1. #1
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    Käfig aus Glas

    Wenn das mal keinen Ärger gibt

    Käfig aus Glas

    Goldene Zinnen erdolchen die Lüfte,
    Nächtliches Leuchten in Ecken gedrängt.
    Des weltlichen Frevels satanische Düfte
    Von göttlicher Hand in Phiolen gezwängt.

    Im Zwinger des Herrn weilt ein blumiger Schein,
    Dem göttlichen Spiegel der Schöpfung entsprungen.
    Doch Ströme der Weisheit erfrischten das Sein,
    Die Zeit hat dem Trugbild Substanz abgerungen.

    Gewandelt die Mauern,
    Aus Stein wurde Glas.
    Beendet das Trauern
    Um göttliches Maß.

    Gebrochene Strahlen durchdringen die Risse,
    Im Käfig aus Glas, wo der Glanz triumphiert.
    Gelichtet der Nebel, zerstört die Kulisse,
    Vereinzelte Seelen von Einsicht frappiert:

    "Der Weg führt vorbei an der geistlichen Macht,
    Vergangene Zeiten im Schatten begraben.
    Die Freiheit eröffnet uns all ihre Pracht,
    So schmückt ihren Ruf mit den Federn des Raben."

    Den Käfig umklammert mit furchtsamen Händen,
    Erdrückende Angst erzeugt Sprünge im Glas.
    Die wissenden Jünger entfliehen den Wänden,
    Die ureinst erbaute das gierige Aas.

    ==========================================
    Änderungen bzgl. der Original-Fassung :

    - S1,Z3: Würzige Dämpfe umwabern die Düfte, ersetzt durch Des weltlichen Frevels santanische Düfte
    - S1,Z4: blassfahler ersetzt durch göttlicher
    - S5,Z3: seine ersetzt durch ihre
    - S5.Z1-4: Kursivstellung entfernt, stattdessen Setzen in Anführungszeichen
    - S6,Z1: Den Käfig mit furchtsamen Krallen umklammert, ersetzt durch Den Käfig umklammert mit furchtsamen Händen,
    - S6,Z3: Sie suchen zu fliehen, da Träume gediehen, ersetzt durch Die wissenden Jünger entfliehen den Wänden,
    - S6,Z4: Entrinnen den Klauen des gierigen Aas. ersetzt durch Die ureinst erbaute das gierige Aas.
    Geändert von WuRscHtBr0T (15.08.2008 um 21:55 Uhr)

  2. #2
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    Aloha WuRscHtBr0T!

    Die geheimnisvolle Spannung, die dein Käfig aus Glas beinhaltet, hat mich hierher gelockt und festgehalten. Deshalb werde ich mich deinen Zeilen jetzt etwas ausführlicher widmen, strophenweise versteht sich, sonst weiß gleich niemand mehr wo vorne und wo hinten ist.

    Zunächst der formale Käse: 6 Strophen á 4 Verse; überwiegendes Metrum ist der Daktylus; vierhebig in allen Strophen, bis auf S3; hauptsächlich Kreuzreime (einzige Ausnahme bildet S6 mit nur einem Endreimpaar in V2/V4, einer Waise in V1 und einem Binnenreim in V3) in variierender Qualität (Schein und Sein; des Raben und begraben)

    S1:
    XxxXxxXxxXx
    XxxXxxXxxX
    XxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX - der Auftakt hier lässt den letzten Vers formal von den bisherigen abweichen, was m.E. sehr gut zum Inhalt passt und ihn an S2 angleicht, somit den Übergang rhythmisch weicher gestaltet

    S2:
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx - hier konkurrieren zwei Hebungen miteinander (-stanz und ab-) und nach meinem Dafürhalten hast du die stärkere hier untergeordnet, ein kleines Manko, denn eigentlich könnte ich hier auch trochäisch betonen... Die weiblichen Kadenzen sind hier in V2/V4 angesiedelt, was sich in S5 ebenfalls so verhält.

    S3:
    xXxxXx
    xXxxX
    xXxxXx
    xXxxX

    Diese Strophe ist mit Abstand die herausstechendste, ob der geringeren Hebungsanzahl und ihrer Beinahemittelstellung wirkt auf mich wie eine Art Refrain, den man auch zwischen die anderen Strophen hätte stellen können.

    S4:
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX -

    S5:
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx

    Was hier natürlich zuerst auffällt, ist die Kursivstellung der Strophe, die den Inhalt auf besondere Weise hervorheben soll. Die weiblichen Kadenzen verknüpfen S5 mit S2, ob das einen Hintergrund fernab der Symmetrie hat, wird sich noch zeigen.

    S6:
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX -

    So und jetzt ran an den Speck:

    Titel: Käfig aus Glas ist eine recht ungewöhnliche Verbindung. Mir kommen dabei mehrere verschiedene Bilder in den Sinn. Ein zerbrechlicher Käfig, der die üblichen Verstrebungen hat, wie ein Käfig aus Metall, aber wesentlich fragiler ist. Eine Käseglocke. Ein Glasgefäß jedweder Form, dass sich verschließen lässt, sodass das Wort Käfig hier nur im übertragenen Sinne zu verstehen wäre, denn etwas oder jemand ist darin gefangen respektive eingesperrt worden. Das Glas impliziert aber auch Transparenz, dass heißt man kann in das hinein und aus dem Gefängnis heraus gucken. Vielleicht ist es als Metapher für die Kirche oder den Glauben der Menschen gedacht?

    Goldene Zinnen erdolchen die Lüfte,
    Nächtliches Leuchten in Ecken gedrängt.
    Würzige Dämpfe umwabern die Düfte,
    Von blassfahler Hand in Phiolen gezwängt.
    Zu S1:
    "Zinnen" bezeichnen spitze Mauerabschlüsse, welche das Vorhandensein einer Mauer implizieren. Eine Mauer ist zur Aus- oder Abgrenzung da, nicht selten zum Schutz vor der Außenwelt, was bedeutet, dass Angst eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Das Adjektiv "Goldenene" hinterlässt bei mir den Eindruck von Schmuck oder Reichtum. Diese Verbindung zu Beginn erinnert an den goldenen Käfig, der ja allgemein bekannt und Ausdruck für einen Menschen ist, der zwar in Reichtum, aber nicht Freiheit, lebt. Lüfte bezeichnen für mich Bewegung und Freiheit, sodass das erdolchen selbiger mittels goldener Zinnen für mich durchaus Sinn ergibt. Auf die Kirchen- bzw. Religionsthematik übertragen hieße das, dass die Kirche bzw. der Glauben uns einengen sowie sie uns reich machen (können). Wenn ich nun Licht und Dunkelheit simpel mit Gut und Böse übersetze, dann ergibt sich aus "Nächtliches Leuchten" Hoffnung für mich, denn es bezeichnet Licht in der Dunkelheit. Dieses wird nun "in Ecken gedrängt" dezentralisiert, d.h. es wird von etwas oder von jemandem in den Hintergrund verdrängt (vielleicht von der Angst?). Dämpfe setzen Hitze voraus, ohne die Flüssigkeiten nicht in gasförmigen Zustand übergehen. "Würzige Dämpfe" sind für mich bereits Gerüche bzw. Düfte, deswegen kam mir diese Verbindung zusammen mit "Düfte" im ersten Augenblick redundant vor. Vorausgesetzt ich wollte mir krampfhaft eine Verständnisebene in deine Zeilen zwingen (), bezeichnen die Dämpfe wohl die gasförmige und die Düfte die flüssige Variante ein und der selben Sache, was auch zu den Phiolen passen würde, in welche die Düfte gezwängt werden. Zu wem die blassfahle Hand auch immer gehören mag, sie wandert zittrig durch meine Vorstellung von einer Art Hexenküche, in der ein greisiges Wesen seinen unheiligen Experimenten frönt.

    Im Zwinger des Herrn weilt ein blumiger Schein
    Dem göttliche Spiegel der Schöpfung entsprungen
    Doch Ströme der Weisheit erfrischten das Sein
    Die Zeit hat dem Trugbild Substanz abgerungen.
    Zu S2:
    Hier haben wir einen Herrn, nein, nicht einen Herrn, sondern den Herrn. Das bringt mich in eine Zwickmühle, denn entweder es ist nun Gott gemeint, der Herr schlechthin, oder der Herr ist die Gesamtausgabe der blassfahlen Hand. Ebenfalls eine Möglichkeit ist, dass die blassfahle Hand Gottes Hand ist. Tztztz... wie war das mit kein Bildnis und so? Naja, ich nehme an, dass die erste Strophe entweder das Gegenbild zu dieser Strophe darstellt oder diese Strophe ist die Weiterführung der ersten. Bei dem Wort "Zwinger" muss ich immer an Hunde denken, die meist in so etwas 'gehalten' werden, wer sind also Gottes Hunde? Wir? Die Gläubigen? Sein Zwinger ist vielleicht die Erde oder eventuell auch die Kirche (je nach Perspektive), in welcher also ein blumiger (bunt, fruchtbar) Schein (Trugbild, Licht, Blendung) anzutreffen sei, der aber nicht von ewiger Dauer sein kann, da er nur (ver-)"weilt" und nicht ist. Da die Menschen laut Bibel nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden, denke ich beim "Spiegel der Schöpfung" an Menschen. Einerseits ließe es sich so verstehen, dass der Zwinger des Herrn dem Menschen entsprungen ist, sprich die Kirche ist menschlichen Urspungs, was meiner Ansicht nach die wahrscheinlichere Möglichkeit ist, die ich auch im weiteren Verlauf annehmen werde. Andererseits könnte ich auch denken, dass der blumige Schein (wird dann negativ also als buntes Trugbild konnotiert) von Menschen erschaffen wurde und dieser somit die Kirche mit jenem erfüllt hat. Die Ströme der Weisheit bezeichnen m.E. göttliche Einsichten, die durch 'Masseninfektion' () zur Aufklärung führen bzw. den Menschen bewusst machen, dass die Kirche als Institution ausgedient hat, sie ihren Sinn im Laufe der Zeit verloren hat.

