1. #1
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    Mein Spiegelbild in Arcanas Augen

    Mein Spiegelbild in Arcanas Augen


    Ihr Blick fällt hart auf das Grau des Asphalts. Da erklingt irgendwo ein Klavierstück - unverkennbar Chopin. Arcana dreht sich zu mir um und meint "Hörst Du? Es übt jemand Chopin." Ein Fehler im Klavierspiel, das Stück beginnt von Neuem. Als es wieder an jener Stelle angelangt ist, erneut der Fehler. Immer wieder und immer wieder wiederholt sich das Stück und niemals schafft der Klavierspieler jene Stelle. Arcana nickt ein wenig: "Ja, es ist zweifellos eine Etüde Chopins."
    Die Tage vergehen, der Winter kommt und jeden Tag das gleiche Stück von Chopin. Niemals kommt der Musiker fehlerfrei über diese eine Stelle hinaus. Eine endlose Wiederholung. "Eines Tages treibt er mich in den Wahnsinn. Eines Tages kann ich es nicht mehr ertragen..." Arcana liegt auf ihrem Bett und starrt an die Decke. Ich betrachte ihre Mimik und gleite über dieses vertraute Gesicht. Sie blickt mich an und meine Gedanken kreisen um sie in einem Schwindel. "Ich ertrage es nicht länger. Verstehst du? Ich weiß nicht warum, aber ich hasse es. Ich hasste es bereits am ersten Tag, als er begann es zu spielen..." Ich sehe zum Fenster, woher die Töne in das Zimmer dringen, vielleicht nur um mich einen Augenblick von ihrem Anblick zu erholen, um mein Innerstes vor ihr zu bewahren. Arcana stützt sich auf ihre Arme und sieht mich von der Seite an. "Ich will wissen, wer es ist..." Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie sich über ihr blondes Haar streicht. Wie seidig und fein ist doch ihr Haar. "Nein, ich muss es wissen..." Ich wende mich wieder zu ihr. Sie blickt mir in die Augen und ich erkenne, dass ich sie nie ganz verstehen werde. Jener Gedanke trifft mich und einen Moment ist mir als würde ich im Meerblau ihrer Augen untergehen und ertrinken. Ich ringe um Luft, und meine Gedanken verwirren sich... "Ich weiß, was du sagen willst. Ich muss doch nur der Musik folgen und nachsehen, wer da spielt." Sie sieht nun seltsam verträumt aus dem Fenster "Ich weiß, ja wo er ist. Ich könnte ihn jederzeit sehen. Sein Geheimnis lüften." Dann dreht sie sich wieder zu mir. Sie wirkt nachdenklich. Mein Blick ruht immer noch auf ihr. Sie schüttelt ein wenig den Kopf und steht auf "Ich kann nicht hinuntergehen..."
    Weiße Blütenblätter werden vom Wind spielerisch durch die Luft gewirbelt. Arcana steht am Fenster und wie jeden Abend um die gleiche Uhrzeit hört sie Chopin, ob sie will oder nicht. "Eines Tages treibt er mich in den Wahnsinn." Wie oft hat sie mir diese Worte seit dem Tag, da sie die Musik zum ersten Mal vernahm, schon gesagt? Ich begreife sie immer noch nicht. Sie lauscht weiterhin der Musik, als wolle sie sich selbst quälen. "Ja, ich habe einen Hang zur Übertreibung..." Ich kann nicht feststellen, wohin sie blickt. Ich sehe sie von der Seite an und erforsche ihre Gesichtszüge. Wie gerne würde ich erkennen, was sie denkt. Wie vertraut ist mir doch das Blau ihrer Augen. Ich will, dass sie sich zu mir wendet, damit ich in jenem tiefen Blau versinken kann. Ich wünschte ich könnte in ihren Augen lesen und ihr Innerstes verstehen. Sie starrt geradezu aus dem Fenster. Sie wirkt so kalt in jenem Moment. So kalt, wie die Farbe ihres mir bis ins Innerste vertrauten Augenblaus. Ich sehe wie sie atmet und jenes Atmen kommt mir vor wie ein Zeichen. Das Zeichen, dass sie lebt. Mir wird innerlich ein wenig warm und gleichzeitig habe ich Angst. "Es berührt etwas tief in mir. Als würde jeder seiner Töne etwas in mir erschüttern. Vielleicht bin ich mit jener Musik innerlich in Resonanz..." Ich höre soviel Pathos in ihrer Stimme. "Ich rede wohl wirr?" Plötzlich dreht sie sich zu mir. Sie muss doch erkennen wie ich sie anstarre! Der Ausdruck auf ihrem Gesicht! Ich erschaudere. Ich wende mich ab. Nun werfe ich meinen Blick aus dem Fenster. Aber ich kann spüren, dass sie mich ansieht. Kalt scheint ihr Blick in mich zu dringen. "Du verstehst mich nicht. Du fragst dich wohl, warum ich mir über jenes Klavierspiel so viele Gedanken mache." sie schweigt einige Atemzüge lang. Dann wendet sie endlich ihren kühlen Blick von mir ab und sieht wieder aus dem Fenster. "Ich verstehe mich selbst nicht. Aber es ist ein Geheimnis..." Sie legt ihren Kopf ein wenig in den Nacken und schließt mit einem beinahe schon träumerischen Ausdruck auf den Zügen ihre Augen. Ich wage es nun wieder meinen Blick auf sie zu legen. "Ich