1. #1
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    Lira (Strophenform)

    Schon endlos lange mal geschrieben, aber scheinbar auf dotcom gar nicht reingestellt, oder ich hab grad nen Blackout. Naja, vllt. interessierts ja jemanden.


    Aufbau und Besonderheiten:
    Die Strophe besteht aus 5 Versen, welche im Schema ababb geschrieben sind. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Silbenanzahl auch festgelegt ist, und zwar im Muster 7-11-7-7-11.

    Ein festgelegtes Metrum ist hierbei nicht zu beachten. Zu beachten ist allerdings, dass ein Wechsel von Trochäus in den Jambus sinnvoll ist, um nicht in die "Verlegenheit" zu geraten, dass z.b. weibl. Kadenz auf einen Auftakt prallt, und somit einen Lesebruch erzwingt.

    Eine Besonderheit: Die Lira kann auch 6 Versig sein, hat dann das Schema ababcc, wobei die Silben dann nach dem Schema 7-11-7-11-7-11 aufgebaut sind.


    Wirkung:
    Die richtige Wirkung entfaltet sie allerdings meiner Meinung nach vor allem als 5 Versige Strophe. Und damit auch gleich zu der Wirkung im Speziellen.
    Die Lira liest sich sehr ruhig, fast schon würdevoll. Vor allem der zweite Vers gibt ihr immer wieder ein wenig Schwung. Nehmen wir es als Vergleich, so könnte man die Strophe mit der sanften Brandung eines Meeres gleichsetzen. Von daher ist die Strophenform ideal dazu geeignet ruhige und sanfte Texte zu schreiben.


    Beispiel:
    Ein kleines Beispiel zum Abschluss noch. Ich nehme - man verzeihe mir - mal ein eigenes Gedicht, ganz einfach deshalb, weil ich mich damit am besten auskenne.
    Falls lieber ein bekannter Dichter bevorzugt wird verweise ich auf "La noche oscura" von Juan de la Cruz.

    Hier die erste Strophe des Gedichtes "xi nao jin"

    Lass dich vom Winde treiben,
    und Luft wird Mauersteine aus dir pressen,
    kein Staub wird übrig bleiben,
    das Weltbild neu vermessen,
    auch Fluchtgedanken lassen sich vergessen.

    xXxXxXx
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXx
    xXxXxXx
    xXxXxXxXxXx

    Metrisch im Jambus durchgezogen, unterstützt die recht schnelle, aber gleichmäßige Leseart. Was hierbei vor allem auffällt, um das oben angesprochene Problem der Kadenzen ein wenig abzuschwächen, jedes Versende ist mit einer bewussten Zäsur ausgestattet, so holpert es nicht.

    Ich hoffe die kleine Erklärung hat ein wenig was gebracht. Sollte es weitere Fragen geben nur zu, ich hab sicherlich das ein oder andere zu knapp erklärt und muss noch nacharbeiten.
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
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  2. #2
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    Ey, es tut mir schon fast Leid zu sehen, wie deine gründliche Recherche hier nicht zur Kenntnis genommen wird. Tolle Informationen, ich glaube ich werde mich auf Grund deines Themas hier mal an einer Lira versuchen. Wäre cool, wenn du noch andere Gedichtformen vorstellen könntest.

    Danke und LG

    Patrick
    So dürft ihr mich nennen:
    Dutrottel; Patrick; Ihro Trotteligkeit

    Hier exklusiv: MEINE GESAMMELTEN WEEEEERKEEEEE!!!

  3. #3
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    Hallo Ensimismado,

    Dein selbst gegebenes Beispiel ist sehr anschaulich und beeindruckend. Weißt du aber vielleicht noch andere Beispiele aus der deutschen Dichtung?

    Tiresia.

    Der sei nicht mein Genoss, der mir zum Weine beim vollen
    Becher von Fehden erzählt und von dem leidigen Krieg.
    - Anakreon.

  4. #4
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    Hi,

    @Ichtrottel, freut mich, dass die Informationen gut und verständlich sind, werde gerne mal schauen, wann ich Zeit und Lust habe noch die ein oder andere Strophe vorstellen zu können. Hab da durchaus noch nen paar im Hinterkopf.

    @Tiresia, ich suche schon länger nach Beispielen aus der deutschen Dichtung, bin jedoch bisher nicht fündig geworden. Lediglich eine Übersetzung (Kardinal Diepenbrock) des Werkes "La noche oscura" (Juan de la Cruz), ist mir bekannt. Diese findet man auch relativ leicht im Netz. Sollte ich noch einen deutschen Text finden, melde ich mich aber gerne.

    Gruß,
    Flo
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