Thema: Ein Dorfpoet

  1. #1
    Registriert seit
    Jul 2008
    Ort
    Wiener Neustadt
    Beiträge
    124

    Ein Dorfpoet

    Er sitzt im Zimmer
    und zählt die Fliegen
    auf seinem Fenster.
    Er trinkt Kaffee und raucht
    übermäßig, obwohl
    er weiß, dass es ihn
    eines Tages ins
    Grab bringt.
    Auf seinem Nachtkästchen
    liegen Bücher von denen
    er einige gelesen hat, manche
    sogar schon mehrere Male,
    während er gut die andere Hälfte
    nicht einmal in seinen Händen
    gehalten hat.
    Sein Humor ist zynisch, sein
    ganzes Leben ist zynisch. Aber
    er mag die Menschen, grüßt immer
    freundlich, wenn er jemandem auf der Straße
    begegnet. Er weiß, dass viele
    Menschen dumm sind. Er weiß,
    dass vieles besser sein könnte,
    wenn man neben heute auch an morgen
    und übermorgen denken würde. Aber sein
    Wille ist zu schwach und sein Glaube an
    das restlos Gute in uns allen zu wenig
    stark ausgeprägt, als dass er sich
    sinnlos opfern wollte.
    Er hat keine Angst vor dem Aufstehen.
    Er hat keine Angst vor dem Einschlafen.
    Er weiß, dass der Tod sowieso kommt
    und dass er ihn nicht aufhalten kann.
    Manchmal trinkt er etwas zuviel,
    manchmal isst er etwas zuviel,
    manchmal träumt er etwas zuviel,
    zimmert sich die Realität zurecht
    bis sie ihm erträglich oder vernünftig
    oder beides zugleich erscheint.
    Er schreibt Gedichte, die kaum jemand
    kennt, doch beunruhigt ihn das keineswegs,
    wo er sich doch selber oftmals so fremd
    vorkommt. Er weiß, dass er alleine zurecht
    kommen muss, fühlt sich aber keineswegs
    einsam. Er denkt viel und
    redet meist wenig und wenn er redet,
    redet er, so findet er, zuviel.
    Er ist keine besondere Erscheinung. Er glaubt
    nicht, irgendjemanden irgendetwas schuldig
    zu sein, aber er weiß, was
    Schuldgefühl bedeutet. Er ist verliebt,
    ziemlich oft sogar, immer wieder
    aufs Neue. Er ist froh, dass er jemanden
    hat mit dem er reden kann. Er ist froh,
    dass er daneben noch den einen
    oder anderen hat mit dem er
    über so manches reden kann.
    Er ist allein, aber nicht zu allein.
    Er schreibt Gedichte.
    Er zählt die Fliegen auf seinem Fenster
    und trinkt Kaffee. Es ist ruhig,
    rings um ihn. Er hat genug
    Zeit, damit er sich auf das Wesentliche
    konzentrieren kann.
    Er mag Musik in ziemlich vielen
    Varianten. Er mag guten Wein und
    das befreiende Gefühl, Arbeit
    erledigt zu haben.
    Er ist kein Workaholic.
    Hie und da diskutiert er über
    Politik und wenn er das tut, dann,
    so findet er, redet er meistens
    zuviel. Er sieht sich nicht
    als Menschenfreund, obwohl
    es einige gibt, die er wirklich
    gerne hat. Er hasst das Leben
    nicht und kniet nicht ehrfürchtig
    vor Heldendenkmälern zu Boden.
    Er weiß, dass es nur ein Spiel ist.
    Er weiß, dass nicht wenige, oder, wie
    er sogar findet, eher zu viele, ernsthaft
    an makellose Ideale glauben.
    Er hat gelernt oben von unten
    und links und rechts
    voneinander zu unterscheiden.
    Er glaubt nicht ohne Zweifel an Gott,
    hofft aber auf ihn. Er weiß, dass
    es viel zu tun gibt, während
    er nichts tut und
    Kaffee trinkt und
    raucht und still
    die Fliegen auf seinem Fenster
    zählt. Er weiß es und
    er weiß auch,
    dass es am Ende
    keine Rolle
    spielen wird.
    Eine ganze Minute lang
    starrt er auf den Boden
    unter seinen Füßen und
    denkt an all das und
    während er an all das denkt,
    wird sich ein Gedicht in
    seinem Kopf breit machen,
    ein Gedicht, von dem er findet,
    dass es besser sein könnte,
    wenn es ein anderer
    geschrieben hätte.

  2. #2
    Registriert seit
    Jan 2007
    Ort
    Im Rosental in Kärnten, Österreich
    Beiträge
    5.136
    Hallo Michael K.

    Ich finde es schade dass du diesen Text so zerissen einstellst.
    Inhaltlich ein für mich guter Text der sehr gut in "Kurzgeschichten" untergebracht werden könnte.

    Behutsame Grüße,
    Behutsalem
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