Thema: Der Habicht

  1. #1
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    Der Habicht



    Der Habicht


    Zyklopenhafte Wände ragen,
    geborsten unter der Gewalt
    und Last der Berge, die sie tragen,
    ihr Ächzen dringt aus Kluft und Spalt.

    Im Echo hallt das Krächzen, Klagen,
    wenn Dohlen Habichts hohe Bahn
    umschwirren, mit den Flügeln schlagen.
    Denn unverhohlen ist sein Plan.

    Dort wo die Felsen aufgeschichtet,
    wo Simse, Rinnen ausgeschliffen,
    hat er die junge Brut gesichtet..
    da! jetzt! .. jetzt hat er zugegriffen!

    Und läßt sich tief und tiefer fallen,
    in einem wunderschönen Bogen.
    Es tropft ein wenig aus den Krallen,
    da wird ein junger Tod vollzogen.

    Dann landet er am Fuß der Klippen.
    Dort liegen Trümmer und Geröll
    und unter wuchernden Gestrüppen
    die Dohlenkinder, als Gewöll.


    © Erebus 29.08.07

    Der Aufstieg
    Geändert von Erebus (08.09.2007 um 11:19 Uhr)
    .....
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    Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein Zerbrechen ist ächt! (Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra - Der Zauberer)

  2. #2
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    Hallo Erebus,

    toll gefällt mir wirklich toll dein Gedicht. Deine fast balladenhafte Naturbeschreibung, metrisch sauber und auch vom Sprachklang schon perfekt zu nennen, hat mich stark in ihren Bann gezogen. Der Raubflug des Habichts hat zu mindest bei mir leichte Karusellkörperreaktionen hervorgerufen.

    Danke.

    Gruß
    Woitek

  3. #3
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    Hi Woitek

    das ist aber ein schöner Kommentar !
    ich schwebe förmlich über meiner Tastatur..danke danke danke.

    LG

    Ulrich
    .....
    D i e.....v e r s u c h t e.....W e l t ............
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  4. #4
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    Hallo Erebus,

    musste eben in Coris Auftrag mal eben zwischendurch ein Nonsensgedicht schreiben und habe mich von "unten nach oben" durchgelesen. Eigentlich wollte ich Dir zu Deinem Habicht heute nachmittag schon was schreiben. Bei dir fällt es momentan schwer, Schritt zu halten, will man dem eigenen Anspruch gerecht werden, schöne Gedichte auch entsprechend zu würdigen. Ich muss schon sagen, Deine Vielseitigkeit ist nur zu bewundern. Gibt es eigentlich eine Rubrik, in der Du Dich nicht wohl fühlst? (Ich weiß, ich weiß was: in "Experimentelles" habe ich Dich - seit ich hier bin zumindest - noch nicht angetroffen.)

    Dieses Gedicht beeindruckt mich noch mehr als Deine "Mantodea", vielleicht allein schon wegen der ausgeprägteren Dynamik. Wirklich ein Genuss, Deine Verse zu lesen, selbst dann, wenn sie scheinbar Grausames beschreiben. (Was wären die Habichtkinder ohne die der Dohlen...) Bei Dir verschmelzen unbelebte Natur und Kreaturen wirklich zum großen Ganzen, als das man sie leider zu selten wahrnimmt. Uneingeschränktes Lob auch von mir. Eine Idee, nur zum Nachdenken, auf keinen Fall als Kritik zu verstehen: in der letzten Zeile der vorletzten Strophe dachte ich: "..wird ein junger Tod vollzogen."

    Sehr gern gelesen, noch lieber gelobt. Danke! Liebe Grüße

    the witch
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    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  5. #5
    königindernacht Guest
    Guten Abend, lieber U.,

    tatsächlich hat dein Gedicht eine starke Dynamik und durch den sauberen Reim fließt es beim Lesen, die Bilder sind stark und lebendig. Da schließe ich mich Woitek völlig an.
    Wenn es dennoch ein Nachfragen gibt, dann bezieht sich das auf folgende Stelle:
    "Zyklopenhafte Wände ragen,
    zerborsten unter der Gewalt
    und Last der Berge, ..."

    Wenn diese Riesenberge ragen, können sie nicht zerborsten sein. Ich weiß, was du erzählen möchtest, aber dann müsste dort ein anderes Verb stehen, z.B. "geborsten".
    Und noch einmal die gleiche Strophe:

    Du arbeitest hier mit einer Einschiebung (zerborsten unter der Gewalt
    und Last der Berge, die sie tragen,). Lasse ich sie weg, bleibt Folgendes stehen:

    Zyklopenhafte Wände ragen,
    ...
    als ächzten sie aus Kluft und Spalt.

    Du merkst bestimmt auch, dass dein "als" hier nicht stimmig ist. Oder dein "Ragen". Vielleicht feilst du noch an dieser Strophe- das Bild stimmt, aber noch nicht ganz die Umsetzung.

    Herzlichst, KÖ

  6. #6
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    Liebe KÖ,

    sorry, Erebus, wenn ich hierzu kurz Stellung nehmen darf: Ich beziehe den Vergleichssatz nicht auf das "Ragen", sondern auf das "Tragen": Die Berge tragen die Last, als ob sie unter ihr aus... ächzten. Unstimmig finde ich das nicht. Seh ich da was falsch? Liebe Grüße an Euch beide

    the witch
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  7. #7
    königindernacht Guest
    Liebe Witch:

    Es liest sich doch so:

    Zyklopenhafte Wände ragen,
    zerborsten unter der Gewalt
    und Last der Berge, die sie tragen,

    d.h. sie ragen zerborsten- das geht eben nicht, denn zerborsten heißt ja, dass sie nicht mehr riesig sind. Geborsten bedeutet aber: Sie sind zwar groß, aber in sich voller Klüfte.
    Und sie ragen, als ächzten sie unter der Last.- Das Wort "als" stimmt eben nicht. "Als" wird in diesem Zusammenhang als ein Vergleich benützt, und der bezieht sich eben auf Vers 1. , weil die Zeilen 2 und 3 eine inhaltliche Einheit bilden.

    Klarer ist m.E. :

    Zyklopenhafte Wände ragen,
    geborsten unter der Gewalt
    und Last der Berge, die sie tragen,
    die Bürde ächzt in Kluft und Spalt.

    oder so... KÖ
    Geändert von königindernacht (29.08.2007 um 23:08 Uhr)

  8. #8
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    Liebe the witch,

    es fällt ja viel leichter, etwas zu Papier zu bringen, wenn man dafür gelobt wird. Da siehst Du, das Du an meinem Schreiben teilhast, und dafür danke ich Dir sehr.
    Ich kann mit meinen Bildern aus einer Erfahrung schöpfen, die mir zum einen aus eigener Neigung, zum anderen aber durch meine Eltern zugekommen ist, denen ich erst jetzt bewusst dafür danken könnte.

    Und: Experimentieren - das tue ich doch ständig..

    ich habe auch schon mal was eingestellt, falls es Dich interessiert: schau mal Es schneit, Jojo , Du über exponentiellem Integral


    Deinen Vorschlag werde ich umsetzen.Ich frage mich immer, warum ich es selbst nicht sah, mir war ein anderer Klang nahe, weil ich ursprünglich eine andere Formulierung benutzte, ein anderes Bild an dieser Stelle beschrieb.

    Ich bedanke mich ganz herzlich

    Liebe Grüße
    Ulrich
    __________________

    Liebe kö,


    in der Tat habe ich zwischen zer- und geborsten gestanden, ja, auch weitere Furmulierungen durchgespielt.
    Den feinen Unterschied habe ich dann vernachlässigt, weil ich das "zer" als stärker empfand und die Wiederholung des Buchstabens am Versanfang mich verführte.
    Du hast allerdings völlig recht, das werde ich unbedingt ändern.
    Das "als", da tue ich mich allerdings viel, viel schwerer: einen guten Ersatz zu finden. Deinen Einwand kann ich absolut nachvollziehen: Was ragt schon, als ob es ächzt? Zwar ist der sinn klar, siehe die Ergänzung durch the witch, aber die Ellipse des "ob sie unter ihr" ist schon etwas happig.

    Ich werde noch etwas Zeit dafür brauchen und mit mir zu Rate gehe, wobei ich Deinen Vorschlag "die Bürde ächzt in Kluft und Spalt." auf jeden Fall berücksichtigen werde

    Ich bedanke mich ganz herzlich für Deine Unterstützung (und natürlich für Deine Zustimmung)


    Liebe Grüße
    Ulrich
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  9. #9
    königindernacht Guest
    Lieber U.,

    da hast du für die kritische Stelle doch eine wunderbare Lösung gefunden!*freu*

    Herzlichst, KÖ

  10. #10
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    Liebe Kö,

    danke für die zusätzliche Bestätigung, und den wegleitenden Hinweis.
    Ich finde es jetzt auch viel besser.

