1. #1
    Registriert seit
    May 2006
    Beiträge
    584

    Fehler als Stilmittel

    ...oder Mit welchem Status darf sich die Metrik bezüglich des Inhaltes kleiden?

    Lieber Dichtergemeinde,
    eventuell vermag eine darauffolgende Diskussion - aufgrund verschiedener Blickwinkel - ein wenig Licht in das Dunkel der möglichen Symbiose zwischen Metrik und Inhalt bringen. Dafür möchte ich zuerst sowohl mein Anliegen und mein Gedankengut euch näher bringen, gepaart mit gezielten Fragen.
    Liest man zum Beispiel das Sonett “Threnen des Vaterlandes Anno 1636” von dem Barockdichter Andreas Gryphius und fügt eine Analyse hinzu, dann sollte jeder aufmerksame Metrik-Veteran ins Stocken geraten bei Strophe 1/ Vers 3, die lautet:

    Das vom blutt fette schwerdt, [...]

    Laut dem Alexandriner müsste bei der ersten Silbe des Wortes „fette“ eine Senkung bestehen, aber der Leser liest jene besagte Stelle gezielt betont. Interpretieren wir also, dass Gryphius lediglich die Schwere des triefenden Blutes sinnübergreifend darstellen und eine Verdeutlichung des Grauens zum Ausdruck bringen wollte.
    Ich bin der Überzeugung vertraut, dass ein Fehler innerhalb der Metrik als Stilmittel auftreten kann um einen gewissen Effekt zu erhaschen (siehe Gedicht), was aber gewiss nicht jeder zu meistern mag, da es womöglich ein bestimmtes Feingefühl voraussetzt – aber letzteres sei so dahin gestellt. Bedeutend (und dem bin ich mir gewiss) für den Verfasser und/oder für die als gewollt betrachtete Fehler sind/ist ebenfalls der richtige Gegenpart: ein guter Leser, der diese Verbindung zu deuten weiß. Mit der Abstinenz jenes Betrachters werden die Holperer als solche begutachtet, die sie nicht sein sollten: metrische Fehler und somit eine Unachtsamkeit des Autores. Und ich las und hörte, dass wohl bei Werken, dessen Schöpfer schon längst im Grab verweilen, diese Spitzfindigkeit gefunden und befürwortet wird anhand der Interpretationsversuchen, aber bei manchem Gedicht auf Dotcom zum Fehler degradiert wird.
    Bereits bei dem letzten Satz bäumen sich mir zwei Fragen auf, die sich beinahe aufeinander beziehen uns hiermit zur Diskussion stehen dürfen. Vorhang auf:
    Interpretieren wir womöglich zu viel in die Werke der alten “Lehrmeister” hinein, um ihre – aus unserer Sicht - Genialität zwanghaft aufrecht zu erhalten?
    Trauen wir uns heutzutage gegenseitig jenes Phänomen nicht mehr zu und verschließen uns somit dieser Handhabung, welche eventuell zum konstanten Wachstum innerhalb der eigenen Definition der Lyrik beitragen könnte?

    Ich beende hiermit meinen Einstiegspost mit einem trefflichen Ausspruch von dem User Ensimismado:
    "Das ist die Kunst beim Schreiben, verkaufe Fehler als gewolltes Stilmittel."
    Liebe Grüße,
    Kugel
    "Kunst ohne Ethik ist Kosmetik"
    (Marina Abramovic)

  2. #2
    Registriert seit
    Dec 2004
    Beiträge
    1.734
    Hallo Kugel,

    sehr interessante Fragen die du hier aufwirfst, ich habe den Eindruck durch die aktuelle Diskussion in deinem 'Risse des Herbstes' motiviert. Ich habe vor langer Zeit selbst das Gedicht auf die Metrik hin 'untersucht' weil sie mir eben besonders vor kam. Sicher ist aus meinem jetzigen Blickwinkel: Ein Bruch in der Metrik, bei stringenter Führung der anderen Verse, ist ein mächtiges Stilmittel. Wie du richtig sagst, braucht es dafür aber auch einen geübten Leser. Dieser wird stutzig werden, die Zeile ein ums andere Mal lesen - und dementsprechend sollte dieser Bruch eben auch gesetzt werden.

    Ich glaube es wäre töricht anzunehmen, dass jemand wie Gryphius sich vielleicht mal vertan hatte, oder ihm nix besseres eingefallen sei . Hier im Forum sieht es aber schon wieder anders aus. Was weiß ich ob User X (ich sag bewusst nicht Mausi12) das bewusst so eingesetzt hat? Dies sollte sich aber durch den Sinn bewusst erschließen. Was ich ebenfalls oft hier festgestellt habe, dass einige User hier so auf vermeintliche Perfektion setzen, dass sie blind für diese Brüche sind. Zuweilen wird man gefragt warum man sich das so vertan hat. Da schlägt man natürlich die Hände vor dem Kopf zusammen. Ebenso verhält es sich mit unreinen Reimen - ein absolutes Unding bei der Mehrheit der User hier - bis heute frage ich laut wieso eigentlich?!

    Zu den Altmeister (jetzt mal als Überbegriff). Ich glaube die Erwartungshaltung spielt hier einfach mit. Ich erwarte von User X nicht unbedingt eine gut durchdachte tiefgründige Ausarbeitung. Von den schillernden Figuren der großen deutschen Lyrik sehr wohl. Ob sich sich alles so haarklein gedacht haben, sei an der Stelle dahingestellt. Fakt ist, dass sie erstmal mit ihren Werken zu solch tiefen Gedanken und Interpretationen anregen können. Sicher ist dies eine sehr operationale Definition von bewusstem Einsatz an Stilmitteln, aber ich denke sie trägt weiter als jeder philosophische Ergründungsversuch.

    Mein Fazit lautet also, abgeleitet auch von meinen damaligen Gedanken: Wenn ich weiß, dass dem Autor in dem Sinne eigentlich nie ein derartiger Schnitzer unterlaufen würde, ist dies schon ein großes Anzeichen von Intention. Nun kann natürlich der Leser selbst entscheiden, ob es gefällt oder nicht gefällt. Für mich gehören solche Stilmittel zum unbedingten Repertoire. Ein 08/15 Gedicht im 5-hebigen Jambus kann wohl jeder mittelmäßige Dichter zusammenschreiben. Alles andere zeugt von tieferer Auseinandersetzung.

    LG JamZee

    PS: Schön dass du wieder on bist

  3. #3
    Registriert seit
    May 2004
    Beiträge
    89
    Hallo KugelImGesicht,
    Du hast eine hochspannende Fragestellung aufgeworfen. Ich möchte im Folgenden versuchen meine Sicht auf Selbige wiederzugeben.

    Zunächst einmal fielen mir die aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdigen Formulierungen auf, welche nicht besonders passend gewählt erscheinen. Als besonders fragwürdig erschien mir diese Formulierung:

    Ich bin der Überzeugung vertraut, dass ein Fehler innerhalb der Metrik als Stilmittel auftreten kann um einen gewissen Effekt zu erhaschen
    Es gibt keine Fehler in einem Metrum! Wenn das Metrum an bestimmten Stellen vom alternierenden Schema abweicht wird von Synkopen gesprochen. Synkopen sind ein altbewährtes Mittel zur Hervorhebung bestimmter Stellen im Text. Die Aussage, dass ein Metrum falsch sein kann, ist grundsätzlich falsch!

    Bezogen auf die Fragestellung, ob wir Variationen im Metrum fremder Werke überinterpretieren können: Natürlich sind nicht alle Synkopen in Gedichten großer Künstler kongruierend zur inhaltlichen Ebene. Eines sind sie jedoch sicherlich nie : Fehler! Es gibt aber dennoch eine Fülle von Beispielen, an denen man erkennen kann, dass gezielte Eingriffe in die Regelmäßigkeit eines Metrums zur sprachlichen Vollendung eines Gedichtes beitragen können. Ich habe kürzlich erst zwei Gedichte aufgezeigt, bei welchen dies der Fall ist ---> Siehe Faden Lyrische eingangspforte

    Ich zitiere mich aus besagtem Faden:


    II.4 Die Beiden [Hugo von Hofmannsthal]



    Sie trug den Becher in der Hand
    - Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
    So leicht und sicher war ihr Gang,
    Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

    So leicht und fest war seine Hand,
    Er ritt auf einem jungen Pferde,
    Und mit nachlässiger Gebärde
    Erzwang er, daß es zitternd stand.

    Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
    Den leichten Becher nehmen sollte,
    So war es beiden allzu schwer:
    Denn beide bebten sie so sehr,
    Daß keine Hand die andre fand
    Und dunkler Wein am Boden rollte.



