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    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte

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    I. Brief
    Wir sind nun also hier, seit Tagen und Wochen, es mögen Monate sein, erfassen kann ich es nicht mehr, unterscheiden sich die Tagesabläufe längst bekannter Muster doch nur im Blickwinkel des Betrachters.
    Die Tage kann ich mir noch selber planen, und ein naiver Mensch würde behaupten, ich wäre frei; Recht hätte er, im Sinne vorgelebter Freiheit, der es nachzueifern gilt, in stupider Wahl zu tun oder zu lassen – nur nicht zu formen.
    Und so bleiben mir die Tage in Erinnerung, als Zeiteinheiten gebündelt und verpackt, ich muss sie aufschreiben, um nicht zerrissen zu werden, und des Nachts wache ich über sie – nur, weil einer doch wachen muss.



    II. Brief
    Wieder schreibe ich dir spät abends. Im Dunkeln ist es einfacher, die Worte auf das Papier zu bannen, Satzfetzen zerfallen zwar auch zu dieser Stunde, verschwinden jedoch ohne Schatten zu hinterlassen, und so kann ich hier durch die Zeilen spazieren und jenes, was nicht entfällt und zerbirst, mag stehen und, als Monument der Stunde geltend, den einen oder anderen Gedanken festhalten.
    Das Wort selber erkenne ich auch jetzt nicht, es bleibt nur ein Relief, welches nur von weitem geformt und bestaunt werden kann; zu nah dran würde es keinen Unterschied mehr machen ob Rumpf oder Hals gemeißelt wurde.
    Drehen könnte man es auch dann noch, nur etwas umzudrehen, von dem man nicht weiß, ob man oben nach unten kehrt oder unten nach oben. Man täte es nur um zu behaupten, man hätte schon immer gewusst, dass es falsch herum stünde. Oder anmaßender: einen Fehler enthalte.
    Richtig läge man mit diesen Behauptungen, widerlegen könnte es keiner, solange man ihm nur einredete, er solle sich das doch einmal von hier aus anschauen, und dann auch mit der Nase so nah dran stieße, dass selbst diese problemlos in die Konturen eingearbeitet werden könnte. Und so bekäme dann selbst ein alter Tonkopf Bedeutungen wie Betrachter, gleichermaßen in Anzahl und Vollendung.
    Zu guter Letzt stünden alle um einen Haufen Scherben herum, und philosophierten weiter, bis einem die Idee käme, den anderen verantwortlich für dieses Resultat zu machen, und statt der ursprünglichen Betrachtung stünde nun die Frage nach dem Schuldigen im Raum. Unerwünscht bliebe das Weshalb, wie schon zu Beginn.

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    Geändert von Ensimismado (21.12.2008 um 21:12 Uhr)
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  2. #2
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    III. Brief
    Bisher vernachlässigte ich es, dir zu berichten, wie sich dieses Land von dem dir bekannten unterscheidet. Der Bitte möchte ich versuchen nachzukommen, obwohl ich bezweifle, dass es mir gelingt, dir diese Eindrücke zu schildern, wie es mir vorschwebt.
    Groß ist dieses Land, sehr groß, von der Fläche her, und doch zu klein, muss man vermuten. Auch unterscheidet sich der Lebensstandard nur, wenn man partiell herausnimmt und betrachtet, die Differenzen untereinander sind ähnlich groß, ob es nun an frischem Wasser oder an der richtigen Kleidung festgemacht wird.
    Doch blenden wir diese Dinge aus, so bleiben auch hier Sand und Erde, vermischt in Tümpeln; als Flecken, wenn man von weiter oben schaut, als Oase des Lebens, wenn man daneben steht. Und Regen. Es gibt ihn auch hier, er prasselt wie zuhause und spiegelt dein Lächeln, und danach die diesige Luft. Es schmeckt dann ein wenig salzig.


    IV. Brief
    Ein Land, größer als alles was wir bisher innerhalb einer Grenze gepfercht hatten, und doch gibt es immer noch zu wenig Ausweichraum hier. Ich kann nicht verleugnen, dass es Flecken gibt, welche in ihrer Schönheit selten und in ihrer Fruchtbarkeit unübertroffen sind, doch statt mit Hilfe der Gesamtfläche auszugleichen, behauptet ein jeder, ihm stünde mehr zu, und der Begriff der Wertigkeit ist so vielseitig, dass ein Vergleich denjenigen begünstigt, welcher ihn loser formuliert.
    Darüber verdrängt wurde der vorige Besitzer, den man mit einigen Gulden abspeist und dem man einen Landstrich nahe den Salzwiesen zuweist. Beileibe mag sein neuer Besitz größere Ausmaße haben, und wie man rechtfertigend verkündete, gehören ihm auch die Fischereirechte für sein Küstengebiet. Vergessen hat man darüber, dass ihm die Mittel, diese zu nutzen, nicht gegeben sind.
    Wir geben noch immer allen die gleichen Chancen, indem wir den Rahmen groß genug anlegen, dass nur die ihn ausreizen können, welche die Fähigkeiten und Mittel schon vorher besaßen.
    Gönnerhaft geben kann sich nun manch einer, und diese Moral, aufgebaut auf dem Gesetz des Stärkeren, wird belohnt – gerecht, schließlich würde ein jeder sie erhalten, der das Nötige dafür tut.
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  3. #3
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    V. Brief
    Berichten wollte ich dir auch weiterhin, von Gedanken und Geschehnissen, von eben jenem, was mir hier tagtäglich begegnet. Nur bin ich gefangen, eingesperrt in meinen Worten und Bildern, die immer wieder das Berichten dem Erzählen verdingen. Zwar mag es nur verschwindend gering sein im Einzelnen der Worte, doch als Gebilde, durch das zwar ein jeder blicken kann – doch nur wie aus Glas, welches das Licht fächert und verzerrt – entsteht für denjenigen, der die Worte liest, ein neues Bild. Selbst mir, wenn ich Tage später diese wieder betrachte, erscheinen sie in immer anderer Mattheit.
    Diesen Umstand zu ändern ist mir nicht vorbehalten, dir sollte stattdessen das Bild nicht als Foto scheinen, sondern als Gemälde oder Musik, nur dann gibt es keine Fehler; höchstens Missverständnisse. Und so kleckse ich umständlich weiter auf dieses Papier, auf dass du dir nimmst und betrachtest.


    VI. Brief
    Von dem Urteil gegenüber dem Landbesitzer schrieb ich dir. Auch von den Unzulänglichkeiten dieses Urteils und dessen Rechtfertigungen. Heute wurde dieses nun vollstreckt, und da sich diese Umsiedlung nicht auf freiwilliger Basis durchführen ließ, holte man einige starke Männer zusammen, die diese beschleunigen sollten. Nicht mit unlauteren Mitteln, nur eben dies vollziehend, was im Beschluss als rechtskräftig geltend gemacht wurde. Ich schaute zu, wie fein säuberlich gepackt alles Hab und Gut die Grundstücke wechselte und der alte Besitzer geschlagen diesem Treiben beiwohnte, jedoch nicht selber dieses unterstützend, nur hinnehmend.
    Im Vorbeigehen, gegen Ende des Tages, rief mir einer der Arbeiter zu, dass nun auch endlich dieser harte Tag zuende sei. Nachfragend, ob für ihn oder den Besitzer, schaute er mich zweifelnd an. Es wird nur dann ein neuer Tag sein, wenn die Schatten des alten Tages nicht hineinreichen, bemerkte ich im Weggehen.

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  4. #4
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    VII. Brief
    Ob meine Worte ihn zum Nachdenken anregten, weiß ich nicht, ich selber jedoch saß des Abends noch lange und sinnierte über sie. Wenn wir davon ausgehen, dass Schatten auch in den nächsten Tag hineinreichen können, und zwei Schatten übereinandergelegt wohl dunkler werden, so muss man darauf hoffen, oder hinarbeiten, dass es eine Lichtquelle gibt, um nicht endgültig im Dunkeln zu verschwinden.
    Wenn letztlich auch der Mensch das Licht sucht und in seiner Gier, der Motte nicht unähnlich, sich verbrennt, ist Licht und Schatten kein Gegensatz, sie sind ein Wortpaar.
    Es gilt wohl auch in dem Fall abzuwägen, welche Brandflecken sich zu leisten lohnen, und dieses Fingerspitzengefühl ist es, was es sich anzutrainieren gilt und später dann als Lebenserfahrung verkauft werden darf.


    VIII. Brief
    Heute besuchte ich den alten Mann in seiner neuen Bleibe. Schön hat er es dort, in seinem neuen Haus. Schön wohl für jeden, der es betrachtet, oder neu dort wohnt, weil er möchte. Die Erinnerungen freilich sind liegengeblieben auf staubigen Treppenstufen, die wohl gerade abgerissen werden, wie die Fundamente und Wände. Bald erinnert noch ein Stückchen frische Erde an Ehemaliges, bis diese überwachsen und überbaut sein wird, spätestens dann setzt ein ähnlicher Prozess auch den Erinnerungen zu.
    Demjenigen, dem dieses widerfährt, er muss nun beginnen nach neuen Lichtquellen zu suchen, sich wieder zu verbrennen – möglicherweise. Oder er verbleibt in Eindimensionalität, Schatten gäbe es nicht, und auch kein Licht.
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    IX. Brief
    Du magst dich schon einige Zeit gefragt haben, weshalb dem guten Mann diese Umsiedlung widerfahren ist, und bisher ließ ich dich dahingehend im Dunkeln stehen, nur zu berichten was geschah; das Weshalb nur grob umrissen und vordergründig die Auswirkungen zu nennen.
    Das liegt weniger daran, dass ich dieses bisher in meinen Briefen einfach unterschlagen habe – ob unabsichtlich oder mir dessen völlig bewusst –, sondern viel mehr dem geschuldet, dass mir das Berichten ohne Wertung in diesem Fall nahezu unmöglich erschien. Nun, nach einiger Zeit und Abstand jedoch ist mir bewusst geworden, dass dies kein Grund zum Schweigen ist, da sich diese Situation nicht ändern wird. Es mag der Staat einen Bericht herausgeben, er wäre wertend, wie auch meiner oder der eines jeden anderen. Ich lege mit diesem Schreiben nicht die Forderung auf Recht zugrunde, sondern in erster Linie das Bewusstsein der Subjektivität, die mir auch dann noch treu bliebe, schriebe ich gewollt objektiv. Mit diesem Wissen kann ich dir ohne Bedenken das Szenario schildern.
    Das Land schien nach Urkunden ihm und vorher schon seinen Vätern gehört zu haben. Eine dieser Urkunden jedoch war nicht rechtmäßig unterschrieben, nicht von Seiten des Besitzers, nur von Seiten des Staates. Und obwohl relativ leicht nachzuweisen war, dass dies ein Fehler des Staates war, berief sich der neue Besitzer eben auf jenen Urkundenschwindel, wie er es formulierte. Ein Verfahren hätte der alte Mann mit großer Sicherheit verloren, nur kam es nie dazu, der gesetzte Streitwert und andere Faktoren hätten diesen mit solchen horrenden Eingangszahlungen belegt, dass es ein leichtes war, den Fall außergerichtlich abzuschließen. Da reicht es dann auch aus, wenn nur eine Partei mit dem Urteil zufrieden ist und die andere annehmen muss, und akzeptieren; rechtlich gesehen.


    X. Brief
    Vermisst musst du bisher alles Persönliche haben, die Briefe bisher waren alleine berichtend, und in ihrem Berichtenden auch wertend, nie jedoch offen dem absolut Subjektiven unterworfen und emotional formuliert, als bloßes Gefühl vermerkt. Dies wird mir auch heute eher schwerlich gelingen, und über mich selber mag ich kein Wort verlieren, mehr über den Inhalt der letzten Briefe, über den alten Mann, dessen Problem ich dir schilderte, der jedoch auch weiterhin nur als Schatten schien, ohne Persönlichkeit. Im Grunde wäre es auch egal, den Schatten könnte ich einem jeden überstülpen, und so würden wir merken, dass er kein Einzelfall darstellt.
    Aber da es nun mal seine Geschichte ist, von der ich berichte, möchte ich ein paar Worte mehr über ihn verlieren. Seinen Namen kann ich dir nicht nennen, ich selber kenne ihn nicht, Namen spielten nie eine Rolle und verständigen konnten wir uns bisher auch so glänzend, frei von dem Zwang des absoluten Festlegens auf eine Person, über die wir berichteten.
    Von größerer Bedeutung ist es zu wissen, dass er auf die 70 Jahre zugeht und er bis auf dieses Land kein anderes kennt, er von Kindesbeinen an auf dem Land lebte und hier – oder berichtigend gesagt dort, wo er bis vor kurzem noch leben durfte – jeden Grashalm kennt und sein Heim sein Leben war. Es mag keine große Fläche sein, die er kennt, aber er kann mir über jedes Jahr, fast über jeden Tag und jedes Fleckchen Erde seine eigenen Geschichten erzählen, die er dort erlebte oder beobachtete. Und mehr noch, über jede dieser Geschichten seine Gedanken. So manches Mal saß ich nun mit ihm vor seinem neuen Heim, und er dachte laut nach. Eines Abends traf es sich nun, dass ein Wanderer vorbeikam und nach einem Schluck Wasser fragte, den wir ihm nicht verwehrten, und als er nun lauschend trank, wollte er sich ebenso erzählend revanchieren. Er hatte wohl eine weitreichende Kenntnis über fremde Länder und Städte, und hätte er die Zeit gehabt, er hätte noch tagelang berichten können, doch in all dem fehlte das Persönliche. Es war nicht annähernd so spannend ihm zu lauschen, wenn er über mir gar unbekannte Länder berichtete, als wenn der Alte über seinen Garten plauderte, und man ihm dabei fast glauben mochte, dass nicht nur er jeden Grashalm kennt, sondern dieser auch ihn – und damit mehr weiß als ich.
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    XI. Brief
    Einen dieser Abende nutzten wir nun dazu, uns zu überlegen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, ohne große finanzielle Möglichkeiten auf sein Recht zu bestehen. Im Zuge dieses Gedankenganges gilt es nun, alle möglichen Urkunden und Gesetzesbeschlüsse, vergleichbare Fälle und ähnliche Entscheide, durchzuarbeiten. In der Hoffnung irgendwann auf eine Fährte zu stoßen, die nicht nach wenigen Schritten dort endet, wo wir grade stehen. Und so gehen wir diese Treppen, und mit jedem Tritt weiden wir die ausgetretenen Stufen weiter aus, bringen sie uns näher – wie wir einen weiteren Schritt machen wollen, merken wir, wie abschüssig sie hinabfallen, und nicht mehr im Bewusstsein aufzusteigen, stolpern wir. Bisher gelingt es uns, uns gegenseitig aufzufangen oder zu stützen, sobald einer wankt, und doch wissen wir dann: wieder haben die Stufen mit uns gleichgezogen.


    XII. Brief
    Du mögest mir verzeihen, dass ich bisher zwar herausnahm, was mir interessant erschien, und dieses dir dann möglichst unverfälscht berichtet habe, lediglich mit Notizen meinerseits verfeinert, jedoch dabei vergaß, eine elementare Frage aufzuwerfen. So mag es – ob moralisch zweifelhaft oder nicht – rechtlich schwer anfechtbar zu sein, worüber ich bisher erzählte. Die Frage bleibt jedoch offen, weshalb es überhaupt dazu kommen konnte, dass wir, die Neuankömmlinge, hier solch eine Macht für uns beanspruchen und auch erhalten. Das Staatssystem hier ist bei Weitem nicht so fortschrittlich wie unseres, und technisch scheinen wir in unseren Möglichkeiten ebenso überlegen. Mir scheint, dass dies ausreichte, um unsere Position hier zu erlangen und zu festigen. Anderer Orten jedoch soll es auch partiellen Widerstand gegeben haben, welcher jedoch kurzerhand niedergeschlagen wurde. Die hier anwesenden Völker hatten also lediglich die Möglichkeit, ihr Regime kampflos in unseres einzugliedern oder niedergeschlagen zu werden. Und so klug waren unsere Oberen dann immerhin doch, dass sie diese Völker nur niederdrückten, nicht zerstörten.
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    XIII. Brief
    Wer nicht zerstört wird, der lebt und akzeptiert. So einfach lässt sich formulieren, was hier geschieht. Und wer nicht akzeptiert, der lebt nicht. Es reicht aus diesen Umkehrschluss nicht zu falsifizieren, eine Verifizierung ist für die Angst nicht einmal nötig. Das Grauen auszuführen ist selten klug – nicht umsonst wird es meist verheimlicht, falls es doch einmal geschieht. Eine Grauzone, die Ungewissheit bewirkt mehr.
    Zwar darf das Volk hier nicht mehr in großen Volksabstimmungen entscheiden, wie es das gewohnt war, sondern bekommt Richtlinien, aber gleichermaßen wird ihm auch versprochen, dass Sicherheit gewährt ist. Das Bismarcksche System – diesmal als Eroberungstaktik angewandt.
    Niederzudrücken, bis nur noch ein Kriechen möglich ist, oder ein gebücktes Laufen; und die Produktivität mag zwar eingeschränkt sein, ebenso allerdings auch die Gefahr des Widerstandes und des eigenständigen Handelns. Ein Faktor, welcher erstere Komponente auf lange Sicht ausgleicht.


    XIV. Brief
    Noch immer sind wir auf der Suche nach einer Gesetzeslücke, welche genutzt werden könnte den Entscheid anzufechten. Noch immer sind wir der Überzeugung, dass sich unser Rechtsverständnis auch durch Paragraphen umranden lassen muss, und letztlich nicht wir uns dem Geschriebenen anpassen müssen, sondern sich dieses in unser Bild einfügt.
    Doch arbeiten wir nicht nur gegen eine Übermacht aus Zahlen und Daten. Wir haben durchaus auch den einen oder anderen Ansatzpunkt gefunden, meist stellt sich jedoch heraus, dass dieser nur in einer alten Verfassung verankert ist und mit einer neuen außer Kraft gesetzt wurde. Noch viel mehr macht uns jedoch die Zeit zu schaffen.
    Schon länger ist es kein Arbeiten mehr, eher ein Harren der Dinge, eine Routine, die auf unserem Rechtsverständnis basiert, aber dem die Triebkraft der Emotion und des in erreichbarer Nähe zu sehenden Horizontes geschwunden ist.
    Es zieht sich immer mehr in die Länge, das Arbeiten, das Überprüfen, das Warten auf Ergebnisse, und die letztlich immer wieder eintretende Enttäuschung versorgt uns auch nicht mit neuem Elan.
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    XV. Brief
    Heute war ich einmal nicht des Nachtmittags zu Besuch, um helfend Daten auszuwerten, sondern habe mich dem Erkunden anderer Gebiete auf dieser Insel gewidmet. Ich entdeckte dabei neben den teils fast noch unberührten Landstrichen auch viele Neubauten, denen man ansieht, dass sie nicht den hiesigen Gepflogenheiten entsprechen. Nicht nur die schon offensichtlichen Unterschiede im Aussehen und der verwendeten Baumaterialien fielen sofort ins Auge. Viel mehr sind es die Orte, an denen die Häuser stehen, die mich überraschten. Wir mögen schöne Landschaften, aber nur, wenn sie nahe gelegen sind, und so stehen die Häuser dann auch vorlieb im Küstengebiet. Selbst dort, wo es in seltenen Fällen mal zu Salzwiesen kommt. In seltenen Fällen – so selten, dass sie offenbar als nichtig deklariert wurden. Es mögen schöne Häuser sein, schön, aber nutzlos, wenn sich die Witterungen erst ändern.
    Nachfragend, weshalb man sich nicht ein wenig anpassen würde, bekam ich lediglich die knappe Antwort, dass man seine eigene Kultur habe und diese auch in neue Länder mitnähme. Ohne weitere Worte wurde ich stehen gelassen. Einzuwerfen, dass an die Umgebung angepasstes Bauen keine Kulturverdrängung darstellt, dazu kam ich nicht mehr.


