1. #1
    Sigmar Erics Guest

    Platens Muster-Ghasel

    Das folgende, titellose Gedicht von August von Platen (1796-1835) ist das schönste Exemplar der Formgattung 'Ghasel', das ich kenne.
    Außerdem ist es eines meiner Lieblingswerke von diesem Dichter (neben "Tristan" und "Wach auf, wach auf! o Hafis").


    Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
    Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts,
    Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
    So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts.
    Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
    Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts.
    Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
    Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts.
    Dies wissen alle, doch vergißt es jeder gerne jeden Tag.
    So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
    Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
    Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
    Es hoffe jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab,
    Denn jeder sucht ein All zu sein und jeder ist im Grunde nichts.

  2. #2
    Sigmar Erics Guest
    Lieber Ferdi,

    nun ja, schreib es der Unbedarftheit der Jugend zu, daß mich dieses Gedicht schon vor vielen Jahren begeistert hat. Ich weiß, daß Platen von vielen nicht geschätzt wird - wenn die Fama (ich meine die Fama draußen im Lande, nicht Cyparis ... ) Recht hat, dann gehörte Platen selbst zu seinen Verächtern, weil er sich immer an den Größten maß. Zu denen gehörte er nicht. Aber er hat gültige Werke hinterlassen, und dieses gehört dazu.

    Vielleicht ist das Gedicht deshalb so stark, weil es eben keine reine Formübung ist (ich behaupte kühn, aber ich stehe zu meiner Ansicht!). Platen erlebte seine homosexuellen Sehnsüchte als vergeblich. Außerdem sah Platen, wie gesagt, sein eigenes Dichten als vergeblich an. Und hier spricht er von der Vergeblichkeit, d.h. dem, was ihn innerlich bewegte.
    Paradoxerweise gehört es zu denjenigen seiner Texte, die es verdienen, aufbewahrt zu werden, die also nicht vergeblich geschrieben wurden.

    Du hast Recht, es ist nicht sinnlich. Es ist auch nicht sinnlich gedacht. Es ist Ausdruck eines Weltschmerzes, eines Lebensgefühles, nach dem das ewige Streben und die Hoffnung auf Erlösung (vgl. Goethe) sinnlos sind. In diesem Forum würde man es in der Rubrik 'Nachdenkliches und Philosophisches' einstellen. Da kann man wohl auch einmal ein Stück Begriffsdichtung gelten lassen, oder nicht?


    Platen ist auch nicht mein absoluter Favorit, aber ich halte ihn für unterschätzt. Dein Kommentar gibt mir recht. Auch deshalb habe ich ihm hier eine Stelle einräumen wollen.

    Verstehe mich aber bitte nicht falsch: natürlich respektiere ich Deine Meinung.
    Woran erkennst Du das Bemühen?
    Hast Du Ghaselen von Dir hier gepostet?
    Wie finde ich sie? Ich meine: unter welchem Titel?


    Liebe Grüße,
    Sigmar


    P.S.: Kennst Du auch Ludwig Eichrodts 'Aus der Ghaselenfabrik'? Wenn nicht, schicke ich es Dir gerne per PN, wenn Du magst. Zum Schreien!
    Geändert von Sigmar Erics (05.11.2007 um 22:05 Uhr)

  3. #3
    Sigmar Erics Guest
    Alles erledigt, lieber Ferdi!

    Ist es nicht herrlich, daß so eine alte Form wie das Ghasel immer noch, und in vielfältiger Weise, am Leben ist?

    Deine Aussagen über Platen können hier nicht als das letzte Wort stehen bleiben.

    Ich sagte es bereits: ich respektiere Deine Meinung. Für den vergleichenden Hinweis auf Hebbel danke ich Dir, den habe ich bisher noch etwas vernachlässigt (war zu sehr mit Goethe beschäftigt, Du verstehst...zunächst muß man ja die ganz Großen abarbeiten; zu den Mittelmeistern kommen erst die Kenner ganz allmählich... )

    Keineswegs will ich Platens Verse hirnschmalzig aufdröseln und irgendjemanden hier intellektuell überfordern. (ich meine natürlich MICH, als Aufdrösler...)

