1. #1
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    Die zweite Chance

    Die zweite Chance



    Meinem Sohn,
    dem "Kleinen Prinzen"



    Das Kinderkrankenhaus der Stadt,
    es glich in meiner Kindheit mir
    dem düstren Tor zu Dantes Hölle:
    "Laß, Fremder, der du eintrittst hier,
    all deine Hoffnung fahren!" *

    Die Hand, schon fest in der des Vaters,
    sie klammerte stets fester noch,
    und dann, der Blick glitt scheu hinauf,
    und da - ganz oben - waren sie:
    die scharlachkranken Kinder!

    Sie lugten durch die Fensterscheiben,
    so ernst und bleich und voller Sehnsucht,
    die Freiheit und Geborgenheit,
    so nah für mich in meiner Hand,
    so weit für sie da drinnen.

    Ausgesetzt im Krankenhaus,
    preisgegeben fremden Mächten,
    im Bett allein im Krankenzimmer,
    - Stille - noch ist nichts zu hören -,
    doch bald schon ... kommen sie ... .

    Das Krankenhaus, ein Ort, so fern
    von kindlich frohem Lachen,
    von heitrem, selbstvergess'nem Spiel,
    von fragloser Geborgenheit;
    das Schicksal dort begegnet:

    "Wann werd ich wieder ganz gesund?"
    Und nun bist du im Krankenhaus,
    mein Sohn, und dein Gesicht, so bleich,
    benommen noch von der Narkose,
    ruht matt auf weißem Kissen.

    Was wirst du wohl gesehen haben
    auf deinem Weg zum Saal nach unten?
    Dein Bett rollt durch den Korridor,
    die Lampen wandern am Plafond,
    im Fahrstuhl schließen Türen.

    Und schon, die Türen gleiten auf,
    es gleißt so grell ein weißes Licht,
    Kanülen, Kabel, Instrumente,
    die Nadel sticht und bald darauf
    sinkst du in schwarze Ohnmacht.

    Gespannte Augenpaare zwischen
    Mundschutz und Hygienehaube
    verfolgen eine scharfe Klinge:
    so tief der Schnitt in weiße Haut;
    Blut quillt - rot.

    Praktiken der Medizin,
    erinnern sie nicht vage doch
    an Riten längst vergangner Zeiten?
    Einst brachte man den hohen Göttern
    zum Opfer Mensch und Tier.

    An Stelle des Altares steht
    ein Tisch in hellem Licht nunmehr,
    doch wie zur Feier einst die Priester,
    so tragen heut im Saal die Ärzte
    besondere Gewänder.

    Die Griffe der Chirurgen sind
    nicht rituell, nur sachgebunden,
    doch ähnlich wie beim Ritual
    kennt jeder in dem Team der Ärzte
    die Handlungen im voraus.

    Der Arzt dem Gott der Technik dient,
    Erfahrungswissen bannt Gefahr
    und stellt das Heile wieder her,
    allein, nicht immer sind die Götter
    den Menschen wohlgesonnen.

    Und abends vor dem Eingriff wird
    mit liebevoller Hand den Kindern
    ein weißes Hemdchen ausgebreitet,
    und freundlicher als immer sonst
    sind all die Krankenschwestern.

    So leicht, dein Hemdchen, Kleiner Prinz,
    noch größer scheinen mir die Augen,
    und schutzlos wie ein kleines Tier
    ruht weiß und zart in meiner Hand
    dein kleines schmales Händchen.

    Wie verwundbar, wie zerbrechlich
    ist fürwahr der Mensch! Und wir ...
    wir wähnten uns in Sicherheit
    und glaubten, es sei selbstverständlich,
    daß du am Leben bist.

    Weiße kleine Särge. Lilien.
    Rubinrot glüht am Rand der Straße
    das Windlicht einsam aus dem Dunkel.
    Niemals ganz verheilt die Wunde;
    unendlich dieser Schmerz.

    Gefahr, sie hat ihr Gutes auch,
    sie läßt, was uns nur anvertraut
    auf Zeit, das Kostbare, erscheinen;
    sie rückt es uns'rem Herzen näher
    und quält uns mit der Angst,

    wir könnten es - schon bald - verlieren,
    es könnt, wie's Flämmchen vor dem Windstoß,
    mit einem Mal erlöschen, und ...
    so hilflos blieben wir zurück,
    allein mit uns'rer Liebe.

    Die zweite Chance, so göttlich ein
    Geschenk, das Kostbare, ein weit'res
    Mal ist's uns gegeben; und wir,
    wir leben nie mehr so, als hätten
    wir nichts zu verlieren.






    *) "Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!"
    Spruch am Eingang zur Hölle
    (Dante Alighieri, Divina Commedia, Inferno, III, 9)
    Geändert von Friedrich (13.11.2010 um 12:08 Uhr)

  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo Friedrich,

    ich muss gestehen, dass mich die Länge des Textes beim draufklicken beim erstenmal zurückgeschreckt hat. Beim erstenmal Lesen bin ich in der ersten Strophe gleich bei dem "Leises Grauen mich beschlich" -Verdreher zurückgezuckt und dachte, Mist, da ist so ein schöner Lesefluss drin in den ersten beiden Zeilen und dann bin ich aus dem Text raus.

    Aber irgendwie ist mir der Titel trotzdem im Gedächtnis geblieben und in Verbindung mit dem Textanfang hats mir keine Ruhe gelassen.

    Der Inhalt ist ansprechend, wobei mir das Bild der "scharlachkranken Kinder" ein Bild aus einer Zeit zu sein scheint, als diese Krankheit schwerwiegender war, als sie jetzt ist.

    DEr Halbgott in Weiß ist ja sowas wie ein geflügeltes Wort, aber trotzdem finde ich das ausdrucksstark aufbereitet.

    Bei der Beschreibung des Wegs zum OP hat mir eine eigene Erfahrung dazwischengepfuscht. Vor der OP hab ich ne Beruhigungspille bekommen und fünf Minuten nach Einnahme war mir schon alles egal. Ditto Narkose. ISt als ob ein Schalter ausgeknipst wird. Da war kein Hinüberdämmern.

    Das Gedicht hat einigen Pathos und auch ein paar Worte, die teils getragener daherkommen, teils Anklänge an die klassischen Sagen haben.

    Die Satzumkehrungen die teilweise drin sind, finde ich sehr schade. Sie haben mir die Freude an dem Text teilweise getrübt.

    Die zwei sehr berührenden Schlusszeilen wiegen das aber wieder auf.

    Gruß

    Sneaky

  3. #3
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    Lieber Sneaky,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Es ist für mich sehr interessant zu erfahren, wie dieses Gedicht bei anderen Leuten "ankommt".

    Dein "Zurückzucken" in der ersten Strophe verstehe ich nicht ganz. War "der Lesefluß zu schön? Oder ist er gestört worden?

    Das mit dem "Halbgott in Weiß" hast Du mißverstanden. Hier geht es nicht darum, daß Patienten Ärzte als quasi göttlich verehren, noch daß diese sich entsprechend feiern lassen, sondern bei mir sind die Ärzte "Priester", die dem Gott (der Technik) dienen. Und mein kleiner Sohn: ein Opfer auf dem Altar!

    Wenn Du sagst, daß die Beschreibung eines Patienten auf dem Weg zum OP nicht zutreffend ist, dann magst Du recht haben. Ich habe nie eine OP am eigenen Leib erlebt. Aber der Dichter kann sich ja vorstellen, wie es seinem Sohn ergangen sein mag. Überdies sind die Bilder ja auch zutreffend, selbst wenn mein Sohn nichts von alledem mitbekommen hätte.

    Daß Dir meine Syntax ("Satzumkehrungen") nicht gefällt, tut mir leid. Ich hatte jedenfalls so lange keine Ruhe, als bis alles so stand, wie es jetzt ist.

    Gewinnt denn der Satz "noch größer scheinen mir die Augen" in der 15. Strophe, wenn man ihn durch "die Augen scheinen mir noch größer" ersetzt?
    Oder wenn es in derselben Strophe hieße: "Und dein kleines schmales Händchen ruht schutzlos wie ein kleines Tier in meiner Hand" ?

    Lieben Gruß

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (21.09.2008 um 13:59 Uhr)

  4. #4
    Sneaky Guest
    Hallo Friedrich,

    mich stören diese Verdreher, wenn keine Durchgängigkeit besteht, wenn es eben in meinen Augen besser, meinen Ohren nicht klingt. Du hättest dir doch auch nicht die Mühe gemacht, ein sauberes Metrum zu bauen, wenn dir nicht auch am Klang liegen würde?

