1. #1
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    Schweig nicht einfach

    Schweig nicht einfach


    Bist du mir eine Insel?
    Wohnst du am Horizont?
    Ich mal mit meinem Pinsel:
    Ein Blatt, das unbewohnt.

    Ich spalte feine Haare.
    Es bleibt niemand verschont.
    Worin steckt bloß das Wahre?
    Und alles glänzt besonnt!

    Begeistert dich die Farbe?
    Sag, liebst du dieses Rot?
    Ich zeichne eine Narbe.
    Ich mal ihn an, den Tod,

    Die Bächlein, die Gerinsel,
    Das Braune riecht nach Kot.
    Erhöre mein Gewinsel
    Und schweig nicht einfach, Gott.
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  2. #2
    Limes Guest
    Also vom lyrischen Erleben her haut es mich nicht um, aber in der Aussage steckt dieses rohe "WARUM?" das mir gefällt. Das höhere Prinzip wird nicht per Sehnsuchtsremote zum Wohlfühldownload bereitstehen - was für eine menschliche Vorstellung - so egozentrisch wie unschuldig süß.

    Was für ein Hammer, dass dieselbe Sonne den Mörder und das Opfer streichelt - gleichzeitig... Und ´nen Furz auf unseren Moralbegriff!

    Ich mag Dein Ringen und anempfehle Dir den Film "Castaway" - dort besonders die Entwicklung des "Wilson"!

    Und doch: Da ist da unendliche Liebe im Äther - das spürt jeder Mensch, der neben dem nackten und objektiv pervers brutalen Überlebenskampf auch die Schönheit der schier unfassbar großen Schöpfung wahrnehmen möchte

  3. #3
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    Hi Lipiwig,

    das Gedicht ist als einfaches Gebet für den Abend konzipiert. Am besten dann zu lesen, wenn der Weltschmerz eine gewisse Höhe erreicht hat. Ein "Amen" am Schluß wäre unpassend gewesen.

    Ich kann mich selbst schlicht schlecht bewerten. Es ist einige Schmankerln drin, wie ich finde. Aber es ist keine große Lyrik. Mit diesem Anspruch schreibe ich aber sowieso nicht.

    Jeder hadert - wie Hiob - mit seinem Gott, wenn er noch einen hat. Einen zu haben ist inzwischen eher ein Rarität. Jedenfalls ist das Paradies verloren gegangen, die Aussicht darauf bremst uns jedenfalls nicht mehr, weil mit ihm auch die Hölle entschwunden ist.

    Der Feierabendpoet W. ist ein Anhänger des Lakonischen. Schnickschnack ist etwas, auf das er daher oft verzichtet. Herauskommt ein Werk, das auch als Hexameter gelesen werden kann - nicht nur als dreihebiger Jambus), mit der Reimform germanischer Endreim spielt, nur die Endreimfarben "a", "o" und "i" benutzt, die Kadenzen in der Mitte spiegelt und auch die Vokallängen der Endreim als Stilmittel einsetzt.

    OK, das haut nicht um. Die Frage ist nur, wer sonst noch in dieser sprachlichen Schlichtheit diese Archtitekturkomplexität in einem einfachen Text so geschickt verstecken kann, daß sie keiner bemerkt. Auch das ist ein kleines Kunststück, deute ich hier mal einen Moment ganz unbescheiden an.

    Aber das lyrische Erleben ist eben so eine Sache, wie ich immer wieder bemerke. Nix für ungut, bitte nicht schlagen, aber Dein erster Halbsatz hat diese Verteidigungsrede geradezu herausgefordert. Bleibe mir bitte dennoch gewogen, ich konnte mir die Replik einfach nicht verbeißen.

    Danke für Deine Hinweise und lieber Gruß

    der W.
    Geändert von Walther (17.09.2008 um 20:49 Uhr)
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  4. #4
    Klopfstock Guest
    Hallo, Walter, ja, ich habe es auch beim Lesen als ein Gebet empfunden -
    mir ist, als ob hier ein Kind und zugleich ein Erwachsener beten die
    beide eine Person sind. Du hast sie irgendwie verflochten - wir sind ja auch irgendwo "noch" Kind und "bereits" Erwachsener. Mir gefällt es, bis auf eine Zeile (es ist die zweite, siehe unten) in der ich immer ein wenig stolpere



    Ich spalte feine Haare.
    Es bleibt niemand verschont.
    Worin steckt bloß das Wahre?
    Und alles glänzt besonnt!




