Thema: Original Sin

  1. #1
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    Original Sin

    Gently did the latent buds of passion
    emerge from deepest wells of time
    scattering petals in a cryptic fashion
    and sempiternally sublime.

    In an instant conscious thought’s momentum
    left the beaten tracks of habit
    surrendering to an obliterate phantom
    eager in flesh, willing in spirit.

    At the gaping gates to truth and treason
    naked serpents unfurled carnal cognizance
    nuptially coalescing sense and reason
    erupting in unsevered adjacence.

    Kindred soul, do not repent
    union in unanimous consent
    neither wrong, nor right, but true.

    Treasure it. I won’t repent
    evoking love, while hours I spend
    reminiscing the night with you.



    kurushio, 11.07.2008

    [11.12.08: Sinnentstellender Tippfehler geändert - "spend" statt "spent", dank Übersetzung von Oliver64.]

  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo kurushio,

    dann guck ich mal nach den "Neueren".

    Das Pferd vom Schwanz aufgezäumt, gefällt mir die Moral der Geschichte. Besser gehabt und verloren als nie gehabt zu haben.

    Zum Anfang. Original Sin ist glaube ich en Filmtitel? Falls ja, den kenn ich nicht. Bezüge von da zum Text rauschen an mir vorbei.

    Die Melodie der Worte gefällt mir. Auf Kosten einer Elision und der Streichung des and in Z 4 wärs mir noch eingängiger. sca`ttring petals in a cryptic fashion / sempiternally sublime. Schönes Wort sempiternal, musste ich erst mal nachschlagen aber hat was.
    die "deepest wells" haben einen leichten Ruch nach Klischee

    S 2 Z 1 ist ein ziemlicher Satzbrocken, der nicht auf Anhieb preisgibt, was da entgleist bzw. die gewohnten Pfade verläßt. Ab Zeile 3 geht der Rhythmus holprig, wohl um zu untermalen, dass das nicht die gebahnten Wege sind?

    S 3 greift zu Alliteration, die ersten zwei Zeilen find ich schön, die zwei "ing" Formen in Z3 und Z 4 weniger, die klauen Klang.

    S 4 frag ich mich, muss das but true sein? Es hat vom Wortstamm her truth in sich, die Tore zur Wahrheit und Verrat wiederholen sich nach meiner LEsart in dem neither wrong nor right, da ist das true nicht einleuchtend für mich. Abgesehen davon muss eine Wahrheit nicht zwangsläufig richtig sein, sie kann auch sehr unpassend und unwillkommen sein.

    Den Schluss wie gesagt mag ich. Die Zeile neither wrong nor right erinnert ein wenig an ein Gedicht von Frost, muss mal kurz kramen ob ich das passend parat hab.

    JEdenfalls schön, Wortmelodie und Reim vereint zu finden.

    Gruß

    Sneaky
    ......
    And further still at an unearthly height,
    a luminary clock against the sky
    proclaimed the time was neither wrong nor right.
    I have been one acquainted with the night.
    Geändert von Sneaky (03.12.2008 um 18:32 Uhr)

  3. #3
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    Schon wieder Du? Langsam werde ich rot.

    Ich danke Dir - und könnte jetzt die meisten Fragen klären, aber ich warte immer ein paar Wochen, falls sich noch andere versuchen möchten.

    Das Werk war eine schwere Geburt - aus sehr versteckten technischen Gründen -, so gehört "sempiternally" gehört auch nicht zu meinem normalen Wortschatz, es ist nach langer Synonymsuche gefunden worden. "coalescing" auch nicht.

    "Scatt'ring" war eine Überlegung damals, aber ich spreche das "e" sowieso nicht wirklich mit, und ich versuche mittlerweile, Elisionen zu meiden. Das "and" hingegen ist erstens aus Gründen der Silbenzahl (banaler Grund) wichtig, zweitens aber, weil es dafür sorgt, daß das "scattering und nicht die "petals" als "sublime" empfunden werden. (That sounds funny...)