    Gewandelt die Mauern,
    Aus Stein wurde Glas.
    Beendet das Trauern
    Um göttliches Maß.
    Zu S3:
    Zentrale Strophe = zentrale Bedeutung? We'll see. Den Wandel beziehe ich auf die Umwälzung des Verständnisses bezüglich der Notwendigkeit der Kirche. Die Mauern sind also die Grenzen des Verstandes, unseres Horizontes oder auch Glaubens. Die Tatsache, dass die Grenzen nicht fallen oder geografisch neu definiert werden, sondern schlicht transparenter und fragiler werden, sagt etwas über die Fortgeschrittenheit der Erkenntnis aus. Diese hat die Mauern verändert, aber nicht zum Einstürzen gebracht. Man kann dahinter sehen, hat sie aber noch nicht überwunden. Das Trauern bringt mich zurück zu Strophe Nr. eins, denn dort gab es Grund zur Trauer, es gab steinerne Mauern und Angst. "Um göttliches Maß" bezeichnet den Grund der Trauer, denn man 'trauert um etwas' und in diesem Falle um ein Maß, ein göttliches Maß. Ich bin versucht hier die Sichtweise auf Gott hineinzulesen, doch ist das nicht das, was im Text steht, es sei denn wir begreifen uns selbst als ebenso göttlich wie Gott selbst. So wie es hier steht, liegt die Auffassung näher, dass das Trauern um Gottes Maß also seine Werte und Richtlinien gemeint ist. Wenn wir davon ausgehen, dass die Kirche denjenigen Strafe verspricht, die sich nicht fromm und anständig verhalten, würde das Trauern bedeuten, dass man nicht mehr um die eigene Seele trauern muss, da man verstanden hat, dass die Kirche nicht Gott ist.

    Gebrochene Strahlen durchdringen die Risse,
    Im Käfig aus Glas, wo der Glanz triumphiert.
    Gelichtet der Nebel, zerstört die Kulisse,
    Vereinzelte Seelen von Einsicht frappiert:
    Zu S4:
    Hier begegne ich dem Titel wieder, die Risse sind neu und ihre Herkunft ist bislang nur dem nahenden Umsturz, dem fortschreitenden Wandel, zuzuordnen. Das Licht, das Gute, die Hoffnung dringt vom Glas gebrochen durch die Risse. Das Misstrauen weckt nur der Glanz, der zum Glück wohl im Käfig verharrt, wo er zu triumphieren in der Lage ist. Der Nebel, die dicke Luft, hat sich "Gelichtet", dass Theater beendet, denn die Kulisse ist hinüber und das stößt manchen Menschen übel auf, sie sind frappiert und doch haben sie Einsehen und verstehen letztendlich, dass man zum Glauben keine Kirche braucht, die einem sagt, wie sowas geht oder zu sein hat, die einem Angst macht und verbietet, frei zu sein von ihr.

    Der Weg führt vorbei an der geistlichen Macht,
    Vergangene Zeiten im Schatten begraben.
    Die Freiheit eröffnet uns all seine Pracht,
    So schmückt ihren Ruf mit den Federn des Raben.
    Zu S5:
    Ein Ellenbogenhieb in das künstliche Hüftgelenk des Klerus, einen Kinnhacken für die Vergangenheit und schon sind wir draußen - atmen Frischluft. Halt! Stopp! Nein! "seine Pracht" die Freiheit eröffnet uns nicht ihre eigene Pracht, nein, sie eröffnet seine Pracht. Naja, also wir dürfen Frischluft tanken, nur Gottes Pracht bekommen wir als Gratisgeschenk noch dazu. Der Ruf der Freiheit soll mit den Federn des Raben geschmückt werden? Hä? Also es macht irgendwie nicht so recht Sinn, zumindest in meinem Kopf... Im alten Testament wars ein Rabe, der von der Arche Noah aus gesandt wurde, später wurde dieser im christlichen Glauben als Symbol des Bösen angesehen und der Noah hat ne Taube losgeschickt. So gesehen, zeigt das die fehlende Glaubwürdigkeit des Christentums und gleichzeitig mahnen die Federn, als Erinnerung an den Raben, die Menschen ihre Freiheit nicht für selbstverständlich hinzunehmen, da sie aufgrund irgendeiner blöden Eingebung irgendeines Idioten (die Geschichte hat so viele, nicht nur klerikale ) morgen auch wieder vorbei sein könnte. Wichtige Quintessenz, daher kursiv, damit auch alle mitbekommen, dass es wichtig ist.



    Den Käfig mit furchtsamen Krallen umklammert,
    Erdrückende Angst erzeugt Sprünge im Glas.
    Sie suchen zu fliehen, da Träume gediehen,
    Entrinnen den Klauen des gierigen Aas.
    Zu S6:
    Jetzt fängt das Ganze an, mir echte Schwierigkeiten zu bereiten... Wieso ist denn der Rabe immer noch da? Oder sind es menschliche Krallen... Wohl kaum. Setzen wir für das "gierige Aas" die Kirche und ihre Anhänger, für die dieser Vogel das impersonifiezierte Böse ist, denn er stellt sie und ihren "Käfig" in Frage. Mit "erdrückende Angst" habe ich insofern ein Problem, als sie eigentlich von oben auf den Käfig einwirken müsste. Das Umklammern des Käfigs macht mich ebenfalls stutzig, da ich den Käfig bislang gedanklich eher als Synonym für Mauer begriffen habe, aber das Umklammern zeigt mir an, dass es eben doch ein Käfig mit Gitter aus Glas und allem Pipapo ist. Das schmeißt mein bisheriges Bild durcheinander. Ist das Tier denn nun drinnen oder draußen? Das "Sie" hat als Bezugspunkt nur die Krallen, die an dem Tier dranhängen und mit ihm versuchen zu fliehen. Träume? Welche Träume denn? Sind es Alpträume? Träume, die aus der Sicht geistig verblendeter Menschen, gut und ehrenhaft erscheinen oder Träume, die aus der Sicht jedes liebenden Menschen als beängstigend eingestüft würden? Das ist ein wenig schwammig... In Vers 4 bekomme ich auch keine Hilfe mehr, er macht nur deutlich, dass es immer zwei Perspektiven gibt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wer hier was ist. Sind "Sie" vielleicht doch nicht die Krallen? Und das gierige Aas ist eigentlich doch der Rabe? Die Träume sind lieblich und schön, sind Bedrohung für das Böse? Mein Gehirn kapituliert. Vielleicht bin ich zu verwirrt oder stehe einfach nur temporär auf dem Schlauch, aber nach fünf sinnbeladenen Strophen, treibt mich die sechste zur Verzweiflung.

    Fazit: Wenn ich mal von der letzten Strophe inhaltlich absehe, dann hast du hier einen geistigen Vorgang sehr interessant verdichtet. Mit kleinen Schönheitsfehlern zwar, die jedoch einigermaßen verzeihlich sind, im Anbetracht der Tatsache, dass du ansonsten recht sauber gearbeitet hast.

    Zusatz: Ich weiß ja nicht, was du hier zum Ausdruck bringen wolltest. Ich weiß nur, was hier steht und ich darin lesen kann oder nicht lesen kann. Doch beschleicht mich das Gefühl, dass der Text zwei Schwachstellen hat:
    Die zweiten zwei Verse in der ersten Strophe werden bildlich im weiteren Verlauf nicht mehr aufgegriffen und das, obwohl man zu Beginn des Textes kaum Möglichkeit hat sie einzuordnen. Versteh mich nicht falsch, ich liebe die Phiolen, ein klanglich sehr interessantes Wort, aber die Düfte stehen etwas einsam in Phiolen gepfercht und bleiben unbeachtet. Mittlerweile kann ich Düfte und Dämpfe mit Worten und Gedanken übersetzen, aber ich würde mir wünschen, dass der Text diesem Bild mehr Bedeutung beimisst. Die letzte Strophe verquirlt das Bild und in meinem Gehirn bleibt Grütze. Es kann natürlich sein, dass diese begriffliche Verwirrung Absicht war, dann tue ich deinem Text hier Unrecht. Sollte dies nicht der Fall sein, würde ich hier die Feile auspacken und der Eindeutigkeit ein wenig auf die Sprünge helfen. Abgesehen davon ist der Text für mich eigentlich nach Strophe fünf zu Ende, denn da ist bereits die Rede von Freiheit und Gottes natürlicher Pracht, das wird mit dem Rabenkäfigbild teilrevidiert.

    Soweit meine Gedanken zu deinem Text...

    Ärger kannst du natürlich auch haben, beim nächsten Mal.

    Liebe Grüße
    Wolle
    Now, for the Poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth:
    for as I take it, to lie, is to affirm that to be true, which is false.

    An Apology for Poetry - Sir Philip Sidney


  3. #3
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    Hallo Wolle,
    da streife ich also abends durchs Forum und überprüfe recht erwartungslos, ob schon jemand über mein Gedicht gestolpert ist.
    Und dann finde ich DAS hier. Du hast dir sehr viel Mühe gemacht und dafür möchte ich dir schon einmal im Vorneherein danken (keine Angst am Ende kommt nochmal ein Danke)

    Nun zu deinen Ausführungen, die mich teils überraschten, erfreuten, aber mir vor allem zu Denken gaben...

    Zitat Zitat von wolle77
    S2:
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx - hier konkurrieren zwei Hebungen miteinander (-stanz und ab-) und nach meinem Dafürhalten hast du die stärkere hier untergeordnet, ein kleines Manko, denn eigentlich könnte ich hier auch trochäisch betonen...
    Das habe ich noch gar nicht so betrachtet, für mich war von Anfang an klar, dass die 2. Silbe von Substanz betont wird, an die Alternative habe ich erst gar nicht gedacht...

    Zitat Zitat von wolle77
    S3:
    xXxxXx
    xXxxX
    xXxxXx
    xXxxX

    Diese Strophe ist mit Abstand die herausstechendste, ob der geringeren Hebungsanzahl und ihrer Beinahemittelstellung wirkt auf mich wie eine Art Refrain, den man auch zwischen die anderen Strophen hätte stellen können.
    Herausstechend ist sie, keine Frage, aber ich denke nicht, dass man sie zwischen andere Strophen hätte stellen können, doch dazu später mehr.

    Zitat Zitat von wolle77
    S5:
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxxXxxXxxXx

    Was hier natürlich zuerst auffällt, ist die Kursivstellung der Strophe, die den Inhalt auf besondere Weise hervorheben soll. Die weiblichen Kadenzen verknüpfen S5 mit S2, ob das einen Hintergrund fernab der Symmetrie hat, wird sich noch zeigen.
    S5 sah ich eher als Resultat von S2,S3 und S4. Die Kursivstellung hat in der Tat eine Bedeutung, doch auch hier muss ich auf weiter unten im Text verweisen

    Nun zu deiner inhaltlichen Analyse:

    Zitat Zitat von wolle77
    Titel: Käfig aus Glas ist eine recht ungewöhnliche Verbindung. Mir kommen dabei mehrere verschiedene Bilder in den Sinn. Ein zerbrechlicher Käfig, der die üblichen Verstrebungen hat, wie ein Käfig aus Metall, aber wesentlich fragiler ist. Eine Käseglocke. Ein Glasgefäß jedweder Form, dass sich verschließen lässt, sodass das Wort Käfig hier nur im übertragenen Sinne zu verstehen wäre, denn etwas oder jemand ist darin gefangen respektive eingesperrt worden. Das Glas impliziert aber auch Transparenz, dass heißt man kann in das hinein und aus dem Gefängnis heraus gucken. Vielleicht ist es als Metapher für die Kirche oder den Glauben der Menschen gedacht?
    Dein erster Absatz war schon ein Treffer ins Schwarze.
    Mit dem Käfig ist tatsächlich ein Gefängnis gemeint. Hierbei wollte ich weniger das Bild eines herkömmlichen Vogelkäfigs - bestehend aus Glasstreben - heraufbeschwören, als ein umschließendes Gebilde aus Glas, ähnlich einem Terrarium, dessen Transparenz, wie du richtig erkannt hast, sowohl den Blick nach innen, als auch nach außen gewährt.
    Dein Bezug auf die Kirche an diesem Punkt hat mich sehr überrascht, denn ich hielt es kaum für möglich, schon beim Titel ein Bezug zur Religion herzustellen.
    Umso mehr hat es mich dann gefreut.

    Zitat Zitat von wolle77
    "Zinnen" bezeichnen spitze Mauerabschlüsse, welche das Vorhandensein einer Mauer implizieren. Eine Mauer ist zur Aus- oder Abgrenzung da, nicht selten zum Schutz vor der Außenwelt, was bedeutet, dass Angst eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Das Adjektiv "Goldenene" hinterlässt bei mir den Eindruck von Schmuck oder Reichtum. Diese Verbindung zu Beginn erinnert an den goldenen Käfig, der ja allgemein bekannt und Ausdruck für einen Menschen ist, der zwar in Reichtum, aber nicht Freiheit, lebt.
    Hätte ich besser nicht sagen können, außer dass Mauern auch zum Eingrenzen, zum Einsperren da sein können, man denke an alte Verliese.
    Mit Goldene sollte tatsächlich auf den Reichtum der Kirche, aber auch auf das erhabene Selbstbild ebendieser hinweisen.
    In Verbindung mit den Zinnen, die, wie du richtig erkannt hast, die Freiheit (Luft) erdolchen, sollte also das Bild eines hohen (unüberwindbaren) Mauerwerks entstehen, dessen goldene Farbe nicht so ganz ins Gesamtbild passt.
    Die Angst, die du erwähnst, findest du in S6 wieder, dort findest du auch, von welcher Seite sie ausgeht.

    Zitat Zitat von wolle77
    Auf die Kirchen- bzw. Religionsthematik übertragen hieße das, dass die Kirche bzw. der Glauben uns einengen sowie sie uns reich machen (können). Wenn ich nun Licht und Dunkelheit simpel mit Gut und Böse übersetze, dann ergibt sich aus "Nächtliches Leuchten" Hoffnung für mich, denn es bezeichnet Licht in der Dunkelheit. Dieses wird nun "in Ecken gedrängt" dezentralisiert, d.h. es wird von etwas oder von jemandem in den Hintergrund verdrängt (vielleicht von der Angst?).
    Mit der Einengung des Menschen durch die Religion, bzw. insbes. durch die Kirche, hast du den Kern der ersten Zeilen getroffen.
    Das Nächtliche Leuchten soll auf die schönen Seiten der Nacht hinweisen. Die Nacht, die eigentlich für Dunkelheit, Gefahr und das Böse steht, hat also auch positive Seiten, als Bild hatte ich mir das Leuchten der Sterne vorgestellt, vielleicht sollte ich zur Verdeutlichung das Leuchten durch Funkeln ersetzen?
    Wie dem auch sei, diese Schokoladenseite der Nacht wird mit dem Rest des Dunklen und Bösen abgedrängt.
    Dies soll zum einen darauf hinweisen, dass den Eingeschlossenen etwas schönes vorenthalten wird, zum anderen, dass die Kirche keine Toleranz kennt.
    Auf die Angst kann man das Verdrängen durchaus beziehen, hier wieder der Verweis auf Strophe 6, auf die ich später noch zu sprechen komme.

    Zitat Zitat von wolle77
    Dämpfe setzen Hitze voraus, ohne die Flüssigkeiten nicht in gasförmigen Zustand übergehen. "Würzige Dämpfe" sind für mich bereits Gerüche bzw. Düfte, deswegen kam mir diese Verbindung zusammen mit "Düfte" im ersten Augenblick redundant vor. Vorausgesetzt ich wollte mir krampfhaft eine Verständnisebene in deine Zeilen zwingen (), bezeichnen die Dämpfe wohl die gasförmige und die Düfte die flüssige Variante ein und der selben Sache, was auch zu den Phiolen passen würde, in welche die Düfte gezwängt werden. Zu wem die blassfahle Hand auch immer gehören mag, sie wandert zittrig durch meine Vorstellung von einer Art Hexenküche, in der ein greisiges Wesen seinen unheiligen Experimenten frönt.
    Es tut mir Leid, dass dich das Spiel von Dämpfen und Düften etwas verwirrt hat, da habe ich mich wohl zu ungenau ausgedrückt.
    Als Duft habe ich die perfektionierte Reinheit, eine klare Note empfunden,
    als Dampf, insb. als würzigen Dampf eine abgewandelte Form, die wieder ein Anderssein darstellen soll, dem mit Null Toleranz begegnet wird.
    Das würzig würde die Reinheit des Duftes trüben, wenn die Gase sich vermischen, doch soweit lässt es die unscheinbare, zittrige Figur nicht kommen.
    Als Besitzer dieser Hand habe ich mir keine spezielle Person gedacht,
    einzig einen Geistlichen (von mir aus einen Greis ), der die Reinheit der Kirche mit rabiaten Mitteln verteidigt. Wie du weiter unten im Text richtig erkennst, besteht hier kein direkter Bezug zu den ersten beiden Zeilen, da die Handlung nicht zwingend innerhalb des Gefängnisses stattfindet, sondern nur eine gedankliche Parallele zur Intoleranz darstellt.

    Soviel zu S1 und weiter geht's im Text:

    Zitat Zitat von wolle77
    Hier haben wir einen Herrn, nein, nicht einen Herrn, sondern den Herrn. Das bringt mich in eine Zwickmühle, denn entweder es ist nun Gott gemeint, der Herr schlechthin, oder der Herr ist die Gesamtausgabe der blassfahlen Hand. Ebenfalls eine Möglichkeit ist, dass die blassfahle Hand Gottes Hand ist. Tztztz... wie war das mit kein Bildnis und so? Naja, ich nehme an, dass die erste Strophe entweder das Gegenbild zu dieser Strophe darstellt oder diese Strophe ist die Weiterführung der ersten.
    Nein, der Zwinger gehört nicht dem netten Greis aus der Hexenküche
    Mit Herr ist wirklich Gott gemeint, jedoch soll das nicht heißen, dass er direkter Besitzer dieses Ortes ist, sondern eher, dass dort seine Gesetze gelten. Diese werden dann von seinen Vertretern auf Erden durchgesetzt.
    Auch soll diese Strophe kein Gegenbild darstellen, eher ein Mischbild aus Schein und Realität. der blumige Schein, der göttliche Spiegel und die Schöpfung sollen eine positive Stimmung darstellen, die jedoch, wie der Zwinger schon ahnen lässt, in der letzten Zeile entkräftet wird,
    da sich das Göttliche im Zwinger, der übrigens das Gefängnis aus Strophe 1 repräsentieren soll , als Trugbild herausstellt.
    Summa summarum also eher eine Weiterführung, als ein Gegenbild...

    Zitat Zitat von wolle77
    . Bei dem Wort "Zwinger" muss ich immer an Hunde denken, die meist in so etwas 'gehalten' werden, wer sind also Gottes Hunde? Wir? Die Gläubigen? Sein Zwinger ist vielleicht die Erde oder eventuell auch die Kirche (je nach Perspektive), in welcher also ein blumiger (bunt, fruchtbar) Schein (Trugbild, Licht, Blendung) anzutreffen sei, der aber nicht von ewiger Dauer sein kann, da er nur (ver-)"weilt" und nicht ist.
    An Hunde dachte ich nicht direkt , ein Zwinger kann auch der befestigte Vorbau einer mittelalterlichen Burg sein und kommt somit in diesem etwas freieren Zusammenhang dem Gefängnis aus S1 gleich.
    Die Erde im Allgemeinen ist mit dem Zwinger, Käfig oder Gefängnis nicht gemeint, jedoch große Teile davon, nämlich jene, in denen Gottes Gesetze gelten...
    Mit den Hunden hast du eigentlich insofern recht, da sie unter der Kontrolle ihres Herrschers stehen, solange sie den Zwinger nicht verlassen
    Der Schein, den du schon richtig analysiert hast, stellt zunächst einmal einen Lichtschein dar, der verschwindet sobald sein Trug erkannt wird (vgl. Doppeldeutigkeit des Wortes Schein ).

