Novus Mondos

„Ich hoffe Ihnen hat die Führung gefallen und Sie haben etwas dazugelernt. Ich weiß nicht, wie Sie ihren Aufenthalt weiter gestalten, aber Sie können sich ruhig noch weiter hier umsehen, oder in unserem Cafe gegenüber etwas trinken gehen. Jedenfalls bedanke ich mich recht herzlich, dass Sie hier waren und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag."
Vereinzeltes Klatschen und ein gelegentliches „Danke!“ und „Ich fand es sehr gelungen!“ erfüllten die große Empfangshalle.
„Ich bedanken mich im Namen aller auch noch mal. Wir fanden es alle sehr gelungen.“ Frau Hänsch redete noch einen Moment mit der jungen Frau, die uns durch die gesamte Ausstellung geführt und uns jede Einzelheit über die Entdeckungsfahrten erzählt hatte. Einige Mitschüler, die interessiertesten unter uns standen neben Frau Hänsch und bombardierten die Studentin regelrecht mit allen möglichen Fragen. Ich jedoch, stand mich ein wenig abseits der Gruppe und lehnte mich gegen einen Pfeiler, der das obere Geschoss zu tragen schien. Frau Jäger und zwei Mitschülerinnen standen am Verkaufsstand des Museums und sahen sich Prospekte an.
„Eins versteh ich nicht.“ sagte Ina und kam zu mir. Ich zog meine Hand aus der Hosentasche und deutete ihr an zu stoppen. „Für Fragen jeglicher Art ist sie zuständig!“ sagte ich und zeigte auf die Studentin, die gerade vor der allwissenden Linda stand und mit ihr diskutierte. Ina schaute von der Studentin, welcher anscheinend allmählich die Argumente auszugehen drohten, kopfschüttelnd wieder zu mir. „Ich hab doch keine Frage zur Ausstellung! Ich hab kein Wort von dem, was die gesagt hat verstanden!“ Ich schmunzelte. „Du hast gar nicht erst zugehört!“ sagte ich mit gedämpfter Stimme, denn Frau Hänsch kam gerade an uns vorbei und deutete uns an, ihr zu folgen. Ich stieß mich von dem Pfeiler am und ging neben Ina Frau Hänsch hinterher. „Davon mal abgesehen,“ Ina räusperte sich kurz belustigt, „habe ich mich gefragt, warum du nicht neben Linda standest und der armen Studentin geholfen hast?“ Ich lächelte Ina halbherzlich zu und verdrehte dabei die Augen. Ina hob dich Schultern und machte eine unschuldige Geste.
Mittlerweile standen wir neben den anderen und warteten auf diejenigen, die noch mal auf Toilette mussten. Frau Hänsch und Frau Jäger unterhielten sich und kamen zu dem Schluss, dass sich dieser Ausflug gelohnt hatte und natürlich ein schöner Abschluss dieses Jahres darstellte. Ob sich dieser Ausflug gelohnt hatte, konnte ich noch nicht sagen. Aber besser als am letzten Schultag in der Schule z sitzen war es allemal!
Die letzten Mädels kamen aus Richtung der Toiletten und somit konnten wir aufbrechen. Doch wohin? Wir gingen durch die große Drehtür des Museums und ein kalter Schauer lief mir den rücken hinunter. Gefühlte 0°C umgaben mich. Ganz so kalt war es bestimmt nicht, doch zog ich den Reißverschluss bis zum oberen Ende meiner Jacke hoch.
„So meine Lieben.“ sagte Frau Hänsch und fuhr mit der Verabschiedung fort. „Ich denke, dass die Führung doch gelungen war. Oder?“ sagte sie und schaute mich dabei an. Ich nickte, sah mich dann aber doch zum Reden genötigt und sagte: „Ja, doch.“ Ina hörte diesen gewissen belustigten Unterton in meiner Stimme und musste anfangen zu lachen. Frau Hänsch schaute zu Ina und fragte sie natürlich, was denn so lustig sei, aber das hörte ich schon nicht mehr, denn ich schaute in die braunen Augen von Frau Jäger, welche auf meinem Gesicht ruhten. Ich wandte mich wieder Ina und Frau Hänsch zu, doch sah ich aus dem Augenwinkel, dass auf diesen wundervollen Lippen ein leichtes Lächeln lag.
„So, diejenigen, die von ihren Eltern die Einverständniserklärung abgegeben haben, dürfen jetzt auf den Weihnachtsmarkt, oder Shoppen gehen, oder was sie gerne in Berlin machen möchten, tun. Wie viele sind das?“ Zwei drittel der um sie stehenden meldeten sich. „Gut, die anderen kommen dann mit mir wieder zurück zur Schule.“
„Ich komme auch gerne noch mal mit zurück, dass wäre wirklich kein Problem!“ warf Frau Jäger ein. „Auch, Unsinn! Dann müssten Sie ja noch mal den ganzen Weg zurück. Sie können ruhig von hier aus nach Hause fahren!“ sagte Frau Hänsch.
Es bildeten sich drei kleine Gruppen. Frau Hänsch und vier weitere Schüler machten sich auf den Weg zum S-Bahnhof. Die anderen wollten in Berlin bleiben. Die einen gingen zum Shoppen Richtung Alexanderplatz und die anderen wollten auf den Weihnachtsmarkt. Darunter auch Ina, die mir zum Abschied zuwinkte. Ich lächelte ihr zu und stand nun dort, auf dem großen Vorplatz des Museums. „Und was machen Sie jetzt noch?“ Ich drehte mich augenblicklich zur Seite. Ich hatte nicht mitbekommen, dass Frau Jäger noch neben mir stand. Ich zuckte mit den Schulter. „Und Sie?“ fragte ich. So schnell brachte sie mich nicht außer Ruh. „Ich weiß nicht.“ Sagte sie und schaute denen, die zum Weihnachtsmarkt gingen nach. Ein kräftiger kalter Windstoß ließ mich meine Umgebung wieder realisieren und ein erneuter Schauer lief mir wieder den Rücken hinunter. Aber ob es wegen der Kälte des Windes war, oder ob es der Anblick einer wunderschönen Frau mit im Wind wehenden Haaren war, konnte ich in diesem Moment nicht deuten. „Ich denke, ich werde jetzt in mein Lieblingscafe gehen und einen warmen Tee trinken.“ sagte ich. Frau Jäger lächelte und ich fügte locker lässig hinzu: „darf ich Sie auf eine Tasse einladen?“
Ich musste mir selbst mal wieder eingestehen, dass ich eine vorzügliche Schauspielerin war, was meine Gefühle anging, denn in mir drin sah es gewiss nicht so locker-lässig aus, wie ich es vorgab. In mir drin war alles elektrisiert und bei jeder Bewegung, jedem Wort von ihr bekam ich einen Schlag. Über ihr Gesicht huschten etliche Möglichkeiten, bis sie sagte: „Eine warme Tasse Tee ist keine schlechte Idee.“ Ich lächelte sie an und wir setzten uns in Bewegung. Es waren nur fünf Minuten Fußweg, aber diese fünf Minuten waren wie immer, wenn ich mit ihr alleine war, wie die wunderbare Unendlichkeit. „Und wie fandest du die Ausstellung wirklich?“ fragte sie mich, als wir die Treppe zum Gehweg hinuntergingen. Ich überlegte einen Augenblick, schaute sie dann an und sagte: „Ehrlich?“ Sie nickte natürlich, schaute mich aber dabei an und so sah sie das heranrasende Auto nicht. Ich packte sie am Arm und sagte: „Stopp! Also eigentlich habe ich nicht vor, Ihren Mann anrufen zu müssen und ihm mitzuteilen, dass seine Frau im Krankenhaus liegt!“ Irgendetwas hatte sich in diesem Moment geändert. Sie schaute mir in die Augen und etwas, für mich undefinierbares lag in ihnen. Etwas, was für mich ein Gemisch aus Trauer, Angst und Zweifel war. Ich ließ ihren Arm los und wir gingen über die Straße. Aus dem Cafe lächelte mir die Kellnerin entgegen, die gerade aus dem Fenster schaute und mich erblickte. Ich hielt Frau Jäger natürlich die Tür auf und ein wohliger, bekannter Duft stieg mir in die Nase. „Wollen wir uns hier ans Fenster setzen?“ fragte sie mich und ich stimmte ihr zu. Sie zog ihre Jacke aus und hervor kam eine weiße Bluse mit blauen Streifen, welche mir vorhin in der Ausstellung gar nicht aufgefallen war. Die Kellnerin kam mit breitem Lächeln auf uns zu. „Hallo Katrin!“ sagte sie und reichte mir die Hand. „Wie geht es dir?“ Ich gab ihr ebenfalls die Hand und antwortete: „Danke, gut. Und dir? Ich sehe der Laden läuft gut!“ „Könnte gar nicht besser gehen!“ sagte Tanja und wandte sich an Frau Jäger: „Wissen Sie, wenn diese junge Frau nicht gewesen wäre, dann wäre ich schon lange bankrott!“ Frau Jäger schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ach ja?“ Ich lächelte und sagte: „Tanja, dass ist Frau Jäger. Frau Jäger, Tanja.“ Die beiden gaben sich die Hände. „Was darf ich den beiden Damen denn bringen?“
„Sie darf sich etwas aussuchen, denn ich habe sie eingeladen, also wie wäre es, wenn du ihr erst einmal die Karte bringst?“ schlug ich Tanja vor. „Oh, natürlich und für dich dasselbe wie immer?“ ich nickte. Frau Jäger wurde hellhörig. „Was ist das denn?“ fragte sie und schaute von Tanja zu mir. „Nicht’s besonderes.“ Sagte ich. „Gut, dann möchte ich das auch gerne haben.“ Tanja und ich lachten und sie ging hinter den Tresen, um uns beiden einen stinknormalen Orangensaft zu machen, allerdings mit Schirmchen und Eiswürfeln drin. Frau Jäger kam mit ihrem kopf näher zu mir und fragte mich mit gesenkter Stimme: „Ich habe doch nichts ekliges bestellt, oder?“ Ich schaute wieder in diese tiefbraunen Augen. „Nein, bestimmt nicht.“ Und wir verharrten in dieser Position, bis Tanja mit den Getränken kam. „Also wie hast du denn dieses gemütliche Fleckchen Erde gerettet?“ fragte Frau Jäger dann und lehnte sich zurück. Ich fing an zu erzählen, dass ich hier mal eine Lesung abgehalten habe und jetzt immer wieder Schriftsteller das Cafe mieten um selbst Lesungen abzuhalten. „Jeder war damals von ihren Texten und Gedichten verzaubert.“ warf Tanja vom Tresen aus ein. „Und jetzt bin ich die nächsten vier Wochenenden mit Lesungen ausgebucht!“ Tanja ging zu einem Pärchen, das gerade gekommen war und ich hob mein Glas. „Prost!“ Frau Jäger nickte und unsere Gläser schlugen leicht aneinander. „und werde ich auch etwas vom Zauber zu spüren bekommen?“ fragte sie, als sie ihr Glas wieder auf dem Tisch stellte. Ich überlegte einen Augenblick und schaute dann zu Tanja, die das gehört hatte und mir nun zunickte. Sie stellte das große Licht ab und der Raum wurde erfüllt vom Licht der Kerzen, die af den Tischen standen.
