Thema: Vers libre

  1. #1
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    Vers libre

    Kürzlich wurde ich durch die Frage einer netten Userin per PN inspiriert, mich mal ernsthaft
    durch die Kategorie Vers libre zu arbeiten.

    Ich war immer der Ansicht - auch durch Lesen und durch die Erklärungen hier auf diesem Board -
    Vers libre ist gänzlich frei von Reimen.

    Nun finde ich das hier in Meyers Lexikon online:
    freie Verse, französisch Vers libres, gereimte, meist jambische oder trochäische Verse verschiedener Länge und mit freier Zahl der Hebungen; zuerst im italienischen Madrigal, später u. a. in französischen Fabeln und Komödien des 17. Jahrhunderts, in der deutschen Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts. – Bei den französischen Symbolisten (A. Rimbaud) und deutschen Expressionisten (F. Werfel, E. Stadler) freirhythmische Verszeilen, die sich nur durch den Reim von den freien Rhythmen unterscheiden.
    Ja, was denn nun?

    Alles, was nicht gereimt ist, wird hier gern mal als Vers libre (Freie Verse) getitelt.
    Inzwischen hab ich mir das auch angewöhnt.

    Wer klärt auf?


    Lieben Gruß,
    katzi
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  2. #2
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    hallo katzi,

    ist mir neu, aber muss dann wohl stimmen

    ich dachte immer jambische verse oder trochäische ohne jeden Reim wären freie Verse..wie zB "Prometheus" usw. man lernt nie aus...

    lg basse
    © 2008 by basse alles was du hast, trägt sich zum nächsten leben (good luck).

  3. #3
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    N'Abend,

    der Vers Libré ist in der Tat, wie in der Quelle von katzi angegeben ursprünglich die Bezeichnung für die Verse der italienischen Madrigal und auch der französischen (auch deutschen) Fabeln. Allerdings hat sich der Begriff im 19. Jahrhundert während des Symbolismus dahingehend verschoben, dass er freie, ungereimte Verse meint. Die Absicht bestand unter anderem darin die (französische) Dichtung von den engen Regeln des Reimschemas zu befreien. Dazu beriefen sich unter anderem Rimbaud oder auch Kahn auf auf Whitman, welcher mit seiner freien Lyrik einen entscheidenen Beitrag zur Wendung hin zur freien Lyrik in Amerika beigetragen hatte.

    Ich hoffe das löst die Verwirrung wieder auf.

    Gruß,
    Flo
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  4. #4
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    Guten Morgen

    zunächst mal DANKE für die Antworten.

    @basti,
    ich dachte immer jambische verse oder trochäische ohne jeden Reim wären freie Verse..wie zB "Prometheus" usw. man lernt nie aus...
    Genau, so geht es mir auch. Und zum Lernen ist es nie zu spät

    @Flo,
    Ich hoffe das löst die Verwirrung wieder auf
    Auf jeden Fall hat deine Wortmeldung dazu beigetragen, noch einmal Meyer zu lesen
    Dann ist also die Eintragung in Meyers online
    Bei den französischen Symbolisten (A. Rimbaud) und deutschen Expressionisten (F. Werfel, E. Stadler) freirhythmische Verszeilen,
    die sich nur durch den Reim von den freien Rhythmen unterscheiden.
    nicht ganz uptodate?
    Denn die schreiben ja doch von Reimen

    @ferdi,
    "Vers libre" im symbolistischen Sinn meint ursprünglich allerdings auch im Französischen erstmal nur "metrisch ungeregelter Vers", ein solcher Vers kann durchaus gereimt sein! Der Verzicht auf den Reim setzte sich aber rasch durch, ganz aufgegeben wurde er aber nie?!
    Das ist eine äußerts interessante Feststellung! Metrisch ungeregelt und trotzdem gereimt?
    Öffnet das nicht Tor und Tür für die sogenannte dichterische Freiheit?
    Warum dann so ein enges Schema, dass Silben gezählt und ja, manchmal regelrecht metrische Korrektheit gefordert wird?
    Denn es sit ja beides möglich - siehe weiter oben in deiner Ausführung unter dem Begriff Doppelbedeutung.
    Wenn du dich von der Vorstellung befreist, es gäbe so etwas wie eine eindeutige Nomenklatur, wirst du bei der Beschäftigung mit der "Dichtungs-Theorie" ein wesentlich entspannteres Leben haben
    ok, das ist ein bemerkenswert guter Rat


    Vielen Dank nochmals für die Beiträge.