    Zitat Zitat von wolle77
    Da die Menschen laut Bibel nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden, denke ich beim "Spiegel der Schöpfung" an Menschen. Einerseits ließe es sich so verstehen, dass der Zwinger des Herrn dem Menschen entsprungen ist, sprich die Kirche ist menschlichen Urspungs, was meiner Ansicht nach die wahrscheinlichere Möglichkeit ist, die ich auch im weiteren Verlauf annehmen werde. Andererseits könnte ich auch denken, dass der blumige Schein (wird dann negativ also als buntes Trugbild konnotiert) von Menschen erschaffen wurde und dieser somit die Kirche mit jenem erfüllt hat.
    Nun, ich gebe zu - der göttliche Spiegel der Schöpfung ist das wohl schwierigste Bild in diesem Gedicht.
    Mit der Verknüpfung zur ersten Zeile sollte jedoch klar werden, dass der blumige Schein aus dem Spiegel kommt.
    Der wiederum soll, um seiner Bestimmung gerecht zu werden, etwas spiegeln, und in das Gefängnis projezieren (reelles Bild erscheint innerhalb als blumiger Schein).
    Somit besteht die Schönheit innerhalb der Mauern nur aus einer Kopie der Außenwelt, ihrer Freiheit, ihrem Licht.
    Und diese Kopie/Spiegelung wird dann als gottgegeben und "echt" dargestellt, als Schöpfung des allmächtigen Vaters.
    Die Menschen, von Mauern umgeben, wissen es nicht besser und können es auch nicht besser wissen, deshalb glauben sie...
    Bis zu einem gewissen Zeitpunkt Da kommen die nächsten beiden Zeilen ins Spiel.
    Zusammenfassend also stellt der Spiegel eine Verdrehung der Tatsachen dar, ein Mittel um den Menschen weis zu machen, dass alles Gute und Schöne, was ihnen von Wert ist, ja sogar ihre gesamte Welt von Gott geschaffen ist.
    Sozusagen ein Copyright-Vergehen seitens der Kirche gegenüber dem Urknall
    Wer den Spiegel in der Hand hält, sollte somit auch klar sein.
    Auf deine Interpretation bezogen, heißt das, dass die Spiegelung nicht den Menschen als Ursprung der Kirche darstellen soll, obwohl das auf jeden Fall nachvollziehbar ist.
    Doch ist der Bezug zur Außenwelt bei der Projektion wichtig, um den Ursprung des Scheins erklären zu können.
    Die heile Welt ist real, aber nicht innerhalb Gottes Grenzen. (Und schon gar nicht ist diese Welt von Gott geschaffen...)

    Zitat Zitat von wolle77
    Die Ströme der Weisheit bezeichnen m.E. göttliche Einsichten, die durch 'Masseninfektion' () zur Aufklärung führen bzw. den Menschen bewusst machen, dass die Kirche als Institution ausgedient hat, sie ihren Sinn im Laufe der Zeit verloren hat.
    Richtig (), sofern man die göttlichen Einsichten in Fortschritt und Geistesentwicklung umwandelt
    Dieser Fortschritt hat es den Menschen ermöglicht, immer mehr durch die Grenzen Gottes (Mauern) zu sehen, die sie ihrer Freiheit beraubten.
    Bisher nicht bewusst, merken sie nun, dass sie Gefangene sind und erhaschen einen Blick auf die Wirklichkeit außerhalb ihres netten, noch kaum durchsichtigen Terrariums.

    Die nächste Strophe soll nun den Wandel dieses Gemäuers darstellen.
    Zitat Zitat von wolle77
    Zentrale Strophe = zentrale Bedeutung? We'll see. Den Wandel beziehe ich auf die Umwälzung des Verständnisses bezüglich der Notwendigkeit der Kirche. Die Mauern sind also die Grenzen des Verstandes, unseres Horizontes oder auch Glaubens. Die Tatsache, dass die Grenzen nicht fallen oder geografisch neu definiert werden, sondern schlicht transparenter und fragiler werden, sagt etwas über die Fortgeschrittenheit der Erkenntnis aus. Diese hat die Mauern verändert, aber nicht zum Einstürzen gebracht. Man kann dahinter sehen, hat sie aber noch nicht überwunden.
    Bedeutung - Ja! Zentral? - Vielleicht!
    Sicherlich ist die Wandlung der Mauern vor allem bedingt durch die geistige Weiterentwicklung, das Verständnis über die Notwendigkeit der Kirche oder Religion als solche, ergibt sich jedoch erst aus der Erkenntnis, die nach einem Blick durch die gläsernen Mauern erlangt wird.
    Es folgt also nicht direkt aus dem Verständnis um die Notwendigkeit der Kirche die Transparenz, sondern eher aus Fortschritt Transparenz und daraus dann das Verständnis um die Notwendigkeit. Dass die Grenzen dennoch nicht überwunden werden können, hast du richtig festgestellt.

    Zitat Zitat von wolle77
    Das Trauern bringt mich zurück zu Strophe Nr. eins, denn dort gab es Grund zur Trauer, es gab steinerne Mauern und Angst. "Um göttliches Maß" bezeichnet den Grund der Trauer, denn man 'trauert um etwas' und in diesem Falle um ein Maß, ein göttliches Maß. Ich bin versucht hier die Sichtweise auf Gott hineinzulesen, doch ist das nicht das, was im Text steht, es sei denn wir begreifen uns selbst als ebenso göttlich wie Gott selbst. So wie es hier steht, liegt die Auffassung näher, dass das Trauern um Gottes Maß also seine Werte und Richtlinien gemeint ist. Wenn wir davon ausgehen, dass die Kirche denjenigen Strafe verspricht, die sich nicht fromm und anständig verhalten, würde das Trauern bedeuten, dass man nicht mehr um die eigene Seele trauern muss, da man verstanden hat, dass die Kirche nicht Gott ist.
    Die Trauer...um göttliches Maß... - Was ist damit gemeint?
    Nun, du hast es eigentlich schon ganz gut beschrieben. Gottes Maß bezeichnet das Maß, nach dem er Entscheidungen fällt.
    Die meisten der Menschen, die in allem Schmerz, dem sie im Leben begegnen, ein Zürnen Gottes, die Bestrafung für ihre Sünden sahen, müssen feststellen, dass sie sich umsonst Gedanken darüber gemacht haben, warum in aller Welt Gott sie nun erneut mit irgendetwas gestraft hatte...
    Dies soll schon eine Vorausdeutung auf die nächsten Strophen sein, die dann die Erkenntnis beeinhalten.

    Zitat Zitat von wolle77
    Zu S4:
    Hier begegne ich dem Titel wieder, die Risse sind neu und ihre Herkunft ist bislang nur dem nahenden Umsturz, dem fortschreitenden Wandel, zuzuordnen. Das Licht, das Gute, die Hoffnung dringt vom Glas gebrochen durch die Risse. Das Misstrauen weckt nur der Glanz, der zum Glück wohl im Käfig verharrt, wo er zu triumphieren in der Lage ist. Der Nebel, die dicke Luft, hat sich "Gelichtet", dass Theater beendet, denn die Kulisse ist hinüber und das stößt manchen Menschen übel auf, sie sind frappiert und doch haben sie Einsehen und verstehen letztendlich, dass man zum Glauben keine Kirche braucht, die einem sagt, wie sowas geht oder zu sein hat, die einem Angst macht und verbietet, frei zu sein von ihr.
    Im Inneren der zu Glas gewordenen Mauern herrscht (noch) ein Glanz, wir wissen ja inzwischen warum (vgl. Spiegel).
    Die Strahlen, ein erleuchtendes Zeichen aus der Außenwelt, die die Risse durchdringen, lassen auf deren Vorhandensein schließen.
    Diese Strahlen, die, wie du schon sagst, mit dem Wandel entstehen, lassen die Menschen zusammen mit der Außensicht erkennen, dass sie in Gefangenschaft leben und der Glanz, dem sie frönten, nur ein Abbild der wirklichen Freiheit ist.
    Den Schluss den du daraus ziehst, war ein interpretatorischer Streifschuss.
    Mit dem Beenden des Theaters hast du natürlich recht, doch soll den Menschen auch klarwerden, dass ein Leben ganz ohne die Zwänge der Religion möglich ist, nicht "nur", dass der Glaube auch ohne die Kirche möglich ist.
    Denn auch wenn die Mauern von der Kirche erbaut worden sind, den Grundstein hat die Religion schon gelegt, bevor eine Kirche als solche existierte. Wenn du jedoch einen universellen Glauben, eine nicht einschränkende Überzeugung meintest, stimme ich dir voll und ganz zu.
    Doch ich denke eher, dass du an einen gottbezogenen Glauben dachtest
    Die Risse weisen darauf hin, dass eine Flucht aus diesem Leben möglich ist.
    Diese Erkenntnis wird in der nächsten Strophe in direkte Worte gefasst.

    S5:
    Zitat Zitat von wolle77
    Ein Ellenbogenhieb in das künstliche Hüftgelenk des Klerus, einen Kinnhacken für die Vergangenheit und schon sind wir draußen - atmen Frischluft. Halt! Stopp! Nein! "seine Pracht" die Freiheit eröffnet uns nicht ihre eigene Pracht, nein, sie eröffnet seine Pracht. Naja, also wir dürfen Frischluft tanken, nur Gottes Pracht bekommen wir als Gratisgeschenk noch dazu. Der Ruf der Freiheit soll mit den Federn des Raben geschmückt werden? Hä? Also es macht irgendwie nicht so recht Sinn, zumindest in meinem Kopf... Im alten Testament wars ein Rabe, der von der Arche Noah aus gesandt wurde, später wurde dieser im christlichen Glauben als Symbol des Bösen angesehen und der Noah hat ne Taube losgeschickt. So gesehen, zeigt das die fehlende Glaubwürdigkeit des Christentums und gleichzeitig mahnen die Federn, als Erinnerung an den Raben, die Menschen ihre Freiheit nicht für selbstverständlich hinzunehmen, da sie aufgrund irgendeiner blöden Eingebung irgendeines Idioten (die Geschichte hat so viele, nicht nur klerikale ) morgen auch wieder vorbei sein könnte. Wichtige Quintessenz, daher kursiv, damit auch alle mitbekommen, dass es wichtig ist.
    Hier möchte ich mich gleich im Voraus entschuldigen, dass ich dich mit einem Fehler auf den Holzweg geschickt habe.
    Es müsste meiner Intention entsprechend natürlich ihre Pracht heißen, also gibt es Gott nicht als Dreingabe zur Freiheit . Tatsächlich soll eine Flucht aus dem, von Gott bzw. der Kirche bestimmten Leben möglich sein.
    Diese Strophe ist deshalb kursiv geschrieben, da sie eine Ansprache eines Erleuchteten () darstellen sollte, eine Rede von einem der einsichtigen Menschen, die die wahre Freiheit erlangen wollen.