    XVI. Brief
    Am nächsten Morgen machte ich mich noch einmal auf, um mir anzuschauen, wie die neuen Siedlungen entstanden sind oder noch im Entstehen sind. Dort angekommen, traf ich auch ein paar Einheimische, denen die Häuser weggenommen wurden. Nicht aus mutwilliger Repression, eher um ihnen den gleichen Standart zu bieten, den wir gewohnt waren und den wir hier einführen wollen – so jedenfalls die Begründung, die zu hören war. Es mag gutwillig gewesen sein, doch wenn man Tränen damit trocknen möchte, dass man Neues schenkt, als Verlust für etwas Altes, dann kann sich das Wegwischen der Tränen wandeln, und es ist der Dolch, welchen man ins Nass des Auges sticht. Und enthaupten würde man dann – den Mond und die Sonne.
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  9. #9
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    XVII. Brief
    Als ich des Abends noch einmal zu Besuch bei dem alten Mann war und wir einen besonders interessanten Fall von vor einigen Jahren durchlasen – er endete letztlich auch nicht mit einem uns Hoffnung gebendem Ende – fielen plötzlich Selbstzweifel über ihn herein. Ein wenig trotzig fast warf er die Akten fort und merkte an, dass die Vergangenheit nicht helfen könne. Ich ließ ihm einige Zeit, damit er sich beruhigen möge und wollte danach, wie so oft schon, die Möglichkeit eines ähnlichen Falles herausstellen. Dieses Mal jedoch ließ er sich nicht überzeugen und statt dessen kamen wir auf das Thema Vergangenheit allgemeiner gefasst. Vergangenheit sollte uns nicht als erstrebenswert gelten und unser Handeln diktieren. Ich stimmte dem zu, unter der Anmerkung, dass sie uns aber durchaus einen Richtpunkt geben kann. Nach kurzem Zögern sortierte er die vorher weggeworfenen Akten wieder.


    XVIII. Brief
    Heute Morgen bekam ich überraschend selber einmal Post. Es war ein amtliches Schreiben. Nicht, dass mich dieser Umstand überraschte, mein Vorgesetzter pflegte sich nicht allzu häufig zu melden, die Arbeitsaufgaben waren schließlich klar und langfristig verteilt. Doch dieses Mal erkundigte er sich, welche Beobachtungen ich hinsichtlich der Lebensweise hier gemacht habe. Er bedanke sich zwar ob der bisherigen Rückmeldungen, sie hätten geholfen, um zu wissen, welche Regionen noch nicht gut genug versorgt werden und wo es eindeutig überbevölkert ist, aber nachhakend fragte er noch, ob es Gesetzesbeschlüsse gäbe, die meiner Meinung nach noch fehlen würden.

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  10. #10
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    XIX. Brief
    Ich sprach es schon einmal an und nannte es Grauzone. Ob diese nun durch Schlieren entsteht oder einfach undurchsichtig ist, ihre Wirkung ist immer dieselbe. Man sieht nicht und weiß nicht, ob man gesehen wird. Und wird man gesehen, wie ist dies dann aufzufassen. Es ist nicht einmal das Wissen, beobachtet zu werden, diese Gewissheit wäre mehr als nur die Möglichkeit dessen, denn was greifbar ist, kann auch gebrochen werden.
    Eine Antwort auf die mir gestellte Frage der Gesetzesentwürfe fiel mir schwer, weil keine erwartet wird. Nicht zu antworten wäre jedoch auch falsch, es würde Demut bedeuten, mehr noch, Demütigung durch Akzeptieren der Zurechtweisung und des damit verbundenen Hinnehmens der vorgegebenen Situation.


    XX. Brief
    Abends regnete es. Regen kennt nur einen Weg, und falsch machen kann er so wohl nichts. Doch letztlich bestimmt er trotz des einen Weges nicht, ob er zur Pfütze wird, den Rasen grünt oder im Meer dem Strom folgt. Gefallen ist er immer.
    Er tut seinen Dienst, und kann so auch für Überschwemmung sorgen, er würde trotzdem weiter machen.
    Nicht immer ist es die Natur, die uns als Vorbild gelten darf, so sagte ich mir und antwortete: Gesetze sind nicht zu ändern, wenn wir diese und Moral trennen wollen. Dies dann noch als Ethik zu verkaufen, erfordert immerhin Geschick, das Vorhaben darf also als erfolgreich angesehen werden.


    XXI. Brief
    In einem letzten Brief darf ich noch einmal wenige Zeilen verlieren. Erfolgreich ist gut, und somit darf ich zurückkehren, wurde mir mitgeteilt. Ein Dürfen im Imperfekt, und letztlich bleibt mir das Fallen mit dem Regen. Am nächsten Morgen wird es nur noch diesig schmecken, nach Salz.
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  11. #11
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    Wo sonst?

    Ensinuendo oder:

    Der schweigende Verzweiflungsschrei.

    Wach. Ich bin wieder wach. Die LED Zahlen auf dem Wecker, die ich, wenn ich mich nur leicht aus dem Bett stemme, sehe, signalisieren, dass ich kaum geschlafen habe. Eine oder zwei Stunden. Wie gerne hätte ich länger geschlafen. Wie gerne hätte ich mich naiv wie ein Kind eingemummelt und die Nacht bis zum Licht durchgeschlafen.

    Stress, Sex, Alkohol, Eitelkeit und Versagensangst, konterkariert durch eine Erektion, durchbrechen wieder und wieder meinen Kinderkakaoschlaf. Ich reflektiere, ich kann erkennen welcher Blickwinkel mich in welchen Fokus zwängt. Ich muss vermeiden eine Zeiteinheit zu werden. Larmoyanz aber ist verzeihlich. Die Uhr tickt. Ich reibe die Worte. Reibe. Ich bin wach. Meine Endlichkeit ist vergänglich. Ich brauche ein Taschentuch.


    Wird fortgesetzt...

  12. #12
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    N'Abend,

    abgesehen davon, dass es hierfür extra einen Kommentarfaden gibt, ist oben auch verlinkt, würde mich doch interessieren, was du mir damit sagen willst. Wäre also sehr schön, wenn du das noch einmal ein wenig konkreter formulierst. Ich mag es ja gerne, wenn man in Metaphern schreibt, aber gewollt ist nicht immer gekonnt und hier definitiv zu viel des Guten.

    Gruß
    Neustes Werk aus meiner Feder:
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