Thema: Der Jäger

  1. #1
    Registriert seit
    Nov 2005
    Beiträge
    242

    Der Jäger

    Lautlos lauert eine Eule
    im entblätterten Geäst
    wirkt wie eine Federbeule
    hält sich mit den Klauen fest.

    Sitzt und wartet schon seit Stunden
    hungrig knurrt der kleine Bauch
    hat noch kein Getier gefunden
    wieder kommt ein Nebelhauch.

    Plötzlich raschelt es ganz leise
    hastig läuft die kleine Maus
    endlich eine warme Speise
    langes Harren zahlt sich aus.

    Das Gefieder wird entfaltet
    samtig ist die Federpracht
    schön und funktionell gestaltet
    unvernehmbar in der Nacht.

    Schließlich stürzt der Mäusefresser
    in den schwarzen Wald hinein
    er sieht in dem Dunkel besser
    als das kleine Mäuselein.

    Schneidet lautlos durch die Lüfte
    hat die Beute fest im Blick
    und vernimmt des Mäuschens Düfte
    packt es sicher im Genick.

    Bohrt die Krallen tief ins Leben
    drückt den Herzschlag aus dem Rumpf
    das Geschöpf muss sich ergeben
    kleine Augen werden stumpf.

    Dann vernimmt man wie der Schnabel
    flink den Mäusehals zerbeißt
    ohne Messer, ohne Gabel
    wird das Nachtmahl nun verspeist.

    Wird im Ganzen gleich verschlungen
    gibt dem Jäger neue Kraft
    großer Hunger ist verklungen
    Nahrung hat ihm Zeit verschafft.

    Kurz darauf entflieht der Täter
    der erneut den Wald durchstreift
    bis er ein paar Stunden später
    wieder frische Beute greift.

  2. #2
    Sydney ist offline Nachteulen- & Koalaparadies
    Registriert seit
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    Ort
    Marzipanland
    Beiträge
    549
    Hey,

    Dieses Gedicht finde ich super. * THUMPS UP *

    Es liest sich harmonisch und einfach fabelhaft.
    Zwischendurch vergisst man zeitweilens, dass es hier nur um das Nachtmahl einer Eule geht, was ich wirklich unglaublich finde.

    Also kann ich dazu nur noch sagen... Weiter so!!!


    Syd

    Quare suo iure noster ille Ennius sanctos appellat poetas, quod quasi deorum aliquo dono videantur.
    Cicero

    .___.
    {o,o}
    /)__) <3 Be good, I'm watching you.
    -"-"-

  3. #3
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    Feb 2009
    Beiträge
    22
    Ich kann Sydney nur zustimmen.
    Nicht viele besitzen die Kunst eine Anekdote so spannend sinnig und harmonisch in ein Gedicht zu verfassen ohne dabei in Nebensächlichkeiten abzuschweifen.
    Einzig der vierte Vers der zweiten Strophe wirkt da meiner Meinung nach fehl am Platz.
    Dennoch, Hut ab für dieses Meisterwerk.
    Schönheit erlangt man durch ein Lächeln.

  4. #4
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    585
    Grüß dich, Philophobos.

    Das Gedicht ist aus meiner Sicht rhythmisch und sprachlich sehr gelungen. Der Inhalt wird nahezu mühelos und klar geschildert, wobei auch Raum für Untertöne und tiefere Interpretationen bleibt.

    Kleinere sprachliche Auffälligkeiten (Federbeule als eventueller "Notreim" auf Eule, der dann zwar einen unerwarteten Zweitsinn mit der Assoziation zu "Pestbeule" erhält, jener Zweitsinn mit dem Anklang "Pest des Waldes", "der Jäger als Geißel der Tiere" aber im Folgenden, in der eher das Schicksal des Jägers nachzeichnenden Schilderung, nicht weitergeführt wird; der "Nebelhauch" trägt nicht sehr zur Stimmung bei und wirkt ein wenig reimgeschuldet) mindern diesen Eindruck nicht.

    Strophe 5 Zeile 3 ist aus meiner Sicht die einzige rhythmische Auffälligkeit.
    Ein Änderungsvorschlag:

    "in dem Dunkel sieht er besser
    als das kleine Mäuselein."

    Besonders hervorzuheben sind Strophe 7 bis 9, dabei heben sich Strophe 7 und 9 noch einmal ab:

    "Bohrt die Krallen tief ins Leben" ist von bemerkenswerter Kraft und Bildlichkeit.
    Der Reim "Rumpf-stumpf" ist trotz seiner Ungewohntheit in keiner Weise bemüht, sondern trägt voll den Sinn der Strophe.

    "großer Hunger ist verklungen" passt deshalb aus meiner Sicht so gut, weil durch den fehlenden Artikel dem Grundhunger, der ein Raubtier nahezu ständig begleitet, der Charakter einer "Urkraft" gegeben wird, gleich einem mächtigen Lied, etwas, das stets als Faktum vorhanden ist.

    "Nahrung hat ihm Zeit verschafft" betont wieder und sehr elegant, wie das Raubtier eigentlich selbst unter dem beständigen Druck des Hungers steht und wie nahe der Tod, jagend und gestaltlos in Form der Schwäche, auch für den Räuber ist.


    Gruß

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