    Nun zu den Federn des Raben...
    Ich dachte mir schon, dass die Frage nach der Bedeutung dieses Vogels aufkommt und hätte als Antwort in etwa deine Worte gewählt
    Im Christentum steht der Rabe tatsächlich ziemlich schlecht dar, mit seinem schwarzen Gefieder ist er die perfekte Personifizierung des Bösen (mal von den biblischen Geschichten abgesehen).
    In Sagen, Märchen, der nordischen, sowie der indianischen Mythologie steht der Rabe jedoch oft für Weisheit und Intelligenz.
    Wenn man das miteinbezieht, erscheint mir das Bild durchaus als sinnvoll.
    Die Flüchtenden wenden sich ab von der Kirche und der Blick in die Außenwelt, erst ermöglicht durch Wissen und Fortschritt, lockt in die Freiheit.
    Den Weg dorthin mit den Federn des Raben zu schmücken ist also einmal der Dank an die Weisheit (stellvertretend für den Fortschritt) und außerdem eine Provokation gegenüber dem Glauben und der Kirche.

    Nun zur letzten Strophe, die dir wohl am meisten Schwierigkeiten bereitet hat.

    Zitat Zitat von wolle77
    Jetzt fängt das Ganze an, mir echte Schwierigkeiten zu bereiten... Wieso ist denn der Rabe immer noch da? Oder sind es menschliche Krallen... Wohl kaum.
    OK, ich denke ich habe mich mit den Krallen etwas zu animalisch ausgedrückt. Der Rabe hatte schon seinen Auftritt und sollte für die letzte Strophe weniger von Bedeutung sein

    Zitat Zitat von wolle77
    Setzen wir für das "gierige Aas" die Kirche und ihre Anhänger, für die dieser Vogel das impersonifiezierte Böse ist, denn er stellt sie und ihren "Käfig" in Frage. Mit "erdrückende Angst" habe ich insofern ein Problem, als sie eigentlich von oben auf den Käfig einwirken müsste. Das Umklammern des Käfigs macht mich ebenfalls stutzig, da ich den Käfig bislang gedanklich eher als Synonym für Mauer begriffen habe, aber das Umklammern zeigt mir an, dass es eben doch ein Käfig mit Gitter aus Glas und allem Pipapo ist. Das schmeißt mein bisheriges Bild durcheinander. Ist das Tier denn nun drinnen oder draußen? Das "Sie" hat als Bezugspunkt nur die Krallen, die an dem Tier dranhängen und mit ihm versuchen zu fliehen.
    gieriges Aas = die Kirche ? Ist doch ein guter Ansatz
    Nun zur Angst, diese Angst sollte nicht die Menschen innerhalb der geistlichen Kuppel darstellen, sondern die Angst der Geistlichen außerhalb des Käfigs.
    Aus Angst davor, die Menschen könnten entfliehen, umklammern die den Käfig, als sei er es, der weglaufen wollte. Dabei üben sie immer mehr Druck aus, was schließlich dazu führt, dass aus den Rissen Sprünge werden.

    Ich denke dabei nicht, dass der Ausdruck etwas zu umklammern nur auf käfigartige Gebilde verwendet werden kann, doch wenn dir ein besserer Begriff einfällt, bin ich natürlich gerne bereit, über eine Änderung nachzudenken, zumal umklammern in Verbindung mit den Krallen doch etwas an die Tierwelt erinnern lässt

    Dass das Sie als Bezugspunkt nur die Krallen hat, war mir in diesem Sinne wohl auch nicht klar genug, denn ich hatte das Aas vor mir gesehen, wie es in die Glaskuppel blickt (etwa der Greis aus S1 ) und auf die rebellierenden Menschen herabschaut.

    Zitat Zitat von wolle77
    Träume? Welche Träume denn? Sind es Alpträume? Träume, die aus der Sicht geistig verblendeter Menschen, gut und ehrenhaft erscheinen oder Träume, die aus der Sicht jedes liebenden Menschen als beängstigend eingestüft würden? Das ist ein wenig schwammig... In Vers 4 bekomme ich auch keine Hilfe mehr, er macht nur deutlich, dass es immer zwei Perspektiven gibt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wer hier was ist. Sind "Sie" vielleicht doch nicht die Krallen? Und das gierige Aas ist eigentlich doch der Rabe? Die Träume sind lieblich und schön, sind Bedrohung für das Böse? Mein Gehirn kapituliert. Vielleicht bin ich zu verwirrt oder stehe einfach nur temporär auf dem Schlauch, aber nach fünf sinnbeladenen Strophen, treibt mich die sechste zur Verzweiflung.
    Mit Träumen sind ganz unumschweifend die Visionen der Menschen von einem Leben in wahrer Freiheit gemeint. Diese Vorstellungen gefallen dem Betrachter, dem klammernden Ungeheuer ganz und gar nicht.
    Dass du erst in Strophe 6 den Faden verlierst ehrt dich, denn meine pathetischen Bilder sind nicht leicht zu verstehen oder nur unzureichend verknüpft, doch deshalb hilft es mir enorm, dass ich durch dich erfahre, wo ich dem Leser mehr Hilfestellungen geben bzw. mich klarer ausdrücken muss.

    Zitat Zitat von wolle77
    Fazit: Wenn ich mal von der letzten Strophe inhaltlich absehe, dann hast du hier einen geistigen Vorgang sehr interessant verdichtet. Mit kleinen Schönheitsfehlern zwar, die jedoch einigermaßen verzeihlich sind, im Anbetracht der Tatsache, dass du ansonsten recht sauber gearbeitet hast.
    Mich freut es, dass dir das Gedicht trotz deinem Kampf mit Inhalt und Bedeutung doch zusagt. Die Schönheitsfehler werde ich in Zukunft dank deiner ausführlichen Erläuterungen besser zu vermeiden wissen, da ich jetzt weiß, worauf ich zu achten habe. Gleiches gilt für die Gestaltung des Inhaltes.

    Nun zu deiner Zugabe :

    Zitat Zitat von wolle77
    Ich weiß ja nicht, was du hier zum Ausdruck bringen wolltest. Ich weiß nur, was hier steht und ich darin lesen kann oder nicht lesen kann. Doch beschleicht mich das Gefühl, dass der Text zwei Schwachstellen hat:
    Die zweiten zwei Verse in der ersten Strophe werden bildlich im weiteren Verlauf nicht mehr aufgegriffen und das, obwohl man zu Beginn des Textes kaum Möglichkeit hat sie einzuordnen. Versteh mich nicht falsch, ich liebe die Phiolen, ein klanglich sehr interessantes Wort, aber die Düfte stehen etwas einsam in Phiolen gepfercht und bleiben unbeachtet. Mittlerweile kann ich Düfte und Dämpfe mit Worten und Gedanken übersetzen, aber ich würde mir wünschen, dass der Text diesem Bild mehr Bedeutung beimisst. Die letzte Strophe verquirlt das Bild und in meinem Gehirn bleibt Grütze. Es kann natürlich sein, dass diese begriffliche Verwirrung Absicht war, dann tue ich deinem Text hier Unrecht. Sollte dies nicht der Fall sein, würde ich hier die Feile auspacken und der Eindeutigkeit ein wenig auf die Sprünge helfen. Abgesehen davon ist der Text für mich eigentlich nach Strophe fünf zu Ende, denn da ist bereits die Rede von Freiheit und Gottes natürlicher Pracht, das wird mit dem Rabenkäfigbild teilrevidiert.
    Zunächst zu den Schwachstellen.
    Die Phiolen und die Düfte finden, das ist richtig, in den folgenden Strophen keine weitere Verwendung mehr.
    Dennoch finde ich das Bild des Wegschließens in Verknüpfung zu den ersten beiden Versen der Strophe zu schön, um Z3u.4 zu ersetzen.
    Vielleicht ergeben sie mit meinen Erklärungen jetzt sogar einen existenzberechtigenden Grund? Fände ich schön, jedoch muss ich klar zugeben, dass auf jeden Fall eine gewisse Zusammenhangslosigkeit besteht.
    Die zweite Schwachstelle, die du aufführst, Strophe 6, ist ein klares Manko, das musste ich spätestens beim Lesen deiner Zeilen feststellen.
    Mein erster Fehler dabei ist wohl das animalische Bild, das ich schaffe.
    Für die Krallen, sowie das Umklammern muss ich wohl einen besseren Ersatz finden, sodaß diese Vorstellungen erst gar nicht aufkommen können. Verwirren sollte diese Strophe keinesfalls, deshalb bleibt mir wohl nur noch der Griff zur Feile. Wer mitschleifen will, darf sich gerne auch eine packen

    Nun, zu Gottes natürlicher Pracht habe ich mich schon weiter oben geäußert. Das Vorhandensein einer Gottespracht ist ein grammatikalischer Fehler meinerseits, den ich natürlich sofort beheben werde.

    Fazit: Durch deine Ausführungen sind mir einige Schnitzer im Text aufgefallen, die ich wohl sonst nicht bemerkt hätte. Deine analytische Gedankenstrukturierung hat mich dabei zutiefst beeindruckt.
    Ich hoffe, dass das Gedicht mit meinen Erklärungen doch etwas an Bedeutung
    gewonnen hat, und danke dir für deine unglaubliche Mühe, die du dir angetan hast. Als ich meinem Deutschlehrer das Gedicht vorzeigte, kam nur ein:
    "Joa, des ist doch ganz gut", kein "warum es gut ist" oder "was nicht so gut ist". Doch zum Glück gibt es noch Menschen, die bereit sind Zeit zu opfern, um Andere weiterzubringen. Deine Ausführungen haben mir wirklich geholfen
    So das war jetzt der versprochene Abschlussdank
    Sollte immer noch etwas unklar sein, stelle ich mich auch gerne weiteren Fragen

    Mit dem besten Gruße
    WuRscHtBr0T

    (Entschuldigung, dass die Antwort so auf sich warten ließ, aber es gab viel zu kommentieren)
    Geändert von WuRscHtBr0T (17.01.2008 um 11:20 Uhr)

  4. #4
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    Aloha nochmal!

    Auch auf die Gefahr hin, dich zu enttäuschen, muss ich sagen, dass dein Gedicht nach deinen Erklärungen nicht besonders an Bedeutung für mich gewonnen hat. Dass liegt aber daran, dass es die eigentlich schon vorher hatte. Sonst hätte ich mir die Mühe wohl kaum gemacht. Was deinen Lehrer anbelangt, kannst du davon ausgehen, dass er es nicht verstanden hat. Deswegen auch seine spärliche Reaktion. Ganz ehrlich, wie auch? Wieviel Zeit hat er sich denn genommen, um es durchzulesen? Man versteht meiner Meinung nach immer nur soviel, wie man bereit ist, zu verstehen. Ja. Wo mein Verständnis aufhörte und weshalb habe ich ja bereits ausreichend erläutert. Um aber auch noch mal genauer auf deine Worte einzugehen, hier eine dezidierte Antwort:
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Dein erster Absatz war schon ein Treffer ins Schwarze. [...] Dein Bezug auf die Kirche an diesem Punkt hat mich sehr überrascht, denn ich hielt es kaum für möglich, schon beim Titel ein Bezug zur Religion herzustellen.
    "SeSchu!" würde mein verstorbener Großvater jetzt sagen, du hast dir die Rubrik ausgesucht, nicht ich. Abgesehen davon gibt dein Text im Verlauf davon losgelöst genügend Anhaltspunkte, nur beim Titel hätte ich dann diese Vermutung wahrscheinlich noch nicht bei der Hand gehabt. Aber hier steht's nunmal, wo's steht.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Das Nächtliche Leuchten soll auf die schönen Seiten der Nacht hinweisen. Die Nacht, die eigentlich für Dunkelheit, Gefahr und das Böse steht, hat also auch positive Seiten, als Bild hatte ich mir das Leuchten der Sterne vorgestellt, vielleicht sollte ich zur Verdeutlichung das Leuchten durch Funkeln ersetzen?
    [...]Dies soll zum einen darauf hinweisen, dass den Eingeschlossenen etwas schönes vorenthalten wird, zum anderen, dass die Kirche keine Toleranz kennt.
    Also generell sehe ich keinerlei Anlass, das Leuchten in Funkeln zu wandeln, da dieses die Vorenthaltung genausowenig zum Ausdruck brächte wie das Leuchten. Wenn es keine Toleranz gäbe, gäbe es auch keine Hoffnung. Sie tolerieren schon, nur eben innerhalb ihrer Grenzen. Du drückst an dieser Stelle keinen direkten Vorgang (Vorenthaltung), sondern einen indirekten (Verdrängung), aus. Meine unmaßgebliche Meinung, die aber dem roten Faden, der sich durch dein Gedicht zieht keinen Abbruch tut. Das, was ein Autor ausdrücken möchte, ist einerlei, was in den Zeilen steht, was die Worte ausdrücken, ist wichtig.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Es tut mir Leid, dass dich das Spiel von Dämpfen und Düften etwas verwirrt hat, da habe ich mich wohl zu ungenau ausgedrückt.
    Als Duft habe ich die perfektionierte Reinheit, eine klare Note empfunden,
    als Dampf, insb. als würzigen Dampf eine abgewandelte Form, die wieder ein Anderssein darstellen soll, dem mit Null Toleranz begegnet wird.
    Das würzig würde die Reinheit des Duftes trüben, wenn die Gase sich vermischen, doch soweit lässt es die unscheinbare, zittrige Figur nicht kommen.
    Als Besitzer dieser Hand habe ich mir keine spezielle Person gedacht,
    einzig einen Geistlichen (von mir aus einen Greis ), der die Reinheit der Kirche mit rabiaten Mitteln verteidigt. Wie du weiter unten im Text richtig erkennst, besteht hier kein direkter Bezug zu den ersten beiden Zeilen, da die Handlung nicht zwingend innerhalb des Gefängnisses stattfindet, sondern nur eine gedankliche Parallele zur Intoleranz darstellt.
    Das Problem mit der Toleranz ist, dass sie im Umkehrschluss - also die Intoleranz - aktiv etwas ausgrenzen, verbieten muss, sonst duldet respektive toleriert sie es ja. Mit dem Greis und der Hexenküche ist meine Fantasie im Galopp nach vorn geprescht, ich hatte sie mal wieder nicht im Zaum. Aber um auf den Geistlichen und das Riechzeugs nochmal näher einzugehen: ich als Leser habe hier keinerlei Anhaltspunkt, um wen es sich hier handelt, ne blassfahle Hand kann zu einem Kind genausogut wie zu einem Chemieprofessor gehören, wobei der letztere wahrscheinlicher erscheint im Anbetracht der Phiolen. Mir fehlt da ein Indiz, ein Hinweis. Andererseits würde das vermutlich entmystifizieren, was du dir an dieser Stelle aber leisten kannst, um die Zeilen auch stärker in die übrigen Bilder, sprich dein Gesamtwerk, einzuarbeiten. Ist schon klar, dass die Düfte in die Phiolen kommen, dass die Dämpfe aber herumwabernd dabei sein dürfen, wenn sie auch nicht mit in die Phiolen kommen (was im Übrigen so explizit nicht dasteht, sondern der Leserfantasie überlassen bleibt), ist an sich kein Zeichen strikter Trennung oder mehr noch nicht vorhandener Toleranz. Würden die Dämpfe nicht die Düfte umwabern, sondern die Phiolen, die dann die Düfte beinhalten, wäre die strikte Trennung klarer. Wenn du es dann noch schaffen würdest, die blassfahle Hand in etwas kirchlich anmutendes zu wandeln, dann hättest du schon ein gutes Stück Arbeit getan, dass der von dir intendierten Aussage zugute kommt. Ich mag da vorerst nicht Hand anlegen, da es erstens dein Text ist und du dir zweitens ruhig selbst zuerst das Hirn zermartern darfst, wenn dir wirklich an einer Verbesserung gelegen ist.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Auch soll diese Strophe kein Gegenbild darstellen, eher ein Mischbild aus Schein und Realität. der blumige Schein, der göttliche Spiegel und die Schöpfung sollen eine positive Stimmung darstellen, die jedoch, wie der Zwinger schon ahnen lässt, in der letzten Zeile entkräftet wird,
    da sich das Göttliche im Zwinger, der übrigens das Gefängnis aus Strophe 1 repräsentieren soll , als Trugbild herausstellt.
    Summa summarum also eher eine Weiterführung, als ein Gegenbild...
    Ich habe ja nur mögliche Lesarten bis zu diesem Punkt aufgezeigt und die Weiterführung macht auch in meinen Augen mehr Sinn. Dass der Zwinger das Gefängnis aus S1 darstellen soll, ist nachvollziehbar und auch nicht abwegig. So gesehen muss man eben auch ein wenig darauf achten, wo sich die Zeile mit der Mauer befindet, nämlich nicht erst in der dritten Zeile sondern am obersten Rand des Gedichtes, an der Außengrenze. Nö, macht alles Sinn, auch wenn ich das in deinen Augen vllt. nicht so erkannt habe.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Nun, ich gebe zu - der göttliche Spiegel der Schöpfung ist das wohl schwierigste Bild in diesem Gedicht.
    Mit der Verknüpfung zur ersten Zeile sollte jedoch klar werden, dass der blumige Schein aus dem Spiegel kommt.
    Jap! Mein Fehler. Ich habe nicht aufmerksam genug gelesen. Es macht eben einen Unterschied, ob da steht: "Dem göttlichen Spiegel der Schöpfung entsprungen" oder "Dem göttliche Spiegel der Schöpfung entsprungen". So gesehen, wünsche ich mir jetzt, du hättest nicht schon alles offenbart, dann hätte ich jetzt noch die Möglichkeit selbst dahinter zu kommen, was das wohl bedeuten könnte.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Diese Strahlen, die, wie du schon sagst, mit dem Wandel entstehen, lassen die Menschen zusammen mit der Außensicht erkennen, dass sie in Gefangenschaft leben und der Glanz, dem sie frönten, nur ein Abbild der wirklichen Freiheit ist.
    Den Schluss den du daraus ziehst, war ein interpretatorischer Streifschuss.
    Mit dem Beenden des Theaters hast du natürlich recht, doch soll den Menschen auch klarwerden, dass ein Leben ganz ohne die Zwänge der Religion möglich ist, nicht "nur", dass der Glaube auch ohne die Kirche möglich ist.
    Denn auch wenn die Mauern von der Kirche erbaut worden sind, den Grundstein hat die Religion schon gelegt, bevor eine Kirche als solche existierte. Wenn du jedoch einen universellen Glauben, eine nicht einschränkende Überzeugung meintest, stimme ich dir voll und ganz zu.
    Ich meinte einen universellen Glauben, keinen wort- oder gottbezogegenen. Dass du mich hier eher anders eingeschätzt hast, nehme ich dir nicht krumm - schließlich kennst du mich ja nicht.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Diese Strophe ist deshalb kursiv geschrieben, da sie eine Ansprache eines Erleuchteten () darstellen sollte, eine Rede von einem der einsichtigen Menschen, die die wahre Freiheit erlangen wollen.
    Als wörtliche oder indirekte Rede hätte ich es deshalb nicht gedeutet, weil entweder die Anführungszeichen oder der Konjunktiv dafür ein untrügliches Zeichen gewesen wären. Die Kursivstellung zeigt eine Besonderheit, eine Emphase an, deutet aber nicht unmissverständlich auf eine Ansprache hin. Problematisch ist auch, dass es ja mehrere (vereinzelte Seelen = Plural) sind, die hier von der Einsicht heimgesucht werden und hinter denen dann der Doppelpunkt steht. Es liest sich also wie ihre zusammengefassten Gedanken oder Erkenntnisse, aber nicht wie eine Ansprache.

    Auf die letzte Strophe komme ich dann vielleicht ein andermal zu sprechen. Ich muss jetzt nämlich weg.

    Eins noch: Meine Fragen, waren weniger Fragen an dich. Sie befanden sich zwischen mir und dem Text, dass du sie nun beantwortet hast, ist zwar nett, hilft dem unbedarften Leser beim ersten Kontakt mit deinen Zeilen aber herzlich wenig.

    Soweit der Ärger.

