Thema: Gelähmt

  1. #1
    Flamme ist offline Krauseminze, Minze, krause
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    Gelähmt

    An fing es mit Hunden, die plötzlich bellten.
    Ich war drinnen und konnte es leider erst hören,
    als ich bereits vollkommen unbeweglich war,
    gerade noch fähig, das Bellen der Hunde zu hören,
    zum Fenster zu blicken mit ängstlichem Blick
    und zu erschrecken: Da draußen brennt ja alles,
    da verbrennen ganze Welten!

    Ja, überall, von links unten nach rechts oben,
    brannte es draußen, mit beschleunigter Hitze,
    und alles wurde schneller, Leute rannten umher,
    doch trotz ihrer Schnelligkeit holte die Hitze
    sie ein und wurde noch schneller, viel zu schnell,
    und ich, ich hatte mich mit allerletzter Kraft
    vom Sessel erhoben.

    Ich hinkte zum Fenster, doch da war nichts zu machen.
    Es war hoffnungslos, ich seufzte und setzte mich wieder.
    Die Hunde haben mittlerweile aufgehört zu bellen,
    mir ist kalt und da draußen, da brennt es schon wieder,
    und manchmal, da wünsche ich mir, die Hitze wäre schon hier.
    Es ist so kalt, ich wünschte wirklich, sie wäre schon hier,
    da war wohl nichts zu machen.

  2. #2
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    Hallo Flamme,
    ist das ein Prosagedicht?
    Ich hab das Gefühl, dass du zwischen den Zeiten springst und bist mir etwas zu prosaisch.
    Ist es eigentlich beabsichtigt, dass deine Verse sich im letzten Wort wiederholen? Soll das das Gegenstück der Anapher sein? Mir fällt der Name davon nicht mehr ein.
    Ich hab mehr das Gefühl in einer Kurzgeschichte oder so gelandet zu sein.

    Gerade im Bezug zu deinem Nick hat die "Geschichte" was, aber ich bin mir ncoh nicht so ganz sicher, was ich davon halten soll.

    Liebe Grüße,
    Stäubchen

  3. #3
    Flamme ist offline Krauseminze, Minze, krause
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    Hallo Sternstaub,

    also als Prosagedicht würde ich es nicht bezeichnen, eher als ein Gedicht mit Tendenz zur Prosa, um es mal vorsichtig zu formulieren. Das Metrum ist zum Beispiel zwar nicht wirklich regelmäßig, aber auch nicht gerade unwillkürlich. (Warum sagst du eigentlich, dass dir das Gedicht zu prosaisch ist - hast du was gegen Prosa? )

    Ich benutze gern Wiederholungen in Gedichten, hier in diesem sind sie meistens am Versende, wobei ich mir nicht allzu viel dabei gedacht habe. Wie man das nennt, weiß ich nicht, vielleicht gibts dafür auch keinen speziellen Namen. Außer vielleicht für die identischen Reime, die dabei entstehen, die heißen nämlich identische Reime.

    Hm, du nennst dieses Gedicht "(Kurz)Geschichte", aber ich würde es viel eher als Gedicht bezeichnen. Denn es ist in meinen Augen nicht episch oder zumindest nur ganz geringfügig, vor allem ist es lyrisch in der Verwendung der Sprache, z.B. die "beschleunigte Hitze". Was die Zeiten angeht: Ich dächte das stimmt schon so. Bis zum "mittlerweile" ist das Gedicht in Vergangenheit, quasi als Bericht der Geschehnisse des LIs geschrieben, die zur jetzigen Situation geführt haben. "Da draußen brennt ja alles..." ist als Art wörtliche Rede zu verstehen.

    Danke für deinen Kommentar! Vielleicht konnte ich dir ja helfen zu wissen, was du davon halten sollst.
    liebe Grüße, flamme


    Sag nichts dagegen, gewiß, Du kannst alles widerlegen, aber zum Schluß ist garnichts widerlegt. (F. Kafka - Das Schloß)

  4. #4
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    Hallo Flämmchen,

    so ganz weiß ich auch nicht, was ich davon halten soll. Schon der Einstieg: „An fing es“ ist eigentlich ein lautes Nö wert, oder? Solche Satzverdreher, dann auch noch als Einstieg, muss man schon sehr als Stilmittel bezeichnen können, um sie zu mögen; ob es sinnvoll erscheint, lass ich mir mal offen.

    Metrik: Du sagst, sie sei nicht regelmäßig, aber eben auch nicht unwillkürlich; darum mal ich sie mal auf:
    xXxxXx XxxXx (viel Daktylus => treibend)
    XxXxxXxxXxxXx (Standort = Trochäus, dann treibend im Daktylus)
    XxxX XxxXxXxX (krieg ich nur mit dem Hebungsprall hin… vermehrt Trochäen, wohl ob der Unbeweglichkeit)
    xXxxXxxXxxXxxXx (treibender Daktylus, ggf. als Ausdruck des Schreckens)
    xXxxXxxXxxX (treibender Daktylus, ggf. als Ausdruck des Schreckens)
    XxxXx xXxXxXx (gen Ende Trochäus mit Auftakt (?) für die erstaunte Feststellung)
    XxXxXxXx (Trochäus – Grauen)

    Wie Du siehst, kann ich die Rhythmikwechsel am Inhalt irgendwie festmachen; dennoch erscheint es mir schon arg hin und her und damit fast beliebig – ich bleib unschlüssig.

    xXxX XxXxXxXx (krieg ich wieder nur mit dem Hebungsprall hin, zum Glück hab ich hier mit dem Komma eine Zäsur)
    XxxXx XxXxxXx
    xXxXxXx XxXxxX (alles wurde schneller, nur dein Rhythmus langsamer?)
    XxXxXxX XxxXx (…)
    xXxXxxXx XxX
    xX xXxXxXxXxX
    xXxxXx

    xXxxXx XxXxxXx
    XxXxX xXxxXxxXx
    xXxXxXxXxXxXxXx
    XxX xxXxxXxxXx
    xXxxXxxX xXxXxxX
    xXxXxXxXx xXxxX
    xXxXxXx

    Hm – vielleicht betonst Du es stellenweise ganz anders, das wäre mal interessant zu hören.

    In allen Strophen die Endwiederholung in Z2Z4. In S1 und S2 Z1Z7 ein echter Rein, in S3 an dieser Stelle ein Gleichreim. In S 3 auch die Endwiederholung in Z5Z6 – dazu in den anderen keine Entsprechung. Mehr seh ich grad nicht.
    Zentrales Motiv S1 sind das Brennen und bellende Hunde, sowie die Unbeweglichkeit in S2 Schnelligkeit/rennen und Hitze, (Bewelglichkeit) in S3 bellende Hunde und Hitze/Kälte und erneut die Unbeweglichkeit. (Btw. sehe ich hier ein böses foul, weil „vollkommen unbeweglich“ – „hinkte zum Fenster“ funktioniert für mich nicht und ich sehe auch keine Inhaltliche Komponente, die zur neuen Beweglichkeit geführt hätte, bzw. nur eine ganz dünne.

    Inhaltliche Kurzfassung: lry.Ich sitzt, ist unbeweglich, wird durch die Hunde (Aufpasser/Wachsamkeit) aufgeschreckt und aufmerksam gemacht auf die Katastrophe. Er beobachtet, wie die Menschen im Angesicht des Schreckens panisch in Aktivismus verfallen, der zu nichts führt/zu nichts führen kann. Seinerseits beschließt lyr.Ich daraufhin, sich wieder zu setzen und abzuwarten, bis die Katastrophe ihn erreicht; letzteres erscheint plötzlich auch eher als Erlösung vom Ist (Kälte). Außerdem: „Da war wohl nichts zu machen“ => kein mehr, dass darauf schließen ließe, dass früheres Eingreifen oder nur tätig werden ggf. das Ende hätte abwenden können, sondern schlichte Feststellung, dass geschieht, was geschieht. Der Abschlussvers ist meiner Ansicht nach das spannendste in den Zeilen, was den Rest aber bitte nicht herabsetzen soll.

    Die interpretatorischen Übertragungsmöglichkeiten sind vielfältig und eine bestimmte Richtung scheint mir nicht vorgegeben. Die Rubrik lässt darauf schließen, dass hier keine Gesellschaftskritik geübt werden soll – doch auch dahin sehe ich Auslegungsmöglichkeiten, mit denen ich allerdings streitbar wäre. Was mir aber rätselhaft ist, ist die Frage, wie es zu der Unbeweglichkeit kam – hierzu finde ich nichts im Text, könnte allenfalls die Schlusszeile heranziehen mit der Behauptung, dass das lyr.Ich einfach nicht zu Aktivität bereit ist. Die Gelassenheit des lyr.Ich, nicht bei dem Panikgerenne einzusteigen scheint auch keine echte zu sein – schließlich kann es ja eigentlich nicht anders, da zu unbeweglich und seine Entscheidung kann somit eine vorgeschobene sein, und muss nicht unbedingt der kühlen Überlegung entspringen. „Kalt“ deutet ggf. auch auf eine Isolation hin, die sein Mitmachen verhindert? Auch könnten Kleinigkeiten, wie die Brandrichtung des Feuers (links unten nach rechts oben) durchaus Aufhänger für bestimmte Gedankengänge bei Dir als Schreiber sein, welche ich spontan leider nicht einzuordnen weiß.

    Das Stück gibt mir insgesamt Fragen auf und ich weiß nicht so recht was damit anzufangen, wobei ich grad das Gefühl nicht loswerde, dass das an mir und überhaupt nicht am Text liegt. Da wünschte ich mir jemanden, der noch einmal mit mehr Verstand schlüsselte; vielleicht erklärst sogar Du selbst es mir mal?

    Erst mal lieben Gruß – später hoffentlich noch einmal mehr hierzu
    Nina
    .
    .

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    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  5. #5
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    Hallo Nina!

    Das scheint ja wirklich ein nicht allzu leichtes Gedicht zu sein und es ist wohl nicht einfach es zu mögen, tut mir leid. Hier möchte ich aber gleich vorweg schreiben, dass ich persönlich recht viel davon halte. Was davon die typische Verblendung eines Autors ist und was nicht, kann ich nicht genau sagen und eigentlich ist diese Information auch nicht relevant, nur ich wollte es mal erwähnt haben. Und vielleicht kann ich ja mal im Folgenden etwas erklären, warum das so ist...

    ... warum ich aber den Einstieg so toll finde, kann ich beim besten Willen nicht erklären. Ich finde diese Formulierung garnicht so befremdlich und sogar recht originell. Die Betonung würde ich übrigens auf das "an" legen, denn beim "Anfang" oder dem Verb "anfangen" betont man es ja auch. Aber ich schreib am besten mal auf, wie ich das ganze Gedicht betonen würde:

    XxxxXxxXxXx
    xxXxxXxxXxxXx
    XxxxXxxXxXxX
    xXxxXxxXxxXxxXx
    xXxxXxxXxxX
    xXxXx:xXxXxXx
    XxXxXxXx

    X,XxX,xxXxxXXx
    XxxXx,xxXxxXx
    xXxXxXx,XxXxxX,
    xXxxXxxXxxXx
    xXxXxxXx,Xxx
    xX,xXxXxXxXxX
    xXxxXx

    xXxxXx,XxXxxXx
    xxXxx,xXxxXxxXx
    xXxXxXxXxXxXxXx
    xxXxxXx,xXxxXx
    xXx,xXxxX,xXxXxxX
    xXxX,xXxXx,xXxxX
    xXxXxXx

    Du siehst oft drei kleine oder mal zwei große Xe hintereinander, das verwundert mich fast etwas im Nachhinein, denn für mich liest es sich größtenteils flüssig. (Es fehlen auch irgendwie "Mittelbetonungen", die ich aber lieber weglassen wollte, weils sonst zu kompliziert wird) Aber vielleicht betone ich das Gedicht auch von Grundauf anders, weil ich mich dabei sehr auf das LI einstelle und es als Art hastigen Bericht lese. (Da wäre wohl auch wieder der Prosacharakter) Wenn ich ein Mikrofon hätte, würde ich es auf der Stelle vertonen!

    So genau, wie du das Metrum am Inhalt zu deuten versuchst, habe ich es allerdings nicht kalkuliert. Was ich meinte mit unwillkürlich, war zum Beispiel die Stelle der Hitze, in der das Metrum auf einen Schlag wieder eher daktylisch wird, was die Schnelligkeit der Verfolgungsjagt an dieser Stelle unterstreichen sollte. Und der Rückfall ins alternierende stellt wiederum die Langsamkeit des LIs dar. Wo wir gerade dabei sind: Ich hatte gehofft, mit der 'allerletzten Kraft' diesen Bogen von der Unbeweglichkeit zum Hinken zu schlagen, aber vielleicht ist die Verbindung wirklich zu dünn.

    Ein bisschen was zum Inhalt: Das LI behauptet, unbeweglich gewesen zu sein, als man vermutlich (das wird aus dem Bericht nicht ganz klar) noch etwas gegen die Katastrophe hätte unternehmen können und resigniert nun mit recht gutem Gewissen vor ihr, da sie unaufhaltbar geworden ist. Warum es eigentlich gelähmt war, verrät es nicht, und das unterstreicht deine Vermutung: "hierzu finde ich nichts im Text, könnte allenfalls die Schlusszeile heranziehen mit der Behauptung, dass das lyr.Ich einfach nicht zu Aktivität bereit ist." Dafür würde übrigens auch sprechen, dass das LI nun letztlich doch die Kraft hat aufzustehen und plötzlich nicht mehr wirklich gelähmt zu sein scheint, entgegen seiner Behauptung. Man könnte jetzt denken: Nach einem Blick aus dem Fenster hat es sich davon überzeugt, dass man nichts mehr unternehmen kann, also kann es auch aufhören einen auf gelähmt zu machen. Das kaschiert es in seinem Bericht nun so, dass es das Aufstehen ja nur mit allerletzter Kraft geschafft hat und selbst das erst, als es schon zu spät war. Überhaupt sollte man bedenken, dass die Sicht des LIs zum einen nur sehr beschränkt ist und man ihm außerdem auch nur bedingt trauen kann; es übertreibt oft auch maßlos ("ganze Welten"). Das ist mMn das Raffinierteste und vielleicht auch die Schwierigkeit an diesem Text. Es gibt sicherlich noch mehr zu sagen, aber ich hoffe das reicht vorerst aus und hilft etwas weiter. (Noch mehr hoffe ich, dass man es auch aus dem Text herauslesen kann...)

    Danke jedenfalls für deine ausführlichen Gedanken zum Text!
    liebe Grüße, flamme


    Sag nichts dagegen, gewiß, Du kannst alles widerlegen, aber zum Schluß ist garnichts widerlegt. (F. Kafka - Das Schloß)

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