1. #1
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    Es ist Herbst.

    .




    Juchei lass uns nur schnell Kastanien suchen!
    Der Wald trägt Herbstenlaub zum Dankesfeste,
    getaucht in Farben sind längst alle Äste
    und nahrhaft reich gesät, ist’s durch die Buchen.


    Spazieren wir durch bunte Laubesbetten
    und uns’re Neujahrspläne sind bereit,
    wie Pilze, sprießen aus vergang’ner Zeit.
    Wer freien Willens geht, ist nicht zu retten.


    So träum ich zarte Blüten in den Himmel
    und erntet man nicht gleich den Wolkenschweif,
    sind schnell die vollen Früchte überreif.
    Wo Süße lockt, speist auch zu gern der Schimmel.


    Wie majestätisch thront die Eiche stolz!
    Zu ihrem Fuß bereit, ein roter Teppich,
    Und doch, mich deucht ihn grüßt alsbald der Rettich,
    Erstochen liegt ihr Mann im Unterholz.




    .

  2. #2
    DerKleinePrinz* Guest
    Lieber Jamzee

    Ein Herbstgedicht im tiefsten Winter, na mal schauen.

    Strophe 1:

    Juchei! Lass uns nur schnell Kastanien suchen!
    Der Wald trägt Herbstenlaub zum Dankesfeste,
    getaucht in Farben sind längst alle Äste
    und nahrhaft reich gesät ist’s durch die Buchen.
    Eine fröhliche Stimmung vermittelt diese Strophe. Unklarheiten gibts hier eigentlich nicht, es ist ein Herbstbild wie aus dem Bilderbuch, Kastanien, Bucheckern und farbenfrohe Blätter. Schön
    Ich finde man könnte dem "Juchei" mit einem Ausrufezeichen noch mehr Kraft verleihen. Auch das Komma in der letzten Zeile ist nicht zwingend notwendig, und auch inhaltlich finde ich, braucht es dieses nicht. Metrisch gibts keine Probleme.

    Strophe 2:

    Spazieren wir durch bunte Laubesbetten
    und uns’re Neujahrspläne sind bereit,
    wie Pilze, sprießen aus vergang’ner Zeit.
    Wer freien Willens geht, ist nicht zu retten.
    Hier wird es schon schwieriger finde ich. Aufeinmal geht es schon um Neujahrspläne? Und vergangene Zeit?
    Geht es um Liebe, einen Abschied? Eine Beziehung welche schon im Herbst ist, also kurz vor dem Ende? Ich denke ja. Aber dann würden ja wieder die Neujahrspläne nicht passen, Jamzee, du bringst meinen Kopf gewaltig zum rauchen.
    Hier komme ich wohl nicht weiter, mal gucken ob die nächste Strophe aufschlussreicher ist.
    Das Komma könnte man übrigens wieder weglassen finde ich.

    Strophe 3:

    So träum ich zarte Blüten in den Himmel
    und erntet man nicht gleich den Wolkenschweif,
    sind schnell die vollen Früchte überreif.
    Wo Süße lockt, speist auch zu gern der Schimmel.
    Die Strophe gefällt mir am besten, nur die Interpretation fällt mir mehr als schwer. Wenn man sich viel erwartet und es nicht gleich bekommt, ist man schnell enttäuscht?
    Ich komme einfach nicht dahinter, zum Verzweifeln dein Gedicht!

    Strophe 4:

    Wie majestätisch thront die Eiche stolz!
    Zu ihrem Fuß bereit, ein roter Teppich,
    Und doch, mich deucht ihn grüßt alsbald der Rettich,
    Erstochen liegt ihr Mann im Unterholz.
    So jetzt hört es völlig auf, mein Kopf platzt gleich wenn ich noch weiter drüber nachdenke, bitte kläre mich schnellstmöglich auf, denn sonst denke ich wohl die ganze Nacht darüber nach, was du hier sagen wolltest. Trotz der Kopfschmerzen zieht mich dein Werk sehr an, es ist handwerklich stark, umschließende Reime sind garnichtmal so einfach zu schreiben.