    Analog zu den klanglichen Finessen der Römischen Fontäne kann auch dieses Gedicht als Paradebeispiel für sprachliche Eleganz herangezogen werden. Die Verschmelzung von Form und Inhalt kommt besonders frappierend in Strophe drei/ Vers drei zur Geltung. Die nachlässige Gebärde des Reiters spiegelt sich in den Mehrfachsenkungen sehr ausdrucksstark wieder. Der Leser sei an dieser Stelle dazu ermuntert das Gedicht laut zu lesen und auf den Klang, besonders an dieser Stelle, zu achten.
    Ein Zusammenhang zwischen metrischer und inhaltlicher Ebene ist hierbei also definitiv gegeben. Ja mehr noch, es zeigt deutlich das gezielte Brüche im Metrum ein Gedicht vollenden können.

    Grüße
    GEO
    Geändert von GEO (11.06.2007 um 14:43 Uhr)
    ich kann mich nicht selbst terminieren, ihr müßt mich in den Stahl hinablassen. [Terminator T-800]

  4. #4
    yaira Guest
    Hallo Kugel,

    in meinen Augen hast du di deine Fragen beinah selbst beantwortet, trotzdem noch kurz meine Meinung:

    Metrikbrüche sind definitiv ein Stilmittel. Ganz ohne Frage. Wer es hinbekommt, einen Bruch passend zu setzen, kann den Inhalt wunderbar unterstreichen - oder eben auch mit diesem brechen.

    Traue ich .com Usern so etwas zu?
    Manchen. Bei gewissen Autoren würde ich auf jeden Fall auf Absicht tippen und nach einem Grund suchen.
    Bei vielen würde ich einfach nachfragen, auch weil ich häufiger davon ausgehe, zu blind zu sein, den Grund zu erkennen.
    Und vielen spreche ich ganz eindeutig diese Absicht, das Können, das sprachliche Feingefühl ab und das sieht man dann meist ja dem ganzen Text an.

    Zu den Altmeistern: Jein. Ich glaube zum Teil suchen wir, Vieles war aber (denke und hoffe ich) intendiert. Und wahrscheinlich noch mehr, das man als Leser vll. gar nicht oder kaum sieht.

    Insgesamt wird mir hier eh zu häufig vergessen, dass ein durchgehender Jambus nicht allein ein gutes Gedicht ausmacht... aber das ist wahrscheinlich ein anderes Thema...

  5. #5
    Flamme ist offline Krauseminze, Minze, krause
    Registriert seit
    May 2006
    Beiträge
    620
    Insgesamt wird mir hier eh zu häufig vergessen, dass ein durchgehender Jambus nicht allein ein gutes Gedicht ausmacht... aber das ist wahrscheinlich ein anderes Thema...
    Das geht mir genauso, aber ich denke nicht, dass das jetzt ein anderes Thema ist, denn es geht ja um Metrikbrüche und ihre Berechtigung als Stilmittel. Im Grunde sollte man, bevor man jemandem irgendwas ankreidet, sowieso schauen, in wie fern das als Stilmittel durchgehen und den Inhalt unterstützen könnte. - Das ist aber kaum umzusetzen und manchmal auch albern, wenn der Text zum Beispiel kein besonders hohes Niveau besitzt. Aber ein nicht durchgehendes Metrum pauschal als Makel abzustempeln, das kann ich persönlich überhaupt nicht leiden, - und wenn der Beitrag dieses Kommentators aus noch so vielen schönen x-en besteht, die mir aufzeigen, was ich noch zu "verbessern" habe.
    Insofern sehe ich diesen Thread auch als Aufforderung, die Metrik mal nicht ganz so verkrampft zu sehen und solche Brüche lieber zu hinterfragen, als sie einfach als (Schönheits-)Fehler abzutun. Ob man dann zu dem Schluss kommt, dass der Bruch inhaltlich passt oder nicht, das wird sich herausstellen. - Und das wäre dann auch schon ein erster, feiner Schritt hin zu einer konstruktiven Diskussion über das Gedicht.
    Geändert von Flamme (10.06.2007 um 20:17 Uhr)


    Sag nichts dagegen, gewiß, Du kannst alles widerlegen, aber zum Schluß ist garnichts widerlegt. (F. Kafka - Das Schloß)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Ironische Stilmittel
    Von Anjulaenga im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 04.06.2015, 14:43
  2. Nicht jeder Fehler ist ein Fehler
    Von Bernhard im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 14.04.2011, 18:18
  3. Fehler
    Von MutlosesEtwas im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 22.08.2009, 16:52
  4. Stilmittel des Expressionismus
    Von Harakiel im Forum Spezielles und Wissenswertes
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 27.04.2006, 14:40
  5. wie heißt dieses stilmittel?
    Von Goldlocke im Forum Spezielles und Wissenswertes
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 28.01.2006, 19:56

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden