1. #1
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    Abschied (Zyklus Zeit)

    Abschied

    Schon bevor du gingst,
    hast du dich entfernt -
    und der luftleere Raum
    trug ein Stück Wehmut
    mit deiner Stimme fort.

    An ihrem rastlosen Ende,
    franst die Zeit aus
    und verpasste Gelegenheiten klaren
    zu stehenden Sehnsuchtswellen.

    Ist die Zeit je reif,
    für den Abschied
    in einer einzelnen Rate?

    An ihrem rastlosen Ende
    franst die Zeit aus,
    doch in meinen dunklen Träumen
    bleibst du hellwach.

    Geändert von Andvari (11.06.2007 um 10:39 Uhr)

  2. #2
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    hallo Andvari,

    schön, dass man auch von dir wieder mal etwas hier lesen kann, und da auch lev sich heute nach Monaten der Abstinenz mal wieder hat blicken lassen, wenngleich auch nur ganz kurz, keimt ja schon ein Funke Hoffnung auf, dass die alten Kämpen doch so langsam wiederkehren....

    Zum Gedicht:

    S1 handelt vom Erinnern deines LI daran, wie dessen geliebtes LD von ihm ging, wobei nicht unbedingt feststeht, ob es sich dabei um ein Verlassenwerden im örtlichen oder im endgültig körperlichen Sinne handelt, letzteres ist jedoch wahrscheinlicher.

    Da es sich bereits vor dem Gehen entfernt hat, fragt man sich, von was, vom LI oder ganz allgemein von dieser Welt? Den schalldichten Raum weiß ich auf Anhieb jetzt nicht genau einzuordnen, denke aber, dass du mit diesem Bild vielleicht auf die berufliche Tätigleit des LD hinweisen wolltest, was z.B. mit einem schalldichten Tonstudio in Verbindung gebracht werden könnte.

    In S2 wird es dann eher philosphisch, wobei mir die Wendung der an ihrem Ende ausfranselnden Zeit gut gefällt. Schwierigkeiten habe ich allerdings mit Z3, denn bei und an ihrem Einsamen, stört mich der Dativ, vielleicht ist es ja nur ein Verschreiber und du wolltest "ihren" schreiben...?

    Die in S3 gestellte Frage hast du stark fomuliert, sie ist wohl eher mit "nein" zu beantworten.

    S4 wiederholt noch einmal die Unwägbarkeit des Begriffes "Zeit" und schließt mit der leicht negativ auslegbaren Feststelung, dass LI LD in seinen dunklen Träumen als helwach erlebt.

    Ein Gedicht mit nachdenkenswertem Inhalt, im Stile des vers libre geschrieben.

    Liebe Grüße
    crux

  3. #3
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    Sälü

    Du lieferst Text und Bild - spontan denke bei dieser Stimmung an Musik (Damien Rice - 9 Crimes).

    Weni umi amau diräkt taff si (isch ja scho lang nüme vorcho ): Du hescha dier scho biz a bedütigslaschtiga Momänt usgwäut as settigs Gedicht hie ichy z stölle.


    Der Titel lässt erahnen, dass noch weitere Gedichte zum Thema Zeit folgen werden. Bin schon gespannt.
    Die erste Strophe ist ein starker Einstieg. Sie gefällt mir sowohl bildlich, wie auch in der Auswahl der Worte (mit ihren Klängen) sehr gut. Besonders:

    der luftleere Raum
    trug ein Stück Wehmut
    mit deiner Stimme fort.


    Ein Abschied zeichnet sich meistens bereits vorher an. Man entfernt sich innerlich, obwohl körperliche Nähe vorhanden ist. Der Raum wird eng, die Luft knapp ("luftleer" gefällt mir übrigens besser als "schalldicht"). Der sich abzeichnende Abschied ist vollzogen, das lyr. Ich sehnt sich nach dem lyr. Du.

    Am rastlosen Ende
    franst die Zeit aus


    Dazu passt dein Foto sehr gut. Es gefällt mir sowohl der Hell-Dunkel-Kontrast wie das Motiv (mich würde interessieren, was genau du fotografiert hast?). Die feinen Härchen, die das sanfte Loslösen symbolisieren.
    Zeit lässt sich nicht aufhalten, sie zieht rastlos.

    und an ihrem Einsamen,
    klaren verpasste Gelegenheiten
    zu stehenden Sehnsuchtswellen.


    Mit "an ihrem Einsamen" hatte ich, wie crux, auch Mühe. Das "an" hat mich in Verbindung mit dem Einsamen gestört. Bildlich finde ich diese Zeilen recht schön, besonders das "klaren". Nur sprachlich würde ich es als den Schwachpunkt des Gedichts bezeichnen. Eine bessere Verdeutlichung des Einsamen würde helfen.
    Die Zeit vergeht, Sehnsucht bereitet sich aus, weil man Momente nicht richtig genutzt hat und diesen trauert man nach.

    Ist die Zeit je reif,
    für den Abschied
    in einer einzelnen Rate?


    Diese Strophe finde ich ebenfalls sehr stark. Ein Nein als Antwort drängt sich bei mir auf. Der schleichende Übergang wird anfangs nächste Strophe noch einmal thematisiert ("an ihrem rastlosen Ende" hat mir fast besser gefallen, die Zeit wird dadurch gegenständlicher - aber die Aussage an sich verändert sich).

    doch in meinen dunklen Träumen
    bleibst du hellwach.


    Es sind dunkle Träume, die das lyr. Ich hat. Das deutet auf einen Schmerz hin, der verbunden war mit dem Abschied. Das lyr. Du bleibt in der Erinnerung. Sprachlich und bildlich finde ich die Gegensätze sehr schön: dunkel/hell und Traum/wach.

    Dein Gedicht passt gut in meine momentane Stimmung: Der Verstand ist noch nicht fähig, zu realisieren, aber das Abschiedsgefühl ist da - und letzteres hast du toll zum Ausdruck gebracht, sowohl in Bild und Text. Ich bin ein wenig neidisch, aber vor allem beeindruckt.

    A lyeba Grues,
    olaja

    P.S: Dyner Signaturverlinkige stümme nume epa Hanglänck mau Pii.
    Geändert von olaja (03.06.2007 um 14:24 Uhr)
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  4. #4
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    Hallo crux & olaja

    Vielen Dank für die Bemerkungen, die aufschlussreich waren.

    Das mit dem schalldichten Raum und dem Tonstudio habe ich auch je länger je mehr so gelesen und es missfiel mir, denn diese technische Assoziation passt meines Erachtens nicht, da das Ding an sich recht abstrakt daherkommt.
    Ich habe es in luftleer geändert, da es für meinen Geschmack besser passt (die Kommunikation über die Sprache wird verunmöglicht, da der Schall im luftleeren Raum nicht fortgetragen wird, anders als das Stück Wehmut des Lyr.Du. Dazu kommen die von olaja angesprochenen Assoziationen).

    Mmmh, bei und an ihrem Einsamen ward ihr euch ja einig, d.h. es ist wohl doch eher was für die Tonne.

    Ich meinte damit das „einsame Ende der Zeit“: Am rastlosen Ende franst die Zeit aus und an ihrem einsamen (Ende) klaren verpasste Gelegenheiten zu stehenden Sehnsuchtswellen. D.h. es sollte eine Gegenüberstellung der Pole „rastlose, hektische, schnell vergängliche Zeit“ und „einsame Zeit (im Sinne von: nachdenklich, melancholisch etc) sein. Ich hatte mir die Zeit wie ein Seil vorgestellt, das sich bewegt und habe versucht zu beschreiben, was an den beiden Enden „geschieht“.

    Ok, das ging schief. Wenn ich diesen Grundgedanken beibehalten will, muss ich es sauberer trennen und den/die Leser/in besser führen, das wurde mir durch eure Bemerkungen klar – Danke.

    Manchmal ist weniger auch mehr, was meine aktuelle Version erklärt (hab’s einfach mal weggeschmissen).

    Der Bemerkung von olaja (die irgendwie alle klangheimlichen Änderungen mitbekommen hat – wahrscheinlich ein Moderationsprivileg ) bezüglich dem „an ihrem rastlosen Ende“ vs. „am rastlosen Ende“ stimme ich zu und habe es wieder zurückgeändert.

    Danke auch für das Bildkompliment olaja. Es ist eine Makroaufnahme einer Feder.
    Das Bild an sich und auch die Feder sehe ich als Abschiedsymbole (weil der Wind sie fortträgt, wenn sie sich – wie diese hier - von ihrem Ursprungsort entfernt hat ).

    Bei den „Gelegenheiten“ zweifle ich noch ein wenig. Ich fände „Momente“ irgendwie schöner und rhythmisch/klanglich besser – für sachdienliche Hinweise, bzw. Meinungen wäre ich dankbar.

    @olaja

    Daas mìttùm Zyttpùnkt isch natüerlich kì Zuefau – im Gägetöü. Dä (für mier widercheerenda) Abschied isch de Uuslööser gsyy.
    Das mittùm Diräkt syy: dasch absolut cool gsyy, wüni di einti Kollegi amau schokiert gsee han, wo doch iigentlich dür nüüd ds schokiere isch . Ù as hett ja iigentlich nüüd gää für schockiert d’syy (asch ja haub so wöud gsyy), ù drùmm ischsis villich o gsyy ...

    Mmmh, Damien Rice kenne ni niid... muesi mier amau yyzye - wes um Melancholie giit stiit by mier The Verve - Sonnet hoy im Kurs rein us melodiöse Gründ.

    Danke euch beiden una Schööna von hier nach da

    Andvari
    Geändert von Andvari (04.06.2007 um 13:35 Uhr)

  5. #5
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    As schüchs Hallo.. (weni mier no zu Wort taff mäude )


    Zitat Zitat von Andvari
    Mmmh, bei und an ihrem Einsamen ward ihr euch ja einig, d.h. es ist wohl doch eher was für die Tonne.
    Am rastlosen Ende franst die Zeit aus und an ihrem einsamen (Ende) klaren verpasste Gelegenheiten zu stehenden Sehnsuchtswellen.
    Aha, jetzt verstehe ich, was du damit eigentlich hättest sagen wollen. Die Grossschreibung hat mich sehr irritiert - und mich in völlig andere Sphären geführt. Kleingschrieben hätte es sich besser gemacht. Vielleicht findest du ja noch eine Alternative?


    Zitat Zitat von Andvari
    Bei den „Gelegenheiten“ zweifle ich noch ein wenig. Ich fände „Momente“ irgendwie schöner und rhythmisch/klanglich besser – für sachdienliche Hinweise, bzw. Meinungen wäre ich dankbar.
    Momente finde ich ebenfalls besser, es ist ausdrucksstärker und kompakter - auch klangmässig.


    Eine Feder, also - diese Möglichkeit habe ich auch in Betracht gezogen. Das Foto ist stark. Allerdings hätte ich noch einen Verbesserungsvorschlag: Den weissen Vordergrund etwas einzudämmen (einzelne Federchen - oder wie man denen fachsprachlich sagen mag - wegzunehmen). Viel Spass bei der Millimeterarbeit.



    Jaja, i gluube di Kollegin heta sich letscht Wucha grächt, i däm si dier u im Endeffekt nai o mier tou gschockt het... Hm. I ha so epis kört va wäge mit mier chämi no as Hüendli grupft, deby ischa das gar nid juscht uf mim Müscht gwachse... (i büna, wi ging, unschùdig.. )
    U wüs äbe doch dä Zyttpùnkt gsy isch u das bstümmte Ereignis, würft das bi mier scho di einti oder anderi Frag uf wasa Gedichtstruktur aabelangt. Hm, i glube as ischa taktisch vo Vortüü, weni di fragwürdige Pünkt ersch nachum Donschtig aaspräche...

    Bis epa denn, a lyeba Grues
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  6. #6
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    Hallo ,

    Selbstverständlich darfst du dich jederzeit melden, selbst dann noch, wenn die Hühnchenrupferei doch noch anstehen sollte

    Aha, jetzt verstehe ich, was du damit eigentlich hättest sagen wollen. Die Grossschreibung hat mich sehr irritiert - und mich in völlig andere Sphären geführt. Kleingeschrieben hätte es sich besser gemacht. Vielleicht findest du ja noch eine Alternative?
    Hmm, ja - nun da du es sagst: die Grossschreibung war doch recht kreativ gewählt - will heissen schlichtweg falsch. Die semisubstantivierte Attributivform der doch adjektivistisch repetitorisch verwendeten Vokabel hat mich zur Kapitalschreibung indoktriniert (auch ne Taktik: einfach einige Fremdwörter in den Raum schmeissen, wenn man keine Ahnung hat...).

    Wenn ich Zeit und Musse habe, werde ich mir noch mal was zu diesem Teil überlegen. Danke auch für deine Meinung zu den „Momenten“ dies wird dort sicher einfliessen.

    Zur Bildbearbeitung: also ich vermeine mich erinnern zu können, dass du früher mal technische Bildveränderungen kategorisch abgelehnt hast ... der „verwischte“ Vordergrund gefällt mir eigentlich sehr gut, auch weil ich ihn symbolisch, bildkompositorisch schön finde - evtl. ein wenig abdunkeln, um den Aufmerksamkeitsgrad abzuschwächen - mau gùgge ...

    PS: Tatsächlich büni a chli gschokkt gsyy, debyy isches ja as Kompliment gsyy... wahrschynlich hani mier i dämm abgschlossene Mikrokosmos a chli z’sicher gfüut – mau gùgge ob das itz a Yyfluss hett ù ob i überhoupt no taff blööds Züüg schryybe, oder ob i mier scho z’hört beobachtet füele: „…Scheisse...“… mou, as klappet no – isch auso kis Problem...

    Btw: Faus di beträffendi Pärson bzw. Pärsone das hye o läse: Iifach säuber o amäude ù schryybe – näbùm chopf o de Buuch la schaffe cha befryend würke (mit dämm hani itz nid wöle sääge, dasi ööch für verchopfet haute...). So, lyeber amau abchlempe, süsch rytteni myer no säuber ina rhetorischa Schlamassu ychi...

    U wüs äbe doch dä Zyttpùnkt gsy isch u das bstümmte Ereignis, würft das bi mier scho di einti oder anderi Frag uf wasa Gedichtstruktur aabelangt. Hm, i glube as ischa taktisch vo Vortüü, weni di fragwürdige Pünkt ersch nachum Donschtig aaspräche...
    Taktisch handle isch nid ging guett... itz hiistes ifach „Gring abe ù rächne“ ... O wenì nìd ganz wììs was du mìnsch oder villich äbe doch , chaschù die Gedichtsstrukturfraage gäär fraage – ifach i de übliche diräkte Art ù Wyys

    So itz isch aber fertig, süsch schleeni no de Smiley-Rekord vom Pringles

    Vöü Glück ù Erfoug hütt ù merssi

    Andvari
    Geändert von Andvari (14.06.2007 um 08:42 Uhr)

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