    Fragende Grüße
    Der Kleine Prinz*

  3. #3
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    Hallo Jamzee,

    ganz ehrlich: Wenn ein Gedicht mit „Juchei“ anfängt, setzt bei mir automatisch ein Weglauf-Reflex ein; dass ich diesem nicht folgte, kannst Du Deiner Autorenschaft anrechnen, smile.
    Aber im ernst, das geht für mich überhaupt nicht, ist so ziemlich das Finsterste, dass man einem Werk antun kann. Klar, ich verstehe schon, dass es Dir um den krassen Gegensatz von erster und letzter Zeile ging, aber das hätte man wohl auch anders lösen können?

    Die Formalien sind schnell abgehakt:
    Durchgängiges umarmendes Reimschema, einfache Reime und lediglich mit dem Reim „Feste/Äste“ kann ich mich nicht recht anfreunden, was aber sicherlich kleinkrämerisch wirken muss.
    Durchgängiger sauberer Jambus ohne Fragen, wenngleich einige Elisionen von Nöten waren, um diesen zu halten. S1 durchgängig weibliche Kadenzen, S2 weiblich/männlich, S3 weiblich/männlich, S4 männlich/weiblich => ich schätze, das hat sich schlicht so ergeben?
    Die Zeichensetzung finde ich an manchen Stellen zumindest fragwürdig, würde so abändern wollen: Nach „Juchei“ gehört entweder das vom Prinzen vorgeschlagene Ausrufungszeichen, zumindest aber ein Komma; S1Z4 gehört für mich keines hin; S2Z1 müsste am Ende ein Komma stehen, S2Z2 am Ende hingegen kein Komma; S3Z1 am Ende ein Komma; S4Z2 kein Komma, S4Z3 ist ebenfalls wohl keines von Nöten.

    In der ersten Strophe stolpere ich nicht nur über das Juchzen, sondern finde auch das „Herbstenlaub“ zum Gänsehautkriegen. „und nahrhaft reich gesät ist es durch die Buchen“? => was ist das es hier? (Der Prinz sagt, das es seien die Bucheckern, macht ja auch Sinn, aber… ) Warum nur schnell die Kastanien gesucht werden müssen, mag daran liegen, dass diese nur einen relativ kurzen Zeitraum lang hübsch bzw. schmackhaft sind – ich empfinde es trotzdem als unschönes Füllsel.
    Wie auch immer, inhaltlich haben wir es mit einer betont verkitschelt romantischen Herbststrophe zu tun; Erntedank gleich mit inbegriffen.

    Strophe zwei macht entsprechend dann auch mit „Laubesbetten“ und dem lustwandlerischem „Spazieren“ weiter. Vom Aufbau her haut es allerdings nicht hin: Spazieren wir verlangt ein folgendes dann, das aber fehlt. Z1 oder Z2 müssten vom Aufbau meiner Ansicht nach geändert werden, also entweder „wir spazieren“ oder „so sind unsere“, was natürlich beides die Metrik verhagelt, wenn man es sich denn so einfach machte.
    Neujahrspläne, die aus der Vergangenheit sprießen sind gewöhnungsbedürftig, aber zumindest inhaltlich klar; gute Vorsätze resultieren letztendlich ja immer daraus, was im vergangenen Jahr nicht so gut gelaufen zu sein scheint. Mir geht es übrigens ähnlich wie dem Prinzen, da auch ich diese Neujahrspläne hier ein wenig verfrüht finde – der Herbst scheint im Sauseschritt abgehakt.
    Das „Wir“ erscheint mir kein konkretes lyr.Du/Ich zu sein, sondern eher auf die Allgemeinheit bezogen (wir Menschen).
    Z4 taucht recht zusammenhanglos (zumindest für meine Lesart) auf; interpretieren würde ich es so, dass einer der freiwillig vorzeitig aus dem Leben abtritt, nicht zu retten ist; es könnte auf die allgemeine Herbstdepression gemünzt sein. Jedenfalls gelingt mir kein Zusammenhang dieser Zeile mit dem Naturbild, denn der Weggang des Sommers z.B. entbehrt ja dieser Freiwilligkeit. Wer schon geht jedenfalls ist wohl in der Tat nicht mehr zu retten; das ginge nur, solange nur die Gehensabsicht besteht.

    Strophe 3 schließt zwar formal an die vorhergehende an („So“), will sich mir aber eben nicht so erschließen lassen; wie denn, möchte ich fragen, oder zumindest warum? Weil das lyr.Ich nicht freien Willens geht, sondern mit seinen Blütenträumen vielmehr fest hängt am weichenden Sommer? Wer den Wolkenschweif erntet, der lässt sich wohl von der Trübnis des Herbstes gefangen nehmen und wer es nicht tut, dem fallen die Früchte in den Schoß? Wäre möglich, allerdings hat überreif etwas Verderbliches an sich, was mir in dem Zusammenhang nicht zu gefallen vermag; dem Autor gefällt es wohl auch nicht, sonst landete er nicht gleich beim Schimmelbild, (die Zeile finde ich übrigens schlichtweg genial). Wir lernen: Zu früh ist nicht gut, aber zu lange warten wohl auch nicht. *schmunzel* Letztendlich müssten aber Wolkenschweif und Früchte eng zusammen hängen, so dass eben der Wolkenschweif zur überreifen Frucht würde, so man ihn denn nicht rechtzeitig erntet – schlüssig ist das allerdings bildlich für mich nicht.

    Strophe 4 löst die Verwirrung auch nicht auf, sondern stürzt meiner einer da noch tiefer hinein: Die Laubesbetten vom Anfang tauchen hier als roter Teppich wieder auf als abgeschüttelte Last der Eiche (Eichenblätter neigen allerdings eher dazu, gelb zu werden; vielleicht ist es also doch die Last eines anderen Baumes, die sich dort ausbreitet?). Den Teppich grüsst alsbald der Rettich – aha, das Laub wird modern und in Erde zu Erde werden, unter der dann der Rettich wächst… also Rettich im Wald? (Viele Blätter für das Laubesbett und Pilze und Eiche weckten in mir zumindest bislang die Idee eines Waldbildes.) Allerdings wäre das die logische Schlussfolgerung, das lyr. Ich nimmt aber nun an, dass es so sein würde (ihm deucht es). Dann habe ich an dieser Stelle wahrscheinlich zu einfach gedacht, komme aber auf keinen anderen Sinnschluss leider. Und ihr Mann, also derjenige der Eiche, liegt da im Unterholz? Ein Eicherich quasi . Wahrscheinlich nicht, auch wenn der Satzbezug es so aufzwingt; denn Bäume werden gefällt, zerhackt, zersägt etc. aber eben nicht erstochen. Da erstochen sein recht unfreiwillig geschieht, wird es sich wohl auch nicht um den freiwillig Gegangenen aus S2 handeln. Für mich scheint nebulös zu bleiben, wer da erstochen wurde…

    Stünde das Gedicht nicht eindeutig unter Natur und Jahreszeiten, wäre ich jetzt geneigt, das allesamt als Bildwerk zu betrachten und eine inhaltlich gänzlich andere Deutung anzubringen, als eben strikt wörtlich die Herbst-jauchzend-zu-Tode-betrübt-Stimmung zu lesen. Da es aber nun einmal hier steht, denke ich, wolltest Du genau diese gegensätzlichen Stimmungsbilder einfangen – oder hast mich gründlich auf’s Glatteis geführt

    Hm – klär mich und den Prinzen doch bitte auf, ja, denn ich würde nur ungern mit so vielen Fragezeichen aus dem Gedicht hier verschwinden…

    Lieben Gruß
    Nina
    Geändert von linespur (08.01.2009 um 05:43 Uhr)
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  4. #4
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    Lieber Jamzee,

    beim ersten, wie beim zweiten Lesen wunderte ich mich über die Sprunghaftigkeit der Gedankenführung und hakte Dein Gedicht als „verrücktes“ Naturgedicht ab. Wenn ich jedoch das Gefühl habe, der Autor will etwas ganz Bestimmtes sagen, hinter das ich bloß zu dumm bin zu blicken, packt es mich meist doch, und so versuche ich mich doch an einer Interpretation (,wobei ich mir den Blick auf das Formale spare, weil linespur hierauf schon erschöpfend eingegangen ist. Nur den unreinen Reim in S4 hat sie unerwähnt gelassen, aber auf den komme ich später zu sprechen.), obwohl mir meine Gedanken recht abstrus vorkommen und mir nicht alle Bilder auflösbar erscheinen:

    Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass es Dir nicht um eine Naturbeschreibung geht. (Sondern vielleicht nur austesten willst, ob der eingewebte Hintergrund auch unabhängig von einer hinweisgebenden Rubrik zu erkennen ist ...) KleinerPrinz’ Idee, es handele sich um eine bröckelnde Beziehung, kam mir auch erst, aber in die bekomme ich die letzte Strophe nicht integriert. In Erinnerung an frühere Gedichte von Dir keimte der Verdacht, dass sich in ihm eher eine sozialkritische Aussage verbirgt und – wie linespur schon vermutet - mit dem LyrWir die Menschheit gemeint ist.

    Die ersten beiden Strophen lese ich dann wie eine sarkastische Aufforderung an das LyrWir, am scheinbar doch immer noch überreich gedeckten (und von Fülle und Buntheit der herbstlichen Natur ja auch tatsächlich die Realität verschleiernden) Tisch der Natur zu schwelgen und zu ignorieren, was die lapidare Feststellung im Titel verkündet: Dass es „Herbst“ ist, die Natur kurz vor dem Kollaps steht:

    Juchei lass uns nur schnell Kastanien suchen!
    Der Wald trägt Herbstenlaub zum Dankesfeste,
    getaucht in Farben sind längst alle Äste
    und nahrhaft reich gesät, ist’s durch die Buchen.


    Ein „Macht nur so weiter und beruhigt euer Gewissen mit den reich vorhandenen Samen. Wie kann es schlecht um uns stehen, wenn es doch so viel Reserven für die Zukunft gibt? Sammelt für den Ernstfall möglichst viel davon!“ In diesem Zusammenhang passt das Zuversicht verströmende und doch falsch klingende „Juchhei“ hervorragend, finde ich. Es muss trotzdem mit zwei „h“ geschrieben werden und verlangt auch m.E. nach einem Satzzeichen . Das „Herbstenlaub“ bringt auch meine Fußnägel zum Kräuseln. Noch nicht gut, aber besser: „Herbstes Laub“. In V4 stört mich nicht nur das Komma, sondern auch das „ist’s“. Vorschlag (Komma nach „Äste“): „der Boden nahrhaft, reich gesät durch Buchen.“

    Spazieren wir durch bunte Laubesbetten
    und uns’re Neujahrspläne sind bereit,
    wie Pilze, sprießen aus vergang’ner Zeit.
    Wer freien Willens geht, ist nicht zu retten.


    Und schon eilt das LyrWir der Zeit voraus, schmiedet Pläne, als wenn sich nie etwas geändert hätte, als wenn die Reserven unerschöpflich wären. Den, der meint, er müsse „aussteigen“, lässt man links liegen. Linespur hat hier schon den Finger auf die Wunde gelegt: Der Satzbau in Z1/2 stimmt so nicht: „Spazieren wir...“ leitet entweder einen Nebensatz ein oder eine Aufforderung (was nach der ersten Strophe wahrscheinlicher ist), endet aber in der Struktur eines Hauptsatzes, was so sehr irritiert. Ein Ausrufezeichen nach den „-betten“ leistete Abhilfe. Evtl. dann:
    „In uns sind Neujahrspläne schon bereit
    wie Pilze,...“

    So träum ich zarte Blüten in den Himmel
    und erntet man nicht gleich den Wolkenschweif,
    sind schnell die vollen Früchte überreif.
    Wo Süße lockt, speist auch zu gern der Schimmel.


    Diese Strophe finde ich bildlich und sprachlich toll, habe aber ein Problem, sie in den Zusammenhang zu stellen, weil hier plötzlich ein LI und gleich auch noch das unpersönliche „man“ auftauchen. Ich verstehe sie so: Das LI als Teil des LyrWir will sagen, dass seine „Neujahrspläne“ vorsichtiger Natur sind, es „träumt nur zarte Blüten“. Wenn denen jedoch nicht der nachfolgende „Schweif“ an Wunschvorstellungen und Begierden gestutzt wird, so nehmen sie überhand und fallen schnell wie „faule Früchte“ vom Himmel. Ich empfehle, das „man“ durch das LI zu ersetzen. Mir würde, wenn meine Interpretation in die richtige Richtung geht, auch ein „doch“ anstelle des „und“ besser gefallen. Was hieltest Du in V4 von einem „nur zu gern“?

    Wie majestätisch thront die Eiche stolz!
    Zu ihrem Fuß bereit, ein roter Teppich,
    Und doch, mich deucht ihn grüßt alsbald der Rettich,
    Erstochen liegt ihr Mann im Unterholz.

    Diese Strophe ist nun wirklich zum Zähne-Ausbeißen. Hier wird mir die Vielfalt der Bilder auch endgültig zu viel. Die ersten beiden Zeilen gehen ja noch: Die Eiche als Symbol für Beständigkeit wankt noch nicht, der „rote Teppich“ lädt ein, in Partnerschaft zu überdauern. Woraus der besteht, gibt mir Rätsel auf, denn das Laub heimischer Eichen ist tatsächlich erst gelb, dann braun. Nur die amerikanische Roteiche wirft feuerrotes Laub ab. Ob es Pilze gibt, die einen roten Teppich ergeben? Da kenn ich mich nicht aus. Ist vielleicht auch gar nicht so wichtig, wirkt dann aber ablenkend. Völlig fremd ist mir die „Rettich-Formulierung“, kann mir nur denken, dass es sich bei seinem „Grüßen“ vielleicht um einen regionalen Ausdruck handelt, der evtl. bedeutet, dass der Teppich bald mit Tränen getränkt würde. (Rettichschneiden treibt ja wie Zwiebelschneiden Tränen in die Augen)

    Und was hat es bloß mit dem „erstochenen Mann“ auf sich? „Ihr Mann“ muss ja der der Eiche sein, sonst tritt in der Strophe ja keine „sie“ auf. Zum „Mann einer Eiche“ kommt mir nur die Idee, dass Du einen Druiden (der ja wörtlich einen „Mann der Eichen und Misteln“ bedeutet) meinen könntest, also einen Heilkundigen, der um die – ich sach’s mal modern – nachhaltige Nutzung der Natur Bescheid weiß, ohne sie zu zerstören. Wenn solch Kundige nicht mehr sind (offen bliebe hier, wer sie ermordet hat, und wieso sie im Unterholz liegen – vielleicht, weil so keiner bemerkt, dass sie weg sind?), hat selbst eine Eiche keine Chance zu überleben.

    In dieser Strophe könnte die Interpunktion eine Überarbeitung vertragen, meine ich. Und wenn ich Deinen Gedanken hier irgendwie nahekomme, schlage ich für Z1 eine kleine Änderung vor:

    Noch thront die Eiche majestätisch stolz,
    zu ihrem Fuß bereit ein roter Teppich!
    Und doch, mich deucht, ihn grüßt alsbald der Rettich:
    Erstochen liegt ihr Mann im Unterholz!

    Das Abweichen des Reims Teppich/Rettich in eine Assonanz passte zu meiner Auslegung des Inhaltes: Nun realisiert das LI endlich doch die Gefahr. Trotzdem halte ich diese Strophe für überarbeitenswert. Die Fülle an Bildern erschlägt einen und der mehrfache Wechsel der Ebenen lässt blind herumtapsen, was der Autor hier wohl sagen will. Das gefällt mir nicht, ganz gleich, was Du hier nun sagen willst. Oder bin ich, sind wir (meinen Vor-Writern ging es ja nicht anders) zu blind, um zu sehen?

    Irgendwo las ich, dass Du dabei bist, eine Antwort zu schreiben. Ich hoffe sehr auf Aufklärung und bin gespannt auf die Auflösung (und übrigens auch immer noch auf die zu meiner letzten Interpretation ... ). Liebe Grüße

    witch
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  5. #5
    ReinART Guest
    Hallo Jamzee
    mit Juchee könnte ein Gedicht von Heinz Erhard anfangen, dessen Werke ich sehr verehre.
    Aber sein Niveau erreichst Du nicht und liegt wohl auch nicht in Deiner Intention.

    Ist es ein Persiflage auf diesen ganzen Müll, den sich einige da zusammenreimen , nur um in die Tradition eines Rilke (den ich ebenfalls sehr verehre etc. eingereiht werden zu können, was ihnen nicht gelingen kann, denn jede Zeit hat ihre Worte, Bilder und Gedichte.
    Was willst Du uns damit sagen. Uns an der Nase herumführen? Uns zu abenteuerlichen Spekulationen: was will uns der Autor damit sagen? verleiten?
    Vielleicht hast Du zu Sylvester auch zu viel Tee getrunken und wusstest nicht mehr, ob Neujahr oder Herbst ist...
    Nein, es ist in einer so katastrophal schlechten Sprache geschrieben, dass Du Dir einen Jux gemacht hast. Es gibt für mich keinen Zusammenhang zwischen den Strophen und zum Schluss servierst Du eine Leiche, deren Blut den Schnee unter der eiche , wie ein roter Teppich, rot gefärbt hat...da lacht sogar der Rettich.
    Ist Dir gelungen die Leser ins Boxhorn zu jagen. Sylvesterscherz....

    Alles Gute
    reinhard

  6. #6
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    Liebe LeserInnen,

    zunächst möchte ich mich ausdrücklich für eure Mühe bedanken und ich freue mich, dass ich wieder etwas mehr Input erhalten habe. Meine erste ausgearbeitete Antwort ist durch die Anfügungen eigentlich etwas überholt wurden, weswegen ich doch global meine Betrachtungen voranstellen möchte.
    Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass dieses Werk von allen Lesern so kryptisch wahrgenommen wird. Für mich liegt die Sache klar auf der Hand: Die Leserin (das sich niemand diskriminiert fühlt ) soll durch die inhaltliche Struktur zum mehrmaligen Lesen angeregt werden, da die Geschichte am Ende der letzten Strophe kippt. Eure Verwirrung ist nachvollziehbar, da ich selbst in dem Gedicht drei Ebenen sehe. Allerdings überrascht es mich, dass niemand vermochte diese zu trennen, die Analogie zu sehen und die ultimativ vorherrschende Frage: ‚Was hat er sich nur dabei gedacht?’ für sich selbst befriedigend beantworten zu können. Es ist zwar ungewöhnlich, dass ich meine Intention selbst darlege, aber ich hoffe, dass so einige Fragen, die teilweise mit verdusslichen Konnotationen versehen wurden, in schlussendliches Wohlgefallen aufgelöst werden können.

    Die erste Ebene ist das schwülstig-typische Herbstgedicht (wie von linespur und thewitch ausgeführt) in einer veraltet anmutenden und nicht sinnvoll zu imitierenden Sprache (ReinART). Das euch das in dieser Form wenig zusagt, gehört zu der Notwendigkeit für die Implikation auf den ‚höheren Ebenen’, von daher hoffe ich, dass ihr auch mir die völlig überzogenen Formulierungen (linespurs und thewitchs Liebling: Herbstenlaub ) in diesem Zusammenhang durchgehen lasst. Das eben mehr dahinter steckt, wird in der letzten Zeile klar. Allerdings überraschten mich auch ihre Probleme mit den Bezügen in der letzten Strophe. Für meine (natürlicherweise etwas abstraktere) Lesart des Textes führt es nur beim ersten Lesen zur Verwirrung, weil die Bezugspersonen eigentlich vorher eingeführt werden und es sonst tatsächlich wenig Sinn ergibt. Außerdem soll der Leser ja auch nachdenken und der Bogen war in meinen Augen nicht so weit aufgespannt.

    Die zweite Ebene bezeichnet das, was unser Prinz schon vermutet hat. Es geht um eine konkrete Beziehung. Auch hier gab es Kritik daran, dass es formal einige Ungereimtheiten gibt, was vermutlich mit der Zeichensetzung zu tun hat, auf die ich später nochmals eingehen möchte. Allerdings hatte ich vor meinem geistig-lyrischen Auge auch konkret zwei Personen in einer romantischen Beziehung. Dabei sollte auch deutlich werden, dass es sich um eine relativ neue Beziehung handelt (deswegen auch die verfrühten Neujahrspläne – ist das nicht in gewisser Weise typisch für ‚frische’ Beziehungen?), aber beide sind sich der Vorgeschichte bewusst. Schließlich fußen Beziehungen zwischen erwachsenen Personen im Normalfall auf dem ‚was vorher so war’ und müssen sich auf diesem Grund natürlich auch bewähren (wie Pilze aus dem Herbstenlaub ). In der 3. Strophe gefallen mir besonders die Äußerungen von thewitch und linespur, zugespitzt formuliert trifft es dieses Zitat doch recht gut:
    Wir lernen: Zu früh ist nicht gut, aber zu lange warten wohl auch nicht.
    Bei den Ausführungen sehe ich es auch ähnlich wie thewitch: Zarte Hoffnungen, die man hegt, darf man nicht einfach sich ungehindert ausbreiten lassen, sie dürfen nicht überhand nehmen, denn wenn man es übertreibt, dann kann es eben passieren, dass man am Ende nur noch ein Resultat hat, dass den Zenit schon überschritten hat und vom nahenden Zerfall bedroht wird. Das ist ähnlich wie bei einem Kartenhaus vorzustellen: Setzt man immer mehr Reihen auf, weil man z.B. Gott nahe sein will , dann kann es passieren, dass das Haus teilweise einstürzt und der Rest auch so wackelig geworden ist, dass man wieder neu anfangen muss.

    Das spannendste ist sicher Ebene drei, was von einigen KommentatorInnen auch schon mit dem lyr. Wir angedeutet wurde. Ich will die grundlegende Botschaft voranstellen: Es ist eine Ode an die Innovation, aber auch dass man es nicht damit übertreiben sollte, oder sie zumindest völlig übertrieben darzustellen. Wir haben also dieses alt-verkitschte Herbstgedicht und die frisch Verliebten. Kommen wir also zu Strophe vier. Dass Eichenbäume kein rotes Laub abwerfen, ist richtig . Aber im Mischwald ist es typischerweise sehr schwer zuzuordnen welcher Baum welches Laub geworfen hat, weswegen das rote Laub erst mit der letzten Zeile tatsächlich vom LI auch als Resultat des erstochenen Mannes zu erkennen ist.
    Das ist ein recht innovatives Ende für ein Herbstgedicht und ebenso für eine frühere romantische Beziehung. Um die ‚neue Liebe’ voll genießen zu können, wurden die ‚alten Zöpfe’ abgeschnitten (erstochen, um genau zu sein) – man sagt sich gewaltsam von der Vergangenheit los (auch wenn unklar bleibt, wer dafür verantwortlich ist) um in der Gegenwart ‚frei’ zu sein. Und doch laufen beide wieder in den alten Wald, sie wollen alles anders machen und doch lauert die Vergangenheit (der Wald als klassisches Symbol des Überdauernden) an jeder Ecke und man kann sich von ihr nie vollständig entfremden, selbst wenn man es versucht.

    Zur Zeichensetzung: Anscheinend trifft meine Entscheidung einen Lesevorschlag mit der Zeichensetzung anzubieten auf wenig Gegenliebe. Gut, ich wollte es auch im Rahmen der üblichen Zeichensetzung lassen, aber trotzdem mit den Zeichen die Pausen gezielt und dezent beeinflussen. Warum habe ich mich dafür entschieden? Erstens: Man muss es ja mehrfach lesen, da hielt ich es für hilfreich die ‚Geschwindigkeit’ vorzuschlagen. Zweitens: Es sollte damit eher den Eindruck des ‚Gesprochenen’ bekommen. Ob das gelungen ist – ich stelle es zur Diskussion .

    Ich hoffe, dass dies als Einstieg in meine Intention weiterhelfen kann. Es freut mich, dass die Auflösung einige LeserInnen interessiert. Bleibt nur noch die Frage von ReinART offen. Ein Scherz? Die Sprache zu miserabel? Ein wenig Scherzhaftigkeit schadet einem Text in den seltensten Fällen. Über die Sprache lässt sich sicher diskutieren, ich hatte meine Gründe als ich es zu Papier gebracht habe und sehe das Gedicht durchaus noch im Rahmen des erlaubten. Es ist keine bloße Ästhetik und es ist kein falscher Rilke. Ob es trotzdem zu viel wollte und zu wenig kann – deswegen steht es ja hier zur Diskussion .

    LG Jamzee

  7. #7
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    Hmm, lieber Jamzee,

    vielleicht haben sich meine Fragen zur Gesamtintention aufgelöst, aber nicht die zu einzelnen Bildern, vor allem, was die letzte Strophe angeht. Weil es schon spät ist und ich mich nicht wieder in "verdusslichten" Überlegungen ergehen will , liste ich einfach mal auf:
    • Deine Entscheidung für einen schwülstigen Stil kann ich schon verstehen, aber dies ist keine Entschuldigung - in meinen Augen - für "Herbstenlaub"! Das ist nicht schwülstig, das ist ein Unwort! Herbstes Laub klänge schwülstig, wäre aber "richtiges Deutsch" ...
    • Die von Dir beabsichtigte zweite Ebene der Beziehung sehe ich nun klarer. Ein Verständnis dafür wird aber durch das Einschieben von "man" und "ihr" enorm erschwert. Wieso beschränkst Du Dich nicht auf "ich", "du", "wir"? Auch damit wäre die drittene Ebene zu verschlüsseln, meinst Du nicht?
    • Immer noch nicht verstehe ich, was Du mit S2V4 sagen willst.
    • Leider hast Du zu S4 zwar die Herkunft des roten Teppichs erklärt (klar, wieso ich nicht auf das Blut gekommen bin, weiß ich auch nicht, vielleicht habe ich mich von dem "alsbald" ablenken lassen ) und auch den "Mann", leider aber nicht, was es mit der "Eiche" auf sich hat oder mit dem "Unterholz" und vor allem mit dem "Rettich". Hier finde ich nach wie vor zu viele kryptische Bilder vor. Total von Deiner Spur weg lenkt m.E. der Bezug von "Mann". Das "ihr" bezieht sich grammatisch eindeutig auf die Eiche. Diese ist von Dir nun vermutlich als Bild für die Treue, Beständigkeit der Beziehung gedacht, was ich noch nachvollziehen könnte. Aber wie kann eine Beziehung (oder auch eine Eiche) einen Mann haben? Den kann ich nur schwer als einen "alten Zopf", als das Überlebte einer Beziehung empfinden. Tja, und wofür der Teppich bereit sein soll, ist mir auch nicht klar. Für die Innovation? Und wie passt der Rettich dahin?
    • Ich bin mir unsicher, ob ich Deine Argumente bezüglich der Interpunktion richtig verstanden habe. Du hast dort Kommas gesetzt, wo Du eine Pause liest? Und sie dort weggelassen, wo Du ohne Pause liest? Das geht nach "Juchhei" doch fast nicht! Und nach "deucht" lese ich ebenfalls zwingend mit Pause. Zumindest an diesen beiden Stellen kann ich Deinen "Lesevorschlägen" nicht folgen. Ich persönlich halte es auch für sinnvoller, Haupt- und Gliedsätze immer rechtschreibgültig zu trennen (es sei denn, man setzt Stilmittel wie Apokoinus ein, deren Wirkung dadurch beeinträchtig würde), weil dies das intuitive Erfassen der Aussagen erleichtert.
    Soviel zu meinen weiterhin offenen Fragen und zu meiner Meinung...

    Lieben Gruß

    witch
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

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