1. #1
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    Ballade vom Winzerknaben

    Ein Mann, der hat erschlagen
    Seins Schwesters Söhnelein.
    Und grub in schwarzer Nacht ihn
    Dort in den Reben ein.

    Die Schwester musste sterben
    Vor Kummer und vor Gram.
    Den Hof, als auch den Weinberg
    Der Bruder so bekam.

    Die Jahre sind gegangen
    und wo verscharrt die Leich,
    Da wachsen rote Trauben
    Besonders gross und reich.

    Und wer gerechten Sinnes
    Und schon Balladen las,
    Der weiss auch, dass das Schicksal,
    Solch Tun noch nie vergass.

    Der Wein aus jener Halde,
    Er mundet all zu gut.
    Dem Bruder aber schmeckt er
    Doch mehr und mehr nach Blut.

    Die Gläser glitzernd klingen, –
    Und tonlos bleibt sein Rand.
    Spritzts hell und leicht, – bei ihm nur,
    Klebts schwärzlich an der Hand.

    Da stürzt er in den Keller,
    Schlägt wie von Sinnen ein
    – Die Gäste sehns mit Grausen –
    Das Fass mit bestem Wein.

    Da schwallt ihm Blut entgegen
    Und spült ihn durch den Raum,
    So dass er drin ertrinke. –
    Den Boden netzt es kaum.

    In kleinen Flecken liest man
    Des ganzen Frevels Lauf;
    Von Kinderhand geschrieben
    Verschwindet´s bald darauf.
    Geändert von leporello (21.09.2008 um 16:58 Uhr)
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo leporello,

    eine Ballade mit Ironie auf das Spukgenre gewürzt. Gefällt mir von Länge und dem was erzählt wird sehr, besondere Highlights der Schrecken der Gäste über das eingeschlagene Fass und das ..auch Balladen las".

    Seltsam find ich den "Hain" aus S1 entschlüsselt heißt das doch, im Weinberg war ein Wäldchen/Hain. Und dort wuchsen 4 S weiter unten Trauben?

    Außerdem wird der Weinberg zur "Halde"? Zwei Tippfehler haben sich auch eingeschlichen bei stürzt und spült.

    mit breitem Grinsen gelesen

    Gruß

    Sneaky
    Geändert von Sneaky (21.09.2008 um 16:08 Uhr)

  3. #3
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    hallo sneaky.
    nur kurz. danke für die hinweise auf tippfehler.
    und zum hain: spannend, wie man da doch an die sagen wir mal 30 jahre ein wort mitschleppt, dass man irgendwie falsch verwendet.
    das hab ich nie mit wäldchen in verbindung gebracht, aber der duden steht auf deiner seite.

    dann eben was andres.
    gruass lepi
    Geändert von leporello (21.09.2008 um 16:59 Uhr)
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  4. #4
    DerKleinePrinz* Guest
    HuHu lepi
    Es freut mich mal etwas Neues :-P von dir zu lesen. Viel mehr freut mich, was ich von dir lesen darf, das ist nämlich sehr gelungen. Ich mag Balladen, und deswegen stelle ich da auch hohe Ansprüche, tja, du hast es tatsächlich geschafft einen Prinzen zufrieden zu stellen
    Mehr als mit lobenden Worten zu verbleiben kann ich nicht, denn zum Kritisieren gibt es keinen Anlass.

    Liebe Grüße
    Der Kleine Prinz
    Geändert von DerKleinePrinz* (22.09.2008 um 11:32 Uhr)

  5. #5
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    "mal etwas von mir zu lesen" ist schön. die funktion "erstellte themen von..." kennst du aber auch, ja?

    freut mich, wenns dir gefallen hat.
    der text war auch so eine das-kann-ich-auch-reaktion auf den reclamband "deutsche balladen", den ich grad immer dabei habe.
    s4 soll dann etwas aus der blossen stilkopie ausbrech(t)en. v-effekt und so.
    mal sehen, ob die alten im altenheim nebst hebbel schiller und eichendorff auch dereinst den "winzerknaben" auswendig können, oder ob er es zuminest in die nächste auflage des erwähnten gelben büchleins (ist fast ein würfel) schafft...
    gruass lepi
    .
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  6. #6
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    Kleiner Widerspruch Ferdi,

    bei uns in Nordostdeutschland ist der Begriff "Halde" immer noch sehr häufig verwendet, vor allem im Kompositum "Müllhalde".

    Auch ist heute "Abhang" nicht ganz das korrekte Denotat. Ich zitiere da mal Wiki, wo eigentlich das formuliert ist, was auch wir hier im Norden unter einer Halde verstehen:

    "Unter Halde (ahd. halda Abhang, mhd. halde) versteht man vornehmlich eine künstliche, aber auch jede natürliche Anhäufung von Material (Haufwerk) oberhalb des umgebenden Geländeniveaus."

  7. #7
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    hallo ihr beiden.
    das mit der halde, gerade wenns ungebräuchlich ist, kommt der alten form ja gelegen. hier im dialekt wirds aber schon gebraucht und verstanden. wie gesagt, eine altertümliche zutat zur stimmung.

    dass ich mit v4 absichtlich etwas auf distanz gehe, hab ich ja geschrieben. dies soll natürlich nicht alles kaputtmachen und das tuts doch auch nicht. aber etwas an der sache rütteln, damit es kein blosses retrowerklein bleibt.

    gruass lepi
    .
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  8. #8
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    @lepi

    hast doch alle richtig gemacht. Schon seit der Romantik ist Ironie Pflicht. Also "Ironie" in dem Sinne, dass eine selbstreferentielle Problematisierung erfolgt. Das hast du in der vierten Strophe sehr gut gelöst. Diese Strophe ist es die den Text für mich überhaupt bemerkenswert gemacht hat.

    Gruß
    Woitek

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