Die Sage vom Sühnekreuz
In Vers gebracht von Ralf Rutz


Hört ihr Leut' und lasst euch sagen,
welch Unrecht sich einst zugetragen.
Hört die Mär vom treuen Ritter,
dessen Ende gar so bitter.
Hört gut zu, was hier berichtet,
denn es ist wahrlich nicht erdichtet.



Für Barbarossa hat der Ritter Hahn
in Palästina Dienst getan.
Da er diesen gut gemacht,
hat der Kaiser ihn bedacht.
Ein Flecken Erde, an der Gölitz Lauf,
bekam er zum Geschenk darauf.
Doch ein Dorf, das den Ritter kann ernähren,
das vergaß der Kaiser zu gewähren.


Nur mit seiner Familie Kraft
hat der Ritter es geschafft,
zwar nur bescheiden anzuschau'n,
eine kleine Burg zu bau'n.
Doch mühsam war der Kampf um's Brot,
ständig litt der Ritter Not.
Steinig war der Ackerboden
und der Wald nur schwer zu roden,
der einst wuchs bis in's Tal hinab.
Stetig war'n die Ernten knapp.
So konnte er mit Weib und Söhnen
stet's nur kargem Wandel frönen.
Ja, was nutzt solch Herrenleben,
ist niemand da, der untergeben.
Die beiden Knaben wuchsen ran.
Jeder wurd' ein kräft'ger Mann.
Herr Hahn wollt sie im Stand vermählen,
doch es tat an Mitteln fehlen.


Des Herr'n Hahnes Leid und Sorgen
blieben den Orlamündern nicht verborgen.
Jene saßen auf Burg Lauenstein
und konnten recht gehässig sein.
Sie trieben sehr oft Spott und Witz
gegen Ritter Hahn's Besitz.


Doch nach ein paar Jahren schon
verging den Herren jeglich' Hohn.
Ja, jene, mit dem großen Mund
kamen selber auf den Hund.
Um nicht all zu sehr zu schmachten,
mussten sie ihr Gut verpachten.
Dieses taten sie sogleich
an Kaufmann'sleut' aus Österreich.


So zogen auf Burg Lauenstein
ein paar neue Herren ein.
Und an der Loquitz Ufer lang
erwuchs ein wicht'ger Handelsstrang.
Viele Karren zogen einher
mit teuren Waren beladen schwer.

An einem kühlen Herbstenabend,
missmutig sich an Grütze labend,
saß beisammen das Hahn-Geschlecht,
keinem schmeckte es so recht.
Da besann sich der ältere Sohn
und erhob sogleich den Ton:
""Ich bin das Ritterdasein leid,
denn schon seit geraumer Zeit
haben jene hier das Sagen,
die viel Geld im Säckle tragen.
Jahraus, Jahrein, dasselbe Ringen,
das am Ende nichts wird bringen.
Ich will dies Leben hier verfluchen
und in der Welt das Glück versuchen."
Auf dieses Wort der zweite Spross
sich zu gleichem Tun entschloss.


So zogen zu früher Morgenstunde
mit dem fest geschnürten Bunde,
hinfort von ihres Vaters Haus
beide in die Welt hinaus.
Vielleicht fanden sie ihr Glück,
denn keiner kehrte je zurück!


Wie der Vater die Söhne sah ziehen,
ist in ihm eine Idee gediehen.
Wenn er die fahrend Handelsleute
schützte vor der Diebesmeute,
die in den Wäldern ihre Beute machte
und ein'ge um ihr Habe brachte.
Wenn er sich'ren Weg gewährt,
ist das doch manchen Taler wert.
Drum machte er sich am Tag darauf
zu den Lauensteinern auf.
Er sprach den Kaufmannsleuten vor
und jene liehen ihm ihr Ohr.
Vom Vorschlag des Herrn Ritter Hahn
war'n die Händler angetan.


So gab der Ritter für einige Jahre
treuen Schutz der Händler Ware.
Aber auf Burg Lauenstein
zog die Gier allmählich ein.
Da der Kaufleut' Pachtvertrag
näherte sich dem letzten Tag,
wollten sie mehr noch aus dem Lande holen,
indem sie selber Waren stohlen.
So manche Wagenladung verschwand
durch der Österreicher Hand.


Den ahnungslosen Rittersmann
fingen eines Tages dann
die Ludwigsstädter Büttel ein
und schleppten ihn nach Lauenstein.
Hier wurden ihm dann angehangen,
die Taten, die er nie begangen.
Dass seine Seel' von Schuld ist frei,
dass er nicht derjen'ge sei,
der solch böses Werk getan,
das beteuerte der Hahn.
Doch als die Henker ihn dann packten
und ihn mit glühend Zangen zwackten,
hat er alles zugegeben
und verwirkte so sein Leben.


Des Todes Angesicht schon sehend
erbat der Hahn noch eines flehend,
dass er schlagen durft' ein Kreuz aus Stein.
Dies sollte seine Sühne sein.
Als man zum Richtplatz ihn geführt
hat ihm das letzte Wort gebührt.
""Seht das falsche Pack von Dieben,
sie haben böses Spiel getrieben.
Doch in noch entfernten Tagen
soll das Kreuz, das ich geschlagen,
zu meiner Seel' Unschuld gedenken,
einer Kirche Umfriedung schenken."
Nachdem verklungen diese Kunde
schlug des Ritters letzte Stunde.


Mit Ende der Lau'nsteiner Kaufmannszeit
geriet der Fall Hahn in Vergessenheit.
Das Kreuz, das einst der Ritter geschlagen,
wurde nach Burg Hahn hin getragen.
Es wollten die Ludwigsstädter Lakai'n
sich damit von jeglicher Schuld befrei'n.
Als der Tod sich auch die Witwe genommen,
ist Burg Hahn zur Ruine verkommen.


Doch bald schon kam an der Gölitz Lauf
neues reges Leben auf.
Als nämlich in der Ruine Schatten
sich Bauern niedergelassen hatten.
Die Siedlung wurd' nach dem Bächlein benannt
und ist seither als Marktgölitz bekannt.


Während man baute das Gotteshaus,
das werden soll't ein Augenschmaus,
hat es sich eines Morgens begeben,
dass vor des Pfarrers Türe gelegen
das Sühnekreuz vom Rittersmann.
Der Pfarrer sich nicht lang besann,
er wusst, dies soll't ein Zeichen sein.
So wurd' das Kreuz zum ersten Stein
in der Mauer, die die Kirche umhüllt.
Die Prophezeiung des Hahnes war erfüllt.


Nachdem diese Arbeit gescheh'n,
war über'm Dorf einen Tag lang zu seh'n,
ein Regenbogen in voller Pracht.
Dies hat die Bauern ängstlich gemacht.
Doch der Pfarrer, der sehr belesen,
beruhigte der Leute furchtsames Wesen.
""Dies Kreuz hier hat vor vielen Tagen
ein armer Sünder zur Sühne geschlagen.
Offenbar wurd' er gehangen,
für Taten, die er nicht begangen.
Der Regenbogen, er sei gepriesen.
Hat er doch des Sünders Unschuld bewiesen."


So endet jene alte Sage.
Doch kann man noch zum heut'gen Tage,
sollt' man bei der Kirche stehn,
das Steinkreuz vom Herrn Ritter seh'n.



2004