Thema: Wildes Wasser

  1. #1
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    Wildes Wasser

    Wildes Wasser



    Es träumte mir vergangne Nacht,
    ich stünd’ allein auf jener Brücke
    am Wildbach, wo vor langer Zeit
    wir uns das erste Mal geküßt.

    Der Regen rauscht herab in Strömen,
    durchdringt die Kleidung, trauft vom Haar,
    und unter Planken an den Pfeilern
    sich Wasser wild und schäumend bricht.

    Und da, so fern im Regenschleier,
    erscheint Dein Bild, kommt stetig näher,
    Du wandelst wie ein fremdes Wesen,
    zurück aus einer andren Welt.

    Stumm geht Dein Blick vorbei ins Leere,
    Gesicht, unendlich traurig, – bleich,
    und dann, so nah ist Deine Wange,
    wie Tränen Regentropfen perlen.

    Wir stehen wortlos, wie versteinert,
    ich spüre Deine schlanke Hand;
    und voll Verzweiflung will ich sagen:
    „Zurück! Fatal ist unsere Liebe!“

    als unter Blitz und Donnerkrachen
    mit einem Mal das wilde Wasser
    die kleine Brücke mit sich reißt,
    und uns mit ihr ... . Wach auf! Ein Traum!!


    Bild: John William Waterhouse - Study for The Lady Clare (1900)
    Geändert von Friedrich (07.11.2010 um 12:13 Uhr)

  2. #2
    n.eurofighter Guest
    Hallo Friedrich,
    ich hatte ja beschlossen einige Werke die zu schnell ins Vergessenheit geraten , wieder hervorzuheben,
    dieses hier ist ein sehr bedächtiges, weswegen es mir gefällt.
    Heute hatte ich Zitate gelesen, eines ist für mich mit deinem Kompatibel,
    "Damit Träume wahr werden, muss man erstmal aufwachen".
    Unter diesem Aspekt habe ich dein Gedicht nachempfunden( vielleicht nicht ganz so, wie von dir als Schreiber beabsichtigt, aber es fördert mein denken)




    lieben Gruß
    n.eurofighter

  3. #3
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    Hallo neurofighter,

    vielen Dank nochmals für Deinen Entschluß, meine vergessenen und in den hinteren Seiten des Archivs verborgenen Gedichte wieder ins Tageslicht zu rücken. Gerade bei diesem wunderte es mich, warum bislang noch niemand auch nur mit einer Zeile darauf reagiert hat.
    "Damit Träume wahr werden, muss man erstmal aufwachen".
    Was diesen Satz betrifft, so kann ich Dir nur zustimmen, doch meint er eine andere Art von Traum: Ohne Zielvorstellung, ohne Vision wird man nichts erreichen; es reicht nicht, seine Wunschvorstellungen nur in Gedanken zu hegen, man muß auch etwas tun, sie zu realisieren, man muß ... "aufwachen".

    Hier geht es jedoch um etwas Anderes. Sigmund Freud sagt in seiner Traumtheorie, daß der Traum ein - meist unbewußter - Wunsch sei. Im Fall meines Gedichts würde sich das LI so aber seine eigene Vernichtung herbeiwünschen. Das jedoch ist unwahrscheinlich, denn sonst würde der Träumer im Schlaf nicht aufschreien, so daß seine Mutter - oder jemand anderer in seiner Nähe - ihn mit den Worten weckt : "Wach auf! Ein Traum!"

    Ich denke, im Traum wird dem Träumer seine Lebenssituation bewußt; er gewahrt sie wie in einer Filmszene. Er muß die Bilder dann nur deuten, und versteht er sie, versteht er auch ... sich selbst.

    Das LI befindet sich in diesem Gedicht in einer trostlosen, ausweglosen Situation (prasselnder Regen). Seine Liebe zu einem präraffaelitisch anmutenden Mädchen ist zum Scheitern verurteilt, weil zerstörerische Kräfte sie bedrohen. Im Traum schwellen diese unheilvollen Kräfte (wildes Wasser) an, und es wird ihm plötzlich bewußt, daß sie ihnen nicht standhalten können, so sie beieinander bleiben.
    „Zurück! Fatal ist unsere Liebe!“
    Mit liebem Gruß

    Friedrich


    Hallo AndereDimension,

    vielen Dank für Dein Interesse und für Dein Lob.

    Gruß

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (19.10.2009 um 17:25 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Joasch,

    vielen Dank für Dein "großes Lob", das mir umso mehr gilt, als es aus berufenem Munde kommt.

    Im übrigen geht es auch in Shakespeares Romeo und Julia um Träume, die nichts mit Wünschen und Herbeisehnen zu tun haben, sondern vielmehr mit deren Gegenteil. In I/4 spricht Mercutio - auch ein Todgeweihter - noch "Von Träumen, Kindern eines müßigen Hirns ..", da ahnt Romeo schon seinen frühen Tod voraus:

    "... denn mein Herz erbangt
    Und ahnet ein Verhängnis, welches, noch
    Verborgen in den Sternen, heute Nacht (...)
    Beginnen und das Ziel des läst'gen Lebens,
    (...) mir kürzen wird ... ". (110-115)

    Mit liebem Gruß

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (07.11.2010 um 18:56 Uhr)

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