zu staffiren.
Ich kenne wohl den Troß, der, weil des Himmels Haß
Sein leimern Herz verstockt, die Blumen am Parnaß
Mit Pythons Gift besprizt; doch las ich mich nicht schröcken,
Hier einmahl ofentlich mir selber zu entdecken,
Mit was vor Wohlstand dir der Schmuck der Poesie,
Gelehrt- und kluges Haupt, um Haar und Scheitel blüh
Und was vor Nachruf schon aus deinen Flöthen schalle.
So bald ich auf den Geist der heißen Andacht falle,
So plözlich kommt mir auch des Davids Harfenchor
Und fast mehr Engellust als Englands Dichtkunst vor;
Gerath ich in das Buch bescheidner Scherzgedichte,
So jagt Democritus den Cato vom Gesichte;
Und les ich ohngefehr den Zunder keuscher Glut,
So führt der Griechen Kunst die Flammen in das Blut;
Da denck ich bey mir selbst: So hats wohl nicht geklungen,
Als Phoebus jener Zeit der Daphne vorgesungen,
Sonst kennten wir vorwahr noch keinen Lorbeerbaum;
Ja, wer den Satyr hört, der zwingt und hält sich kaum,
Ein Laster zu begehn, und dies nur im Gewißen,
Den klug- und sanften Schmerz der Strafschrift zu genießen.
O gieb mir, theures Haupt, nur einen Handgrif an,
Wodurch ich mich doch auch vom Pöbel trennen kan
Und daß ich, wenn ich nun die Hälft im Grabe liege,
Der späten Enckel Herz durch meinen Vers vergnüge;
Denn so ein Ruhm hat Grund: Ich will zur Danckbarkeit,
So bald dein Beyfall mir den Lorbeer eingeweiht,
Das erste Meisterstück auf dein Gedächtnüß schreiben,
Und dies soll weder Eiß noch Glut noch Krieg vertreiben,
So lang Europa noch den deutschen Adler ehrt
Und Wittekindens Blut der Raute Wachsthum mehrt,
Dem, wo die Vorsicht nur Verdienst und Wüntsche schäzet,
Der Erden Untergang den lezten Gränzstein sezet.
Vor heute küß ich dir den Saum gelehrter Tracht,
Woran das Hermelin die Würde kennbar macht,
Die dir zum vierten Mahl den Musenscepter biethet,
Der Wahn und Boßheit zähmt und Fleiß und Unschuld hütet
Und Neid und Thorheit schröckt. Dies ist die schönste Last,
An der du deine Kraft so oft bewiesen hast.
Drum jauchzet das Vertraun der muntren Pierinnen,
Die stets mit deiner Wahl ein neues Heil gewinnen
Und mehr aus Lieb als Zwang Gehorsamsweihrauch streun
Und über deinen Sohn sich zum Voraus erfreun,
Daß, wenn dir Erd und Müh nicht mehr gefallen wollen,
Die Gaben seiner Brust dein Bild erhalten sollen
Und zwischen dir und ihm, wie aller Hofnung meint,
Kein andrer Unterscheid als blos die Zeit erscheint.