Das Mädchen und der Tod


Ein Mädchen steht am Brückenrand
mit Tränen im Gesicht.
Unten tosen Wellen an den Strand,
doch das alles sieht sie nicht.
Dort steht sie nun und schaut hinab,
ihr Antlitz, bleich und pfahl.
Es stürmt der kalte Wind um sie,
jedoch es ist ihr ganz egal.


Und über dem wilden Wasser schwebt
der grausige Sensenmann.
Mit grausamen eisigem Blick
schaut er das Mädchen an.
Er spricht:" Oh armes Kindlein Du,
bist verlassen, bist allein.
So komm und gehe mit mit mir!
Sollst nie mehr traurig sein!"


Das Mädchen nun zum Tode spricht:
" Ich lieb ihn doch gar so sehr!
Was habe ich nur falsch gemacht,
das er mich liebt nicht mehr?
Ich würd für ihn alles tun,
käme er zu mir zurück.
Alles würd ich ihm verzeihen.
Er ist mein einziges Glück!"


Der Tod, er raunt mit tiefer Stimme:
"Er vergaß Dich längst!
Er ahnt nicht mal, wie Du ihn liebst,
wie sehr Du an ihm hängst.
So komm und ziehe mit mit mir,
komm mit in meine Welt!
Und ich versprech Dir, holdes Kind,
das Dir es dort gefällt."


"Warum soll ich denn mit Dir gehen,
in eine andere Welt?
Woher willst Du wissen, Tod,
dass es mir dort gefällt?
Auch ließ den Liebsten ich zurück,
ging ich mit Dir jetzt fort.
Denn überall, wo er nicht ist,
ist mir verhasster Ort."


"Hab nur Vertrauen, schönes Kind,
denn mir ist Lüge fremd.
Ich führe Dich an einen Ort,
wo nichts mehr Dich beklemmt.
Dort wirst Du nie mehr Trauer fühlen,
Dein Herz wird nie mehr brechen.
Bei meiner Sense schwöre ich,
es ist kein leeres Versprechen."


"Ach guter Tod, gern glaubte ich Dir,
fühle ich doch großen Schmerz.
Ständig denke ich an ihn,
in Trümmern liegt mein Herz.
Sehne mich so nach seinem Wort,
dass mir so oft geschmeichelt.
Auch sehne ich mich nach jener Hand,
die oft mich sanft gestreichelt."


"Das Wort, dass Du so sehr begehrst,
ein anderes Ohr nun sanft verführt.
Und jene Hand, von der Du sprachst,
nun einen anderen Leib berührt.
So komm, oh Kind, komm mit mit mir,
ich werd Dich sanft umschmeicheln.
Ich werde Dir viel Gutes tun
und Deine Seele streicheln."


"Ach lieber Tod, Du sprichst so wahr,
mir scheints Du kennst das Leben.
Du kannst wohl auf jede Frage
mir rechte Antwort geben.
So frage ich, gäng ich mit Dir,
wird er dann an mich denken?
Wird er voll tiefer Trauer dann,
an mein Grab die Schritte lenken?"


"Über das Leben hab ich keine Macht,
ich kann es nur beenden.
Vieleicht wird er sich im Gebet
voll Trauer an Dich wenden.
So komm denn Kind, komm mit mit mir,
ich werde Dich behüten.
Laß diese dunkle traurige Welt
ruhig im Elend brüten."


"Geliebter Tod, so sei es denn,
so soll es ihm ergehen!
Das ihm nichts bleibt wenn ich nicht bin,
das wird er dann schon sehen.
Nie mehr soll er so fröhlich sein,
das Glück soll ihn verlassen!
Für das was er mir angetan,
soll er sich ewig hassen!"


"Oh lieblich Kind, es stimmt mich froh,
dass Du Dich nun entschlossen.
So wage nun den letzten Schritt,
sei gänzlich unverdrossen.
Ja, komm mein Kind, komm mit mit mir,
ergreife ruhig meine Hand.
Habe keine Angst und folge mir
in ein fernes Land!"


Das Mädchen greift des Sensers Hand
und fühlt nun dessen Kält.
Da schauderts ihr, sie will zurück,
doch er zu fest sie hält.
"Jetzt hab ich Dich, jetzt bist Du mein,
kannst nicht mehr Dich besinnen.
Keinen geb ich je zurück,
kannst mir nie mehr entrinnen.


"Oh Tod, wie eisig bist Du doch
und sprachst vom schönem Orte.
Laß mich gehn, ich will zurück,
es waren Lügenworte!
Auch wird er gar nicht traurig sein,
wenn ich der Welt entstorben.
Oh Tod, Du triebest falsches Spiel,
bist durch und durch verdorben!"


"Nichts, was ich nicht halten kann,
tat ich Dir je versprechen.
Alles wird wie ich es gesagt,
ich werd mein Wort nicht brechen.
Komm jetzt Kind, komm mit mit mir,
Du kannst nicht mehr entfliehen.
Wer einmal meine Kälte gespürt,
den laß ich nicht mehr ziehen."


Man fand das Mädchen tot im Fluss,
gar jämmerlich ersoffen.
Jener, den sie so geliebt,
gab gar wenig sich betroffen.
So liegt sie nun in ihrem Grab,
von ihm niemals beweint.
Sie ist für alle Ewigkeit
nun mit dem Tod vereinet.


2005