    Natürlich ist es sachlich falsch, daß kein Gesunder sich um Kranke kümmerte, und sicher ist es für jemanden, der das Leben genießt, nicht nachvollziehbar, wie man es sich möglichst kurz wünschen kann. Ich lese das Gedicht aber gar nicht als philosophische Aphorismenreihe.

    Wie schon angedeutet, höre ich hinter den Sätzen eine Stimme. Diese Stimme klingt sonor, aber schon müde, noch nicht alt, aber desillusioniert und enttäuscht von den Menschen um sich herum; ja, auch ein bißchen wehleidig, aber ich bringe Verständnis dafür auf. Diese Stimme, die Gefühle eines Mannes, der SO von der Welt und der Nichtigkeit des menschlichen Strebens spricht - die interessieren mich, die berühren mich.

    Davon abgesehen: lieber Ferdi, Platen war ein Dichter. Er war, wenn ich mich hier ein bißchen aus dem Fenster hängen darf, einer von uns. Ich finde, daß er für sein Lebenswerk Respekt verdient, und daß es nicht einer Pointe wegen pauschal abqualifiziert werden sollte:

    Ich unterschätze ihn auch nicht. Ich halte nur die meisten seiner Gedichte für schlecht
    Immerhin hat die Literaturgeschichte ihm seinen Platz zugestanden. Ich für meinen Teil möchte das Gleiche tun und bei einem Gedicht zuerst darauf schauen, was da ist, und nicht darauf, was (im Vergleich zu anderen) vielleicht fehlt, um es zu kritisieren.
    Aber jeder, wie er mag.

    MIR, der ich noch lebe und an meinen Gedichten noch herumbessern kann, helfen Deine schonungslosen Kritiken übrigens sehr; nicht, daß Du diese Worte mißverstehst: sie sollen hier nur für Platen gesprochen sein, der sich selbst nicht mehr gegen Dich wehren kann.


    Liebe Grüße,
    Sigmar
    Geändert von Sigmar Erics (07.11.2007 um 20:16 Uhr)

  4. #4
    Sigmar Erics Guest
    Oh, Ferdi, bitte leg den Harnisch ab!
    Ich will ja gar nicht mit Dir streiten.

    Im Zusammenhang mit Deinem Distichen-Faden (zu dem ich gerne immer wieder zurückkehren werde, um die Muster zu studieren) lesen sich Deine Worte tatsächlich anders. Ich habe Dir unrecht getan und entschuldige mich.
    Versteh bitte, daß Deine Worte innerhalb dieses Fadens für mich ein wenig mißverständlich waren.

    Vielleicht können wir uns in der Mitte treffen und bei Künstlern einen Unterschied machen zwischen groß (z.B. Hebbel, wenn Du willst), mittelmäßig (z.B. Platen, meinetwegen) und schlecht, pädagogisch sinnvoller gesagt: unreif (Sigmar Erics). Daraus würde dann klar, daß Platen nicht der Größte ist, aber eben auch das harte Urteil 'schlecht' für das Gros seines Oeuvres nicht verdient. Wenn seine Verse wirklich 'schlecht' wären, würden sie nicht gedruckt, denke ich. Aber vielleicht bin ich auch noch zu naiv.

    Ich wiederhole mich, weil mir das so wichtig ist: Auf Deine Meinung, die ohne Zweifel qualifiziert ist, hast Du jedes Recht der Welt. Wenn ich Dir etwas entgegenhalte, dann eben aus meiner abweichenden Meinung heraus, und um die Stellung Platens differenziert zu erörten.

    Fritze, komm mal kurz: was meinst Du denn dazu?

