1. #1
    Registriert seit
    Aug 2008
    Ort
    München
    Beiträge
    5

    Rückkehr zu den Flammen

    Wir reißen uns’re Hütten nieder.
    Nicht mehr beheimatet in unseren
    Höhlen aus Asche und Glas,
    ziehen wir fort. Nackt, namenlos.

    Der Regen löscht uns’re Fackeln,
    wenn wir nach der Wärme suchen.

    Auf unserem Weg
    sammeln wir farblose Beeren
    und bedecken die Narben,
    die wir voller Hunger
    in die Erde schlugen.

    Weil sämtliche Steine davongerollt,
    zerbrechen wir uns gegenseitig, um
    die Scherben aneinander zu schlagen –
    einen Funken erbettelnd.

    Die Erinnerung an Kälte hilft uns,
    das Feuer neu zu entdecken.
    Unsere Gesichter flammengerahmt,
    drängen wir uns frierend aneinander
    und werden wieder zu Menschen.

  2. #2
    DerKleinePrinz* Guest

    Hallo

    Hallo Whirlwind
    Das ist eins dieser Gedichte die mich sehr nachdenklich stimmen. Ich versuche mal eine Deutung deiner Zeilen....

    Wir reißen uns’re Hütten nieder.
    Nicht mehr beheimatet in unseren
    Höhlen aus Asche und Glas,
    ziehen wir fort. Nackt, namenlos.
    Mit "Wir" meinst du die Menschen, und mit "Hütten" unsere Häuser. Wir zerstören sie, also könntest du Krieg meinen. Aber wieso dann "höhlen aus Asche und Glas"? Wenn der Krieg vorbei ist und alles zerstört ist jeder wie der andere, kein Besitz trennt die Menschen mehr, deswegen "Nackt" und "namenlos".

    Der Regen löscht uns’re Fackeln,
    wenn wir nach der Wärme suchen.
    Gefällt mir sehr gut diese Strophe. Nur eine Deutung gestaltet sich schwierig. Regen kommt von oben, vom Himmel, es könnte bedeuten, das Gott den Menschen nach einem Krieg keine Wärme mehr gönnt und sie bestrafen will.

    Auf unserem Weg
    sammeln wir farblose Beeren
    und bedecken die Narben,
    die wir voller Hunger
    in die Erde schlugen.
    Tja, wenn es wirklich um Krieg gehen sollte, wohin führt uns dann unser Weg nach der Zerstörung? "farblose Beeren" - alles ist gleich bzw. abgestorben. Hmm, aber mit was bedecken wir die Narben, es bleibt mir ein Rätsel.

    Weil sämtliche Steine davongerollt,
    zerbrechen wir uns gegenseitig, um
    die Scherben aneinander zu schlagen –
    einen Funken erbettelnd.
    Die Strophe erzeugt ein sensationelles Bild
    Es könnte bedeuten, dass wenn alles kaputt ist und den Menschen nichts mehr bleibt, werden sie sich gegenseitig töten weil um alles noch so kleine gekämpft wird, das wäre dann der Selbsterhaltungstrieb der Menschen...

    Die Erinnerung an Kälte hilft uns,
    das Feuer neu zu entdecken.
    Unsere Gesichter flammengerahmt,
    drängen wir uns frierend aneinander
    und werden wieder zu Menschen.
    Diese Strophe steht ein bisschen im Gegensatz zu der vorletzten Strophe, bildet jedoch die Kernaussage des Gedichtes.
    Ich interpretiere das so:
    Da es uns in der heutigen Gesellschaft an nichts mangeld (wir haben alles im Übermaß, Kleidung, Nahrung usw.) wissen die Menschen das nicht mehr zu schätzen was sie haben. Wer alles hat, hat nichts. Was viele Menschen allerdings nicht mehr haben, ist die Eigenschaft Mensch zu sein, da wir duch materielle Reize geblendet und unser menschliches Empfinden abgestumpft ist. Besitz macht uns arm, und wir werden unzufrieden und am Ende führt er zum Krieg, weil die Menschen vergessen haben was es heißt Mensch zu sein.
    Und nach dem Krieg haben sie nichts mehr, außer sich selbst, und dann müssen sie zusammarbeiten und wieder zu menschlichen Menschen werden, und nicht zu Kapitalmaschinen.