    Für mich lese ich es mir dann folglend:


    Ich spalte feine Haare.
    Gar niemand bleibt verschont.
    Worin steckt bloß das Wahre?
    Und alles glänzt besonnt!


    Herzliche Grüße, Klopfstock

  5. #5
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    Hallo Klopfstock,

    danke für Eintrag, Lob und Verbesserungsvorschlag. Diese Variante wurde mir an anderer Stelle "um die Ohren gehauen", ernsthaft. Warum? Das kann man so
    Gar niemand bleibt verschont.
    xXxXxX
    oder so
    Gar niemand bleibt verschont.
    XXxxxX
    lesen. Und es ist ein wenig "sauertöpfisch", also Out-of-standard-actual-speak, wie man heut so schön sagt.

    Verstehst Du meinen Zwiespalt?

    Danke und Gruß W.
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  6. #6
    Limes Guest
    Zitat Zitat von Walther
    ein Werk, das auch als Hexameter gelesen werden kann - nicht nur als dreihebiger Jambus), mit der Reimform germanischer Endreim spielt, nur die Endreimfarben "a", "o" und "i" benutzt, die Kadenzen in der Mitte spiegelt und auch die Vokallängen der Endreim als Stilmittel einsetzt.

    ...

    Bleibe mir bitte dennoch gewogen, ich konnte mir die Replik einfach nicht verbeißen.
    Natürlich bleibe ich ein echter Fan - habe doch schon einige Werke von Dir gelesen
    Nun schwanke ich zwischen dem Drang mich für das flüchtige Lesen zu entschuldigen und der Freude darüber, so einer versteckten Perle zu ihrem verdienten Glanz verholfen zu haben - Stand: Unentschieden
    LG, L.

  7. #7
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    Hi Lipiwig,

    zum Glück nehme ich nur die Hälfte von dem ernst, was ich schreibe. Wir machen das hier ja besonders wegen des Spaßes an der Freude.

    Für richtig ernsthafte Kunst bin ich nicht geeignet. Dazu fehlt mir der Drang nach Berühmtheit.

    Also wenn Dir mein Geschreibsel gefällt, dann bin ich sehr erfreut. Dann gibt es außer mir schon noch einen. Ach so, außer mir und meiner Liebsten, der meine Liebesgedichte selbstredend gefallen, sieht sie sie doch zuallererst.

    Lieber Gruß W.
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  8. #8
    Limes Guest
    Dann soll also der Zeilensprung ein verstecktes onzabmont sein, das zum Erkennen eines versteckten Hexameters dient?
    Wobei dieser Hexameter eigentlich ein "jambischer Hexameter" also nicht ein daktylischer 6m, sondern eben eigentlich ein Alexandriner... Puhh

    Ich bleibe beim Ringen um dieses höhere Prinzip, das uns eben mE nicht per Remote-Schalte zum lochfüllenden Download nach Wunsch bereit steht - und dennoch existiert - mM "GOTT ist groß!" sagen (nicht nur) die Moslems - so ist es. Da vergehen ganze Universen und noch mehr werden geboren - aber hier ist der Jammer groß, weil Bruchteilststaubkornatombillionstel das "große Ganze" nicht sehen können?
    ...
    Zur Sache, äh zur urteilenden Liebe: Genau Wenn Augen gnädigst Ruhe geben, nicht rollend auf - zum Himmel streben, ist Dichterfreude riesengroß - es zählt halt nur das schlicht´: "FAMOS!"

  9. #9
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    Hi Lipiwig,

    schreiben wirs mal so:
    Bist du mir eine Insel? Wohnst du am Horizont?
    Ich mal mit meinem Pinsel:Ein Blatt, das unbewohnt.
    Ich spalte feine Haare. Es bleibt niemand verschont.
    Worin steckt bloß das Wahre? Und alles glänzt besonnt!

    Begeistert dich die Farbe? Sag, liebst du dieses Rot?
    Ich zeichne eine Narbe. Ich mal ihn an, den Tod,
    Die Bächlein, die Gerinnsel, Das Braune riecht nach Kot.
    Erhöre mein Gewinsel Und schweig nicht einfach, Gott.
    So sieht man es besser.

    Mann, mach's mir nicht so schwer, ich steige eh kaum durch mein eigenes Reimzeugs durch.

    Gruß W.
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