    Platen

    Vieles hast du getan, man soll es mit Liebe dir danken,
    Hast der äußeren Form streng wie kein zweiter genügt,
    Hast die innre erkannt und alle Reifen der Sprache,
    Welche der Leichtsinn sprengt, wieder zusammengeschweißt.
    Eines fehlt dir jedoch, die sanfte Wallung des Lebens,
    Die in ein reizendes Spiel gaukelnder Willkür den Ernst
    Des Gesetzes verwandelt und das im Tiefsten Gebundne
    So weit löst, bis es scheint, dass es sich selbst nur gehorcht.
    Dennoch verschmilzt nur dies die äußere Form mit der innern,
    Und man erreicht es nur so, dass die Gebilde der Kunst
    Wirken wie die der Natur, und dass, wie Blumen und Bäume,
    Keiner sich auch ein Gedicht anders noch denkt, als es ist.
    Hebbel stellt als erstes fest: Platen gebührt liebevoller Respekt für sein Schaffen. In schlichteren, schlechteren Worten habe ich oben etwas Ähnliches gesagt.
    Als zweites: sein Handwerk hat er meisterlich verstanden.
    Damit können seine Gedichte, nach meinem Verständnis des Wortes, nicht schlecht sein.
    Als Drittes: aus seinen Versen spricht etwas Unlebendiges, Unorganisches, es erfüllt in dieser Hinsicht nicht das künstlerische Ideal der Naturnachahmung.
    Das ist, wie ich oben schon vertreten habe, auch Ausdruck eines von der Natur abgeschnittenen Lebensgefühls, von Deprivation, und als solches künstlerisch zu würdigen.
    Aber es ist natürlich ein Mangel, kein Ideal. Eben dies fehlt ihm zum großen Künstler.

    Darauf können wir uns einigen.


    Und daß Hebbels Verse auch über Platen hinaus Bedeutung haben, ist wohl richtig: ich zumindest werde mir diese Verse ein paar Nächte unters Kopfkissen legen. Vielleicht hilft es ja.


    Lieber Ferdi, ich diskutiere gerne mit Dir. Du hast viel zu vermitteln, was sich mit meinem Bedarf an Input deckt. Und daß Du sehr hohe Maßstäbe anlegst, ist ja kein Nachteil. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in diesem Forum noch öfter friedlich über diejenige Kunst austauschen könnten, die uns beiden am Herzen liegt.
    Aber vorher lese ich Deine Sprechzimmer-Fäden...

    Liebe Grüße,
    Sigmar
    Geändert von Sigmar Erics (09.11.2007 um 20:27 Uhr)

  5. #5
    Sigmar Erics Guest
    Lieber Baratheon,

    Deine an Ferdi gerichteten Worte unterstütze ich voll und ganz. Auch ich habe in der kurzen Zeit meines Hierseins einiges von ihm gelernt.

    Den Inhalt Deines Gedichtes kann ich nicht sicher zuordnen (von wem sprichst Du? Von Platen? Von mir? Von Dir selbst?). Darum werde ich es inhaltlich auch nicht kommentieren.
    Formal ist es zwar durchaus ein Ghasel, denn es erfüllt die Mindestanforderungen (Reimschema a-a-b-a-c-a-d-a). Alle großen Meister haben in Beiträgen zur Gattung aber einen mehrsilbigen Reim gewählt, eine epiphernhafte Erweiterung des Reimwortes um ein Attribut, einen Halbsatz o.ä. Der ritornellähnliche Charakter dieser Endung gibt dem Ghasel seinen sinnlichen Reiz. Außerdem gibt die Wiederholung der Schlußworte die Möglichkeit, einen wahlweise rauschhaft um sich selbst drehenden oder einen wahnhaft insistierenden Effekt zu gestalten.
    Vielleicht kannst Du Deine Zeilen daraufhin nochmal überarbeiten, in der Werkstatt zum Beispiel. Da hätte es tatsächlich einen angemesseneren Platz als in diesem Faden.

    Ich lade nunmehr herzlich dazu ein, nach einer länglichen Bestimmung des Stellenwertes des Dichters das oben eingestellte Gedicht zu kommentieren.
    Geändert von Sigmar Erics (09.11.2007 um 22:52 Uhr)

  6. #6
    Sigmar Erics Guest
    @ Robert Gernhardt

    Wenn ein Autor gereimter Witzesammlungen wie Robert Gernhardt...so könnte ich anfangen, aber ich verstumme, schlucke meine irrationalen Aufwallungen herunter und wende mit ruhiger Stimme ein, daß Platen sich durchaus 'nichts' an bestehende sprachliche Konventionen kehren kann, wenn er will - er ist schließlich Dichter und darf unsere Sprache um neue Wendungen bereichern. Ich jedenfalls habe immer sofort verstanden, was Platen gemeint hat.
    Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag wird in der Betriebswirtschaft untersucht, nicht aber in der Kunst. Und Platen hat ein Gedicht geschaffen, in dem wesentliche Aussagen getroffen und formal ansprechend eingerahmt werden. Wie lange er daran gearbeitet hat, wissen wir nicht und spielt auch keine Rolle.

    Ich will einmal paraphrasieren, um deutlich zu machen, was ich hier herauslese :

    Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
    Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts,
    Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
    So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts.
    "Seht doch, wie die Menschen am Leben leiden! Und interessiert es jemanden? Hilft ihnen jemand? Nein. Das Leiden wird nur immer multipliziert, und der einzige Trost, 'das Beste, was es sendet,/ Ist das Wissen, daß es endet, / Ist der Ausgang, ist der Tod.' (Fontane, Leben). "


    Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
    Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts.
    Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
    Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts.
    "Wie langweilig, wie immerfort sich wiederholend ist der Fortpflanzungsprozeß. Dagegen ist die Vielfalt der Todesarten geradezu spannend...der Tod ist das Interessante am Leben. Ja, der Tod...hm. Die Welt kehrt sich ja nichts daran, wenn wir krepieren. Und daß wir krepieren, ist gewiß, dagegen kann sich keiner wehren, sei er nun Mediziner oder Millionär - oder auch einfach ein Mensch, der das Leben liebt und daran hängt: am Ende rafft ihn die Verzweiflung über seine Sterblichkeit dahin. Und dann fühlt er nichts mehr, nicht einmal Bedauern."

    Dies wissen alle, doch vergißt es jeder gerne jeden Tag.
    So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
    Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
    Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
    Es hoffe jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab,
    Denn jeder sucht ein All zu sein und jeder ist im Grunde nichts.
    "Ja, ich weiß es doch, man braucht es mir nicht vorzuhalten: das haben die Philosophen schon vor Jahrtausenden gesagt, in der Bibel steht es, eigentlich sagen es einem auch der gesunde Menschenverstand und ein waches Auge, aber - sind die Menschen sich ihrer Kleinheit und Sterblichkeit bewußt? Nein! Sie vergessen sie, verdrängen sie. Sie hängen ihr Herz an Nebensachen, streben danach, alles einmal gemacht und gesehen zu haben (Bungee-Jumping, Südafrikareise, Stones-Konzert..), UM JA NICHTS ZU VERPASSEN! Oh Mann, und dabei fühlen sie sich selbst so groß, ihre Bedürfnisse, ihre kleinen Wehwehchen, ihre GEDICHTE finden sie SOOOO wichtig, und was sind sie am Ende? Nichts. Staub. Eine Millisekunde. Fast vorbei, bevor sie beginnt."

    Sehr geehrter Herr Gernhardt, ich kann nicht anders, als diesem konsequent von mehreren Seiten her beleuchteten Gedanken zentrale Bedeutung zuzumessen. Es ist einfach wahr, was er sagt. Und er sagt ausdrücklich, daß er nicht der erste ist, der es sagt. Und zu Recht weist er darauf hin, daß die Menschen die Konsequenzen aus diesem Wissen nicht ziehen.
    Es lohnt jeden denkbaren künstlerischen Aufwand, einen solchen existentiellen Gedanken nochmals auszusprechen.

    Die Sprache, die er spricht, ist ein bißchen künstlich. Aber dazu habe ich oben schon etwas gesagt. Begabte Menschen, die viel allein sind, entwickeln manchmal eine etwas stilisierte, zu wenig fließende Sprache. Und eben solche Menschen würden als Lyrisches Ichs eben solche Gedanken äußern. Eine Deprivation wie die, in der Platen nachweislich lebte, ist sowohl eine Quelle des Leidens an der Welt und der trüben Stimmungen als auch der Grübelei. Die Grübelei aber bringt Gedanken hervor, wie sie hier geäußert wurden, und zugleich eine etwas mühsame Art, sich mitzuteilen.
    Die Sprache und die Gedankenführung sind folglich nicht zu bemängeln, sie entsprechen derjenigen menschlichen Grundkonstitution, die in dem Lyrischen Ich herrscht. Ich betrachte es als angemessene Gestaltung und Beitrag zu der Stimmung, die in dem Gedicht transportiert wird.

    Auch die anspruchsvolle Form des Ghasels ist hier nicht Selbstzweck, wie mir scheint. 'Einförmig stellt Natur sich her', das ist eine tragende Säule der Argumentation, denn sie basiert darauf, daß die Sterblichkeit alle Menschen, ja das Wirken der ganzen Menschheit betrifft. Alles, was die Menschheit schafft, wird eines Tages mit ihr untergehen, weil alle Menschen in gleicher Weise sterblich geboren sind.
    Einförmig sind dementsprechend die Versenden. Ganz gleich, wo der Gedanke anfängt, er endet immer in der Vergänglichkeit, im Tod, im 'nichts'.

    Und die Reimendung? Ist sie denn willkürlich gewählt? '-unde': sanfte, stimmhafte Konsonanten ohne heftige Aktivitäten der Organe oder des Atems, die gebühren dem traurigen, resignierten Künstler; dazu ein dunkles 'u' und ein trüber Schwa-Laut.
    Es ist alles in zweierlei Weise 'stimmig'.

    "Was bedürfen wir weiter Zeugnis?" Das Zeugnis, Herr Gernhardt, das sie Herrn von Platen ausgestellt haben, ist aufzuheben. Sie können ihn gern haben.


    @ Ferdi

    Lieber Ferdi,
    Deinen Rat habe ich gerne angenommen und bin in der Umsetzung sogar noch weiter gegangen: ich habe jetzt alle Beispiele für die großen Meister getilgt, erstens, damit sich niemand (wie Rückert) ausgeschlossen fühlen kann, zweitens, weil dieser Einschub weitere Abschweifungen provozieren könnte (ich wollte eigentlich über dieses Ghasel sprechen, nicht über Ghasele generell), und drittens, weil mein Versuch zu entscheiden, wer zu den Großen Meistern gehört, tatsächlich anmaßend war. Mir fehlen dazu sowohl die Kenntnis der Werke als auch die globale Urteilsfähigkeit. Beides will ich erst in Zukunft aufbauen.

    Was die Wertschätzung für Platen betrifft, so scheint mir, daß wir uns aufeinander zu bewegt haben, bzw. daß ich Dich nun (beim dritten Versuch) endlich ungefähr verstanden habe.
    Deine Definition für den großen Künstler kann ich mittragen. Wie ich oben Herrn Gernhardt auseinandergesetzt habe, empfinde ich dieses Werk als Meisterstück und halte es für einen ausreichenden Grund, diesen Titel zuzuerkennen. Ich überlege aber, ob ich auch den 'Tristan' hier noch ergänzen soll, in einem weiteren Faden.

    Aber nicht mehr heute. Ich muß morgen wieder früh raus und stimmlich fit sein.


    Freundlich den Hut vor Dir ziehend
    grüßt
    Sigmar
    Geändert von Sigmar Erics (09.11.2007 um 23:58 Uhr)

  7. #7
    Sigmar Erics Guest
    Hallo, Ferdi!

    Nun, Du hast sicher recht, daß dies die naheliegendere Deutung von Gernhardts Worten ist. Ich habe es mit Bezug auf 'angestrengt' gelesen, also die Kritik so verstanden: er hat so viel Arbeit geleistet, um die Form korrekt zu gestalten, und dabei so wenig auszusagen. Ich räume aber ein, daß das ein Mißverständnis sein dürfte.

    Wie dem auch sei: wenn er eine geringere Zahl an Versen gesetzt hätte, würde sich der Eindruck von Monotonie nicht einstellen, der die zentrale Aussage des Gedichtes unterstützt (s.o.). Grundsätzlich stimme ich Dir zu: Knappheit kann im Dichten eine Tugend sein. Aber sie ist nicht das einzige Kriterium: Abweichungen von diesem Prinzip sind von Wert, wenn sie eine Aussage enthalten. M.E. ist das hier der Fall.

    Außerdem höre ich die Ghaselform in dieser Ausprägung mit den Ohren eines Musikers, auf den Ritornelle und Refrains immer einen großen Reiz ausgeübt haben.

    Was ansonsten die Fülle des Wortmaterials angeht: das Thema ist doch so groß, daß es mit diesen wenigen Zeilen bei weitem nicht ausgeschöpft ist.

    Ich muß weiterhin den Pilatus machen und über das Gedicht sagen:
    Ich kann keine Schuld an ihm finden!


    Gute-Nacht-Gruß,
    Sigmar
    Geändert von Sigmar Erics (10.11.2007 um 00:45 Uhr)

  8. #8
    Sigmar Erics Guest
    @ Baratheon

    Nun, lieber Baratheon,

    ich fühle mich ja sehr geehrt, daß Du außer an Ferdis Aufmerksamkeit auch an meiner interessiert bist. Und ich muß Dir zugestehen, daß Du sie Dir wirkungsvoll verschafft hast.
    Ich wäre Dir aber tatsächlich dankbar, wenn Du Deine Gedichte in Deinen Gedichtfäden unterbringen würdest oder in einem allgemeinen Ghasel-Faden. In einem Faden mit dem Namen "Platens Muster-Ghasel" sind sie Abschweifungen (neudeutsch: 'off-topic') und kosten einen Leser, der sich für Platen interessiert, unnötig Zeit. Ich möchte daher Dein Angebot annehmen und Dich in aller Kollegialität bitten, sie per EDIT hier herauszunehmen und als Gedichte zu posten. Ich verspreche Dir auch, daß ich sie dann kommentiere, wenn Du das möchtest. Ich kann das zwar nicht so gut wie Ferdi, aber ich will mein Bestes tun. Schick mir einfach eine PN mit einem entsprechenden Hinweis.

    ============
    EDIT 11.11.:
    @ Ferdi

    Oh, das hat sich wohl überschnitten! Ich muß sagen, daß ich es keineswegs bedaure, daß Du Dich hier gemeldet hast. Es hat mich keinen Moment irre gemacht, sondern mir die Anregung gegeben, meine Wertschätzung für dieses Ghasel konkreter in Worte zu fassen. Und wenn ich Dir ein oder zwei Gedanken dazu (oder auch zu Geibel) ans Herz legen konnte, war die Zeit für Dich auch nicht ganz verschwendet.
    Die Äußerung über Gernhardt war polemisch gemeint, nicht als sachliches Urteil. Gerade in seinem Spätwerk hat er ja Großes und Ernstes geschaffen.
    So wie er über Platen redet, hat er es aber nicht anders verdient.
    Tatsächlich nehme ich keine unfreiwillige Komik an dem Gedicht wahr, weil ich alles im Sinnzusammenhang der Aussage lese. Komik kann sich nur für den ergeben, der den Zusammenhang nicht sieht und daher das Mittel als zusammenhanglos und unpassend empfindet. Mein ehrfürchtiges Staunen beschränkt sich keineswegs auf die Reimkunst, die Gernhardt anspricht. Sie bezieht sich auf die Umsetzung der Aussage mit künstlerischen Mitteln in jeder Einzelheit.

    Du warst ein gern gesehener Gast in diesem Faden. Ich sehe aber sofort ein, daß Du noch anderes zu tun hast, als mit Studenten zu diskutieren...
    ============

    @ alle an Platen interessierten Leser

    Ich habe mir erlaubt, wegen des Ghasels weitere Fachleute zu befragen und möchte zwei Stellen einer Interpretation von Walter Schmitz mit dem Titel 'Rhetorik des Nihilismus" zitieren (aus Bd. 4 der "Gedichte und Interpretationen" in der Universalbibliothek).

    Die erste arbeitet in dem Ghasel eine klare, dem Vorbild der antiken Rede nachempfundene Struktur heraus. Dazu muß man wissen, daß die antike Rhetorik auch für Platen noch zum allgemeinen Bildungsgut gehörte. Es ist daher nicht abwegig, diese Struktur in einem solchen Text aufzusuchen:

    "Sein Gedicht nennt und ordnet (...) bekannte Thesen, um ihre Anerkennung durchzusetzen. Gerade dieser Überzeugungsabsicht bietet die Rhetorik die Gliederung in Redeteile an. Den ersten Abschnitt, das 'exordium', gestaltet Platen als 'propositio', die thesenhaft sein Thema einführt, jene Formel von der Eitelkeit der Welt und den schwierigen, gestuften, paradoxen Topos vom wünschenswerten Tod; darauf folgt eine zweiteilige 'argumentatio', zunächst die stützenden Behauptungen (5-8) als 'probatio', die aus einem Enthymen, der Schlußfolgerung aus einem selbstverständlichen Vordersatz (5,6), und aus einem 'exemplum', einem hier recht abstrakten, doch markanten Einzelfall (7,8) besteht; - dann die 'refutatio', die Widerlegung gegnerischer Auffassungen; - schließlich zieht die 'peroratio' die Summe aus dem Vorangegangenen, kurz und treffend."
    (S.29)

    Auch die folgenden Worte füge ich an, die Platens Werk fast den Charakter einer Formenüberblendung zuerkennen wollen:

    "Gattungsästhetisch weist unser Ghasel, der Notwendigkeit rhetorischer Gliederung gehorchend, auf die seit Ende 1822 in Platens Werk für drei Jahre vorherrschende Form des Shakespeare-Sonetts hin, das aus drei Quartetten und einer zweizeiligen Schlußpointe besteht." (ibd.)

    Es handelt sich also mitnichten um eine beliebige Aneinanderreihung von Aussagen mit dem gleichen Reimwort, sondern es ist ein rhetorisch durchdachter und konsequent aufgebauter Text. Dies erschließt sich freilich nur dem, der sich den Gedanken öffnet, und die verschiedensten Gründe können ja dazu führen, daß man sich ihnen versperrt. Dies ist aber nur meine eigene, unmaßgebliche Einschätzung.


    Die andere Stelle ist ein Beleg dafür, daß meine oben vorgebrachte Deutung vor dem Hintergrund von Platens Biographie zumindest nicht abwegig ist:

    "Und man möchte fast ein verschlüsseltes Bekenntnis des homosexuellen Dichters entziffern, zumal niemand bestreiten kann, daß die Isolation des homoerotisch Veranlagten einmal biographischer Anlaß für die Einsamkeitsgefühle und den weltschmerzlichen Nihilismus in Platens früher Lyrik war."
    (S.31)

    Gibt es denn hier noch andere Meinungen über das Ghasel?
    Geändert von Sigmar Erics (11.11.2007 um 12:26 Uhr)

  9. #9
    Registriert seit
    Jan 2014
    Beiträge
    352
    Zitat Zitat von Sigmar Erics Beitrag anzeigen
    Gibt es denn hier noch andere Meinungen über das Ghasel?
    Ja.

    Ghasal

    Mey
    Froh zu sein bedarf es wenig

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