1. Der Knabe lehnt sich an der Mutter Schoß,
Um ihre Märchen treulich einzusaugen;
Es blitzen seine Augen tief und groß:
Er hat der Mutter wundervolle Augen.

2. Und sie erzählt: "Durch's Waldgebirge weit
Ging einst ein Wandrer mit bequemen Tritten.
Hoch stand der Tag: die Mittagszauberzeit
Kam leis geheimnisreich durch's Grün geschritten.

3. Kein Vogellied, kein Blätterrauschen scholl,
Dorfglocken tönten fernher in das Schweigen,
Grüngoldne Lichter zuckten rätselvoll
An blanken Stämmen und auf schwanken Zweigen.

4. Dem Wandrer ward so märchenhaft zu Mut,
Als sollt' ein seltsam Wunder jäh ihm kommen.
Und sieh - inmitten von weißheller Glut
Steht er geblendet, schwindelnd und beklommen.

5. Die Welt verschwindet seinen Blicken ganz,
Und eine Blume, herrlich, groß und prächtig,
Erblüht vor ihm in stolzem Farbenglanz,
Duftströme fließen draus berauschend mächtig.

6. Nie sah er solch Gebild in Feld und Wald,
Nie sah er es in Garten, Wies' und Haide,
Zu brechen sie, drängt es ihn mit Gewalt -
Hoch schwingt die Hand sie - welche Augenweide!

7. Im selben Moment ertönt ein Schlag,
Als ob ein Wetter dumpf am Himmel stünde -
O reiche Pracht, die plötzlich vor ihm lag!
Aufdonnernd öffnen sich des Berges Gründe.

8. Und mit der Blume wandelt er hinein.
Es häufen türmend unten sich die Schätze:
Rotfunkelnd Gold, hellblitzendes Gestein,
Kaum sieht im Traum man solche Wunderplätze.

9. Und eine Geisterstimme ruft ihm laut:
Du Glückskind greife zu und nimm das Beste!
Der Wandrer schaut und wählt und wählt und schaut
Ach, unentschlossen durch des Berges Feste.

10. Und wie er nach Geschmeid und Demant faßt,
Legt achtlos er beiseite die Zauberblüte,
Und stürmt hinaus mit seiner eitlen Last,
Daß er daheim sie in den Kisten hüte.

11. Wohl war er reich an manchem schönen Stück,
Doch trieb die Gier aufs neu ihn zu den Forsten,
Er wählte neu sich, ach das falsche Glück,
Er glaubte noch den tiefen Berg geborsten.

12. Wohl war's des hohen Tages Zauberstunde,
Wohl war's der Ort - tiefstille Einsamkeit -
Doch nichts gab vom verborgnen Schatze Kunde.

13. Nun" rief dieselbe Stimme silbern klar:
"Du Tor, wodurch bist du hinab gestiegen?
Sie blüht nur einmal alle hundert Jahr.
Was ließest du die Zauberblume liegen!" -

14. So sprach die Mutter, doch der Knabe ruft:
"Ich geh' in's Waldgebirg', ich such' die Blume,
Ich finde sie, aufgeht des Berges Kluft -
Doch wahr' ich sie gleich einem Heiligtume."

15. Die Mutter lächelt ob dem schönen Kind
Und schaut ihm innig in die mächt'gen Blicke,
Die voll von dichtungsreichem Feuer sind,
Sie wünscht dem Knaben günstige Geschicke.

16. Und als er Jüngling ward, da zog er frisch
In's bunte Leben schöne grüne Pfade,
An Seel' und Leib gedieh er zauberisch,
Er war ein Glückskind recht von Gottes Gnade.

17. Und fand er unbewußt die Zauberstelle,
Die Blume wuchs, - er nahm sie, - stolzer Sieg! -
Sie öffnet immer ihm auf's neu die Schwelle.

18. Es war der Wald der deutschen Poesie,
Wo er sie fand. - O holde Morgenröte -
Die Blume ward des Dichters Phantasie -
Es hieß der schöne Wandrer: Wolfgang Goethe.