Thema: Erst gestern

  1. #1
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    Erst gestern

    Erst gestern


    Es war erst gestern, als ich letztens träumte,
    Du gingest mit mir in die weite Welt.
    Das Dasein schien mir wie ein Feld bestellt,
    Das hegend eine Hecke schützend säumte.

    Was braucht der Mensch zum guten Leben: Geld?
    Braucht es nicht vielmehr Glück, das überschäumte?
    In aller Ordnung ist das Aufgeräumte,
    Das Klare. Wasser, das über Steine schnellt:

    Der wilde Wechsel ist’s, der atmen macht!
    Ich gehe mutig mit Dir an den Stränden,
    Die Wellen brechen, Sturm bringt schwere Fracht.

    Wir fassen uns wie immer an den Händen
    Und streichen uns die Wangen zart und sacht.
    Wir werden unser Schicksal glücklich wenden.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  2. #2
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    Hallo Walther,

    erneut legst du ein Sonett vor und wiederum invertierst du den umarmenden Reim im zweiten Quartett, eine Spielart, die dir Freude zu machen scheint. Metrisch und reimtechnisch kann man dir keinen Vorwurf machen, die Silbenzahl stimmt, die abwechselnd männlichen Kadenzen sind im deutschen Sonett in Ordnung. Eine strophisch strenge Unterscheidung zwischen These und Antithese könnte ich jetzt nicht ausmachen, der antithetische Charakter ist jedoch vorhanden, das Sonett gerechtfertigt.

    Inhaltlich ist es mir jedoch zu schwammig und auch sprachlich häufig unausgegoren. Gleich zu Beginn stört mich die widersprüchliche Zeitangabe: Gestern – letztens. Davon abgesehen irritiert mich bereits ein wenig, dass dieses von Aufbruch in die weite Welt träumende lyrische Ich das Dasein wie ein, schützend von einer Hecke umsäumtes, bestelltes Feld beschreibt. Noch dachte ich jedoch, dass lediglich etwas unglücklich ausgedrückt wurde, dass der Traum sich auf einen gemeinsamen Ausbruch aus dieser Enge bezöge.

    Strophe 2 ist jedoch so wirr, dass ich nicht mehr klar sehe. Der erste Vers bleibt ohne Bezug, das Geld lediglich reimgeschuldet einem völlig nichtssagendem, überschäumendem Glück gegenübergestellt. Glück ist höchst subjektiv und ebenso flüchtig und kein Lebenszweck wie Geld. Dann kommt ein Satz, der alle Fragen offen lässt: „In aller Ordnung ist das Aufgeräumte, das Klare.“ Ja, und? Soll das der Gegensatz zum überschäumenden Glück sein?
    Das doppelte „braucht“ (Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen überhaupt nicht zu gebrauchen!) tut ein Übriges zu meinem Missfallen.

    Jetzt geht es mit „Wasser“ weiter. Ich finde es unglücklich, den neuen Satz so beginnen zu lassen. Natürlich machst du das absichtlich, aber man kann auf diese Weise das Klare nur als Attribut des Wassers unterstellen und klares Wasser kann durchaus für Ordnung stehen. Hier aber willst du offenbar eher auf das Schnellende des Wassers hinaus, welches den wilden Wechsel symbolisieren soll. Die Wildheit mag ich noch nachvollziehen, den Wechsel angesichts klaren Wassers über Steinen eher nicht. Hinsichtlich eines „Pantha Rhei“ stimmt es natürlich, bildlich aber fließt es mehr, als das es wechselt: Das Bild wechselt nicht.
    Wie dem auch sei, das oben bemühte Feld, aus dem es auszubrechen gilt, weicht jetzt einem Strand, nein, sogar vielen Stränden, die mir in der Mehrzahl eher reimgeschuldet als inhaltlich unterstützend wirken, so viele Wellen dort auch brechen wollen. Es mag nun an mir liegen, aber Strände bringe ich selten bis nie mit Wellenbrechern in Verbindung. Das ist aber auch egal, weil ich ohnehin nicht verstehe, was das jetzt alles soll. Wasser, welches über Steine schnellt, Wechsel, der Atmen macht („macht“ ist nicht gerade eine sprachliche Perle), mutige Strandspaziergänge, brechende Wellen, ich bringe das nicht stimmig zueinander. Vor allem dann nicht die durch Stürme gebrachte schwere Fracht.

    Im letzten Terzett wird aus dem allgemeinen Sturmgebraus wieder eine Beziehungskiste, welche wir in S1V2 verlassen hatten. „Wie immer“, erfahren wir, fassen sich lyrisches Ich und lyrisches Du an den Händen und prompt frage ich mich, ob wir uns eigentlich die ganze Zeit in dem Traum befinden? Wie auch immer, man streicht sich mit angefassten Händen die Wangen zart, was etwas seltsam wirkt. Das Ende vom Lied ist ein Vorsatz, wonach das Pärchen gewillt ist, das Schicksal glücklich zu wenden und auch das ist dann erneut ungeschickt ausgedrückt.

    Ich bin nicht glücklich mit dem Sonett. Ich respektiere und anerkenne das Handwerk. Inhaltlich ist es mir zu flach, sprachlich zu unrund. Dem hier mehrfach geäußerten Anspruch des Dichters hält dieses Werk stand und auch nicht: Der Durchschnitt des Forums scheint mir im Handwerk übertroffen, inhaltlich bestenfalls erreicht.

    Gruß
    Oliver

  3. #3
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    sprachliche Probleme

    bräuchte es nicht vielmehr Geld, das überschäumte
    oder:
    braucht es nciht vielmehr Geld, das überschäumt

    atmen - Atmen (glaube ich wenigstens)

    Bild geht verloren, bzw ist reines Setting. Traum bleibt überflüssig. Das heisst: Das ganze hat nichts irreales, wirkt völlig alltäglich.
    EINE Stelle, an der ein Metrum Sinn macht, bzw dem Leser etwas gibt (und nicht dem Text im Weg steht, wie in V8): "Was braucht...Leben: Geld?" Weil an dieser Stelle ein Enjambement MÖGLICH ist, wenn man liest: "Geld braucht es nicht." (PUNKT) "Vielmehr Glück, das überschäumte."
    Aber dass z.B. das Metrum in V9 NICHT wechselt, ist sehr bedauerlich aus meiner Sicht. Denn es hätte an dieser Stelle viel Spass gemacht. ("
    Der wilde Wechsel ist’s, der atmen macht!")

    Ist mir zuwenig insgesamt
    nur:
    Traum: 2 Leute gehen spazieren. Verliebt. Sind Spielball der Naturgewalten. Geben sich Halt (im Hände halten), sehen sich verliebt an und sind sich sicher: Wir zusammen -- krisensicher.
    xD

    Inhaltlich, landschaftlich nett. Sprachlich, lyrisch, eher blass aus meiner bescheidenen Sicht.
    -- Ich schreibe normalerweise keine schlechten Kritiken. Ich tue das hier, weil es ein Sonett ist, und damit eine Gedichtform in der es VIEL Spielraum nach oben gibt.
    Geändert von parachute (18.12.2008 um 19:42 Uhr)

  4. #4
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    edit: Ok, argh. Ich habe geirrt.

    Es GIBT einen Grund für das Setting. Opposition Land -- See.
    Und diese Opposition wird auch in der äußeren Form durchgezogen, wie sich das in einem Sonett gehört.
    Ich bin wie gesagt kein Kind der See. Bin am Fluss aufgewachsen.

    Hmnja. Damit ist einer meiner Kritikpunkte entkräftet.
    Ich widerrufe als meinen Verriss und sage: Es ist ein solides Gedicht.
    Aber begeistern (und nichts anderers ERWARTE ich von einem Gedicht!) kann es mich immer noch nicht. Weswegen ich normalerweise bei soliden Gedichten auch die Klappe halte und einfach nix sage.

    Und ein schlussendliches Edit: DAS ENDE!!!! ist verschenkt. Aber eventuell muss man das im Gesamtzusammenhang sehen und es geht dem Autor vielleicht sogar um das extrem Unaufgeregte. Es WÄRE ja zu erwarten, dass am Ende irgendwas sich gegen die Aufgeräumtheit einerseits und gegen die Unberechenbarkeit andererseits stellt. Zum Beispiel der menschliche Wille. Dass dieser nicht im letzten Vers gefeiert wird (in der Art von: Seien wir WACH und prägen die Welt! (sinngemäß)) ist evtl. Absicht und wenn ich es so lese, dann bin ich in der Lage, das Gedicht sogar sehr gut zu finden. Aber es so zu lesen ist im Moment ein bißchen viel verlangt. Und die sprachlichen Schwächen stören mich (im Fall des überflüssigen Konjunktivs sogar massiv).
    Geändert von parachute (18.12.2008 um 19:56 Uhr)

  5. #5
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    Hallo O64,

    wie ich immer wieder festhalte: Mir/hier geht es nicht um große Kunst. Hier geht es um das, was man lässig "Gelegenheitslyrik" nennt. Und um nur das. Sonst läge dieser Text in einem schön gestalteten Gedichtband unter dem Weihnachtsbaum eines Bildungsbürgers. Tut er nicht. Er wird eine Internetsekunde beachtet werden und dann in den Orkus des Vergessens und Vergehens wandern.

    Dein Anerkenntnis, daß das ein sauberes Sonett ist, ehrt Autor und Kritiker. Denn es ist in der Tat eines. Formal bin ich bei Platen und Rückert. Nicht aber inhaltlich. Und vom Spiel mit Sprachbildern her auch nicht.

    Was tut der Autor hier? Er nimmt sich eine alte Form vor, belebt ein uraltes Thema und mischt alte und neue Bilder dazu. Am Ende ist das das Haiku-Prinzip auf das Sonett angewandt: Interpretations- und Assoziationsräume schaffen. Einen Rahmen für das eigene Reflektieren geben, so daß am Ende jeder Leser sein eigenes Sonett findet.

    Beim Lesen kommt es darauf an, sich der Fäden, die die Bilder zusammenhalten, bewußt zu sein, ohne von ihnen sich fesseln zu lassen. Du bist auf der Oberfläche des Textes geblieben und hast dabei übersehen, daß hier alte und moderne Schreibtechniken absichtsvoll ineinanderfließen. Es wäre gut, wenn Du Dir und dem Autor einfach etwas mehr zutrauen würdest. Zum Beispiel, daß der, der das Formale des Handwerks anpreist, anfordert und beherrscht, zugleich auch gestrig sei in der Verwendung und Komposition von Bildern. Das Gegenteil ist richtig.

    Zu Deinen Hinweisen ein paar Bemerkungen: Das Wasser, das über Steine fließt, kann klar sein, aber auch schäumen. Ordnung ist zwar aufgeräumt und klar, aber Fließendes wie Wasser ist das glatte Gegenteil von Ordnung. Und Glück ist momentan UND fließend.

    Der Wechsel ist es in der Tat, der Atmen macht. Ich habe noch keinen gesehen, der nicht Luft einsog und ausstieß, jedenfallls keinen Menschen, wenn er atmen wollte. Wechsel ist Grundprinzip des Lebens; damit ist Ordnung immer ein Widerpol zum Wechsel und zum Wasser.

    Wasser bricht an den Stränden: Einfach mal einen mittleren Herbststurm auf einer Nordseeinsel am Strand spazieren laufend miterleben, das Bild ist manifest und aus dieser Zeit in den inneren Stream of Consciousness gebannt, den wir hier erleben. Zettels Kasten, eben wie Tagträume sind, in denen Gedanken sich frei bewegen dürfen.

    Und wirklich, ja sichtbar, tragen diese Stürme schwere Fracht: Sie ist so schwer, daß die Wolken fast die Haare streifen, hat man den Eindruck. Das sind Bilder, die man nie vergißt.

    Was machen Liebende, die sich fürchten? Sie fassen einander an den Händen, versichern sich gegenseitig, streichen über die geröteten Wangen, sacht und zart, als Kontrapunkt, als Demonstration, zur wild tosenden Natur. Wer sagt sich da nicht:
    Wir werden unser Schicksal glücklich wenden.
    Wenn wir Inhalt und Form wieder in den Gegensatz bringen wollen, dann ist hier wieder Ordnung gegen Wechsel, Sicherheit der Form gegen Unsicherheit des Lebensgefühls, der täglichen Erfahrung gesetzt. Doppelt und verschachelt verwischen sich so die Grenzen zwischen Inhalt und Form. So greift dann auch das Bild des Binnen-/Farmlands aus S1 und wird zur Klammer bis in S4.

    Zugleich ist das Dialogische des Sonetts erhalten geblieben. Sogar eine Moral von der Geschicht haben wir: Gemeinsam sind wir stärker als das Schicksal.

    In diesem Sinne!

    Adventsgruß W.
    Geändert von Walther (18.12.2008 um 20:01 Uhr)
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  6. #6
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    Hallo parachute,

    danke für Deine Anmerkungen. "Solide" reicht mir. Das ist etwas, mit dem ich sehr zufrieden bin.

    Lieber Gruß W.
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  7. #7
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    GRRRRRRRRRRRRRRRRR!

    Mir aber nicht! Bei weitem nicht!

    *seufz*
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    "Man sollte eigentlich nur das ein Buch nennen, was etwas Neues enthüllt. " (ders.)

  8. #8
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    Lb. Parachute,

    man sollte sich weiterentwickeln wollen, aber nicht nach den Sternen greifen. Dafür sind die (a) zuweit weg, und (b) käm man dran, würde man sich eh bloß die Flossen verbrennen.

    Ich kenne meine Grenzen. Das macht (a) zufriedener, (b) bescheidener und (c) sicherer, ist also ein durchaus erstrebenswerter Zustand. Und wenn man dann mal wieder eins raushaut, das wirklich gut ist, dann freut man sich drüber wie ein Schneekönig. Ist nur leider zu selten, das Raushauen von guten Texten. Leider.

    Grüßend

    der W.
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  9. #9
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    was dieses Thema betrifft:

    nicht hoch genug / auf sand gebaut

    dich lieben ist wie aus dem fenster zu springen
    je weiter man springt desto fliegt man
    je öfter man küsst desto liebt man

    der flug war gut, die landung hart
    was hab ich aus fehlern zu lernen?
    von unten schau' ich hoch hinauf

    und seh' - schon wieder - sterne

    -------------

    das findest du nicht schön? zu scheitern -- und zu sehen -- es ist nicht das ende der welt?
    "Wenn ein Affe hineinschaut..." (Lichtenberg)
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  10. #10
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    Hi parachute,

    Sterne und Ikarus: eine gute Kombination.

    Gruß W.
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  11. #11
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    Haha, das war jetzt aber nicht so nett
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  12. #12
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    Lb. parachute,

    seit wann bin ich nett? Es gibt hier einige Heilige, die würden mich am liebsten zum Teufel wünschen. Es sei ihnen gesagt: Da komm ich grade her, der hat mich zurückgeschickt, weil er mit mir einfach nicht klarkam.

    Adventsgruß W.
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