    Liebe Grüße und einen schönen Abend.
    Wolle
    Geändert von Francine (18.01.2008 um 14:32 Uhr)
    Now, for the Poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth:
    for as I take it, to lie, is to affirm that to be true, which is false.

    An Apology for Poetry - Sir Philip Sidney


  5. #5
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    Ahoi wolle,

    Zitat Zitat von wolle77
    "SeSchu!" würde mein verstorbener Großvater jetzt sagen, du hast dir die Rubrik ausgesucht, nicht ich. Abgesehen davon gibt dein Text im Verlauf davon losgelöst genügend Anhaltspunkte, nur beim Titel hätte ich dann diese Vermutung wahrscheinlich noch nicht bei der Hand gehabt. Aber hier steht's nunmal, wo's steht.
    Ja wer hätte das gedacht, ein Gedicht über Religion in der Kategorie "Mythisches , Religiöses und Spirituelles"
    Da warn meine Gedanken wohl schon beim Federbett...

    Zitat Zitat von wolle77
    Wenn es keine Toleranz gäbe, gäbe es auch keine Hoffnung. Sie tolerieren schon, nur eben innerhalb ihrer Grenzen. Du drückst an dieser Stelle keinen direkten Vorgang (Vorenthaltung), sondern einen indirekten (Verdrängung), aus. Meine unmaßgebliche Meinung, die aber dem roten Faden, der sich durch dein Gedicht zieht keinen Abbruch tut. Das, was ein Autor ausdrücken möchte, ist einerlei, was in den Zeilen steht, was die Worte ausdrücken, ist wichtig.
    Das erscheint mir als sinnvoll, da hätte ich den Begriff Toleranz wohl mit mehr Vorsicht gebrauchen müssen
    Ein direktes Abgrenzen ist hier wirklich nicht gegeben.

    Zitat Zitat von wolle77
    ich als Leser habe hier keinerlei Anhaltspunkt, um wen es sich hier handelt, ne blassfahle Hand kann zu einem Kind genausogut wie zu einem Chemieprofessor gehören, wobei der letztere wahrscheinlicher erscheint im Anbetracht der Phiolen. Mir fehlt da ein Indiz, ein Hinweis. Andererseits würde das vermutlich entmystifizieren, was du dir an dieser Stelle aber leisten kannst, um die Zeilen auch stärker in die übrigen Bilder, sprich dein Gesamtwerk, einzuarbeiten.
    Muss ich mir wohl leisten, über das Wie? werde ich mir jedoch noch ein paar Gedanken machen müssen...

    Zitat Zitat von wolle77
    Ist schon klar, dass die Düfte in die Phiolen kommen
    Nein, die Düfte kommen nicht in die Phiole - die Dämpfe kommen da rein.
    Hier habe ich mich wohl erneut zu ungenau ausgedrückt. Stell dir folgenden ergänzenden Satz zwischen den beiden Zeilen vor:

    Würzige Dämpfe umwabern die Düfte,
    doch bevor sie sich endgültig mit ihnen vermischen können, werden sie
    Von blassfahler Hand in Phiolen gezwängt.

    Zitat Zitat von wolle77
    ...ist an sich kein Zeichen strikter Trennung oder mehr noch nicht vorhandener Toleranz.
    Im Gegensatz zu S1,Z2 findet hier tatsächlich eine Eingrenzung bzw. Trennung statt. Somit rechtfertige ich den Begriff Toleranz.
    Dass du das anders aufgenommen hast, liegt wohl daran, dass ich die beiden Sätze zu ungenau bzw. falsch verknüpft habe.
    Doch ob ich diese Stelle noch ändern werde - Ich weiß es nicht , denn bin ich mir noch nicht ganz darüber im Klaren, ob es sich hierbei um einen expliziten Fehler handelt oder um eine zu große Abstraktion des Bildes durch ungenaue Ausdrucksweise.

    Zitat Zitat von wolle77
    Ich mag da vorerst nicht Hand anlegen, da es erstens dein Text ist und du dir zweitens ruhig selbst zuerst das Hirn zermartern darfst, wenn dir wirklich an einer Verbesserung gelegen ist.
    Das verlange ich auch gar nicht, mir hat es schon sehr geholfen, dass du mir die Stellen aufgezeigt hast, die noch zu verbessern sind.
    Als Heimwerkerssohn versuche ich sowieso alles zuerst selbst hinzubekommen, erst wenn die Stromleitung angebohrt ist, lass ich mal wen anders ran
    Ich hab mich zwar schon etwas in der Wand verbohrt, aber vielleicht finde ich ja noch den Weg am Eisenträger vorbei

    Zitat Zitat von wolle77
    Ich habe ja nur mögliche Lesarten bis zu diesem Punkt aufgezeigt und die Weiterführung macht auch in meinen Augen mehr Sinn. Dass der Zwinger das Gefängnis aus S1 darstellen soll, ist nachvollziehbar und auch nicht abwegig. So gesehen muss man eben auch ein wenig darauf achten, wo sich die Zeile mit der Mauer befindet, nämlich nicht erst in der dritten Zeile sondern am obersten Rand des Gedichtes, an der Außengrenze. Nö, macht alles Sinn, auch wenn ich das in deinen Augen vllt. nicht so erkannt habe.
    Tut mir leid, da habe ich dich wohl massivst unterschätzt

    Zitat Zitat von wolle77
    Jap! Mein Fehler. Ich habe nicht aufmerksam genug gelesen. Es macht eben einen Unterschied, ob da steht: "Dem göttlichen Spiegel der Schöpfung entsprungen" oder "Dem göttliche Spiegel der Schöpfung entsprungen". So gesehen, wünsche ich mir jetzt, du hättest nicht schon alles offenbart, dann hätte ich jetzt noch die Möglichkeit selbst dahinter zu kommen, was das wohl bedeuten könnte.
    Ja verarsch mich ruhig - Den Satz hätte ich mir wirklich sparen können

    Zitat Zitat von wolle77
    Ich meinte einen universellen Glauben, keinen wort- oder gottbezogegenen. Dass du mich hier eher anders eingeschätzt hast, nehme ich dir nicht krumm - schließlich kennst du mich ja nicht.
    Da habe ich dich (mal wieder ) falsch eingeschätzt.
    Meine Zustimmung für den Fall, dass du es doch anders meinen solltest, habe ich dir ja schon im vorhergehenden Beitrag gegeben

    Zitat Zitat von wolle77
    Als wörtliche oder indirekte Rede hätte ich es deshalb nicht gedeutet, weil entweder die Anführungszeichen oder der Konjunktiv dafür ein untrügliches Zeichen gewesen wären. Die Kursivstellung zeigt eine Besonderheit, eine Emphase an, deutet aber nicht unmissverständlich auf eine Ansprache hin.
    Klingt logisch...die Anführungszeichen machen sich schon bereit für den Einsatz!

    Zitat Zitat von wolle77
    Problematisch ist auch, dass es ja mehrere (vereinzelte Seelen = Plural) sind, die hier von der Einsicht heimgesucht werden und hinter denen dann der Doppelpunkt steht. Es liest sich also wie ihre zusammengefassten Gedanken oder Erkenntnisse, aber nicht wie eine Ansprache.
    Nun ja, ich dachte eigentlich, dass die letzten beide Verse dieser Strophe den entsprechenden Hinweis geben würden.
    Die Freiheit eröffnet uns all ihre Pracht, stellt klar, dass es sich bei der denkenden/sprechenden Person(engruppe) um jemanden innerhalb des Käfigs handeln muss.
    So schmückt ihren Ruf mit den Federn des Raben. erschien mir als eindeutiges Indiz dafür, dass nur ein Einzelner spricht/denkt.
    Ich hielt es für offensichtlich, dass der Leser die Ansprache eines Einzelnen für wahrscheinlicher hält, als einen Imperativ, der im Einklang oder im Kanon von einer Gruppe vorgetragen wird.
    Nun gut, aufgrund der fehlenden Anführungszeichen ist von einer expliziten Ansprache noch nicht direkt auszugehen...

    Zitat Zitat von wolle77
    Auf die letzte Strophe komme ich dann vielleicht ein andermal zu sprechen. Ich muss jetzt nämlich weg.
    Würde mich freuen

    Zitat Zitat von wolle77
    Eins noch: Meine Fragen, waren weniger Fragen an dich. Sie befanden sich zwischen mir und dem Text, dass du sie nun beantwortet hast, ist zwar nett, hilft dem unbedarften Leser beim ersten Kontakt mit deinen Zeilen aber herzlich wenig.
    Hm...eigentlich hatte ich mich bemüht meine Antworten recht klar zu formulieren. Dass sie einem unbedarften Leser nicht sehr weiterhelfen ist zwar schade, wenn auch nicht verwunderlich. Denn war es weniger meine Absicht eine Einsteigehilfe für Erst-Leser zu liefern, als auf die, wie du sagtest "zwischen dir und dem Text stehenden" Fragen einzugehen.

    Diese Einsteigerhilfe gedenke ich eher mit Veränderungen an den problematischen Stellen zu geben. Über das Wie? muss ich mir jedoch - wie gesagt - noch Gedanken machen...Auf S1,5,6 wird dabei mein Hauptaugenmerk liegen.

    Zitat Zitat von wolle77
    Soweit der Ärger.
    Hrmpf, war ja klar, dass der noch kommt
    Soweit sogut, diesmal die Antwort etwas kompakter, da ich mich bis Freitag mit meiner Facharbeit sputen muss

    Liebe Grüße
    WuRscHtBr0T

  6. #6
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    Lieber WB,

    ich freue mich, dass du auf meine Kritik eingehst, sie beherzigst, aber auch deine Gedanken verteidigst, das ist alles wichtig, um zu sehen, welche Argumente auf Dauer Bestand haben. Da deine Facharbeit gestern fällig war, denke ich, dass du heute oder morgen vielleicht ein wenig Zeit übrig hast, um dich nochmal deinen Zeilen zu widmen. Ein wenig geändert hast du ja schon.

