Thema: threnody

  1. #1
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    threnody

    you talked rivers of enchantment
    and ambersparkle ponds in spring
    but water passes under bridges
    unfathomed by cataracts
    and scissorblade rocks

    now the last drops have left and
    winter has arrived, we run dry
    in a forlorn landscape where
    felons maraud and the yellow
    carnation plays an elegy of us
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  2. #2
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    "yellow carnation" musste ich doch glatt nachschlagen.

    Endlich mal wieder ein englischer Zyklus von Dir. Diesmal jenseits der promethischen, kraftstrotzenden Thematik des letzten Turnus eine Serie von Melancholie und Bitterkeit, mit der resigniertern Stimme eines lyrischen Ichs, das seine Trauer nur hinter der Schale von Resignation und Distanziertheit sieht. "Threnody", das Klagelied, ist einer der auf den ersten Blick schlichtesten Teile, aber auch einer der tiefsten.
    you talked rivers of enchantment
    and ambersparkle ponds in spring
    but water passes under bridges
    unfathomed by cataracts
    and scissorblade rocks
    I,1 und 2 führen uns in ein friedfertiges Bild ein. Das lyrische Du verspricht Geborgenheit und Ruhe, in einer der kraftvollsten Metaphern, die es gibt, jene des ruhigen, fließenden Wassers. Weiche Silben (enchantment, ambersparkle, ponds) und positiv konnotierte Wortwahl (Frühling, Bernstein) runden das Bild ab.
    Im Gesamtbild des Zyklus betrachtet, findet man allerdings Hinweise auf die Bedrohlichkeit der Situation. Die Vergangenheitsform "talked" macht klar, daß dies nicht mehr der status quo ist, und "enchantment" beinhaltet auch die negative Konnotation als wider den Willen des lyrischen Ichs auferlegter Verzauberung.
    Mit einem schlichten "but" und dem klassischen Bild von verstreichender Zeit als Fluß wendet sich der Klang zum unheilvollem. Das Bedrohliche lauert in der Mythologie oft unter der Brücke (z.B. skandinavische Trolle). Auf einer Brücke zu stehen heißt, entweder gegen den Fluß oder mit dem Fluß zu blicken - in die Vergangenheit oder die Zukunft - aber man kann nie sehen, was in diesem Moment gerade mit ihm passiert. Er kann in Ruhe unter der Brücke verschwinden, aber völlig aufgewühlt wieder auftauchen.
    Sprachlich untermauert ist dieser bedrohliche Anklang von scharfer Klangwahl. "rock", "cataract", eines der härtesten (darin fast schon deutsch klingenden) Wörter der englischen Sprache, und das zischende Homonym "scissor" lassen wenig Zweifel an der lauernden Schärfe und Härte des Geschehens.
    now the last drops have left and
    winter has arrived, we run dry
    in a forlorn landscape where
    felons maraud and the yellow
    carnation plays an elegy of us
    Die Andeutung täuscht nicht, auch wenn das Bild nicht, wie man als Leser annehmen könnte, in Richtung des aufgewühlten Flusses geht, sondern eine andere Richtung einschlägt - die Dürre und Austrocknung. Frühling ist Winter gewichen, der weiche Bernstein dem kränklichen Gelb der "yellow carnation". Auch hier untermauert die Sprache elegant das Bild des ausgezehrten Landes, des versickerten Wassers: "forlorn", "felons", "maraud" - trockene, kaum betonte Zweisilber ohne besondere Härte, aber auch ohne Wohlklang.

    Es gefällt, als wehmütiges Klagelied. Das elegante Kunststück, den Wandel von fruchtbarer Schönheit zu vernichtender Dürre durch den Klang zu transportieren, ist mehr als gelungen. Ein Gedicht, das man langsam und deutlich und laut lesen muss.

    Ich hoffe, ich finde noch die Zeit für Teil 1 bis 3. Bis dahin viele Grüße,

    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

  3. #3
    Sneaky Guest
    Hallo satchmo,

    was mir sehr gefällt hier ist die Doppelverwendung der Ausdrücke, wie sie im Wasser unter der Brücke, dem run dry einerseits als Bewegung, andererseits als "leerer Tank" zu lesen ist und in dem "play" am Schluss zum Ausdruck kommt. Das kann man durchaus als zynisch lesen. Ein weiteres schönes Beispiel ist das "unfathomable" das von Faden kommt. Andererseits sind Wortwendungen die mir gar nicht gefallen. Wortagglutinationen sind eine Eigentümlichkeit des Deutschen, nicht des Englischen, aber auch im Deutschen wären mir Bernsteinfunkelteiche und Scherenklingenfelsen eine dicke Schippe zu viel.

    Das gilt im gleichen Maß für die marodierenden Schwerverbrecher in diesem Endzeitszenario, zuviel Mad Max für mich. Sehr gut ist das gelb der Blume am Schluss.

    Gruß

    Sneaky

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