1. #1
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    Bilder LXI - LXX

    Bilder LXI - LXX

    (1. Exkurs)

    LXI

    Wie sich Blumenkränze winden,
    dir ins Haar und um die Brüste,
    sich um deinen Körper binden,
    dass erblüht die öde Wüste,
    die dein Leib zu lange war,
    deine Scham wird offen-bar.

    LXII

    Weiche Wangen, die wie Feuer
    hoffnungsfroh ins Neue glühen,
    jenem Liebesabenteuer,
    das wie wild mit Funken sprühen
    wird, in heißem Liebestanz
    der perfekten Stimulanz.

    LXIII

    Bebende Verlangensschauer,
    die den heißen Bauch durchströmen
    und mit zunehmender Dauer
    jenem weichen Mund entstöhnen,
    der geheimste Orte kennt
    und sie findet, nicht benennt.

    LXIV

    Jener Tanz synchroner Leiber,
    die im abgestimmten Takte
    treiben, wie der traute Geiger
    selbst, in der Musik, die nackte
    Geige und auch Bogen ist,
    als ein leiblicher Artist.

    LXV

    Die Momente des Verharrens
    in den Zeiten tiefer Lüste,
    das des Augenblicks Bewahrens
    vor der Sturmflut an der Küste,
    ist als wäre Raum und Zeit
    unbeständig und - so weit.

    LXVI

    Haut auf Haut beginnt zu reiben,
    Hand greift Hand und Mund küsst Lippen
    und erhitzte Seelen treiben
    in ein Bäumen, Keuchen, Wippen,
    in ein stetes Auf und Nieder
    eng umschlungner Körperglieder.

    LXVII

    Braunes Haar streift in Gesichtern,
    Hände streicheln leicht den Busen
    und in indirekten Lichtern
    sieht man wild ein Pärchen schmusen,
    beide wirken wie ein Wesen,
    wie einander auserlesen.

    LXVIII

    Speichel, Schweiß und die Sekrete
    klingen nicht sehr euphemistisch,
    sondern zwingen ins konkrete
    Rumgerammel auf dem Esstisch,
    in Real ein Leibgericht,
    sicher schlecht in nem Gedicht.

    LXIX

    Verse, die sich zärtlich streicheln,
    im verliebten Zauberklange,
    brechen unter roten Eicheln
    oder pochend harter Stange,
    bis von ihnen nichts mehr bleibt,
    außer jenes Wort, das reibt.

    LXX

    Sex kann man in Worte fassen,
    eher noch als tiefe Liebe,
    denn rein mechanistisch lassen
    formuliern sich Körpertriebe,
    doch nur ein Armer Alles zeigt
    und ein Reicher fickt und schweigt.

  2. #2
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    Hallo Woitek,

    immens stört mich die Unterbrechung der Verse durch Deine römischen Zahlen; freilich, ich kenn Dich lang genug, wirst Du diese als Essenz niemals ausblenden Aber es zerreißt meines Erachtens die Teile, die sich durchaus ineinander fügten, ließest Du sie. (Ich meine übrigens drei derer auszumachen.)

    LXI: Wartet erst einmal tätschelnd harmlos auf, verliert sich aber bereits in Zweideutigkeiten; falls Du das abstreiten wolltest, müsstest Du fürs „binden“ zwangsläufig einen anderen Reim finden. Hübsch, wenngleich nicht sonderlich innovativ ist das Spielchen offen-bar – hier so passend verbackt, dass es mich freut. Und überhaupt spricht dies erste mich ab Z3 spätestens an.

    LXII: Du bettest zwei Nebensätze in einen Nicht-Hauptsatz, denn was mit den weichen Wangen nun ist, das fehlt; kann mich nicht so begeistern. Auch finde ich den Einstieg „weiche Wangen“ wenig ansprechend, trotz Alliteration – hat für mich was schlappes, ältliches, lässt mich an den Geruch alter Menschen denken, diese eigentümliche Mischung aus 4711 und Staub... Überzeugen kann mich auch nicht das Enjambement, obwohl es eigentlich ein hübscher Umbruch ist, von jetzt auf später zu vertrösten.

    LXIII: Schon wieder weich? Inhaltlicher Umbruch, da sich hier Teil eins noch in Klischees ergießt (wer könnte auf „beben“, „Verlangen“ und „Schauer“ angesichts einer erotischen Auslassung schon verzichten, geschweige denn den „Bauch“, „heiß“ und „strömen“?), während gen Ende das nicht-Aussprechen bedeutungsschwanger eingestreut wird.

    LXIV: Beide Enjambements möchte ich lobend herausstellen; so lohnt sich das. Ansonsten schwenkt es doch wieder Klischeebetrachtungen in den Vordergrund, was allerdings sehr geschickt gemacht ist. Das Musikbild ist stimmig aufgezogen, würde mich dennoch leicht langweilen, wäre nicht der „leibliche Artist“ als Pointe in mein Betrachterauge gerückt. Allerdings bin ich auch froh, dass hier mal kein Weichzeichner die Leiber beschreibt, sondern mehr meiner Phantasie überlassen bleibt.

    LXV: „ist unbeständig“ bezieht sich auf Momente, wenn ich nicht völlig blind bin? Dann bitte „sind“. Und ja doch, Sturm und Meer und bitte das Raum-Zeit-Gefüge verrücken… Du hast nichts ausgelassen, oder? *lacht*

    LXVI + LXVII: Man möchte Dich verhauen, weil Du hier perfektioniert umsetzt, womit sich fast jeder in der Dichter-Erotikbranche plagt und in allermeisten Fällen versagt; mir wird lesend nach Weglaufen zumute, und so können wir beide froh sein, dass ich diesem Trieb selten nachgebe… „einander auserlesen“ gehört zu den Wendungen im Text, wo ich wünschte, Du wärst – nee, das sag ich Dir mal an anderer Stelle

    LXVIII: Das, worauf ich gewartet habe, wobei der Überraschungsmoment sicher nicht ungelungen ist – das will ich damit gewiss nicht sagen. Die Elision – wirklich die erste im Text – könnte passender nicht daherkommen; ein wenig Schnoddrigkeit gehört ja schon dazu, den Leser aus einer lang aufgebauten Stimmung zu zerren. S1 übrigens zeigt auf, dass Alliterationen perfekt als Steigerungsmedium gebraucht werden können und ihre Wirkung dadurch zu steigern wissen; sehr klasse.

    LXIX: japp!

    LXX: Gib es zu, die Strophe ist nur wegen der zwanzig da, oder? Technisch mit Abstand die schlechteste in einem starken Gedicht, und ich weiß nicht, aus welchem Grunde das Berechtigung hätte. Plattitüden wie Arm und Reich, zeigen und schweigen und natürlich unprovokativ noch mal das ficken zu verbraten hätte es meiner Ansicht nach nicht gebraucht. Stete Stolperstelle stellt dann die Elision bei formuliern dar, gerade weil Du auf so was ansonsten tunlichst verzichtet hast, etc. Ich glaube, mehr muss ich da gar nicht zu sagen.

    Tja, formalistisch überzeugender Text, inhaltlich mit schönen Pointen durchzogen und genug Wahrheiten, um nicht mehr zu versprechen, als nötig – ich bin angetan.

    Lieben Gruß
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  3. #3
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    Hallo Nina,

    ich muss deiner Kritik fast uneingeschränkt zustimmen. Sicher kann man es hier auch ein einzelnes Gedicht sehen und die römischen Zahlen weglassen, doch ist Bild 61 bis 70 nur ein kleiner Exkurs in der gesamten Bilderreihe (die inzwischen 100 Bilder umfasst) und konzeptuiert ist da, dass jedes einzelne Bild nur für sich steht (auch wenn thematische Ähnlichkeiten häufig auffällig sind).

    Die weichen Wangen in 62 glühen ins Neue. Mit 70 hast du sowas von recht, denn auch mir gefällt sie sehr wenig, doch würde ich sie weglassen, müsste ich bei allen folgenden Abschnitten ebenfalls den Titel ändern. So lasse ich sie als Mahnstein für die verunglückte Dichtung lieber im Text.

    Ich danke dir sehr herzlich für deine Kritik und grüße dich herzlich.

    Woiwoi

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