liebe Geheimnisse. Sie beschäftigen mich." Ein Lächeln erhellt nun ihre Züge. Ja, jenes leicht schiefe Lächeln, ich habe es bis ins letzte Detail studiert. Ich kenne ihr Äußeres, aber ich will ihr Innerstes erkunden. "Ich lasse gerne meine Gedanken um solche Geheimnisse kreisen. Es bereitet mir Freude und lenkt mich ab, wenn ich einmal etwas Entspannung suche." Ihre Worte, sie weisen mir ein wenig den Weg. Ich lausche ihnen. Sie sind mir Botschaften aus ihrem Innersten. Mein Blick wandert über ihr Gesicht. Unerwartet schlägt sie die Augen auf. Ich versuche ihrem Blick standzuhalten. Wie schön ihre Augen doch sind. Ich darf meinen Blick nicht abwenden! So sehe ich mir diese blau geflammte Iris an. Dieser schwarze Ring, in dem ihre Augenfarbe gefasst ist. Ich erkenne zuerst Blüten, dann wieder Sterne in der Musterung ihrer Augen. "Warum siehst du mich so an?" Ihre Frage trifft mich unangenehm. Ich kann nicht mehr anders, blitzartig wende ich mich ab. Sie sieht mich einen Augenblick fragend an. Kann es sein, dass sie mein Innerstes längst geschaut hat, während sie mir noch immer ein Rätsel aufgibt? Sie blickt nun wieder aus dem Fenster "Du lauscht wohl auch jener Musik. Ich verstehe nicht, dass der Klavierspieler nach einem halben Jahr täglichen Übens diese Stelle noch immer nicht schafft." Ihre Worte fallen mit der Disharmonie im Stück zusammen, und der Klavierspieler beginnt wie immer von Neuem. Sie sieht mich wieder an "Er wird es wohl niemals zu Ende spielen, aber vielleicht wäre genau dieses Ende eine Art Erlösung für mich..." Was will sie damit sagen? Es schmerzt mich, dass ich sie keinen Moment erfasse. Ihr Seufzen dringt an mein Ohr. Wie seltsam klingt nun ihre Stimme. Es schwingt darin soviel Schmerz und Bedauern mit, oder missinterpretiere ich sie? Seltsam ruhig spricht sie: "Ja, es wäre eine Erlösung..."
    Arcana reicht mir ein Glas Orangensaft. Sie weiß doch genau, dass ich Orangensaft hasse. "Er verspätet sich heute..." Ich sehe sie an. "Der Klavierspieler.", antwortet sie auf eine nie gestellte Frage. Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr "Ja, er sollte schon vor einer Dreiviertelstunde begonnen haben." Sie schenkt sich nun selbst ein Glas Saft ein "Er ist doch immer so pünktlich. Heute ist irgendetwas anders..." Sie nimmt einen Schluck von ihrem Glas. Dann sieht sie mich an "Du denkst wohl ich bin verrückt, weil mich solche Dinge beschäftigen. Vielleicht hast du recht." Sie stellt ihr Glas auf den Tisch und steht auf. Ihr Essen hat sie nicht einmal angerührt. Ich blicke sie an. "Ich habe keinen Hunger. Ich denke, der Stress hat sich mir ein wenig auf den Magen geschlagen.", als würde sie jede meiner Fragen aus meinen Augen lesen können. Sie besieht ihren Teller und wendet sich mit einem leicht angewiderten Ausdruck ab. Ich schaue ihr nach, als sie aus der Küche geht. Lange Zeit sehe ich noch zu der Türe, durch die sie mich verlassen hat. Dann höre ich, wie sie ins Bad geht und die Wanne vollaufen lässt. "Ich nehme ein Bad..." hallt es durch die Wohnung. Eine halbe Stunde lang sitze ich vor meinem Essen ohne einen Bissen zu mir zu nehmen. Meine Gedanken sind nur bei ihr und dem Rätsel, das sie mir seit jeher aufgibt. Nur hin und wieder nippe ich geistesabwesend an meinem Orangensaft. Es kommt mir eher wie eine Geste vor, um meine Gedanken nur einen Moment pausieren zu lassen. Endlich kommt sie zurück in ihrem Bademantel. "Du hast ja auch nichts gegessen." Sie sieht mich an. Schließlich blickt sie aus dem Fenster. "Er spielt heute nicht..." Ich sehe sie verwundert an. Klang in ihrer Stimme wirklich eine Mischung aus Bedauern und Angst mit? Nun schüttelt sie etwas ihr Haupt und setzt sich. Sie nimmt das Handtuch vom Kopf und ihre Haare fallen in tropfenden Strähnen hinab. Ich beobachte wie sich kleine Wasserperlen an die Enden ihrer Haare hängen. Dann lege ich mein Augenmerk auf das Gesicht, das mir vertraut ist wie kein zweites, und hinter dem sich Gedanken verbergen, die mir ewig fremd sein werden. Ein seltsamer Schmerz erfüllt mich. Ich sehe wie jene vollen Lippen Worte bilden. Worte, die nur einen Schatten ihrer Seele in mein Innerstes projizieren. "Ich würde ihm gerne noch einmal zuhören. Ich liebe seine Musik..." Nun fällt ihr Blick so tief in meine Augen, dass ich innerlich erstarre. "Ja, ich liebe sie!" Sie beugt sich zu mir so nah, dass ich mein Spiegelbild in Arcanas Augen erkenne. "Ich will es hören! Nur einmal..."
    Noch gehört mir das Himmelblau...

  2. #2
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    he b.,

    es tut weh! soviel zum lesen langer texte am bildschirm.
    ansonsten find ich die geschichte ganz okay, gut geschrieben.
    nicht wirklich mein geschmack, aber was soll's.

    mfg

    l.s.m

  3. #3
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    Werter lassiefaire!

    Habt dank für Eure Kritik.
    Ich selbst muss diesem Werk meinereiner ankreiden, dass es sprachlich nicht ganz meinen Vorstellungen von gutem Stil entsprechen mag. Ein Autor sollte wahrscheinlich nicht über sein eigen Werk richten, aber ich sehe noch einige Mängel insbesondere in Allgemeinfloskeln und Altbekanntem...
    Was mir allerdings noch immer gefallen mag, ist meine Trennung der Perspektiven. Der in sich gekehrte und uns gedankenverbundene Ich-Erzähler und Arcana, von der wir lediglich das Wort besitzen...
    Ansonsten will ich mich nicht weiter mit Selbstkritik verzetteln, obwohl es mich reizen mag...

    So verbleibe ich erneut dankbar ob Eurer Worte,
    Belindrea

    P.S.: Ich kann nicht umhin eine weitere Kurzgeschichte Eurem geschätzen Auge vorzulegen.

    [Geändert durch Belindrea am 22-06-2001 um 12:28]
    Noch gehört mir das Himmelblau...

  4. #4
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    Hochgeschätzte, ja bewunderte Belindrea,

    offenbar habe ich es mit einer, des Schreibens bereits geschulten Person zu tun. Es setzt mich in helle Freude, jemand derartiges anzutreffen, denn das ist gemeinhin höchst selten der Fall. Eure natürliche Begabung ist unverkennbar. Diese seltene Empfindsamkeit, die außergewöhnlich scharfe Beobachtungsgabe, der eigenartige Ideenreichtum ist wahrhaft verblüffend. Natürlicherweise, und das ist bei jedem der Fall, treten anfänglich kleinere Mängel oder Selbstzweifel auf, die sich aber bald schon zerstreuen. Das Gefühl diktiert die Auswahl des Stoffs, die Ästhetik seine Ausführung –kann man da noch fehlen? Ich lege eine Hoffnung in Euch, deren Enttäuschung mich sehr schmerzte, also macht weiter, übt Euch! Die Feder zu führen ist man geboren oder nicht, und Ihr seid’s.
    Wünscht Ihr Anregung bei einer schwierigen Materie, sollt Ihr mich gerne befragen.
    Stets zu Diensten empfiehlt sich Ihr treulich ergebener

    maccabaeus


  5. #5
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    Werter maccabeus!

    Meine Augen können nicht ablassen von Euren Zeilen, so sehr erfreuen sie mich. Dergestalt überschüttet Ihr mich mit Lob, dass ich beinahe befürchten muss, es könne meinem Charakter schaden, auf dass ich mitunter gar eingebildet würde. Dennoch kann ich nicht umhin immer wieder meinen Blick über Eure Worte streichen zu lassen, da sie mein Innerstes doch so sehr in strahlend Glück zu tauchen inmstande sind.
    Ich werde wohl eine Stunde in Demut unter dem Wohlwollen der Gestirne verbringen müssen, um meine Sinne wieder zu klären...

    Habt dank, dass Ihr einen Gedanken meiner Person gewidmet, und dass Ihr mir in Eurem Edelmute gar Eure Hilfe angeboten. Es kann durchaus sein, dass auf jene noch zurückkomme.

    Hochachtungsvoll,
    Belindrea
    Noch gehört mir das Himmelblau...

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