    Grammatik ist auch Klang. Und da spielt dein Gedicht wunderbar um dann ein paar falsche Noten einzustreuen.

    Wenn du den Satz/die Sätze grammatikalisch richtig eingebaut hättest, wäre dein Metrum kaputt gewesen. Ich glaube nicht, dass du metrische Fehler einbauen willst. Warum dann grammatikalische?

    Ich denke, wenn du diese Umstellungen vermeidest und das Metrum dabei nicht zu schaden kommt, gewinnt das Gedicht noch dazu.

    Gruß

    Sneaky

  5. #5
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    Hallo Friedrich, bin neu in diesem Forum, habe mich soeben erst registriert, nachdem ich beim Recherchieren über Schillers "Nänie" auf Dein Gedicht "Die zweite Chance" gestoßen war. Das Gedicht finde ich sprachlich, formal wie inhaltlich, gelungen. Ich würde es gerne in eine (kommentierte) Rezitation einiger ausgewählter "Kindertotenlieder" Friedrich Rückerts ergänzend einbeziehen. Meine Frage: Ist das Gedicht in irgendeiner Form publiziert? Dürfte ich den vollen Namen des Autors erfahren, damit ich korrekt zitieren könnte?
    Danke, Wolfgang

  6. #6
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    Hallo Mouvement,

    zu meiner Überraschung finde ich hier Deine Anfrage zu meinem Gedicht. Es freut mich, daß es Dir gefällt.

    Das Gedicht entstand als mein damals neunjähriger Sohn wegen eines "Tumors" am Bein in einem Krankenhaus operiert werden mußte. "Tumor", das heißt lediglich "Geschwulst" und die muß nicht bösartig sein. Doch uns Eltern plagte unaufhörlich die bange Frage, ob es nicht doch Krebs und damit eine tödliche Gefahr für unser Kind ist. Unmittelbar nach der Operation wurde mir am Krankenbett gewahr, wie schön und wie kostbar doch unser Kind ist. Als sich herausstellte, daß der Tumor kein Krebs war, empfand ich diese Nachricht als "göttliches Geschenk".

    In meiner Kindheit, das heißt in den fünfziger Jahren, waren die Krankenhäuser noch ganz anders als heute. Damals gab es strikte Besuchszeiten und auch der Ton der Ärzte hat sich bis heute merklich geändert. Heute kann man auch auf Wunsch die ganze Zeit über bei seinem Kind bleiben, damals war das unmöglich. Für mich als Kind war es damals ein Schreckensgedanke, dort eingeliefert zu werden und allem hilflos ausgesetzt zu sein.

    Inzwischen wurde mir 2014 selbst eine "Zweite Chance" zuteil. Ich mußte wegen eines Aortarisses eine sechsstündige riskante Operation über mich ergehen lassen und wurde wegen der Komplikationen und Nachwirkungen erst sechs Monate später wieder aus Krankenhaus und Rehakliniken entlassen. Auch diesmal kam ich nicht umhin, dies als göttliches Geschenk zu sehen und dementsprechend zu schätzen. Allein der Gedanke, daß es drei meiner Bekannten anders erging, daß sie umfielen und auf der Stelle tot bzw. nicht mehr zu retten waren, läßt mich tiefe Dankbarkeit empfinden.

    Diese Episode ist auch der Grund, weshalb ich so lange nichts mehr hier eingestellt habe. Irgendwie ist der Elan erlahmt, obwohl die Ideen noch da sind. Ich hoffe, alles ändert sich wieder zum Guten und dann wird man auch wieder von mir hören.

    Du möchtest mein Gedicht in einer Sammlung von" Kindertotenlieder" veröffentlichen. Allerdings ist "Die Zweite Chance" kein Totenlied, sondern im Gegenteil eines, das das Leben feiert und eine tiefe Dankbarkeit ausdrückt. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, hätte aber noch ein paar Einzelheiten dazu gewußt. Da diese Details hier im Forum niemand sonderlich interessieren dürften, kannst du diese ja in meinem Postfach deponieren. Dort könntest Du auch meinen zivilen Namen erfahren.

    Also, lieber Wolfgang, willkommen hier im Forum. Schön, daß Du Dich für Schiller interessierst.

    Lieben Gruß

    Friedrich

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