Thema: Festland

  1. #1
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.559

    Festland

    Festland

    Und ich treibe und tauche und trank diese Zeiten
    wie Wasser - es war nicht das Meer,
    das zu nächtigen suchte und ruhte im Weiten.
    Es war nur die Ferne, sie schien so blass her,

    und versprach ich zu folgen, so warf ich dann Netze,
    um Nächte zu fangen, in denen ich schlafend
    sie wähnte. Doch verlor und verfehlte ich Schätze;
    es war wie der Klang einer Klage, bestrafend:

    Denn nun windet sich der Horizont ins Auge,
    senkt sich blattrot unters Lid,
    so beschwert es wehmüd deine Braue,
    als mein Ruf an rauem Stein versiegt.
    Geändert von Ensimismado (09.12.2008 um 19:16 Uhr)
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  2. #2
    Registriert seit
    Mar 2008
    Ort
    kuhausen
    Beiträge
    393
    Bilder fluten meinen Hirnstamm hinan und abwärts bricht sich die Glut.

    Es wird geklatscht..........

    moorige Grüße.

  3. #3
    DerKleinePrinz* Guest
    Hey Ensi

    Ich glaube das ist mein erstes Gedicht, was ich von dir lesen darf. Wie ich sehe gibt es tatsächlich Dichter, welche sich sprachlich ein wenig von den, in meinen Augen, guten Schreibern abheben - du gehörst dazu. Dieses Gedicht ist dem Auge ein Festmahl und dem Ohr eine Sinfonie.
    Ob ich den Inhalt verstanden habe wage ich aber mal wieder zu bezweifeln
    Vor mir habe ich folgendes Bild: Eine Dame steht sehnsüchtig wartend am Meer und blickt hinaus zum Horizont, an dem das Schiff ihres Mannes langsam immer deutlicher zu sehen ist. Leider kommt es nie an, sondern zerschellt an den Klippen und Felsen der Küste...
    Ich glaube nicht das es deine Absicht war dies darzustellen, aber mir gefällt dieses melancholische Bild, welches dein Gedicht bei mir hervorruft.

    Gern gelesen und liebe Grüße
    Der Kleine Prinz

  4. #4
    Registriert seit
    May 2007
    Ort
    am Niederrhein
    Beiträge
    1.044
    Lieber Ensi,

    auch mich begeistern die Bilder (@moorvolk: Es wäre für den Dichter wie für Leser interessant, welche Bilder Deinen "Hirnstamm" fluteten )und der Klang Deines Gedichtes.

    Wie immer ist es ziemlich schwierig, zu erahnen, was Du hier ausdrücken möchtest, so bringe ich nur Stückwerk zustande, aber das teile ich Dir einfach einmal mit:

    Und ich treibe und tauche und trank diese Zeiten
    wie Wasser - es war nicht das Meer,
    das zu nächtigen suchte und ruhte im Weiten.
    Es war nur die Ferne, sie schien so blass her,
    Ich sehe ein LI vor mir, das sich "treiben" und "tauchen" lassen hat in der vermeintlichen Endlosigkeit, die es fälschlicherweise zuerst für das friedliche ("nächtigende") "Meer" mit seiner Weite und vor allem wohl auch Tiefe gehalten hat. Ich verknüpfe dies mit einem Bild für eine Beziehung, in der sich das LI getragen und umspült vorkam, in der es sich "angekommen" fühlte, wenn es verständlich ist, was ich hiermit ausdrücken möchte. In diesem Gefühl schwelgte das LI ("trank es wie Wasser"), weil es für es eine Art Lebenselixier darstellt. Aber es war nicht das Meer, nicht das tiefe Einverständnis, das es eigentlich gesucht hatte, sondern die "Ferne", vielleicht die Faszination von Andersartigkeit, vielleicht auch eine räumliche Distanz, die die Bindung ausmachte.

    und versprach ich zu folgen, so warf ich dann Netze,
    um Nächte zu fangen, in denen ich schlafend
    sie wähnte. Doch verlor und verfehlte ich Schätze,
    es war wie der Klang einer Klage, bestrafend:
    Das LI wollte das Gefühl der "Unendlichkeit" einfangen, (indem es die "Ferne" vor sich für "schlafend", unwichtig erklärte?) doch verlor es nicht nur die Illusion, sondern gewann auch die "Schätze" nicht hinzu, die sich vielleicht aus der Unterschiedlichkeit hätten ergeben können.

