Thema: Winterlied

  1. #1
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    Winterlied

    Winterlied V2


    Der nasskalte Sommertod im Gewand
    des frierenden Mädchens im Schatten
    der Bushaltestelle am Bratwurststand,
    mit mehrfach geleimten Baumarktlatten,
    im Dunst der Schwaden dampfenden Fettes
    geräuchert, von stopfenden Mäulern umstellt,
    erbricht sich rasch auf den Lack eines Brettes,
    im Schein der Werbung, die den Mundstuhl erhellt.


    V1

    Nasskalter Sommertod im Trübsalsgewand
    des regennassen Mädchens im Schatten
    der Bushaltestelle vor dem Bratwurststand,
    mit den mehrfach geleimten Baumarktlatten.
    Im Dunst der Schwaden dampfenden Fettes
    geräuchert und von stopfend Mäulern umstellt.
    Sich übergebend auf das Holz eines Brettes
    im Schein der Werbung, die das Elend erhellt.
    Geändert von demon17 (23.12.2008 um 12:19 Uhr)
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

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  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo demon17,

    ich hab den Text nun schon ein paar Mal gelesen, derartige Idyllen einzufangen hat seinen Reiz. ICh hab allerdings ein paar Probleme mit dem Text. Bei derartigen Beschreibungen mag ich die Atmosphäre der Kamerafahrt, da stört es mich, wenn Wertungen von Seiten der Kamera einfließen.

    Nasskalter Sommertod im Trübsalsgewand ist so eine Wertung. "Elend" am Schluss eine weitere. Statt des Elends wäre es da ausreichend für mich wenn du statt "Elend" einfach die alles erhellt schreibst. Für den Anfang -ganz abgesehen mal von Betonung - nasskalter Schnee in grauem Gewand oder so was in der Art halt weniger platt als mein graues Gewand . Damit wäre beschrieben, aber nicht bewertet.

    Die Betonung sträubt sich mir auch, ich färbe mal um zu zeigen wie ich es lese

    NASSkalter SOMMertod im TRÜBsalsgeWAND
    ist die erste Bruchstelle in den drei unbetont sein wollenden Silben. Geht nicht gut für mich
    des REGennassen MÄDchens im SCHATTen
    der BUShalteSTELLe vor dem BRATwurststand
    und merke dass du die drei Silben so haben wilslt. Okay, aber muss die Tristesse sich so trist geben?
    stopfend Mäulern das gekappte Adjektiv gefällt mir auch nicht, Zum einen wegen der Elision, zum anderen weil es ja nicht die Mäuler sind die stopfen, bzw wenn sie es sind fehlt zur Elision noch zusätzlich das reflexive "sich", ein doppeltes Manko für mich.

    sich übergebend ist zu schwach, warum nicht einfach erbricht einen Schwall auf das Holz eines Brettes?

    Ich mag die Idee wie gesagt sehr, da könnte eine schöne Spotlightszene entstehen, wobei ich damit nicht sagen will, dass du das nach meinem Geschmack geradehobeln sollst. Guck einfach nochmal drüber

    Gruß

    Sneaky
    Geändert von Sneaky (16.12.2008 um 20:10 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Sneaky,

    das ist, wie Du sicher bemerkt hast ein modernes Gedicht. Ich weiß nicht, ob Du meine Einstellung zu moderner Lyrik kennst, es gibt da noch ein paar Gedichte von Gottfried Benn, denen ich etwas abgewinnen kann, sonst gibt die Stimmung des Gedichtes meine Einstellung zu den meisten Modernen Werken wieder. Ich hoffe ja noch auf die Postmoderne. Insofern ist das Versmaß typischerweise mangelhaft und trotzdem lässt es sich lesen. Ich weiß, man landet irgendwann in der subjektiven Beliebigkeit und werde auf diesem Weg auch nur gelegentliche Abstecher machen. Man kann metrisch natürlich auch in die Voropitzzeit zuzrückgehen und nur die Hebungen zählen.

    Okay, aber muss die Tristesse sich so trist geben?
    Ja, definitiv ja. Darum geht es. Wie in der Eingangsmetapher "Sommertod" schon deutlich wird, handelt es sich nicht um einen richtigen Winter im eigentlichen Sinne. Die Jahreszeit manifestiert sich ausschließlich im Bild des regennassen Mädchens im Trauergewand. Diese "Wertung" ist für mich unverzichtbar, da die erste Zeile sehr lyrisch wirken soll. Im weiteren Verlauf des Gedichtes nimmt dessen lyrischer Gehalt immer weiter ab, bis er im Begriff Mundstuhl seinen absoluten Tiefpunkt erreicht. Die Focussierung auf das Erbrochene mag eine Übertreibung darstellen, doch davor ist man bei Experimenten ja nie sicher.

    Die stopfenden Mäuler gefallen mir besser als die sich stopfenden Münder, oder gar gestopfte Mäuler, denn hier wird die Reduktion der umstehenden Menschen auf ihre Münder, grammatisch nachvollzogen. Menschen stopfen sich (voll), doch warum sollen Mäuler nicht nur stopfen? Für mich klingt es besser so.

    Ich habe mir mit dieser Antwort viel Zeit gelassen, da ich mich selbst nur widerwillig mit diesem (Mach-) werk beschäftige. Aber irgendwie hat es mich auch fasziniert. Es war halt nichts Erhebendes oder Unterirdisches in mir drin. Insbesondere die weitgehende Abwesenheit jeder Inspriation ließ nur eine leichte Überarbeitung der Verse zu. Die Umstellung auf einen einzigen Bandwurmsatz, der Mundstuhl und die leichte metrische Korrektur des Auftaktes am Anfang sind vielleichjt die ersten Schritte auf einem langen Weg, das Gedicht metrischen Normen zu unterwerfen. Wahrscheinlich würde er in einer Sackgasse enden. Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Manchmal habe ich nach Jahren noch einen Geistesblitz. Was ist schon Zeit im ewigen Kreislauf der Jahreszeiten?

    Vielen Dank für Deine ausführliche Kritik, sie hat mir sehr dabei geholfen mich noch einmal mit dem Text auseinanderzusetzen.

    Liebe Grüße

    demon17

    PS: Jetzt habe ich es nochmal überarbeitet. Du hattest irgendwie recht mit dem Trübsalgewand.
    Geändert von demon17 (19.12.2008 um 15:09 Uhr)
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
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  4. #4
    Sneaky Guest
    Hallo demon17,

    die zweite Version finde ich wesentlich stärker. "Mundstuhl" ist mir als Wort neu, auch wenn der Sinn klar ist. Wieder was gelernt.

    Eine Anmerkung noch, du sagst oben geleimt zu den Brettern unten Lack. Es muss ja nicht unbedingt ein Gegensatz sein, aber mir ists aufgefallen. Wenn dich ein wortungetüm-Vorschlag nicht stört, pressspangeleimten Baumarktlatten".

    Dunst der Schwaden dampfenden Fettes hier kannst du auch den Dunst nochmals angucken. Dunst wie Ausdünstung könnte zum Mief werden? Dunst und Schwaden hat für mich mehr eine ÜBereinstimmung als eine zusätzliche Information, die gegeben werden soll?

    Wie auch immer, mE hats durch die ÜBerarbeitung deutlich gewonnen.

    Gruß

    Sneaky

  5. #5
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    Hi demon,

    ich find die Zeilen durchaus interessant – ein gelungener Blick auf eine Situation, die alltäglich Innenstädte aufweisen mögen. Ein paar Abers habe ich dennoch auf Lager:

    Mit dem „Sommertod“ kann ich persönlich mich nicht anfreunden; das liegt nicht nur in der wertenden Übertreibung: Du titelst Winterlied und das Sterben des Sommers wäre für mich zeitlich eher auf den Herbst datiert, ist mir hier zu weit hergeholt. Man fragt sich zu dieser Zeit ja auch nicht, ob der Frühling verschieden sei.
    In Version zwei setzt Du nach der ersten Zeile ein Komma, das meiner Ansicht nach dort aber nichts zu suchen hat – der Bezug steht in beiden Versionen doch ganz ähnlich eng, oder überlese ich da etwas?
    Das „mehrfach geleimt“ lässt mich etwas fragend schauen – Sneakys Vorschlag diesbezüglich finde ich eigentlich ganz gut. Letztendlich bleibt es hier doch sehr beobachtend und einer Latte sieht man das Einfach- bzw. Mehrfachgeleimte nun mal nicht an und es ist letztendlich auch völlig egal, da es für die Momentaufnahme keine Bedeutung hat.
    „Dunst, Schwaden, dampfen“ ist vielleicht in der Tat ein wenig viel angesichts einer Bratwurstbude an nasskalten Tagen – klar, da hängt viel in der Luft, aber gleich dreifach?
    „Stopfende Mäuler“ löst in mir einen Brechreiz aus, womit Du erkennst, dass es gut ist. Hingegen finde ich das „rasch“ beim Erbrechen wiederum herunterspielend; kein Ekelwürgen sondern schlichte Routine will mir scheinen – da würde ich noch einmal nachdenken.
    Mit „Mundstuhl“ weiß ich grad nichts anzufangen – da bleib ich auf der Strecke; mag sein, dass das gelungener ist, als das Elend aus Version eins. Mir geht es derzeit aber so, dass das Grübeln ob der Vokabel mich aus der aufgebauten Stimmung zieht, ich das Bild verliere und es somit seinen Nachhall verwirkt – ein schlichtes „alles“ wäre da vielleicht in der Tat besser.

    Nichts desto trotz krümmt sich’s noch etwas in mir und da das dem Gewollten entspricht, kannst Du ganz zufrieden sein *zwinker*

    Herzlich
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  6. #6
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    Hallo linespur, hallo Sneaky

    der Sommertod soll zum Ausdruck bringen, dass der Winter kein richtiger Winter mehr ist, sondern nur noch ein toter Sommer. Na Ja, nun ist Winter. Ich hätte das Gedicht heute sicher anders geschrieben.

    Also pressspangeleimte Baumarktlatten gibt es nicht. Pressspan ist sowieso geleimt und wird als Spanplatte in mehreren Qualitäten E1-E5 angeboten. Je nachdem wie stark der Leim ausdünstet.

    Dunst-Schwaden-Dampf: Wir haben die typische Inversionswetterlege und der Bratwurstmaxe hat das Fett zu heiß gemacht deswegen die Schwaden, die den Brechreiz auf eine Bulemikerin ausübern, die geübt im kotzen ist und sich deshalb schnell mal erbricht. Das Wort rasch, soll auf die Routine hinweisen.

    Der eine mag Mundstuhl lieber die andere elend. Also ich sitz hier zwischen den Stühlen. Da Mundstuhl aber das interessantere Wort ist und der Text damit lakonischer wirkt bleibt es dabei. Ich versuche nämlich auch meinen aktiven, lyrischen Wortschatz zu erweitern.

    Liebe Grüße

    demon17
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
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