Teil 1

Florenz, August 1676. Die italienische Stadt war eines der Zentren ihrer Zeit, welche geprägt war von übermäßigen Prunk und brutalen Kriegsschauspielen. In diese Epoche – auch Barock genannt – fallen Ereignisse wie der dreißigjährige Krieg, die Pest oder die Einweihung des Petersdoms von Rom. Gerade Kirchen wurden genutzt, um den Menschen den kulturellen und materiellen Überfluss zu repräsentieren. Die Gotteshäuser waren nur so übersät mit meterhohen, in ornamentreiche Goldrahmen gefassten Gemälden, stuckverzierten Deckengewölben und schwindelerregend hohen Marmorsäulen. Hier, in einer dieser Kirchen – dazu noch die Älteste von Florenz – saßen weit nach Mitternacht zwei Männer.
„Ich flehe Sie an, Herr Christian, lasst uns gehen bevor es zu spät ist. Wenn wir entdeckt werden, kann ich nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren.“ Christian, Sohn eines Herzogs aus Thüringen, winkte nur müde ab. „Mein lieber Diener Watzdorf, was seid Ihr nur für ein jämmerlicher Angsthase. Ich hatte Euch gesagt, dass es nicht ungefährlich ist. Aber Ihr musstet Euch ja förmlich aufdrängen, mich zu begleiten.“ Versteckt hinter einer mächtigen Säule, waren die beiden Männer fast von völliger Dunkelheit umgeben. Wenige Meter von ihnen entfernt brannte ein großer, eiserner Kerzenständer. Dieser beleuchtete eine mehr als gespenstige Szene, welche Watzdorf erbleichen bließ. Mehrere, in schwarze Kutten verhüllte Personen standen kreisförmig um eine große Tafel und murmelten geheimnisvolle Formeln. „Seht ihr nicht Herr? Diese Kreaturen sind mit dem Teufel im Bunde!“ Der Diener Watzdorf kratzte sich nervös an den Barthaaren und umklammerte fest seinen Hut. „Aber nein, was reden Sie denn da. Es handelt sich bestimmt um einen Alchimistenzirkel. Alchimisten, mein Lieber, sind nichts weiter als Wissenschaftler, die versuchen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen.“, entgegnete der Herzogssohn. An der Tafel war das eintönige Murmeln verstummt. Einer der Vermummten trat hervor, öffnete eine kleine Truhe und entnahm aus dieser mehrere Säckchen, die fein säuberlich auf der Tafel angeordnet wurden. Nun trat ein weiterer Alchimist an die Tafel heran, der ohne Zweifel eine besondere Stellung gegenüber den Anderen innehaben musste. Um den Hals trug er allerlei
Schmuck, darunter goldene Ketten mit Kreuzanhängern, und auf dem Umhang waren im Brust – und Schulterbereich rote Zeichen eingestickt. Das Gesicht des Unbekannten wurde zusätzlich durch eine dunkle Maske verdeckt, was ihn noch unheimlicher wirken ließ.
„Das muss der Anführer der Alchimisten sein.“, hauchte Christian. Sein Diener schüttelte nur ungläubig den Kopf. Er hatte nur den Wunsch schleunigst von diesem scheußlichen Ort zu verschwinden. Seine Hände zitterten und der Angstschweiß perlte ihm in mehren Rinnsalen von der Stirn. „Aber, aber, Sie werden mir doch nicht schlapp machen?“ Der Herzogssohn lächelte seinen Diener verschmitzt an. „Durchlaucht, Sie müssen verstehen... Ich bin nur ein einfacher Mann... Was hier geschieht ist zu sonderbar...“ „So beruhigen Sie sich doch. Wenn wir uns leise verhalten, kann uns absolut nichts passieren.“, besänftigte Christian seinen Diener. Watzdorf kauerte sich erschöpft an die Säule. „Nicht mehr lange und wir verlassen die Kirche.“, versprach ihm der Herzogssohn. Wieder setzte das Murmeln der Alchimisten ein. Jetzt schien es noch intensiver wie beim ersten Mal zu sein. Der Anführer im rotbestickten Umhang hob ein Holzkreuz weit in die Höhe. Der Gegenstand war an der Vorderseite durch eine Rose verziert und nun gab es für Christian keinen Zweifel mehr. „Diese Alchimisten... das können nur die Rosenkreuzer sein!“ „Die Rosenkreuzer?“ Watzdorf schaute völlig ungläubig seinen Herrn an. „Die Rosenkreuzer sind ein Geheimbund. Sie berufen sich auf einen gewissen Christianus Rosenkreuz, welcher im Mittelalter mehrere geheime Schriften verfasst hatte. Er beschäftigte sich unter anderem auch mit der Alchemie. Nicht wenige behaupten, dass er den Stein der Weisen gefunden hätte.
Der Stein der Weisen – allein bei dem Gedanken überkam Christian ein wohliger Schauer und seine Augen begannen lebhaft zu leuchten. Dieser Stein oder Gegenstand – denn was es war wusste niemand so genau – ermöglichte es einem aus einfachen Metallen Gold herzustellen. Für den Herzogssohn könnte so mancher heimliche Traum endlich in Erfüllung gehen. Als erstes würde er sich von dem hergestellten Gold ein prächtiges Schloss bauen. Dazu einen riesigen Garten mit vielen Springbrunnen, die mächtige Wasserfontänen spieen. Ja, und dann müsste noch ein großer Pferdestall her, welcher Platz für 200 Rassehengste bot. Dabei sollte jedes Pferd seine eigene Stallbox haben und jeden Tag nur das feinste Heu aus dem heimatlichen Thüringen erhalten. Ach, fast hätte Christian in seiner Schwärmerei das Labor vergessen! Genau, ein richtiges Labor, wo er nach Herzenslust ungestört experimentieren konnte. Sicher, viele Leute würden es merkwürdig finden und über ihn tuscheln. Aber das war ihm egal. Er, der Sohn eines Herzogs, würde bald selbst Herr über eigenes Land sein. „Seht doch, Herr! Das Buch... wie es leuchtet!“ Christian, jäh aus seinen Träumen gerissen, schaute erst zu dem Diener und dann in Richtung der Tafel. Dort hatte der Maskierte die kleinen Säckchen um das Holzkreuz drapiert. Außerdem hielt er ein dickes Buch empor, aus welchem Licht strömte und so die gesamte Tafel nebst Kirchenwänden erhellte. Bizarre Schatten krochen an den Wänden entlang und man hätte meinen können, es handele sich um Kreaturen aus einer längst vergangenen Zeit. Für Watzdorf waren diese Eindrücke nun endgültig zuviel. Dem Herzogssohn blieb nichts anderes übrig, als seinen flüchtenden Diener aus der Kirche zu folgen. Eins aber hatte er sich jedoch geschworen: Er wollte hinter das Geheimnis dieser Rosenkreuzer kommen!
In den frühen Morgenstunden kehrten die beiden Männer in ihre Unterbringung zurück. Die Taverne „Filigrano“ lag am Stadtrand, inmitten eines Pinienhains und wilden Rosenbüschen. Der ideale Ort für einen Herzogssohn, der ohne großes Aufsehen ein paar freie Tage genießen möchte. Beim Betreten der Taverne wurden Christian und sein Diener vom Wirt misstrauisch gemustert. So schnell es ging durchquerten sie die Gaststube, ehe der Hausherr unangenehme Fragen stellen konnte. Über eine breite Holztreppe erreichten die zwei Männer den Flur der oberen Etage, von wo aus die einzelnen Gästezimmer abgingen. Hier trennten sich ihre Wege. Watzdorf wünschte seinem Herrn noch eine angenehme Nachtruhe und verschwand herzhaft gähnend in der für ihn vorgesehenen Kammer. Kurze Zeit später ertönte ein zufriedenes Schnarchen. Christian wusste, dass sich der Diener nun von den Schrecken der Nacht erholen würde. Er selbst war ebenfalls müde, aber die Geschehnisse der letzten Stunden ließen ihn keinen Schlaf finden. So wälzte er sich stundenlang von einer Bettseite zur anderen, bis ihn die Kammerzofe endlich erlöste. Nach dem Waschen und Ankleiden stärkte sich Christian mit einem kräftigen Frühstück. Ihm gegenüber saß Heinrich Bückler, sein zweiter Diener neben Watzdorf. „Bückler, Sie werden mich heute in die Stadt begleiten!“, sagte der Herzogssohn mit wichtiger Miene. Dass er lediglich den Ort seines nächtlichen Ausflugs besuchen wollte, darüber ließ er den Diener im Unklaren.