    Rätsel gibt mir die Klage (phonetisch sehr schön hier die Häufung der klaaagenden "a") auf, sie könnte vom (erst in der letzten Strophe auftauchenden) LD ausgehen oder aber auch die Einsicht des LI, dass sein "Netzauswerfen" als Klage beim LD ankam, was mir erst gerade in den Sinn kommt und mir nun als viel wahrscheinlicher erscheint .

    Denn nun windet sich der Horizont ins Auge,
    senkt sich blattrot unters Lid,
    dort beschwert er wehmüd deine Braue,
    als mein Ruf an rauem Stein versiegt.
    Denn mit diesem unglücklichen Versuch des LI ändert sich die Beziehung drastisch: Es kommt der "Horizont" in Sicht, vielmehr wohl der Blick auf das "Festland" am Horizont, das diesen erst aus seiner vorherigen Verschwommenheit, aus der Illusion der Unendlichkeit, ins Bewusstsein rückt. Die Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit, Beziehungsarbeit steht an, der sich das LD vielleicht ("wehmüd") nicht bereit ist zu stellen. Sie scheint wohl auch zu scheitern, denn der "Ruf" des LI am "Stein des Festlandes" verstummt.

    Nicht für ganz geglückt halte ich die erste Zeile, weil hier erst zwei Prädikate im Präsens auftauchen (klar: noch treibt das LI ja auch), die aber über "und" mit einem Präteritum verknüpft werden. Vielleicht übersehe ich hier ja was und Du erklärst es mir. Sonst würde ich vorschlagen, das dritte "und" durch ein "ich" zu ersetzen.

    Ein weiteres Problem bereitete mir das "blattrot", vielleicht spielst Du hier auf ein Herbstblatt an, dass mit seiner Rötung kurz vor dem Tod steht. Sollte dies zutreffen, gefällt es mir nicht so sehr, weil ich den Wechsel der Bildebene nicht für glücklich halte. Wenn ich's mal platt ausdrücken darf: Wo kommt - noch entfernt vom Festland - plötzlich ein Blatt her? Vielleicht bin ich ja aber auch zu blöd, um es vernünftig zu integrieren oder ich liege so meilenweit neben Deiner Intention, dass ich eh nicht auf seine Bedeutung käme. Auch nicht gänzlich logisch scheint mir, dass sich der "Horizont" erst "unter das Lid" senkt, und danach die "Braue beschwert". Anatomisch gesehen ist das zumindest unvorstellbar .

    Formal fällt natürlich auf, dass die ersten beiden Strophen von gänzlich anderem Rhythmus und Reimschema sind als die letzte. Die erste ist fast durchgängig im Anapäst (und im Kreuzreim - verflechtend) gehalten. Unregelmäßig erscheinende Auftakte oder Kadenzen lösen sich im Anapäst auf, wenn man die Zeilen durchliest. Ausnahme stellt hier S2V3 dar. Da schleichen sich zwei Jamben ein, oder irre ich? Diese Unterbrechung passt inhaltlich sehr gut. Während vorher die durch "durchrauschenden" Anapäste das Treiben und Berauschtsein wunderbar unterstreichen, unterstützt von einigen Alliterationen, setzt hier die Störung ein.

    In S1V2 fehlt im Vergleich zu allen anderen Versen der ersten beiden Strophen ein ganzer Versfuß. Auch das passt hier, es veranlasst unwillkürlich, hier eine Pause einzulegen, was dem Bewusstwerden des Irrtums Bedeutung verleiht. Damit die Pause jedoch dem Gewicht eines ganzen Versfußes entspricht, wäre zu überlegen, ob nicht an dieser Stelle die Trennung in zwei Sätze angebracht wäre.

    Die letzte Strophe dann ist plötzlich trochäisch, bedrohlich sich auf den Horizont zuwälzend und reimlos: Die Harmonie und die Leichtigkeit sind dahin.

    Gefällt mir ausgesprochen gut und das Eintauchen in Deine Bilder hat mir Spaß gemacht. Nun bin ich gespannt, wieviel Du preisgibst. Ich weiß ja, dass Du ungern viel sagst, aber ich hoffe jedesmal . Lieben Gruß

    witch
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  5. #5
    Registriert seit
    Dec 2005
    Ort
    südlich
    Beiträge
    986
    Hallo Ensimismado,

    dies ist nicht das erste Gedicht von dir, das mich vor einige Rätsel stellt.


    Ähnlich wie die Vorkommentatoren versuche auch ich, deinen Zeilen eine Gesamtaussage zu entnehmen, denn die gibt es ganz sicherlich, da ich ja schon einiges andere von dir las. Ich vermute, dass du auch hier jedes einzelne Wort ganz bewusst gewählt hast.


    Auffallend ist der Zeitenwechsel gleich in der ersten Zeile: „treibe“ und „tauche“, aber dann „trank“. Folglich treibt und taucht das lyrische Ich im Moment der Handlung des Gedichts, aber trinkt nicht mehr die Zeiten. Zur selben Zeit versiegt der Ruf des lyrischen Ichs am rauen Stein (letzte Strophe).


    In den Zeilen zwischen der ersten und den letzten vier erzählt das lyrische Ich von seinem vergeblichen Handeln.


    Für mich handelt dieses Gedicht von einer unglücklichen Liebe. Vielleicht ist das ein wenig platt gedacht von mir? Dennoch: Der Horizont im Auge, der sich rot unters Lid senkt, erzeugt in mir ein Bild eines weinenden Menschen, dessen Augen vom Weinen bereits gerötet sind. Die wehmüde Braue ruft in mir das Bild eines zu anspruchsvollen lyrischen Dus hervor, dem das lyrische Ich trotz größter Anstrengungen nicht genügen kann; das LD hat es gar satt, das Leiden des lyrischen Ichs weiter mit anzusehen. Dabei hat sich das LI doch so sehr bemüht; es warf Netze, um Schätze einzufangen, die es im lyrischen Du verborgen glaubt; es warf diese Netze allerdings nicht bei Tage aus, sondern während der Nacht, weil es sich einbildet, dass dann auch die Ferne schläft, die das lyrische Du gegenüber dem lyrischen Ich stets zeigte.


    Die Nacht steht für mich hier für das Unterbewusstsein, das Meer für das lyrische Du; der Horizont steht für die allmähliche Erkenntnis, dass der Kampf des LI um Liebe vergeblich war; der Stein ist das Festland und beide Begriffe sind für mich doppeldeutig: Sie könnten das (hartherzige) LD meinen, aber auch die (nicht mehr allmähliche, sondern nun sichere) Erkenntnis, dass alles Bemühen umsonst war; das Aufgeben, die Realität, in der das LI am Ende strandet. Das allerdings wäre ein interessanter Widerspruch zum ansonsten vorherrschenden Gedanken, dass man gerettet sei, wenn man nur erst einmal das Festland nach langem Schwimmen und Treiben erreicht hätte. Hier also wäre das Festland eher negativ bewertet.


    Was mir nicht so gefällt, ist, dass in der letzten Zeile durch den „Ruf“ plötzlich das Sprachliche als neues Bild auftritt. Ich wäre lieber im Bild des (nichtsprachlichen) Treibens, Schwimmens und Tauchens und Schätzefangens geblieben.


    Auch der Wechsel im Rhythmus des Gedichts gefällt mir nicht so sehr, vielleicht weil ich keinen überzeugenden oder zwingenden Zusammenhang zwischen Inhalt und Rhythmuswechsel erkenne.


    Sehr gerne hier verweilt bei deinen schönen Bildern (und immer noch am Rätseln)! Du wirst uns doch ein bisschen zu deinen Zeilen verraten?


    Herzlich
    Honigblume

  6. #6
    Registriert seit
    Nov 2008
    Beiträge
    10.993

    Festland

    Hallo Ensimismado,

    den Belobigungen meiner Vorgänger schlíeße ich mich an.
    Nun will aber auch ich mir erlauben Dein Gedicht zu deuten.

    Strophe 1
    Das LI treibt und taucht mit und entlang des Zeitflusses. Es war nur ein Fluß (eine begrenzte Wahrnehmungsbreite) und nicht das große Meer (das große Ganze) welches das LI wahrnehmen konnte. Das LI suchte nach Ruhepunkten in den Fernen (Zukunft) der Zeit, aber es findet nur die Ferne (Zukunft) die blaß war und immer undeutlich blieb.

    Strope 2
    Das LI hatte den Vorsatz, der Zeit zu folgen, um Ruhepunkte und Ruhe zu finden (Netze danach zu werfen). Die Ruhepunkte sind große Schätze (Erkenntnis- und Erleuchtungsmöglichkeiten), die das LI leider verfehlte. Das LI beklagt sich und fühlt sich bestraft (trotz seiner Bemühungen).

    Strophe 3
    Das LI nähert sich dem Ende (der Horizont, das Lebensende). Diese Sicht belastet schwer das Gemüht. Mit Bedauern und wehmühtigem Leid klagt das LI das materielle vergangene Leben an. Die Klage verhallt am rauen Stein, der vergangenen, rauen Lebensrealität (dem Festland).

    Es grüßt Hans Plonka
    Geändert von Hans Plonka (01.12.2008 um 17:03 Uhr)

  7. #7
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.469
    Festland

    Und ich treibe und tauche und trank diese Zeiten
    wie Wasser - es war nicht das Meer,
    das zu nächtigen suchte und ruhte im Weiten.
    Es war nur die Ferne, sie schien so blass her,

    und versprach ich zu folgen, so warf ich dann Netze,
    um Nächte zu fangen, in denen ich schlafend
    sie wähnte. Doch verlor und verfehlte ich Schätze,
    es war wie der Klang einer Klage, bestrafend:

    Denn nun windet sich der Horizont ins Auge,
    senkt sich blattrot unters Lid,
    dort beschwert er wehmüd deine Braue,
    als mein Ruf an rauem Stein versiegt.

    @Ensimismado

    Ja wie immer verschlüsselt. Also, die Reime passen, die Metrik schaue ich nicht nach, zwecklos weil das passt immer. Ja da bliebe noch der Sinn, die Phantasie. Mal schauen.
    Strophe I
    Der erste Gedanke zielte Richtung „Nachtleben“ Ja irgend so was. Möglich das hier „aufreizendes Nachtleben“ gemeint war. Auf alle Fälle waren es Zeitepisoden mit viel Lärm und Grellem, aber unter dem Strich unbedeutend. Man verlor den Sinn für wirklich Schönes“ man ließ sich blenden. Und man aalte sich im Nichts, verlor reichlich Zeit, Jahre? Weniger? Ja und dabei scheint es man habe in dieser zeit etwas verloren, was zum Zeitpunkt der Blendung weniger in den Vordergrund stand. Erst später als das Bewusstsein frei war, erinnerte man sich daran und bemerkte schmerzlich das Fehlen.
    Strophe II
    Die Ereignisse der grellen blendenden Nächte, werfen keine Schatten, nichts Greifbares ist verankert, zurück geblieben. Ja wie gesagt, er hatte das weniger glänzende, aber eben wertvollere aus den Augen verloren.
    Strophen III
    Ja er sehnt sich nach dem Verlorenen, aber die Antwort ist stumm, kalt wie der Stein. Verloren, nur noch Erinnerungen und Reue.

    Metapher:
    !. Strophe sehr gut
    2 Strophe sehr gut
    3 Strophe Zitat; „windet sich der Horizont“ das „windet“ schmeckt mir nicht so richtig. Windet= sträubt, wehrt, kämpft.
    Ansonsten ebenfalls sehr gut.
    Nachtrag
    Strophe1
    Ja möglich, das man sich nach Zeiten zurücksehnt, die man geliebt hatte, von ganzem Herzen. Diese Feststellung ergibt sich wenn man alle Strophen aneinanderfügt, dann wäre meine erste Analyse, nicht ganz, aber teilweise daneben.
    Ja, was gibt es noch zu sagen? Deine Handschrift gefällt mir, du schaffst gerade so des Messers Schneide, mit der Verständlichkeit. Die Bilder die du malst passen in viele Episoden hinein, aber ich denke mal, dass ich die richtige Richtung hatte. Ok dann bis später.

  8. #8
    Registriert seit
    Mar 2008
    Ort
    kuhausen
    Beiträge
    393
    Was ist LI, Oder LD?

    Danke
    moorvolk

    P.S.: Liebe hilfreiche witch, was da so flutet kommt sicher irgendwann in ein paar Zeilen. Bis jetzt bin ich noch kein novellenreiter, sondern Maler und Bildner, der Spass hat am dichteln.

  9. #9
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.559
    Einen schönen guten Abend,

    es freut und überrascht mich ein wenig, dass innerhalb so kurzer Zeit so viele Antworten eingetroffen sind. Ich hoffe ich tue jeder offenstehenden Frage genüge und kann auch die übrigen Passagen angemessen beantworten.

    @moorvolk, ich danke für deine freundliche Antwort, doch trotz allem würde es mich freuen, wenn du mir mitteilen kannst weshalb oder was genau dir gefällt, egal ob du das in Fachtermini stecken kannst, denn nur dann können Leser und auch ich als Autor eventuell noch mehr herausholen aus dem bisher gegebenen.
    LI bedeutet lyrisches Ich und wird hier meist als Bezeichnung der Sprechinstanz im Gedicht verwendet, LD als lyrisches Du, also der fiktive Adressat im Gedicht.

    @DerkleinePrinz*, dein Kompliment freut mich außerordentlich, zumal ich hier das erste Mal ein paar Sachen in Richtung Betonungssetzung auf die Kola etc. ausprobiert hatte, um den Klang stärker zu nutzen. Scheinbar ist dies nicht ganz fehlgelaufen und ruft den gewünschten Effekt hervor.
    Deine Interpretation ist denke ich an den verwendenten Tropen schwer genau so festzumachen, aber an deinen Assoziatonen kann und möchte ich nicht kritisieren, denn schließlich ist jede Allegorie und Interpretation immer Sache des Lesers.

    @the witch, wie immer hast du unheimlich viel Mühe in deinen Kommentar gesteckt und dabei sehr zielsicher vieles erkannt. Ich möchte zuerst ein wenig auf den Inhalt eingehen und hierbei, @Honigblume, Hans Plonka und horstgrosse2, hoffe ich, dass ihr es mir nicht übel nehmt, wenn ich eure Interpretationen darin mit aufgreife, also versuche diesen Teil eurer Kommentare hier mitzubeantworten.

    In der ersten Strophe seht ihr vor allem die Begrenztheit der Liebe und da ist es sehr interessant, welchen Aspekt horstgrosse2 noch einbringt. Die Sinnlosigkeit, oder vielmehr das Verlieren im Nichts, die Haltlosigkeit. Ich möchte da nicht unbedingt einen so engen Rahmen aufziehen, wie er teils rausgelesen wurde, das darf jeder Leser gerne tun, ich lasse das jetzt in meiner Antwort der Allgemeinheit wegen lieber weg. Wir haben es also in der ersten Strophe mit zwei Dingen zu tun, zum einen dem Trugschluss, zum anderen aber auch der erkennbare Punkt der Ziellosigkeit. Hinter beiden Begriffen steckt die Conclusion (V4), die undefinierte Ferne.

    Darauf folgend gehen eure Interpretationen alle ein wenig in andere Richtungen und alle haben ihre Berechtigung, denn übrig bleibt als resultat zumindest nicht das erhoffte. Auch die Klage ist hier beiderseitig zu lesen, einerseits die Tätigkeit des lyr. Ich an sich, anderseits aber auch eventuelle reaktionen darauf sind damit gemeint.

    Und abschließend haben wir eigentlich ein Resümee, das Ermüdende der Rezipienten und, hier auch die Erklärung für den Ruf, doch noch einmal ein Versuch des Interpreten einen anderen weg zu wählen, aber durch dieses dauernde Verändern sind diese Ausflüchte nur unzureichend.
    Kleine Anmerkung zur Braue, die dient hier mehr sinnbildlich denn anatomisch dem schweren Blick, der durch "nach unten gezogenen/geschlossenen" Lider, welcher den Eindruck der Last für die Brauen erwecken, zustande kommen, und der durch den Horizont zum Ausdruck kommt. Eventuell könnte ich da aber minimal abändern, dass es sich eher auf das Lid bezieht?

    Nun noch zu ein zwei Begriffen und dann zum Technischen und da gehe ich jetzt wieder verstärkt auf the witch ein. Das blattrot ist hier die Symbiose des Höhergestellten und der Vergänglichkeit, die letztlich das Streben des Lyr. Ichs ausmacht. So war es jedenfalls gedacht, das fehlende Festland als weiteren Aspekt, der hier das Unterfangen skizzieren soll.

    Die Verbindung mit dem "und" in V1 ist eigentlich mehr Verbindung mit dem Ende, da darüber geschlossen werden kann, dass das lyr. Ich in seiner erzählung eigentlich schon den neuen Zustand angenommen hat, auch aus fehlender Erkenntnis, daher wird hier der Ist-zustand ebenso natlos mit "und" eingefügt.
    Die Metrik ist, da freut es mich sehr, das du das aufgreifst, bis S2V3 im Anapäst und danach wechselt sie über den Jambus in den Daktylus, ist also abfallend, bis es in den höher frequentierten und letztlich sogar einzig wirklich strukturiert wirkenden Trochäus übergeht, der deutlich aufzeigen soll, dass das Resümee das einzige ist, was "Hand und Fuß" hat. Zusätzlich nur noch Assonanzen um die daraus resultierende Bedrohlichkeit nicht aufzugeben.

    Ich danke euch allen und freue mich, dass ihr so ausführlich geantwortet habt, wenn ich jetzt einen bestimmten Punkt übersehen haben sollte (ich schrieb die Antwort nicht in einem Stück, daher kann, wenn es auch nicht sein sollte, mir das unterlaufen sein), bitte ich um einen kurzen Hinweis per PN oder halt hier.

    Einen schönen Abend noch,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  10. #10
    Registriert seit
    Dec 2006
    Ort
    hessen
    Beiträge
    143
    hallo ensimismado,

    möchte doch eben sagen daß ich immer wieder sehr gerne was von Dir lese.Dieses Werk gefällt mir besonders...
    wunderbar..
    schönen feiertag,
    stundenblume
    "Ich lösche meinen Durst an Räumen die ich füllen kann"

  11. #11
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.559
    Hi stundenblume,

    freut mich immer wieder etwas von dir zu hören, auch natürlich, wenn dir das Werk dann noch gefällt.

    Gruß,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  12. #12
    Registriert seit
    Dec 2008
    Ort
    Nordisch by nature
    Beiträge
    801
    Hallo ensimismado,

    ich kann nicht behaupten, deinem Gedicht folgen zu können. Ich versuchte zunächst, es mir selbst zu erarbeiten, aber strauchelte, nicht zuletzt weil ich wegen des Titels und der verwendeten Bilder mich eben an Land stehend und auf das Meer in den Horizont fernweh schauend fand. Irgend eine undefinierte Hoffnung befindet sich dort und geht dann aber mit der Sonne in Rot unter. Das kann nun alles und nichts sein, mir gefällt diese Art Dichtung nicht sonderlich, aber das ist eine andere Sache.

    Sprachlich geht darin nun aber auch so vieles fehl, dass mir ein ästhetisches Vergnügen ebenfalls versagt bleibt. Einige Beispiele:

    S1V1: Tempus?
    S1V1: und und und
    S1+S2V1: Und und
    S2V2: unschöne Füllsel: so warf ich dann
    S2V3: verlor und verfehlte?
    S2V4: der Klang einer Klage ist bestrafend?
    S3V2: unter das Lid senken? blattrot?
    S3V3: wiederum füllende „so“ und „es“; eine beschwerte Braue?
    S3V4: der Ruf versiegt an rauem Stein?

    Auch will mir nicht klar werden, warum Versmaß und Rhythmus in der letzten Strophe gebrochen werden mussten, ich sehe dafür inhaltlich keinen Grund. Schade auch, dass der Bruch in S2V3 wie ein Stolperer wirken muss, da es ja noch einen Vers im gleichen Rhythmus weitergeht. Aber die inhaltliche Beliebigkeit lässt natürlich auch dafür eine Erklärung zu. Mir ist das zu diffus, viel zu sehr auf Klang angelegt.

    Gruß
    Oliver

  13. #13
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.559
    Schönen guten Tag oliver64,

    ich sehe für einen Großteil deiner Kritik kein wirkliches Fundament. Wortwiederholungen und Tempuswechsel sind Stilmittel, welche ich in dem Fall hier schon häufiger erklärt habe. Die verknüpfenden und sowie die in dem Vers verwendeten Alliterationen auf den betonten Silben tragen hier den Anapäst. Der Tempuswechsel ist ebenso eine logische Verbindung und führt hier die Funktion einer Analepse ein.

    Die Füllsel mögen noch die stichhaltigsten Begründungen sein, wobei sie hier wohl eher dezent und dem Klang geschuldet sind. Der Klang einer Klage kann bestrafend sein, natürlich. Wenn sich jemand über etwas beklagt, tritt meist die Erscheinung auf, dass wenn diese Klage den betrifft, der diese zu hören bekommt, anklagend/bestrafend wirkt.

    Die weiteren Anmerkungen basieren wohl eher darauf, dass du mit einer solchen Dichtung wenig anfangen kannst. Ich muss dazu sagen, dass ich Dichter wie Celan unheimlich gerne lese und daher Metaphern häufig sehr dicht, nahezu undurchdringbar aufbaue. Der Klang kann teilweise genügen.

    Der weitere Bruch des Metrums wird übrigens auch zu genüge hier schon diskutiert.

    Schade, ich hatte gehofft du würdest ein wenig mehr versuchen die Verbindungen zu suchen, als sie als Durcheinander zu deklarieren. So scheint es mir eher, dass du das Gedicht von der Art nicht magst und darüber die Form abstrafst.

    Nun, nichts für ungut, es muss dir ja nicht gefallen,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Festland
    Von Rudolf Junginger im Forum Japanische Formen
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 14.05.2014, 21:10
  2. Festland
    Von Schattenblume im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 10
    Letzter Beitrag: 20.03.2006, 19:04

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden