Gedanken eines jungen Dichters

Um dem Leben Sinn zu geben, um nach Höherem zu streben,
will ich, ohne Rast und ruh`n, mich als Literat betun.
Ich will die schönsten Verse dichten, die schönsten Werke Euch errichten.
Ich will der schönste Schöngeist sein, nur durch meines Wortes Reim.
Von der Liebe Euch erzählen, wie die Liebenden sich quälen,
die sich lieben immerdar, wie Romeo und Julia.
Selbst den Krieg mit seinen Leiden, will ich in schöne Worte kleiden.
Vom Sieg und Ruhm und von den Toden soll`n sie handeln, meine Oden.
Von der Heimat will ich berichten, von ihrer Schönheit will ich dichten.
Von der lieblichen Natur und von prächt`ger Waldesflur.
Vom Triumph, vom Heldenmut, von der Dunkelmänner Brut,
von der Mutter Kindeshort, schreib ich nieder manches Wort.
Bevor die Muse sich entreißt, bevor an Dummheit man mich schweißt,
will ich schreiben Tag und Nacht, bis das große Werk vollbracht.
Jedoch, es quält mich der Gedanke ,das meines Geistes grenzend Schranke mir verwehret jenen Dichtergeiste, zu dem ich maßlos mich erdreiste.
Meine Werke sollen sein in dem selben schönen Schein,
wie die Werke vom Herrn Goethe und wie Mozarts Zauberflöte.
Doch wie stell ich es nun an, dass begehret jedermann,
was durch meines Geistes Trieb auf Papier ich niederschrieb.
Wie stell ich`s an, dass die Gestalten, meine Werke für wichtig halten?
Jeder soll mein Schaffen kennen und soll mich beim Namen nennen.
Denn werd von allen ich begehrt, bin ich viele Lobe wert.
Ist viel Ruhm erst mal mein eigen, steig ich auf in hohe Reigen .
Bin ich dann in jenen Reigen, kann am Hofe ich mich zeigen.
Ich kann durch Bückling, Schmeicheln und
schöne Fratzen langsam an die Macht mich kratzen.
Hab ich Macht, dann hab ich Geld,
das ist es, was den Mensch erhält.
Um zu füllen nun mein Buch, hier sogleich mein Schreibversuch.
Liebe hier und Liebe da, ein wenig Schmalz ein bisschen Bla,
so fang ich an und schreibe munter und setz von Herzschmerz noch was drunter.
Ich schreib schön groß, das Blatt zu füllen ,
dann reiß ich`s raus, ums zu zerknüllen.
Nein, das war`s wohl nicht gewesen, so was will doch keiner lesen.
Ein neues Blatt und neuer Mut, jetzt mache ich die Sache gut.
Diesmal werd ich`s besser machen und dann über`s erste lachen.
Doch auch der zweite Dichtversuch endet nur mit einem Fluch.
Auch der dritte wird nur Mist, was zum Haare raufen ist.
Wieso will es mir nicht gelingen, schöne Worte auf`s Papier zu bringen?
Warum soll denn ich nicht schaffen, was gelingt den Dichteraffen?
So schwer kann es doch nicht sein, mir fällt bestimmt noch etwas ein.
Ich werd kopieren von den andern, ihre Sätze quer durchwandern,
Niemand wird es wohl bemerken, schmück ich mich mit fremden Werken.
Ach verflixt du dummer Besen, dazu musst du sie erst lesen!
Dieses tu ich mir nicht an! Dann werd ich halt kein Dichtersmann.
Ja, nun merk ich voll Verdruss, mit dem Dichten ist schon Schluss.
So muss ich, um in Geld zu aalen, eben schöne Bilder malen!

2003