    Vielleicht schreibt ja auch noch jemand, wie er diese Sache sieht oder sah.
    Wo sind die weiteren Freie-Verse-Spezialisten ?


    Lieben Gruß,
    katzi, die sich entspannt zurücklehnt
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  5. #5
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    Hallo ferdi,

    ich stelle fest, wenn man dich in der Nähe hat, braucht man kein Lexikon über die Dichtkunst
    Schön, dass du so ausführlich erklärst und Hinweise gibst.
    Der französische Vers ist "zählend", soll heißen, über eine bestimmte Länge = Anzahl an Silben definiert, wozu dann noch der Reim tritt; was innerhalb des Verses so passiert, zum beispiel die Verteilung von betonten und unbetonten Silben, war immer zweitrangig.

    Der deutsche Vers ist" akzentuierend", was meint, dass in ihm die Abfolge von betonten und unbetonten Silben das Hauptkriteriun ist.
    Diese beiden unterschiedlichen Auffassungen machen doch aber dann aus einem freien Vers, was es will.
    So könnte ich ja diese oder jene Form als 'französisch' oder 'deutsch' deklarieren, oder muss man,
    wenn ich als Deutsche auf Deutsch schreibe, auch meine Texte als deutschen freien Vers ansehen

    Ich habe mir deine beiden Beispiele zu Gemüte geführt Wenn man heute so schreiben würde...oh je

    Was mich noch interessieren würde:
    Hast du oder jemand anderer solche Beispiele, die aktuell sind, auf Lager bzw. kann jemand welche nennen?
    Auch vielleicht hier aus dem Forum?

    ferdi, vielen Dank!
    Ich wünsch dir und allen vers libre-Interessierten einen schönen Tag

    LG katzi
    Geändert von Chavali (04.04.2008 um 07:22 Uhr)
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  6. #6
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    Guten Morgen,

    nur ganz kurz, weil ich sofort los muss, nachher wenn ich Zeit finde mehr.

    Der Unterschied liegt darin, dass die deutsche Sprache eine Gewichtssprache ist, also leichte und schwere Silben phonologisch relevant sind, das französische ist keine Gewichtssprache, das heißt leichte und schwere Silben sind dort nicht phonologisch relevant.

    Flo
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  7. #7
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    Zitat Zitat von supikatzi
    Metrisch ungeregelt und trotzdem gereimt?
    Öffnet das nicht Tor und Tür für die sogenannte dichterische Freiheit?
    Hierzu möchte ich nur kurz anfügen: Im Deutschen sind die betonten Silben ausschlaggebend und davon macht der bereits erwähnte Knittelvers Gebrauch. Aber ein lockeres Versmass zu gebrauchen heisst nicht völlige Freiheit zu haben. Wenn man sich nach einem strengen metrischen Schema richtet, kann ein Gedicht sehr langweilig und leiernd wirken. Durch eine Variation des Schemata (zum Beispiel zwei unbetonte Silben) können Akzente gesetzt, Wendungen markiert werden etc. Das kann ein Gedicht erst richtig interessant machen! Und es gar nicht so leicht inhaltliche Feinstrukturen formal umzusetzen.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  8. #8
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    Hallo ihr beiden

    eure Anmerkungen, was die unterschiedlichen Sprachen und Sprachlaute betrifft, sind sehr interessant.
    So hab ich das nicht gewusst und bin nun ein wenig schlauer
    Zitat Zitat von olaja
    Wenn man sich nach einem strengen metrischen Schema richtet, kann ein Gedicht sehr langweilig und leiernd wirken.
    Dieser Meinung bin ich auch und deshalb versuche ich auch immer ein wenig zu variieren...
    Nur eins hätte ich noch gern: Beispiele
    Zitat Zitat von katzi
    Was mich noch interessieren würde:
    Hast du oder jemand anderer solche Beispiele, die aktuell sind, auf Lager bzw. kann jemand welche nennen?
    Auch vielleicht hier aus dem Forum?
    Danke euch!
    LG katzi
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  9. #9
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    Zitat Zitat von supikatzi
    Nur eins hätte ich noch gern: Beispiele