    LG
    Ulrich
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  11. #11
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    Hallo basse,

    ich danke Dir für die lehrreichen Auslassungen. In der Tat ist es unsicher, ob der Habicht in der angegebenen Weise, im Vorbeiflug, ein Junges aus dem Nest greift. Das er als Räuber der Jungvögel in Betracht kommt, steht für mich ausser Frage. Es käme lediglich darauf an, seitens des Autors, die Szenerie passender auszuformulieren, etwas die Breite des Felssimses festzulegen, oder den Jungvogel einen Meter neben dem Nest auf dem Felsen sitzen zu lassen. Auf die hieb- und stichfeste wissenschaftliche Ausarbeitung legte ich indes keinen Wert.
    Der Greifvogel verkörpert gewiß Eigenschaften wie Eleganz, Tödlichkeit etc. Aber ebenso faszinierend, nein, in meinen Augen sogar faszinierender sind Singvögel, die den Greifvogel aus dem Brutgebiet vertreiben und sich todesmutig im Flug auf ihn stürzen.
    Auch der Tod des Jungvogels hat eine Faszination, die Du wohl ganz richtig mit dem Kindchenschema und dem "ungerechten" Blurvergiessen benennst.
    Die verschlüsselte Botschaft, oder den Anklang einer solchen, werde ich aber nicht offenlegen. Was nützte es? Ich raubte dem Text etwas, das ihm gegeben ist, und so will ich es lassen.

    Ich bedanke mich!

    LG
    Ulrich

    _____________
    Hallo Acomas,

    Dir danke ich für Dein Lob und die wiederholte Hilfe, die Du mir schon anderen Ortes zukommen ließest

    LG
    Ulrich
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  12. #12
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    Lieber Uli,
    kaum ein paar Tage nicht da und es gibt viel zu lesen und zu betrachten.
    Dieses Gedicht wird von einer erhabenen Faszination getragen und gefällt mir sehr.
    Du hast mit Worten Bilder der Eleganz und Stärke mit blutigem (naturbedingtem) Geschehen verbunden, zum Gedicht gemacht und keinen Raum für Anprangern gelassen.
    Wer beobachtet, weiß dass es so ist und er läßt es so sein.
    Ein sehr gutes Naturgedicht, das in Bildern eine ganze Weile nachwirkt.
    Liebe Grüße
    Dana
    Die Seele ist kein Wasser, dessen Tiefe gemessen werden kann. (ind. Sprichwort)

    - Ich bin umgezogen. Meine neue Zuhause-Seite ist in meinem Profil zu finden -

  13. #13
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    hallo Erebus,

    den Jagdflug des Habichts hast du in ansprechenden Wortbildern geschildert. Wortwahl und Schreibstil finden mein Gefallen. Zur Form muss ich dir nichts sagen, auch der Kreuzreim zieht sich durch das ganze Gedicht. Nur an einer Stelle, habe ich m. E. einen unsauberen Reim gefunden. In der letzten
    Strophe schreibst du:

    Klippen - Gestrüppen

    aber das ist nur eine Kleinigkeit und vielleicht auch Ansichtssache.
    Auf alle Fälle gern gelesen.

    Viele Grüße
    Speedie
    [FONT="Arial Narrow"]Fantasien sind für manche Menschen unvorstellbar. (Gabriel Laub)

  14. #14
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    Liebe Dana

    wie lieb, dass Du mich besuchst.
    Du hast ganz recht, es ist die Faszination im Angesicht und der Erinnerung einer kolossalen Natur, die mich hier leitete. Genau genommen wohl die Mixtur von Eindrücken, die ich von Reisen mitbrachte, sowohl aus den Alpen, den Pyrenäen, eines Cirque de Gavernie wie auch solchen des Canon dur Verdon.
    Mitunter denke ich, das So-sein-lassen der Dinge in Gedichten, das ist genau die Aufgabe, die ich zu bewältigen habe.
    Auch wenn sie beim Durchgang durch meine Person und Natur eine Beifärbung erhalten, hier vielleicht einen leichten Ton der Überhöhung.
    Ich will mich davor hüten, Tendenzen oder Vagheiten hineinzubringen, deren ich mir nicht sicher bin, die ich selbst nicht wirklich nachvollziehen kann oder nie vollzog.
    Z.B. Gedichte über historische Ereignisse, die ür mich nur Fragen aufwerfen, wie könnte ich da ein Gedicht mit Antworten schreiben?
    Das nur nebenbei, diese Äußerung wurde Durch Deinen Anmerkung angeregt, betreffend So-Sein.

    Ich danke Dir!

    Lieber Gruß
    Uli

    ___________________

    Hallo Speedie

    Ich bedanke mich für Dein Vorbeischauen.
    Ja, mit dem unreinen Reim hast Du Recht. Es ist aber eine merkwürdige Sache für mich: denn ich liebe ab und an diese Unsauberkeiten, finde sie gradezu verführerisch. So auch in diesem Fall.
    Ich denke auch, das es ledigliche eine Ansichtssache ist. Auch wenn man das nicht mag, kommt man an dieser Stelle noch ganz gut darüber hinweg.

    Das Die Bilder, Wortwahl und Schreibstil gefallen ist mir ein großes Lob,

    Ich bedanke mich

    Lieber Gruß
    Uli
    .....
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