    II,1 ergibt mehr Sinn, wenn man dem ursprünglich gedachten Inhalt näher kommt. Vor allem II,4 holpert ein wenig, aber da ist Deine Interpretation richtig - die Welt kommt ein wenig aus den Fugen.

    Die leidingen "ing"s, ja. Da war mir die Verlaufsform wichtig, und "coalesce sense" wäre ein noch leidigerer Zungenbrecher geworden, als es jetzt schon ist. "Erupting in" finde ich wegen der "in"-Doppelung auch als ein wenig suboptimal.

    Das "but true" muss sein, ja. "Weder richtig noch falsch, sondern einfach nur wahr." Auch das ergibt sich eher, wenn man dem ursprünglichen Gedanken näher kommt - "besser gehabt und verloren" ist nur ein Teil dessen.

    "Original Sin" steht mit weiteren Teilen des Gedichtes in Verbindung, als man auf den ersten Blick vermuten mag.

    Ich danke Dir ersteinmal - ich freue mich wirklich, daß Du all die Kleinen aus der Versenkung holst - und freue mich über weitere konstruktive Kritik von Dir.

    Viele Grüße,
    kurushio

    ps: Hmm, daß der gute Frost die Wendung benutzt hat, wusste ich nicht, überrascht mich aber auch nicht sonderlich - so viel neues kann man heutzutage nicht mehr schaffen... Verdammt.
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
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  4. #4
    Sneaky Guest
    Hm,

    Original Sin könnte man als Erbsünde, erste Sünde lesen. Von daher wärs dann ein Bibelmotiv, truth and treason und die Schlangen könnten dazu passen, aber wer ist der Sprecher am Schluss, der über die NAcht nachsinnt.?

    Problematisch ist auch der Schluss with you oder the night with you. Ich glaub ich muss reminiscence nochmals nachschlagen.

    Gruß

    Sneaky

  5. #5
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    Gute Spur. Sehr gute Spur.

    Viele Grüße,
    kurushio
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  6. #6
    Sneaky Guest
    Mhm,

    erinnere mich der Nacht mit Dir

    muss nicht zwangsläufig eine Solo-Bauchnabelschau sein, man kann sich auch zusammen erinnern. Jupp, so ists besser als das Lyrich sich allein der Nacht einnern zu lassen, sowohl vom Sinn als auch vom Gefühl

    Gruß

    Sneaky

  7. #7
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    Erbsünde
    ________________________________________
    Zart scheinen verborgene Blüten der Leidenschaft
    aus den tiefsten Quellen der Zeit,
    in rätselhafter Weise streuende Blätter
    und immer ewiglich erhaben.

    Im Impuls eines plötzlich bewussten Gedankens
    die abgedroschenen Spuren der Gewohnheit verlassend,
    einer verdeckten Erscheinung hingebend,
    eifrig im Fleisch, willig im Geist.

    An den klaffenden Toren der Wahrheit und des Verrates
    entfalteten nackte Schlangen fleischliche Erkenntnis,
    Sinn und Vernunft hochzeitlich verschmelzend,
    in ungeteilte Nähe ausbrechend.

    Verwandte Seele, bereue nicht
    die Vereinigung in einmütiger Bereitschaft!
    Nicht falsch, nicht richtig, nur wahr.

    Genieße es! Ich werde nicht bereuen
    Liebe beschworen zu haben, während ich Stunden verbrachte
    Mich an die Nacht mit dir zu erinnern


    Hallo Kurushio,

    ich musste mir das Werk auf die Schnelle übersetzen, um meinen Eindruck zu überprüfen. Dieser war –und ist- dass der Text mir weniger zu altbacken, als zu konstruiert ist. Inhaltlich halte ich es auch für überkommen, da lässt mir der Titel eher merkwürdige Assoziationen erscheinen, aber das ist und bleibt Geschmackssache. Auch ich suhle mich sehr gerne in barocken Texten, englischen zumal, aber auch wenn diese naturgemäß altbacken sind, so wirken sie in aller Regel homogener und meist auch sprachlich flüssiger. Hier habe ich eher den Eindruck zusammengefügter Versatzstücke, jedenfalls in den ersten 3 Strophen ist das so. Die abschließenden Terzette sind sicher einfacher gestrickt und dann auch noch gefälliger gereimt und daher einfacher zu rezipieren, aber eben das macht ja auch einen teil der Freude an Sprache aus. Jedenfalls habe ich an den Quartetten deutlich weniger Freude.

    Ich muss die ganze Zeit an ferdis Kritik der Rose denken. Darin sagt er zu der dortigen, ebenfalls eher antiquierten Ausdrucksweise:
    Damit ist das Gedicht schon tot, bevor es ganz auf der Welt ist. So brutal (eigentlich noch ein viel zu schwaches Wort) die Gegenwart, das Jetzt (vor allem in der Sprache) zu verweigern kann nicht gutgehen.
    Natürlich habe ich keine Ahnung, ob ferdi das auch zu diesem Werk sagen würde, aber es entspricht meinem Eindruck. Und leider erfüllt es meine Erwartungshaltung an ein barockes Werk eben auch nicht, obwohl du ganz sicher damit leben kannst, dass ich es nicht auf einer Stufe mit z.B. Shakespeare sehen kann. Bitte, soll jetzt niemand einwenden, sich mit einer solchen Größe zu messen, wäre vermessen. Das ist wohl so, aber es ist vor allem anderen überflüssig. Da fände ich es viel interessanter, ein inhaltlich aktuelles Werk in solche Sprache zu bringen. Denn das ist Shakespeare –bei aller Meisterschaft- verwehrt, da sind wir ihm über.

    Beste Grüße
    Oliver

  8. #8
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    Hallo Oliver,

    vielen herzlichen Dank. Ja, ich kann damit leben, daß es kein Shakespeare geworden ist - und auch damit, daß man es mir sagt. Wenn ich keine ehrliche Kritik will, veröffentliche ich en Blog, nicht hier. Ich nehme mir mal Zeit für viele lose Gedanken in dieser Antwort.

    Ferdis Zitat ist interessant, auch, weil es einen inhaltlichen Aspekt des Gedichts berührt - das Thema ist schon tot, zumindest nach Ende der Quartette, es kommt nie in der Gegenwart an. Aber das nur nebenbei. Ich verstehe, was du meinst. (Auf der anderen Seite ist es witzig, daß wir hier ständig archaische Dichtungsmerkmale hochhalten - geschliffene Metrik, gelungene Reime, etc., alles altertümlicher als gestochenes Englisch. Warum ist es nur bei der Wahl der Sprachebene etwas "gegenwartsverneinendes", macht aber sonst ein "gutes" Gedicht aus? Nur ein allgemeiner Gedanke, keine Gegenkritik.)

    Barockizität - man hat mir neulich in Australien einmal gesagt, mein Englisch, so gut es sein möge, klinge, als käme es aus der Stuart-Restauration. Dagegen kann ich nicht viel machen - außer es witzig zu finden, daß jemand nett gemeinte Kritik an meinem archaischen Vokabular übt, und dabei einen Begriff wie "Stuart-restauration" ganz selbständlich benutzt. Das Englische verträgt einen Wechsel des Sprachniveaus oft um einiges besser als das Deutsche - ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, das Gedicht auf Deutsch zu schreiben. Womit ich es alleine schon dadurch dem Tode weihe, daß ich meine Muttersprache verweigere, wenn man es recht bedenkt. Hm.

    Konstruiert ist das richtige Wort, interessanterweise aber nicht ursprünglich als sonettartiges Gedicht, sondern mit der mir auferlegten Vorgabe, mit 18 Zeilen zu arbeiten. Da außerdem die Grundmetaphern in meinem Kopf alle biblischen Ursprunges waren, sprang mich das Sonett als heutzutage leicht altbackene Form sozusagen an.

    Ich wende mich einmal deiner Übersetzung zu, ohne Rücksicht auf Metrik und Reim. Danke auch und vor allem für diese Arbeit, ich hatte bis eben keine deutsche Version dieses Textes vor Augen.

    Erbsünde
    Ich hätte "Ursünde" gewählt, "Erb" klingt für mich weniger nach im Charakter des LyrIch verankert, und mehr nach von außen auferlegt.
    ________________________________________
    Zart scheinen verborgene Blüten der Leidenschaft
    "latent buds" sind "Ruheknospen" in der Botanik, ein sehr bewusst gewählter Begriff, auch wenn ich es so übersetzen würde wie Du. "latent" selbst hat relativ viele Bedeutungsebenen, die in der Übersetzung verloren gehen - aber "latente Knospen" würde ich niemandem zumuten wollen.
    "Passion" ist, offenkundig, nach dem Titel die erste biblische Vokabel - Leidenschaft mit einer leichten inhaltlichen Betonung des "Leiden".

    aus den tiefsten Quellen der Zeit,
    Mir sind es Brunnen, nicht Quellen - es bezieht sich zwar auf die Vergangenheit, aber daß die Gefühle so tief vergraben wurden, war Handarbeit, nicht das Werk der Natur.
    in rätselhafter Weise streuende Blätter
    streuen auf rätselhafte Weise (Blüten-)Blätter - das Subjekt bleiben die Knospen.
    und immer ewiglich erhaben.
    Ich würde "sempiternally" nicht einen derart barocken Beiklang geben - ewig genügt. Bei "sublime" war "erhaben" mein Gedanke, mit einem Beigeschmack von unbewußt. Allerdings gehen hier die Deutungsebenen in Richtung "hohe Pforte" verloren.

    Schon in der ersten Strophe macht sich der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch deutlich bemerkbar - Wörter wie "latent" und "sublime" sind alltägliches Englisch, "latent" und "sublim" aber kein alltägliches Deutsch, und in der Übersetzung geht ein Stück ihrer Deutungsweite verloren.


    Im Impuls eines plötzlich bewussten Gedankens
    die abgedroschenen Spuren der Gewohnheit verlassend,
    Schön, daß Du "plötzlich" und nicht "in einem Augenblick" gewählt hast. Allerdings verliert sich in Deiner Fassung, daß der Bewegungsimpuls selbst die ausgetretenen Pfade verlässt - das Subjekt geht verloren, Du baust hier ein lyrisches Ich ein, das nicht wirklich da ist, bzw. seinen Gedanken zumindest soweit entfremdet ist, daß es ihnen Handlungsraum einräumt.
    einer verdeckten Erscheinung hingebend,
    Ergebend (weniger aktiv). Dafür mehr aktiv: Ich würde für "obliterate" "ausgemerzt" oder ähnliches wählen, einen Entschluss in der Vergangenheit, sich nicht mehr zu erinnern.
    eifrig im Fleisch, willig im Geist.
    Passt.
    An den klaffenden Toren der Wahrheit und des Verrates
    Rein stilistisch: von Wahrheit und Verrat. Ich hatte keine Ahnung, wie furchtbar "klaffend" auf Deutsch klingt und wie sehr es den leicht sexuellen Unterton ins Pornographische zeiht, aber richtig ist es...
    entfalteten nackte Schlangen fleischliche Erkenntnis,
    Da ist die Ursünde ja. Jeder bibelfeste Mensch weiß hoffentlich, was mit "Bob erkannte Barbara" gemeint ist.
    Sinn und Vernunft hochzeitlich verschmelzend,
    in ungeteilte Nähe ausbrechend.
    Das "ausbrechend" ist mir etwas wortwörtlich genommen - aber mir fällt gerade auch kein besseres Wort ein.

    Verwandte Seele, bereue nicht
    die Vereinigung in einmütiger Bereitschaft!
    Hm -Zustimmung vielleicht. Hier hat sich eine Rechtsvokabel eingeschlichen - "age of consent". Im Sinne von "jetzt, nach all den Jahren, wo man reif genug dafür war, wollten es dann auch beide, auch wenn es nicht in den gegenwärtigen Lebensentwurf passt" (siehe II,1). Einmütig finde ich schön, wäre ich nie drauf gekommen.
    Nicht falsch, nicht richtig, nur wahr.

    Genieße es! Ich werde nicht bereuen
    Hüte es wie einen Schatz. Es ist eine Rückschau.
    Liebe beschworen zu haben, während ich Stunden verbrachte
    Da hat sich bei mir ein Tippfehler eingeschlichen, der so einiges erklärt, es muss "spend" und nicht "spent" heißen - "verbringe" also, der Moment, in dem das LyrIch sich gerade befindet.
    Mich an die Nacht mit dir zu erinnern
    Passt.

    Soweit. Vielen Dank für Deine Kritik und die gelungene Übersetzung, ich habe nichts dagegen, wenn sich die Diskussion hierum weiter spinnt.

    Viele Grüße,
    kurushio
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    - Jon Stewart

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  9. #9
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    Hallo kurushio,

    vielen Dank für deine sehr souveräne Replik, die mir bestätigte, dass du genügend Überlegung in dein Werk stecktest, so dass auch eine nicht euphorische Kritik dir zusätzliche Erkenntnis bringen und dich keinesfalls erschüttern kann. Ich erwähne das nur, weil es mich das weitaus verbreitetere Aufheulen der Poeten in noch klarerem Licht sehen lässt.

    Ich finde den von dir geäußerten Gedanken hinsichtlich der überkommenen formalen Kriterien sehr interessant. Ich hoffe, ich hätte nicht so geklungen, als dass ich eine altertümliche Sprech- oder Schreibweise etwa ablehnte. Das Gegenteil ist der Fall und mir hält man das, was du von deinem Englich berichtest, nicht selten sogar in meiner Muttersprache vor! Mir ging es dabei aber a) um die Sprache im Besonderen und b) um den Inhalt.

    Selbst wenn dein Gedicht nachgerade selbstverständlich in korrektem Englisch verfasst ist und auch wenn Begriffe wie sempiternally (semper eternum - hier wird doch sogar noch das Ewige verlängert) antiquiert klingen mögen, so ist es doch eher der Sprachduktus und vor allem die inhaltliche Herangehensweise welche barock auf mich wirken. Das ist alles sehr pompös und umständlich, von großer Tiefe, schicksalschwanger, majestätisch, feierlich, erhaben - mit einem Wort: pathetisch. dabei erinnert sich das lyrische Ich lediglich an eine Liebesnacht. Wenn das aber dermaßen überzeichnet wird, was du ja in sich überzeugend machst, wirkt es auf mich nicht so, als hätte Bob Barbara erkannt, sondern eher seine Schwester, wenn nicht noch Fürchterlicheres. Ist halbwegs verständlich, was ich meine?

    Und warum mir nicht einmal das sprachliche Element überzeugend erschien, meine ich jetzt zu wissen. Es ist einerseits das Metrum, mit welchem ich an diversen Stellen zu tun habe.

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    Und es ist eben der Inhalt, dem die Sprache meiner Ansicht nach nicht gemäß ist. Es klingt hohl angesichts der schlichten Erinnerung an eine Liebesnacht. Und wie du richtig schreibst: Wenn ich dabei an "gaping gates" und "naked serpents" denke, bekommt das einen ganz anderen Beigeschmack. Ohnehin schmeckt das ganze Gedicht, nicht zuletzt durch den Titel, nach Sünde. Und da der biblische Sündenfall heutzutage kaum mehr so erregend sein kann, versuche ich (natürlich?) etwas zu assoziieren, was auch nach heutigen Maßstäben ein Sündenfall wäre.

    So. Spannend genug, dass ich darüber dermaßen bramarbasiere, ist es offenbar. Insofern hast du deinen Job wohl gemacht.

    Beste Grüße
    Oliver

  10. #10
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    Für solche Kritiken liebe ich das Board mehr, als ich meistens zugebe. Ich freue mich natürlich auch über Euphorie, wer tut das nicht, aber begründete Kritik (und Euphorie) ist mir um einiges lieber. Wie gesagt - wenn ich nicht etwas über ein Gedicht, seine Wirkung und seine Schwächen lernen wollen würde, würde ich mich nicht hier preisgeben. (Ich lösche ja nicht einmal sehr alte, sehr fragwürdige Werke hier, zu denen ich wirklich nicht mehr stehe - aber ich stehe dazu, sie veröffentlicht zu haben.)

    Ja, ich verstehe, was Du meinst - gut sogar. Wenn man es recht bedenkt, könnte es wirken wie das Gesülze eines 15jährigen, der seine erste Freundin heiraten will, nachdem sie drei Tage Händchen gehalten haben.

    Das ist alles sehr pompös und umständlich, von großer Tiefe, schicksalschwanger, majestätisch, feierlich, erhaben - mit einem Wort: pathetisch. dabei erinnert sich das lyrische Ich lediglich an eine Liebesnacht. Wenn das aber dermaßen überzeichnet wird, was du ja in sich überzeugend machst, wirkt es auf mich nicht so, als hätte Bob Barbara erkannt, sondern eher seine Schwester, wenn nicht noch Fürchterlicheres.
    Dann habe ich erreicht, was ich wollte, interessanterweise. Nein, keine Blutsverwandten.

    Ich bemühe mal meine alte Signatur, Joe Klein sagt es besser als ich: "Alles am Sex ist banal, außer der Vorfreude. Der Akt an sich, so befriedigend er auch sein mag, nimmt im Laufe eines Lebens nur ein paarmal solche Formen an, daß er unvergesslich bleibt [...]."

    Manchmal bleibt er jedoch unvergesslich, und dann ist er es auch wert, daß man ihm Denkmäler setzt - manchmal ist er schicksalsschwanger (weil er aus den Tiefen der Vergangenheit vorbereitet worden ist), erhaben (weil er aus sehr ehrlicher Tiefe der Seele heraus geschieht - wahr oder meinetwegen ehrlich ist) - und gleichzeitig sündig (weil er jenseits der ausgetretenen Pfade der Gewohnheit stattfindet). Ein kleiner Blick hinter die Kulissen: Der Arbeitsstitel war "A Night Twelve Years in Waiting", aber der war mir zu banal.

    Dem Sündhaften noch ein paar Worte, um meine Assoziationen zum Begriff zu erläutern. Ich bin kein religiöser oder gläubiger Mensch. Gläubige Menschen mögen mir verzeihen, wenn sie das Bedürfnis danach haben. Eher im Gegenteil: Ich halte das Erkenntnisverbot für einen relativ klassischen Beweis für einen eifersüchtigen, unterdrückenden Gott, und die Ursünde damit für etwas Produktives in der Menschwerdung. (Metaphorisch gesprochen, da ich weder an die Genesis noch an diesen oder einen anderen Gott glaube.) Ich mag das sprachliche Bild und was man daraus fertigen kann - mehr nicht.

    Die "gaping gates" und "naked serpents" - ich hatte keine sexuelle Metapher bei den beiden Begriffen im Kopf, als ich das Gedicht verfasst habe, die Schlangen waren genau das, was sie auch in der Genesis sind, Überbringer der Erkenntnis, nackt, weil zu dem Zeitpunkt ja alle nackt waren. (Außer Gott vielleicht, er hatte ja seine Interpretation von Erkenntnis und müsste sich damit auch geschämt haben - aber ich schweife ab.) "Gates" war eine Bezugnahme auf die hohe Pforte und das banale Bild von der Tür als etwas, das man auf dem Weg zur Erkenntnis durchschreitet. Daß man das Ganze auch ganz anders interpretieren kann, ist mir erst später klar geworden, peinlicherweise. Ich könnte mich damit herausreden, daß das LyrIch an eine heterosexuelle Begegnung zurückdenkt und damit serpent, Singular, und nicht serpents die sexuelle Metapher sein müsste. Aber das geht aus dem Text nun wirklich nicht hervor.

    Das nur als erklärendes Beiwerk, Deine Kritik kann ich teilen - Pathos war schon immer eines meiner Hauptprobleme im kreativen Schreiben (nicht nur da, frag meine ehemalige Chefredakteurin...). Ich habe einen sehr verklärten Blick auf Sprache und das, wozu sie in der Lage ist, und schieße dabei gerne über das Ziel hinaus.

    "semptiternally" - wir könnten uns auf "für alle Zeit" einigen.

    Das Metrum, Ungeliebtes zum Schluss. Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich achte nicht darauf, ganz ehrlich, ich lese mir vor, was ich schreibe, und versuche darauf zu achten, daß es mir einigermaßen harmonisch klingt. Sollte je jemand Bedeutung in das Metrum eines meiner Gedichte legen, finde ich das schön, aber nicht beabsichtigt. Sollte er Holpersteine finden, bin ich dankbar, man muss aber immer damit rechnen, daß es nicht meinem Ton-Satz-Gefüge entspricht.

    Insofern (tolles Wort ) kann ich nicht viel mehr dazu sagen, als daß meine Metrik manchmal dem objektiven Blick genügt und manchmal nicht - beides ist keine bewußte Absicht.

    Nochmals danke & viele Grüße,
    kurushio

    ps: Da es noch keine Audioversion gibt, kann ich mir allerdings mal den Spass erlauben, meine Lesepausen einzutragen, mit Längen von | (ungefähr halbe Kommapause) bis ||| (Punkt). Nur als kleiner Einblick in den Dichter.

    Gently || did the latent buds | of passion | emerge | from deepest wells | of time ||| scattering petals | in a cryptic fashion || and sempiternally sublime.

    In an instant | conscious thought’s momentum | left | the beaten tracks of habit ||| surrendering | to an obliterate phantom | eager in flesh, willing in spirit.

    At the gaping gates || to truth || and treason | naked serpents | unfurled | carnal cognizance || nuptially coalescing | sense || and reason | erupting || in unsevered | adjacence.

    Kindred soul, | do not repent || union ||in unanimous consent ||| neither wrong, || nor right, ||| but true.

    Treasure it. ||| I won’t repent | evoking love, |while hours I spend || reminiscing | the night | with you.
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  11. #11
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    Hallo Kurushio,

    danke für die Ausführungen. Wer sagt's denn? Durch die Erläuterungen des Dichters kann man ein Gedicht eben doch auch besser (ein)schätzen lernen.

    Übrigens bin ich metrisch offenbar auch nicht auf der Höhe: In S3V2 habe ich diesen Fehler eingebaut: cognizance wird (nur) auf der 1. Silbe betont; und in S3V4 wird unsevered (nur) auf der 2. Silbe betont.

    Was deine Sprechpausen angeht, ist für mich auch immer wieder verblüffend, wie im Grunde alternativlos ein Gedicht in meinem Kopf klingt und wie unterschiedlich es dann doch von Andern betont wird. So ähnlich würde ich es halten:

    Gently | did the latent buds of passion | emerge || from deepest wells of time ||| scattering petals | in a cryptic fashion || and | sempiternally sublime. |||

    In an instant | conscious thought’s momentum left | the beaten tracks of habit || surrendering to | an obliterate phantom || eager in flesh, || willing in spirit. |||

    At the gaping gates to truth || and treason || naked serpents | unfurled carnal cognizance ||
    nuptially coalescing sense || and reason || erupting || in unsevered | adjacence.

    Kindred soul, | do not repent || union | in unanimous consent || neither wrong, | nor right, || but true. ||

    Treasure it. | I won’t repent | evoking love, | while hours I spend ||| reminiscing || the night with you.

    Gruß
    Oliver

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