Ich schaute mich im Raum um. Es waren noch sieben andere Personen da und die meisten von ihnen kannte ich vom sehen. Also begann ich und während meine ersten Worte den Raum erfüllten, stellten sich die übrigen Gespräche ein und alle lauschten meinen Worten.
„Leise, lautlos, als würde man sie nicht sehen, kullert eine einsame Träne meine Wange hinab. Doch ich weiß es. Ich kann ihren langen, kalten Weg fühlen.
Nun sitze ich wieder hier, auf dem alten Stoff, wo Bäume, Wiesen und Felder an mir vorbeiziehen. Ich kann sie zwar nicht sehen, weiß aber, dass sie da sind. Ich gucke aus dem Fenster, das diese verwirrenden Zeichen trägt. Überall schimmern geschmückte Fenster, Häuser und Bäume hindurch. Ich werde noch eine Weile unterwegs sein.
Ich gucke wieder hinaus. Schwarz. Aber nicht nur, wenn ich hinaus schaue, auch in mir drin sieht es so aus. Die Wut ist es, die solch eine Farbe trägt. Aber kann man schwarz vor Wut sein? Es heißt, man kocht vor Wut. Dann muss ich wohl verbrannt sein. Bin ich Ikarus? Vielleicht. Aber woran ertrinke ich dann? Sicher nicht, an See-, oder Meerwasser. An Tränen ertrinke ich. Das Meer wird nicht immer blau dargestellt, auch grün.
Die Farbe grün kann zweideutiger kaum sein. Grün ist der Neid. Aber grün kann auch die Hoffnung sein.
Ich blicke auf, zu dem Platz gegenüber von mir. Ich muss schmunzeln. Du hattest eine grüne Jacke an.
Ich fiel diesen langen Weg, wie Ikarus, doch ich bin nicht Ikarus! Ikarus ist ertrunken, aber ich bin wieder aufgetaucht. Ich stehe wieder fest, mit beiden Füßen auf dem Boden. Gehe, mit erhobenem Kopf, gestärktem Selbstvertrauen und Erfahrungen weiter, auf der Straße, die noch viele Abzweigungen hat. Und ich werde bestimmt noch einige einschlagen, vielleicht aus dem Selben Grund, der Liebe, aber ich werde gewiss wieder auf diesen Weg zurückkehren. Und meine Erfahrungen begleiten mich.
Der Zug hält gleich.
Grün ist die Hoffnung deiner Jacke.
Braun ist die Bodenständigkeit deiner Augen.
Und der Ring an deiner Hand ist das wunderbare Glück der Liebe.
Und das alles hast du auf deinem Weg gefunden und erinnert dich immer daran, dass du auf dem richtigen Weg bist.
Und genau das will ich auch. Und ich gebe nicht auf, bis ich das alles auch gefunden habe.
Das grün vielleicht nicht in einer Jacke, sondern einem Schaal.
Das Braun trage ich in meinen Augen, nur müssen diese noch strahlen und die Liebe, die werde ich vielleicht auch in einem Ring finden, der mich daran erinnert, wer ich bin und zu wem ich gehöre.“
Als ich endete klatschten die Menschen um mich herum. Ich jedoch schaute sie an und wusste, dass sie verstand. Ich lächelte sie an und nach einem Moment des Zögerns lächelte auch sie.

Wie viel ich doch geben würde, um dieses eine, unvergessliche Lächeln zu sehnen! Doch so sehr ich sie auch liebe, ich wusste, dass es nur ein Traum war, als ich mich am Morgen des letzten Schultages im Spiegel sah.