    So, ich hoffe mal meine Interpretation ist nicht völlig verkehrt

    Ich habe dein gedicht wirklich sehr gerne gelesen und bitte dich nochmal auf den Inhalt einzugehen.

    Ganz Liebe Grüße vom Kleinen Prinz

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2008
    Ort
    München
    Beiträge
    5
    Lieber KleinerPrinz,
    erst einmal ein ganz herzliches Dankeschön dafür, dass du dich so tiefgründig mit diesem Text auseinander gesetzt hast! Für Dichter sind solche Interpretationen das größte Kompliment, und ich freue mich sehr, falls dich mein gesellschaftskritisches Gedicht anspricht!
    Deine Interpretation finde ich sehr logisch und passend, sie weicht von meiner eigenen nur in den Punkt ab, dass ich keinen Krieg gemeint habe, sondern ein radikales "back to the roots". Über ihrem Wohlstand und Komfort verlieren die Menschen irgendwann das "Feuer", die innere Wärme, die Menschlichkeit. Um diese wiederzufinden, müssen sie zum Nullpunkt zurückkehren, dabei alles hinter sich lassen und einreißen, was sie in diese Lage befördert hat. Sie müssen sich mühsam all das erkämpfen, was ihnen zunächst einfach zuviel, sie müssen die Erde erst um Vergebung bitten ("Narben bedecken") und begreifen, dass sie aufeinander angewiesen sind.
    Wie du siehst, war deine Deutung völlig richtig, und das mit dem Krieg erscheint mir sehr stimmig! Danke!
    GLG
    Reggy

  4. #4
    DerKleinePrinz* Guest
    Hi du =)
    Na das freut mich aber das ich mit meiner Deutung fast ins Schwarze getroffen habe.
    Das Gedicht spricht mich vorallem an,weil ich es ja selbst manchmal merke, wie ich dieses "Feuer" in mir verliere. Deshalb finde ich, ist es umso wichtiger, sich selbst Grenzen zu setzen, sich selbst zu beschränken, denn darin liegt ein wichtiger Aspekt um glücklich zu sein.
    Wenn etwas neu ist, dann macht es noch Spaß, und man will es immer haben, eben weil ein neuer Reiz vorhanden ist. Aber da muss man anfangen nachzudenken, sich selbst zurücknehmen und nicht auf Kosten des eigenen Wohlbefindens sein ganzes Glück an einer Überreizung sterben lassen.
    Es gab Zeiten, wo die Menschen sich ihren Erfolg und ihre Glücksgefühle erarbeiten mussten, wo man langfristig auf ein Ziel hingearbeitet hat und das Ergebnis dann in vollen Zügen genießen konnte.
    Heutzutage werden wir in einem Wirbel der Geschwindigkeit von einem Glücksgefühl zum anderen gezogen, bis wir am Ende resistent werden und uns die schönen Augenblicke, die das Leben für uns übrig hat, egal sind.
    Das ist sehr schlimm in unserer Gesellschaft,denn auf der Suche nach Reizen die uns befriedigen werden wir immer unzufriedener, und auch unsere Menschlichkeit bleibt auf der Strecke, um mal wieder zum Thema zurückzukommen^^
    Liebe Grüße vom Kleinen Prinz

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Rückkehr in die Heimat - Rückkehr zu dir
    Von Lumbris im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 11.03.2007, 20:40
  2. Flammen in mir
    Von bluebee103 im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 04.11.2006, 00:39
  3. Flammen
    Von nirvanafänle im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 12.03.2006, 19:17
  4. Eis in Flammen
    Von Neve im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 07.02.2005, 23:18
  5. Flammen
    Von Mirilja im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 09.04.2004, 23:26

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden