1. #1
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    Herbstspaziergang

    Herbstspaziergang

    Donnernd stürmt es durch die Gassen
    Götter vor dem Untergang!
    Werdend, sterbend, am Verblassen,
    wandre ich den Weg entlang.

    Astern blühn zur Dämmerstunde,
    die Gewissheit macht sie frei.
    Flüstern eifrig in der Runde,
    dass Aurora träge sei:

    Sei beleidigt und erschöpft,
    gebe Nix gefügig nach.
    Zeus, der panisch Wipfel köpft,
    Liege fiebertaumelnd flach.

    Schwelend fliehen goldne Tage,
    ach, du junger Lebensreigen!
    Vögel sind in Aufbruchsrage,
    schwarze Schwärme steigen.

    Sommer – tosend gehst du unter,
    doch gelassen kehr ich heim.
    Parze! schneid den Faden runter!
    friert mich, Götter, schmunzelnd ein!

  2. #2
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    Guten Morgen Cicero,
    ich weiß nicht so recht, ob Du hier in der richtigen Rubrik bist, denn wirklichen Humor oder Satire kann ich nicht entdecken.
    Davon abgesehen, gefällt mir Dein Gedicht sehr gut. Es liest sich wunderbar flott und hat schöne, treffende Reime. Der Kreuzreim passt prima. Auch das Bild, das beim Lesen entsteht, ist deutlich; die Pointe kommt unvorbereitet und lässt Schmunzeln.
    Für mich sehr gut gelungen.
    Liebe Grüße,
    Medusa.

  3. #3
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    hi medusa!

    ich hab mir lange überlegt, ob ich es überhaupt hier reinstellen soll. ich wollte nämlich keine perlen vor die säue werfe (damit bist nicht du gemeint ).
    hier verlange ich ausnahmsweise vom leser mal etwas: ich setze nämlich vorraus, dass er bestimmte topoi wiedererkennt und dass er sich vor allem mit mythologischen kontexten auskennt. außerdem ist das gedicht gespickt mit intertextuellen anspielungen und zitaten. aber ich glaube ehrlich gesagt, das das hier kaum einer von sich aus mitbringt.
    auserdem finde ich (allgemein gesprochen) dass solche aussagen wie "find ich gut", find ich "nicht gut" ohne begründung und ohne jeglichen interpratationsansatz einfach plump sind.
    sag mir doch mal bitte genauer, was gefällt dir denn, außer dass es sich "gut liest"? was hast du denn für ein "bild" gesehen, was meinst du damit?

    LG
    Cicero

  4. #4
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    Na gut, Cicero,
    dann gehe ich eben noch einmal ran; Dein Nick lässt Götternähe und -kenntnis erahnen.

    Donnernd stürmt es durch die Gassen
    Götter vor dem Untergang!
    Werdend, sterbend, am Verblassen,
    wandre ich den Weg entlang.

    Den Untergang der Götter kennen wir alle; nur welchen Weg gehst Du entlang?

    Astern blühn zur Dämmerstunde,
    die Gewissheit macht sie frei.
    Flüstern eifrig in der Runde,
    dass Aurora träge sei:

    Welche Gewissheit macht Astern frei? In Ordnung, meinetwegen dürfen sie flüstern. Du beschreibst also die Morgendämmerung? Nun gut, zu dieser Jahreszeit ist Aurora ziemlich träge.

    Sei beleidigt und erschöpft,
    gebe Nix gefügig nach.
    Zeus, der panisch Wipfel köpft,
    Liege fiebertaumelnd flach.

    Nach der Morgendämmerung kommt auch am 21.12. nicht gleich die Nacht. Ein paar Stunden lässt uns Nyx schon noch übrig. Wessen Wipfel köpft Zeus? Im übertragenen Sinne doch nur den seines Vaters Kronos. Panisch ist er dabei nicht gewesen, hatte er doch die Unterstützung seiner Brüder. Fiebertaumelnd flach liegend? Das verstehe ich nicht, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang.

    Schwelend fliehen goldne Tage,
    ach, du junger Lebensreigen!
    Vögel sind in Aufbruchsrage,
    schwarze Schwärme steigen.

    Schön, aber das reicht Dir ja nicht. Was hat das mit den Göttern zu tun?

    Sommer – tosend gehst du unter,
    doch gelassen kehr ich heim.
    Parze! schneid den Faden runter!
    friert mich, Götter, schmunzelnd ein!

    Atropos schneidet den Faden ab, nicht "runter"!
    Die von mir im ersten Kommentar gelobte Pointe passt nun nicht mehr!

    Manchmal kann auch eine etwas oberflächlichere Kritik ausreichend sein. Denn nun habe ich mich, auf Deinen unmissverständlichen Wunsch, näher mit Deinem Gedicht beschäftigt. Du setzt zwar die Götter ein, deren Wirkung schilderst Du jedoch für unbefangene Leser nur undeutlich.
    1. Aurora, die Göttin der Morgenröte, Mutter von Zephyr, Notos, Boreas und Euros. Den Sturm in der ersten Strophe könntest Du damit besser schildern.
    2. Nyx, Göttin der Nacht, könntest Du auch deutlicher schildern.
    3. Zeus, den Knaben einfach nur zu benennen, ohne näher auf ihn einzugehen, empfinde ich als oberflächlich.
    4. Die Parzen sind Töchter der Nyx. Ihre Arbeit am Lebensfaden (spinnen, trennen, schneiden) müsste deutlicher zum Ausdruck kommen.

    Du kannst nicht von jedem Leser eine umfangreiche Bildung hinsichtlich der griechischen Mythologie erwarten und jenem auf gar keinen Fall mangelnden Intellekt vorwerfen.

    Deine "intertextuellen Anspielungen und Zitate" habe ich nicht gefunden; diesmal habe ich mich in der Tat auf die Suche gemacht.

    Herzliche Grüße,
    Medusa.
    Geändert von Medusa (06.11.2008 um 18:01 Uhr)

  5. #5
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    Naja, auf Anhieb entdecke ich:
    stirb und werde (w.ö. Diwan), auch Romantitel (Gide)
    Astern, schwelende Tage (Benn)
    Und übe dem Knaben gleich, der Diesteln köpft, an Eichen dich und Bergeshöhn (Prometheus)
    Auch noch: Gelassen stieg die Nacht ans Land (Mörike)
    Weitere Wörter: Parzen, Aurora, Gassen etc. sind massenhaft in der Lyrik verwurstet, aber vielleeicht nicht an so signifikanter Stelle.
    Gleichwohl frage ich mich, wo der Autor seinen intellektuellen Hochmut hernimmt.
    Gruß an M.
    P.
    Geändert von parlevio (07.11.2008 um 07:33 Uhr)

  6. #6
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    @medusa

    "Den Untergang der Götter kennen wir alle; nur welchen Weg gehst Du entlang?"

    naja, da steckt ja nicht so wahnsinnig tiefsinniges dahinter: der vom schicksal vorgegebene lebensweg etc...

    "Welche Gewissheit macht Astern frei?"

    das ist nun die frage, die ich mir erhofft hatte, denn meiner meinung nach führt die zum kern des gedichts. es ist die selbe gewissheit, die auch das lyrIch am schluss schmunzeln lässt und es gelassen macht: nämlich das das ganze doch nur ein einziger hokus-pokus ist mit der götterwelt.

    "Wessen Wipfel köpft Zeus? Im übertragenen Sinne doch nur den seines Vaters Kronos. Panisch ist er dabei nicht gewesen, hatte er doch die Unterstützung seiner Brüder. Fiebertaumelnd flach liegend? Das verstehe ich nicht, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang."

    das ist natürlich goethes prometheus. (siehe parlevios posting) das mit dem panisch ist denke ich klar: die götter erheben sich, bekommen eben panik, weil sie wissen, dass sie untergehen. das ist ja auch der grund für den sturm und das toben. "götter vor dem untergang" ruft das lyrich gleich am anfang aus. fiebertaumeld: zeus hat sich verausgabt, er liegt ausgeschaltet im bett = die götter sind dem untergang geweiht, wenn der "chef" schon nicht mehr kann.

    "Was hat das mit den Göttern zu tun?"

    diese strophe hat nicht direkt was mit den göttern zu tun. da geht es jetzt um die (pseudo-)herbstlichen gefühle des lyrich.

    Du kannst nicht von jedem Leser eine umfangreiche Bildung hinsichtlich der griechischen Mythologie erwarten und jenem auf gar keinen Fall mangelnden Intellekt vorwerfen.

    "Deine "intertextuellen Anspielungen und Zitate" habe ich nicht gefunden; diesmal habe ich mich in der Tat auf die Suche gemacht."

    schade wegen den zitaten... aber bitte, ich habe ja überhaupt nicht behauptet, dass intellekt von der kenntnisnahme von ein paar mythen abhängt.
    wenn du dich angesprochen gefühlt hast und ich dich (nicht gewollt) gekränkt habe, wirst du wahrscheinlich auch kein gutes haar mehr an dem gedicht lassen.

    @ parlevio

    auch du, sei bitte nicht gekränkt. du hast ja hier eindrucksvoll bewiesen, dass du dich bestens auskennst. naja, und das mit dem hochmut... das dumme ist ja leider, dass wer immer von sich behauptet, seine gedichte wären gut gemacht, dass im gleichen augenblick die leute hergehen und das gedicht nach allen regeln der kunst zerpflücken und tausend dinge zu beanstanden haben, die sie ansonsten vielleicht gar nicht zu beanstanden hätten...

    sag mir doch bitte noch eins:

    1. was meintest du mit "aber vielleeicht nicht an so signifikanter Stelle."

    2. das mit dem "massenhaft verwurstet" klingt leicht kritisch, so als ob dus nicht gutheißen würdest. das gedicht lebt meiner meinung nach davon, schon oft dagewesenes zu "verwursten", denn genau diese stoffe stehen für das klassische, das in diesem gedicht dem untergang geweiht ist. so etwas ist heute in der gegenwartslit. ja nicht mehr möglich. die form sowie der behandelte gegenstand wird aufgelöst, ist fragmentarisch oder fällt der lächerlichkeit anheim (vgl. das "schmunzeln"). das ist ein echtes dilemma find ich... deswegen dieses gedicht!

    euch beiden herzliche grüße!


    Cicero
    (ja den Namen will ich auch bald ändern, der gefällt mir selbst auch überhaupt nicht mehr)

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