    Danke euch!
    LG katzi
    Moin,

    hier wirds ein wenig komplizierter. Da das Deutsche halt eine Gewichtssprache ist, wird es fast immer auch metrisch sehr geordnet, wenn man nur auf den Rhythmus achtet. Sprich du wirst höchstens marginale Abweichungen vom Metrum finden. Aber als Beispiel nehme ich mal von Walt Whitman:

    O Captain! My Captain!

    O Captain! my Captain! our fearful trip is done,
    The ship has waether'd every rack, the prize we sought is won,
    The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
    While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:
    But O heart! heart! heart!
    O the bleeding drops of red,
    where on the deck my Captain lies,
    fallen, cold and dead.

    O Captain! my Captain! rise up and hear the bells;
    Rise up - for you the flag is glung - for you the bugle trills,
    For you bouquets and ribbon'd wreaths - for you the shores a-crowding,
    For you they call, the swaying mass, thei eager faces turning;
    Here Captain! dear father!
    This arm beneath your head!
    It is some dream that on the deck
    You've fallen cold and dead.

    My Captain does not answer, his lips are pale and still,
    My father does not feel my arm, he has no pulse nor will,
    The ship it anchor'd sage and sound, its voyage colse and done,
    Form fesarfull trip the victor ship come in with objects won;
    Exult O shores, and ring O bells!
    But I with mournfull tread,
    Walk the deck my Captain lies,
    Fallen cold and dead.

    Metrisch ungeregelt ist es nicht wirklich, aber eben auch nicht komplett durchgezogen.

    Flo
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  10. #10
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    Hallo Flo,

    ein schwieriges Beispiel - da hilft mir mein Schulenglisch nicht wirklich
    Aber danke dir für deine Mühe.

    Ein deutsches Beispiel hast du nicht auf Lager - vielleicht sogar eines von unseren Dichtern hier?


    LG katzi
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  11. #11
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    N'Abend,

    das Gedicht gibts noch auf Deutsch, aber ich halte von den Übersetzungen, die ich gefunden habe, nicht viel. Im Forum, hm auch eher weniger. Ich verweise immer sehr ungern auf eigene Werke, aber minimal könnte Tausend Tage als Beispiel dienen.

    Ich werd mal die Tage schauen, ob ich bekanntere Beispiele finde, momentan fehlt mir auch ein wenig die Zeit zum Suchen. Ansonsten könntest du einfach mal nach bekannten Dichtern der Zeit des Symbolismus suchen, sprich die genannten Rimbaud, Kahn, etc..

    Gruß,
    Flo
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  12. #12
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    Hallo Flo,

    ich habe mir deine Tausend Tage angesehen.
    (Nebenbei: schön )

    Ich komme aber immer mehr zu der Überzeugung, dass sich die Grenzen vermischen zwischen reinen Reimgedichten
    und dem sogenannten freien Vers.

    Es werden ja auch immer mal Texte ganz ohne Reim als vers libre bezeichnet.
    Vielleicht sollte man das nicht ganz so eng sehen und den Dichtern mehr Freiheit zugestehen....

    Danke und Gruß!
    katzi
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  13. #13
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    Hi katzi,

    das Problem ist, wie ferdi schon anklingen ließ, die Begriffe und die Bedeutungen sind fließend, bzw. je nach Epoche und Gegend unterschiedlich genutzt worden. So hat dann eben der Vers Libré einmal die ganz traditionelle Bedeutung der Madrigal, dann im (französischen) Symbolismus die Bedeutung des freien Verses, aber durchaus noch mit Reimen. Aber eben vor allem metrisch ungeregelt, frei. Somit kann man ein Gedicht, welches keine Reime hat, als Vers Libré bezeichnen, wenn es denn dann auch noch metrisch ungeregelt ist.

    Es ist letztlich eine Bezeichnungssache, am weitesten verbreitet ist wohl heute der Vers Libré für Ungereimtes, und mit freier Metrik Geschriebenes.

    Gruß,
    Flo
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