Thema: Lustpartikel

  1. #1
    Jazemel Guest

    Lustpartikel

    Ich ziehe den Verschluss des Kleides herab,
    streife das Schlafzimmer über.
    Reize deine Adern mit Blitzblicken
    und wiedererwecke die Glut des Aschehaufens.

    Lass uns feiern, was wir voneinander nicht kennen,
    flüstere ich
    und verblüffe mit der Lohe meiner Lippen,
    straffe die Saite deines Klangkörpers.

    Und wir verflechten unsere Körper im Wildfeuer,
    durchbrechen die Nachtruhe des Windes.
    Durchdringend bis zu den Tragbalken unserer feuchten Samthülle
    ist das Netz der vollmundigen Bisse.

    Wir laufen, jagen, preschen der Flußströmung entgegen,
    durch den Tunnel der pulsierenden Wände.
    Vergeuden Atem und schreien in die Ohren der Helligkeit,
    bis Blitze aufleuchten.

    Entreißen der Frucht, was den stehengebliebenen Herzen entkam
    und sterben mit dem Versuch nicht zu sterben.
    Lassen die Ränder der Welt kristallisieren
    und der Schall unserer Stimmen bricht Sterne.

    Gellend zerbersten,
    sprühen,zerstreuen,
    du und ich,
    Partikel der Lust.
    Geändert von Jazemel (19.09.2008 um 16:57 Uhr)

  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo Jazemel,

    eindrucksvoll geschrieben, abseits der abgenudelten Formulierungen und kein bisschen klebrig. Habs jetzt zwei- dreimal gelesen und versucht, die guten Bilder zu ignorieren um Schwachstellen zu entdecken.

    wiedererwecke ist nicht so gut

    ebenso

    "feuchte Samthülle" da ist mir auch die Zeile zu lang

    Den 4-Zeiler zum Schluss brauchts für mich nicht.

    Gruß

    Sneaky

  3. #3
    Jazemel Guest
    Guten Morgen Erich und Sneaky,

    vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

    @ Erich:

    Dein Lob freut mich wirklich sehr, weiß ich doch, dass du Gereimtes im Grunde lieber magst und liest. Am meisten hat mich das Prädikat 'lyrisch' erfreut.

    S4Z1: Das Komma wurde sofort nachgetragen. Da kann man mal sehen, auch nach mehrmaligen drüberlesen ist es mir nicht aufgefallen.

    S5Z2: Mmmhh, bin auch unsicher darum lasse ich es erst einmal so stehen. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein Kenner und klärt uns da auf.

    S5Z4: Habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, aber nur das Licht der Sterne wäre mir zu wenig, es müssen schon ganze Sterne sein . Ich überlege aber noch, ob mir eventuell eine andere Umschreibung einfällt.

    Nochmals Danke für das Lob und liebe Grüße

    Jazemel

    @ Sneaky:

    Auch dir vielen Dank für dein Lob.
    Die Worte 'wiedererwecken' und 'feuchte Samthülle' passen m.E. sehr gut, aber falls dir treffendere Wörter einfallen... nur her damit, bin neugierig.
    Der letzte Vierzeiler gehört für mich unbedingt dazu, würde ich ihn weglassen, käme das einem coitus interruptus gleich . Braucht kein Mensch.

    Nochmals Danke fürs Lesen, Kommentieren und das Lob.

    Lieben Gruß

    Jazemel

  4. #4
    ReinART Guest
    Liebe Jazemel
    ich weigere mich, hier irgendwie den Gedanken an einen Orgasmus aufkommen zu lassen. Ist mir zu profan...vielleicht bin ich auch schon zu alt- kann mich aber erinnern . Damals war das sehr zielgerichtet, wobei mit fortschreitendem Alter sich die Prioritäten verlagert haben-zumindest bei mir
    Es wird sicherlich ein Gedicht sein, das sich dieses Themas annimmt und es gefällt mir sehr gut!!! Ein ungeheures tiefes und umfassendes Erleben. (Einzig Schlafzimmer stört mich- vielleicht auch zu profan?)
    Es ist bei der körperlichen Liebe ja so, dass wir in diesem Moment der Vereinigung (was für ein blödes Wort) das Gefühl haben können, uns von uns selbst zu lösen. Frei zu sein und in den Kosmos, die Sterne etc. einzutauchen und uns eins ( daher mag das Wort kommen) mit allem zu fühlen. Und wie gut Du das mit den letzten 4 Zeilen beschrieben hast!!
    Nein, für mich ist das Bild komplett (bis auf Schlafzimmer)....
    Und, was ich so wichtig finde- es lässt sich auf die ganz intensiven Momente des Lebens übertragen.
    Liebe Grüße
    reinhard
    Geändert von ReinART (23.09.2008 um 12:20 Uhr)

  5. #5
    Registriert seit
    Dec 2004
    Beiträge
    1.731
    Hallo Jazemel,

    zunächst mal ein verdientes Kompliment. Dieses Gedicht ist definitiv eines der besseren die ich in dieser Rubrik je lesen konnte. Das liegt in erster Linie an den starken und neu zusammengefügten Bilder, die wirklich zu überzeugen wissen. Schauen wir uns trotzdem mal das Metrum an:

    Ich ziehe den Verschluss des Kleides herab,
    streife das Schlafzimmer über.
    Reize deine Adern mit Blitzblicken
    und wiedererwecke die Glut des Aschehaufens.

    xXxXxXxXxxX,
    XxxXxxXx.
    XxXxXxxXxx
    xXxxXxxXxXxXx.

    Lass uns feiern, was wir voneinander nicht kennen,
    flüstere ich
    und verblüffe mit der Lohe meiner Lippen,
    straffe die Saite deines Klangkörpers.

    XxXx,XxXxXxxXx,
    XxxX
    XxXxXxXxXxXx,
    XxxXxXxXxx.

    Und wir verflechten unsere Körper im Wildfeuer,
    durchbrechen die Nachtruhe des Windes.
    Durchdringend bis zu den Tragbalken unserer feuchten Samthülle
    ist das Netz der vollmundigen Bisse.

    xXxXxXxxXxxXxx,
    xXxxXxXxXx.
    xXxxXxXxxXxxXxXxx
    XxXxXxXxXx.

    Wir laufen, jagen, preschen der Flußströmung entgegen,
    durch den Tunnel der pulsierenden Wände.
    Vergeuden Atem und schreien in die Ohren der Helligkeit,
    bis Blitze aufleuchten.

    xXxXxXxxXxXxXx,
    XxXxXxXxxXx.
    xXxXxxXxXxXxxXxX,
    xXxXxx.

    Entreißen der Frucht, was den stehengebliebenen Herzen entkam
    und sterben mit dem Versuch nicht zu sterben.
    Lassen die Ränder der Welt kristallisieren
    und der Schall unserer Stimmen bricht Sterne.

    xXxxX;XxXxxXxxXxxX
    xXxxXxXxxXx.
    XxxXxxXxXxXx
    xXxXxxXxxXx.

    Gellend zerbersten,
    sprühen,zerstreuen,
    du und ich,
    Partikel der Lust.

    xXxxXx,
    Xx,xXx,
    XxX,
    xXxxX.

    Wie man sehr schön sieht, gibt es kein festes Metrum. An sich kein großes Problem, aber etwas mehr Spiel mit der Betonung hätte noch das Sahnehäubchen aufsetzen können. Denn teilweise setzt du keine Satzzeichen am Ende des Verses obwohl eine harte Pause kommt (X auf X) oder eine besonders nach Betonung schreiende Konfiguration kommt (xx auf einen Auftakt). Stattdessen hat man das Gefühl, dass du alle (guten!) Gedanken frei nach Lust herausschreist . Genial wäre es in meinen Augen dann, wenn du zu Anfang und Ende viel bewusster mit dem Rhythmus gespielt hättest. Ein langsam auflösendes, festes Metrum, das beginnt zu pulsieren mit zunehmender Dauer und dann sich langsam wieder stabilisiert. Das wäre entsprechend deiner Storyline gewesen.

    Weshalb diese Rhythmus-Kritik wo ich es doch für durchaus gelungen halte? Die Bilder sind einfach überzeugend und der Rhythmus, wie gesagt, wäre die Perfektion. Besonders gefallen haben mir:

    [...] Kleides herab - streife Schlafzimmer über
    Saite des Klangkörpers
    schreien in die Ohren der Helligkeit (Chapeau für diese Tiefe!)

    Selbst der Titel ist sehr passend gewählt. S6 finde ich etwas überdramatisch eingeleitet für die späte Stunde in der Chronologie deines Gedichtes, das soll aber nicht unbedingt ein Kritikpunkt sein. In S5 finde ich ist das Repetitio weniger gelungen. Dabei gibt es viele Synonyme für sterben (vielleicht etwas wie 'veröden'?)!

    So weit erst einmal von mir, Jazemel. Vielen Dank für diesen Lichtblick von Erotik in dieser Rubrik.

    LG JamZee

  6. #6
    Registriert seit
    Sep 2008
    Beiträge
    801
    Hallo Jazemel,

    da Zeichensetzung und Rhythmik bereits ausgiebig diskutiert wurden, setze ich mal auf genauere Untersuchung der Wortwahl

    In Strophe eins reizt das lyr.ich mit „Blitzblicken“ => in Strophe vier leuchten dann „Blitze“ auf. Solche Wiederholungen würde ich zugunsten der Stimmungskurve vermeiden.
    Ebenso besser zu vermeiden gewesen wäre meiner Ansicht nach S2Z4 „Klangkörper“ / S3Z1 „Körper“, zumal Du den Begriff einmal im übertragenen und einmal in direktem Sinne nutzt.
    In den ersten beiden Strophen arbeitest Du mit Feuerbildern („Blitz“, „Glut“, „Lohe“, „Feuer“) und schwenkst dann aber zu Wasserbildern um („feucht“, „Fluß“, „pulsierend“). Das erscheint mir etwas willkürlich – die Metaphorik an und für sich ist zwar jeweils stimmig, aber der Fortgang des Geschehens ist für mich nicht stimmig aufgebaut.
    S3Z3: „feuchte Samthülle“ weckt in mir persönlich nicht gerade schöne Assoziationen; das ist aber kein Einwand, sondern nur eine Anmerkung
    Die „Furcht“ aus S5 kann ich nicht eindeutig zuordnen – sie scheint mir in den vorhergehenden Zeilen nie angedeutet, nie auch nur annähernd wahrgenommen worden zu sein – persönlich frage ich mich auch, was Furcht mit der geschilderten Situation zu tun hat; es geht hier ja wohl kaum um das berüchtigte erste Mal, dem durchaus manche ja mit Furcht begegnen, *smile* Jedenfalls schien mir das lyr.Ich gerade zu Beginn eher mutig provozierend/reizend und das lyr.Du (das zwar fehlt) schien mir ebenso „mitzugehen“.
    S5Z2 ist mir persönlich zu melodramatisch, ebenso auch die S6 mit Einschränkung natürlich der „Partikel der Lust“, was für mich einen wunderbar gelungenen Abschluss darstellt.

    Insgesamt finde ich in dem Werk viele schöne Bilder, hätte mir aber die Ausarbeitung ein wenig stringenter gewünscht. Noch ist es eine Skizze von tollen Einfällen?

    Liebe Grüße
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  7. #7
    Jazemel Guest
    Zuerst einmal vielen Dank für die Kommentare.

    @ ReinArt

    Hallo Reinhard,

    freut mich, dass ich in deinen Augen 'den Punkt ' getroffen habe. Das Wort Schlafzimmer ist ganz bewusst gewählt, da das beschriebene Bild sowohl profan (ganz richtig) als auch pikant sein kann, ebenso wie der Reißverschluss.Ein Kleid abzustreifen, wirklich profan und alltäglich, aber in gewissen Situationen wandelt sich das Profane, wenn z.B.dabei die Augen des Gegenüber aufleuchten. So kann sich auch das Schlafzimmer zum Boudoir wandeln.

    Lieben Dank fürs Lesen und deinen Kommentar.

    Jazemel

    @linespur

    Hallo Linespur
    zuvor vielen Dank für deinen Kommentar.
    Die Blitzblicke in Strophe eins und die Blitze in Strophe vier sind für mich weniger Wiederholungen, da sie in einem vollkommen anderen Kontext zur jeweiligen Strophe stehen und dabei etwas vollkommen anders beschreiben. Was Klangkörper und Körper angeht...
    Vor allem der Klangkörper ist (für mich) als Umschreibung in Strophe zwei sehr wichtig. Klangkörper, sowohl die Bezeichnung für den Rumpf eines Seiteninstrumentes, als auch den menschlichen Körper ist bekannt und in der Strophe wird das Eine zum Anderen und umgekehrt.
    Schwer zu beschreiben, ohne allzu deutlich zu werden. Das LD wird in dem Augenblick zu einem Instrument, auf dem das LI spielt und (nicht nur ) Töne erzeugt, indem die 'Saite' gestrafft wird. Daher ist für mich dieses Wort in diesem Bild zwingend. Die Körper in Strophe drei... ja...könnte man ersetzen, nur durch welches Wort? Die meisten Worte die für Körper stehen sind alles andere als passend. Falls du eine Idee, einen Vorschlag diesbezüglich hast, wäre ich erfreut.

    Die feuchte Samthülle... sicher eine Sache der persönlichen Assoziation. Für mich beschreibt es samtweiche Haut, die sich langsam mit einen Schweißfilm bedeckt....für andere kann es natürlich eher ein nasses Katzenfell sein .

    Dass zu Beginn des Gedichts mit Feuerbildern und dann weiter mit Wasserbildern gearbeitet wird, ist beabsichtig und passt m.E. gut zu der Beschreibung des Ganzen. Zu Beginn sind nicht nur die Gemüter erhitzt, die Libido angeheizt, sondern auch die Haut des Menschen erwärmt sich zunehmend. Heiße Gefühle, heiße Spiele...ect.
    Dass dabei dann die verschiedenstens Körperflüssigkeiten entstehen ,hier fließen, dort sich stauen, woanders austreten, ist die natürliche Folge. Für mich steht es in einem Zusammenhang und keinesfalls in einem Widerspruch, da Sex wirklich beides beinhaltet.

    Bei der Furcht hast du dich verlesen. Es ist von einer FRucht die Rede, nicht von FuRcht, welche natürlich nicht passend wäre.

    Ich denke nicht, dass es eine Skizze ist, sondern ein Gedicht, an dem ich noch etwas feilen kann.

    Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

    Lieben Gruß

    Jazemel


    @ JamZee

    Hallo JamZee,

    Vielen Dank für deine ausführliche Kritik.
    Mit dem Rythmus hast du vollkommen Recht und der Gedanke des sich langsam auflösenden, festen Metrums, welches beginnt zu pulsieren mit zunehmender Dauer, um sich dann wieder zu stabilisieren... wunderbar, ich werde mich daran versuchen. Es würde das Gedicht wirklich runder machen, besser als ein herausschreien.

    Das Repetitio in Strophe 5....mhh....veröden gefällt mir weniger, da denke ich sofort an eine Warze die verödet wird .
    Was hälst du von "vergehen"? "..und vergehen mit dem Versuch nicht zu sterben." ?

    Vielen Dank für das Durch-xen und die Fingerzeige zur Metrik. Hat mir wirklich geholfen und ich werde mich an einem ausgefeilteren Rythmus probieren.

    Und der Chapeau hat mir wirklich Freude bereitet, da ich zögerte die Zeile so zu lassen, in der Befürchtung, es wäre zu kryptisch.

    Vielen Dank auch dir fürs Lesen, Kommentieren und Lob. Hat mich sehr gefreut.

    Liebe Grüße

    Jazemel

  8. #8
    Registriert seit
    Sep 2008
    Ort
    Oft nicht auf dieser Welt
    Beiträge
    12
    Liebe Jazemel,

    schon wieder ich.

    Wunderbar gemacht. Weder klebrige Süße, noch Haudraufbezeichnungen. Die meisten Gedichte in dieser Rubrik sind entweder das Eine oder das Andere, oder merkwürdig anmutende Gebrauchsanleitungen. Da hebt dieses Werk sich sehr angenehm von ab und man kann mit eintauchen in die überzeugenden Bilder.

    Bleibt nur noch zu sagen: Gefällt, gefällt sehr.

    Herzlichen Gruß

    Nafra-té

    (ich stöbere weiter )
    Den wahren Geschmack des Wassers erkennt man in der Wüste.

  9. #9
    Jazemel Guest
    Bleibt mir nur ein Danke an den unermüdlichen Archäologen zu senden.

    Freut mich, wenn es gefällt und die Bilder überzeugen können.

    Gruß und schönes Wochenende

    Jaz

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden