In fremdem Nahmen.

So gehstu schon so früh zu rüste,
Du angenehmes Sonnenkind?
Ach daß ich doch nur jezt nicht wüste,
Was Schönheit und was Tugend sind;
Es kämen mich die Thränenlieder
Gewislich nicht so sauer an.
Es winselt alles: Komm doch wieder,
Wo Gram und Warheit bitten kan.

Der Himmel hat genug von Engeln,
Verzeuch doch du nur in der Welt
Und ziere sie mit Lilgenstengeln,
Die Zucht und Unschuld kostbar hält.
Las alt- und magre Disteln welcken
Und Unkraut in das Feuer gehn!
Der Ruhm von deinen Purpurnelcken
Verdient auf ewig frisch zu stehn.

Erbarme dich der treuen Herzen,
Die deine Zärtligkeit erquickt
Und die dein wohlgestaltes Scherzen
Nicht sonder Ehrfurcht oft entzückt.
Erbarme dich der armen Liebe;
Sie weint und plagt sich unmuthsvoll,
Nachdem die Keuschheit ihrer Triebe
Dein edles Herz nicht crönen soll.

Was werden hier vor Kostbarkeiten
Auf einmahl in den Sand gelegt!
Hier liegt die Rose junger Zeiten,
Die andern Wehmuthsdörner trägt,
Das Kleinod wohlgezogner Jugend,
Die Augenlust der ganzen Stadt,
Der Tempel demuthsvoller Tugend,
Die jezo beßer wohnen hat.

Wie wenn ein Dunst Aurorens Strahlen
Durch unverhoften Nebel bricht -
Die Felder hören auf zu prahlen,
Die göldnen Hügel lachen nicht,
Die Wiesen stehn voll naßer Thränen,
Die müden Schaafe strecken sich,
Die Nymphen stehn in Angst und Sehnen
Und sehn zwar schön, doch jämmerlich -

Von solcher Würckung ist dein Scheiden,
Du kalt- und holdes Schmerzensbild.
Jezt muß die Mutter härter leiden,
Als da sie dich zuerst gestillt.
Der treue Vater schweigt vor Kummer,
Die ält- und jüngre Schwester schreyt;
An dir entführt der lezte Schlummer
Das Herz von ihrer Artigkeit.

Dort lauft der hofnungsvolle Knabe
Aus fromm- und treuer Einfalt zu
Und meint, als ob dein Aug im Grabe
Nur ihm zum Scherz und Poßen ruh;
Er rüttelt die erstarrten Glieder
Und spielt und drückt die Finger noch
Und streicht die Wangen hin und wieder:
Ach Schwesterchen, erwache doch!

Wie mancher wird sich heimlich grämen,
Daß so ein Plaz dein Ehbett ist,
Und dürften sich nur viel nicht schämen,
So würdestu noch todt geküst.
O wie viel Wüntsche sind vergebens,
O wie viel Flammen zeigen Fluth,
Nachdem der Abbruch deines Lebens
Verliebter Sehnsucht Schaden thut!

Die Tochter Jephta kriegt viel Zähren,
Du kriegst nicht minder größre Pflicht.
Die Nymphen klagen dein Entbehren
Mit Armen, Farb und Angesicht.
Dein Umgang wird sie nicht mehr zieren;
Drum rufen Hügel, Thal und Hayn:
Ach Schwester, da wir dich verlieren,
Wird unser May kein Frühling seyn.

O schweigt, ihr zärtlichen Gemüther,
Und schickt den Rest mit Troste fort!
Ihr Geist erhält die höchsten Güter
Und sucht den rechten Schönheitsort:
Der Himmel buhlt mit ihrem Kuße,
Der nicht nach Fleisch und Sodom schmeckt;
Sie wird vom Schlafe bis zum Fuße
Mit ungemeiner Pracht bedeckt.

Was soll sie hier in Kedar wohnen?
Kein Bräutgam scheinet ihrer werth;
Sie wird mit überirdschen Cronen
Viel mehr gezieret als beschwert:
Sie kriegt des Lammes Gnadensiegel;
So wird kein Hochzeitschmuck geschäzt,
So weit der Morgenröthe Flügel
Den feuchten Schatten Gränze sezt.

Ich opfre dir, du reine Seele,
Ein Brautlied in der Sterbligkeit
Und fülle deines Leichnahms Höhle
Mit trauriger Ergebenheit.
An Dauer trozt dies Blat die Steine,
Indem es diese Warheit trägt:
Mein Pilger, neze die Gebeine,
Die Wiz und Schönheit abgelegt!