    Kurz zur Ansprache:
    Ich denke, dass es letzlich zweitrangig ist, ob der Leser dabei an einen oder viele Menschen denkt, wenn man davon ausgeht, dass in einem Gedicht sowohl die Bewegungen einer Gruppe bzw. die Gedanken eines Einzelnen (quasi als Fallbeispiel) widergegeben werden können (in meinen Augen macht es keinen Bedeutungsunterschied - ich denke dabei an eine Botschaft Dürrenmatts: "Was einmal gedacht wurde, wird wieder gedacht."). So gesehen denke ich, dass du dem Leser mit den Anführungszeichen nahe legst, was dieser Abschnitt sein soll.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Zitat Zitat von wolle77
    Ist schon klar, dass die Düfte in die Phiolen kommen
    Nein, die Düfte kommen nicht in die Phiole - die Dämpfe kommen da rein.

    Hier habe ich mich wohl erneut zu ungenau ausgedrückt. Stell dir folgenden ergänzenden Satz zwischen den beiden Zeilen vor:

    Würzige Dämpfe umwabern die Düfte,
    doch bevor sie sich endgültig mit ihnen vermischen können, werden sie
    Von blassfahler Hand in Phiolen gezwängt.
    Zweierlei: das erste Problem, das ich hier sehe, ist, dass dieser eingefügte Satz nicht im ursprünglichen Text steht. Das zweite Problem ist der Bezug, "sie" kann sich auf beides beziehen, somit ist die von dir erdachte Möglichkeit nur eine Option. Es bleibt dem Leser überlassen ob er den Nebensatz auf das Subjekt oder das Objekt bezieht, ich frage mich vor allem, welche von beiden Varianten die "technisch wahrscheinlichere" ist?
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Im Gegensatz zu S1,Z2 findet hier tatsächlich eine Eingrenzung bzw. Trennung statt. Somit rechtfertige ich den Begriff Toleranz.
    Dass du das anders aufgenommen hast, liegt wohl daran, dass ich die beiden Sätze zu ungenau bzw. falsch verknüpft habe.
    Doch ob ich diese Stelle noch ändern werde - Ich weiß es nicht , denn bin ich mir noch nicht ganz darüber im Klaren, ob es sich hierbei um einen expliziten Fehler handelt oder um eine zu große Abstraktion des Bildes durch ungenaue Ausdrucksweise.
    Ich denke nicht, dass es ein expliziter Fehler ist, im herkömmlichen Sinne, so wie ein Rechtschreibfehler o.Ä. Doch wenn dir daran gelegen ist, dich genau auszudrücken bzw. das, was du sagen möchtest, auch dort stehen zu haben und nicht es dir nicht bloß dazu zu denken, dann rate ich dir, nochmal zu überdenken und ggf. zu präzisieren (ich weiß, dass das nicht immer so einfach ist, doch unmöglich ist es nicht ).
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Als Heimwerkerssohn versuche ich sowieso alles zuerst selbst hinzubekommen, erst wenn die Stromleitung angebohrt ist, lass ich mal wen anders ran
    Ich hab mich zwar schon etwas in der Wand verbohrt, aber vielleicht finde ich ja noch den Weg am Eisenträger vorbei
    Vielleicht helfen Stromschläge auch, um etwas zu lernen... Aber mal im Ernst: Wie sonst will man etwas lernen, wenn man es nicht auch mal ausprobiert, sich verbohrt, auf Widerstand stößt und schließlich neue Wege findet.
    Zitat Zitat von WuRscHtBr0T
    Diese Einsteigerhilfe gedenke ich eher mit Veränderungen an den problematischen Stellen zu geben. Über das Wie? muss ich mir jedoch - wie gesagt - noch Gedanken machen...Auf S1,5,6 wird dabei mein Hauptaugenmerk liegen.
    Ich bin gespannt, aber du weißt ja, probieren geht über ... und so.

    Zum Schluss noch Strophe 6:

    Ja, ich denke, dass die Krallen hier definitiv ersetzt werden sollten. Wenn man Klauen oder Pranken setzte, wäre es vielleicht schon ein bisschen weniger rabig... Naja und "furchtsamen" ist semantisch auch bedenklich, im Hinblick auf den Bezug, den du herstellen möchtest. Bislang waren es vor allem die Gefangenen, die Angst hatten und hier schwenkst du nun dein Hauptaugenmerk auf die Gefängniswärter, ohne das noch mal explizit zu erwähnen. Dementsprechend würde ich andere Indizien säen.

    Okay, wie fändest du panische Klauen? Panische Pranken finde ich, ob der Alliteration eher unpassend, es wirkt dadurch verspielt und das soll es ja nicht sein. Klauen konnotiere ich mit Freiheitsberaubung. Angst macht sich breit, vielleicht sogar Panik, die Schäfchen hüpfen über den Zaun... "Den Käfig mit panischen Klauen umklammert" - hätte außerdem noch eine phonetische Raffinesse zu bieten, da e, au, u, a, e auch eine in sich geschlossene Spannung beinhaltet. Das "Sie" in Z3 ist m.E. ein größeres Problem, denn der Bezug ist absolut unklar, man weiß als Leser nicht, wer damit gemeint ist und darf spekulieren, was vor allem an der beliebigen Zuordnung der ersten zwei Zeilen der Strophe liegt. Veränderst du diese zur Eindeutigkeit hin, dann könntest du das "sie" eventuell stehen lassen. In der letzten Zeile würde ich, um dann die Verdoppelung zu vermeiden und das gierige Aas nicht nur mit Händen, sondern auch Mündern (die ja auch nicht unwesentlich bei diesem Thema sind ) ausstatten, z.B. "Entrinnen den Schlunden des gierigen Aas" oder "Entrinnen den Mäulern des gierigen Aas" oder aber "Entrinnen dem Abgrund, dem gierigen Aas" oder "Entrinnen der Fäulnis des gierigen Aas" oder oder oder... schreiben. Es gibt viele Möglichkeiten, das waren jetzt welche, die mir spontan eingefallen sind. Es sind nur Ideen, wenn sie dir was nützen oder auch nur Anstoß sind - schön, wenn nicht, dann nicht.

    Liebe Grüße
    Wolle
    Now, for the Poet, he nothing affirmeth, and therefore never lieth:
    for as I take it, to lie, is to affirm that to be true, which is false.

    An Apology for Poetry - Sir Philip Sidney


  7. #7
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    Unhappy

    Hallo wolle,
    zunächst einmal möchte ich mich für die sehr verspätete Antwort entschuldigen.
    Ich habe das Gedicht verdammt lange liegen gelassen, bis ich mich wieder daran gewagt habe.
    (Ich hätte auch schreiben können, ich editiere später, doch wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht wie lange es dauern wird, bis mir etwas entsprechendes einfällt und bis dahin wäre das Gedicht samt uneditiertem Beitrag schon wieder auf Seite 24 angelangt )

    Inzwischen ist mir doch die ein oder andere Formulierung durch den Kopf geschossen, die den jetzigen Zustand des Gedichts m.E. verbessern würden.

    Hauptproblem waren ja jeweils die letzten beiden Verse der ersten und letzten Strophe. Dafür habe ich mir folgendes überlegt:

    S1:
    Goldene Zinnen erdolchen die Lüfte,
    Nächtliches Leuchten in Ecken gedrängt.
    Des weltlichen Frevels santanische Düfte
    Von göttlicher Hand in Phiolen gezwängt.

    Ich denke hier ist nun klarer, was ich mit den 'Dämpfen' des Originals gemeint habe.
    Die menschliche Lebensart, die von Gott als frevlerisch und satanisch eingestuft wird (auch Bagatelle waren häufig Sünde), hat im göttlichen Ermessen keine Daseinsberechtigung und wird deshalb fortgesperrt.
    Leider musste ich hier in Z3 einen weiteren Auftakt einfügen, der mich noch nicht ganz glücklich macht
    Was die Hand betrifft, sollte es jetzt verständlicher sein, dass diese weder zu einem Toten, noch zu einem kranken Kind gehört.
    Anstatt einen weltlichen Diener des Herrn die Düfte wegsperren zu lassen, habe ich mich nun entscheiden, dass er das selbst machen darf

    S6:
    Den Käfig umklammert mit furchtsamen Händen,
    Erdrückende Angst erzeugt Sprünge im Glas.
    Die wissenden Jünger entfliehen den Wänden
    Die ureinst erbaute das gierige Aas.

    Z1 hab ich umgestellt und aus den Krallen endlich Hände gemacht
    Was die Furcht angeht, denke ich nicht, dass diese allzuweit hergeholt ist.
    Solange in einem Gefängnis alle spuren, kann der Wärter gelassen bleiben, werden sie rebellisch und ein Ausbruch scheint zu gelingen, kann schon einmal Panik aufkommen
    Gott/Die Kirche (vgl. Problem in Z4) hat die Kontrolle über seine Anhänger verloren, die nun die Wahrheit erkannt haben und rebellieren.
    Gott/Die Kirche versucht nun panisch die Leute im Käfig zu halten, doch je stärker sie drücken, desto mehr Sprünge entstehen.

    Z2 ist gleich geblieben

    in Z3 habe ich das 'sie' durch 'wissende Jünger' ersetzt, damit man auch weiß, wer dahinter steckt. Jünger deshalb, da dieser Begriff zwar hauptsächlich im religiösen Bezug steht, aber auch darüber hinaus verwendet werden kann, um Menschen darzustellen, die einer bestimmten Idee oder Persönlichkeit folgen.
    In diesem Fall könnte man als Idee den Gedanken des Aufbruchs, das Erlangen der Freiheit sehen und als Persönlichkeit vielleicht den represäntativen Denker aus S5. Somit haben die Käfigbewohner (Jünger) dank des neuen Wissens der alten Idee abgeschworen und folgen nun einer neuen (besseren).

    Mit dem abschließenden Vers bin ich noch nicht ganz zufrieden.
    Mein Problem ist das gierige Aas. Eigentlich wäre es passender, wenn die Kirche die Mauern errichtet hätte und nicht Gott. Wenn ich jedoch in S1,Z4 von einer göttlichen Hand spreche und hier von einem Aas im Singular, fällt
    die ganze Last auf Gott zurück, dabei sollte die Kirche doch auch ne Scheibe vom schwarzen Peter abbekommen
    Also hiermit bin ich wie gesagt noch nicht ganz zufrieden.
    Naja, vielleicht werde ich ja noch von Einsicht frappiert.
    Geändert von WuRscHtBr0T (06.08.2008 um 13:53 Uhr)

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