Am späten Vormittag zogen die beiden Männer los. Rasch erreichten sie das Florentiner Stadtzentrum mit seinen vielen Brücken und Gassen. Christian fand durch fast schlafwandlerische Sicherheit die von ihm besuchte Kirche wieder. Im Tageslicht wirkte sie so ganz anders, dachte er. Nachts hatte der mittelalterliche Bau einen bedrohlichen, ja sogar dämonischen Eindruck auf ihn hinterlassen. Der Herzogssohn trat durch das Eingangsportal und genau hier bat er den Diener Bückler, zu warten. Christians Schritte hallten laut über den grünen Marmorboden. Nach kurzer Zeit blieb er stehen und horchte. Niemand schien außer ihm in dem Gebäude zu sein. Zumindest glaubte er das. Der Herzogssohn betrachtete aufmerksam die Wand- und Deckenverziehrungen, während der Hall seiner Schritte wieder von den dicken Mauern zurückgeworfen wurde. Dann erregte ein Gemälde Christians Aufmerksamkeit. Das Motiv war nichts außergewöhnliches für eine Kirche: Der leidende Christus ans Kreuz geschlagen, nur von einigen Jüngern umgeben. Es war der Rahmen, welcher Christian stutzen ließ. Aufwendige Schnitzereien, eingelassene Edelsteine und dazu kleine Figürchen, die sich auf allen vier Seiten tummelten. Fasziniert ließ Christian die Finger über den kunstvollen Rahmen gleiten. Plötzlich vernahm er ein metallenes Knacken. Was konnte das gewesen sein? Es knackte erneut, begleitet von ächzenden Geräuschen. Vermutlich hatte er mit seiner Hand beim Befühlen des Rahmens eine Art Mechanismus ausgelöst. Christian kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, als er sah, dass sich Bild samt Rahmen wie von Geisterhand nach rechts schoben. Eine dunkle Nische kam zum Vorschein. Christian fasste zögernd hinein und verspürte etwas Eckiges mit lederner Haut. Ein Buch. Ja natürlich, was sonst konnte es sein? Er zog das Fundstück aus dem Dunkel und hätte es vor Schreck fast fallen gelassen. Auf dem Einband waren ein Kreuz und eine Rose zu sehen. Das Buch der Rosenkreuzer! Das gleiche, was der vermummte Maskenmann beschwörend empor gereckt hatte. Hastig zog er seine Jacke aus und wickelte das Buch darin ein. „Lege es zurück. Aber sofort!“ Christian drehte sich erschrocken um. Ihm gegenüber stand eine vermummte Gestalt. Um deren Hals lag eine goldene Kette und das schwarze Gewand war mit roten Zeichen bestickt. Der Anführer der Rosenkreutzer! Das Gesicht tief in der Kapuze verborgen, trat er auf den Herzogssohn zu. „Lass dich ansehen, Bürschchen! Ich will wissen, wer sich erdreistet, zu nehmen, was mir gehört“ „Ich, ich wusste nicht...“, stammelte Christian verlegen. Und dann, dann sah er in das Gesicht des Vermummten.
Es war so schrecklich, dass er fast die Besinnung verlor. Die Haut schien von Geschwülsten und Narben geradezu übersät, statt der Augen blickten ihn zwei blutrote Juwelen an und dort, wo normalerweise die Nase ihren Platz hatte, klaffte ein gähnendes Loch. „Oh mein Gott...“ So etwas Abscheuliches war dem Herzogssohn noch nie zuvor begegnet. „Du fürchtest dich vor einem Todkranken? Recht so, denn ich brauche dich nur zu berühren und schon hat die Pest ein neues Opfer gefunden. Ich bin zwar blind, aber dafür kann ich das Pochen deines Herzens hören. Es würde dich überall verraten, egal wo du dich versteckst. Gib mir das Buch und ich lasse dich laufen.“ Christian legte das eingeschlagene Buch auf den Boden. „DU sollst es mir geben. Hast du nicht gehört, du frecher Hund!“ Christian gab dem Buch einen Stoß, so dass es direkt vor den Füßen der unheimlichen Gestalt landete. „Heb es auf oder du wirst mich kennen lernen!“, wurde der Herzogssohn aufgefordert. In diesem Moment ertönte mit donnernden Schall die Kirchenglocke. Darauf hatte Christian nur gewartet. Während sich der Vermummte schmerzverzerrt an die empfindsamen Ohren fasste, schnappte sich der Herzogssohn das Buch samt Jacke und stürmte, von Flüchen des Überlisteten begleitet, aus der Kirche. Vor dem Gotteshaus wartete wie befohlen sein Diener. „Bückler, der Stadtrundgang ist hiermit beendet.“ Der Diener schaute seinen Herrn ungläubig an. „Sie haben richtig gehört. Wir begeben uns zur Taverne zurück.“