1. #1
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    Nacht der Zweifel...

    Die Nacht der Zweifel prüft die Seele,
    zeigt die Angst, die in Dir ist,
    teilt und wiegt Dir die Gefühle,
    was Du weißt und was Du bist.

    Der Mond am Himmel zeigt Dir Wege,
    die nicht erkannt im Tageslicht,
    die Sterne schweigen, viel zu sagend,
    wenn doch ein Traum in Dir zerbricht.

    Das Licht des Morgens zeigt Dir Hoffnung,
    so fern die Helligkeit Dir auch erscheint,
    begrabe Kummer und die dunklen Sorgen,
    ein Leben hat genug geweint...


    © Maccabros
    Ich schreibe um mir bewusst zu machen, was ich fühle und denke -
    beim Lesen versuche ich das WARUM zu ergründen...


    © Maccabros

  2. #2
    n.eurofighter Guest
    Hallo maccabros,
    wieder mal ein sehr sanftes Gedicht von dir. Mir gefällt es sehr.
    Obwohl, der Schluss....fast zu hoffnungsvoll ist für die Trauer,
    denn ich befürchte, genug geweint hat man so lange man lebt, nie.
    Nur Engel haben keine Tränen,




    lieben Gruß
    n.eurofighter

  3. #3
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    Grüß dich, Maccabros.

    Meine Kritik, ernsthaft und ehrlich (nicht persönlich):

    Die ersten vier Zeilen sind aus meiner Sicht von sehr hoher Qualität.

    "Nacht der Zweifel" ist ein sehr eingängliches Bild langer, dunkler Prüfung, was die zweite Zeile einfach und elegant verdeutlicht.
    Die dritte Zeile lässt mit "teilt und wiegt" an die ägyptische Beurteilung der Seele im Totenreich denken im Sinne einer genauen Prüfung dessen, was "die Gefühle" Wert sind und ihre wahre Natur. Es ist ein Offenbaren ohne Schonung, was auch in der vierten Zeile anklingt ("was du bist" als innerste Identität).
    Einzig ein wenig auffallend ist hier das "was du weißt". So schön der Gleichklang mit "was du bist" ist, so sticht das Verb "weißt" für mich aus der Sinnharmonie heraus. Die Thematik "innerste Seelenschau" beinhaltet nach meinem Gefühl nicht auch das rein geistige Element des Wissens, der Kenntnis.
    Die erste Zeile mit "Seele" und die dritte mit "Gefühle" weisen in eine Richtung,
    aus der das rein Geistige "was du weißt" ein wenig steril herausscheint.

    Hiergegen wäre vielleicht zu sagen, dass es in Strophe 1 eben darum geht, dass sich der Zweifel sowohl auf die Seele und die Gefühle als auch auf die Kenntnis von der Welt und auf die Identität (als Summe aller drei Dinge oder als separaten Punkt) bezieht. Dem ist aber aus meiner Sicht entgegenzuhalten, dass gerade Zeile drei mit dem "teilt und wiegt" auf eine definitive Klärung der Gefühle hindeutet, dass also im Kampf mit dem Zweifel zu neuen, nun gestärkten und sicheren Überzeugungen über die Gefühle gelangt wird. Durch die Satzkonstruktion in Zeile 4 wird dieser Eindruck aus Zeile drei weiter- und hinübergeführt, was den Inhalt ergibt, dass aus dem Zweifel heraus (auch dort nach einem "Teilen und Wiegen", also einem inneren kämpfenden Beschäftigung mit dem Zweifel) neues, klareres Wissen gewonnen wird. Dies ist natürlich möglich, typischer in Bezug auf das Wissen ist aber, das ein Teil des Wissens im Zweifel untergeht und nur ein Teil als vom Zweifel unberührt verbleibt. In einer Nacht, also der Isolation, ohne äußere Bezugsquelle, kann das Wissen nicht derart umfassend geklärt werden wie die ganz im Eigenen ruhenden Gefühle. Die angedeutete "Reinigung" erscheint mir demnach beim Wissen nicht völlig passend.

    Letztlich ist aber störender (und vor dem Hintergrund der sehr hohen Qualität der ersten Strophe trotz seiner Eigenschaft als an sich "kleinerem Punkt" auffallend), dass der innere "Klang", den zunächst "Seele" und "Gefühle" erzeugen, also die tiefe Innerlichkeit, vom folgenden "Wissen" überspielt wird, um dann sogleich bei "was du bist" wieder als sehr innerlich aufzutauchen. Diese Hin- und Hergerissenheit wirkt für mich unästhetisch, weil uneinheitlich. Dagegen einzuwenden, dass dies vielleicht die Zerrissenheit der Person andeute, überzeugt mich nicht. Auch über die niedersten Gräben der Nacht kann man formell ästhetisch und stimmig schreiben.

    Auch die ersten beiden Zeilen der zweiten Strophe halten die hier sehr selten gesehene Qualität.

    Traurigerweise fällt die Qualität ab da recht drastisch ab.

    Schon in der dritten Zeile fällt zum einen der fehlende Reim auf (eine Möglichkeit: Die Sterne schweigen im Gefüge [= im Gefüge der Gestirne]), zudem ist "viel zu sagend" für mich grammatikalisch fehlerhaft. Sagen die Sterne viel, sollten sie viel sagen, spricht ihr Schweigen Bände?

    Dass in der vierten Zeile "ein Traum zerbricht", führt die hohe Qualität tief nach unten zu (wie gesagt, ehrlich, nicht persönlich gemeint) einer abgegriffenen und "schlagerartigen" Metapher.

    Der gesunkene poetische Wert wird in der dritten Strophe leider gehalten:
    Dass ein "Licht" "Hoffnung gibt", ist ebenso ausgezehrt wie der "zerbrechende Traum" und weit von der Tiefsinnigkeit der ersten Strophe entfernt.
    Zeile 2 ist eine Silbe zu lang und passt deshalb nicht mehr in das Versmaß, was unangenehm auffällt. "So fern die Helligkeit" ist ein im Prinzip akzeptables Motiv, das aber irgendwie zu einfach umgesetzt wird. "helligkeit" hat Assoziationen von künstlichem Licht, Lumen und Glühbirnen, was der pathetischen Stimmung abträglich ist.
    In der dritten Zeile hat "begrabe den Kummer" den Charakter eines Klischees im Sinne der Formulierung "lass die Sorgen Sorgen sein". Das kann man aus meiner Sicht mit dem gleichen Sinn angemessener formulieren.

    Die letzte Zeile bringt leider auch keinen starken Abschluss, sie knüpft nicht an die sehr gute erste Strophe an. "ein Leben hat genug geweint": Der Sinn ist klar, "es sind zu viele Tränen geflossen". Der Bezug ist aber zu offen: "ein" Leben, welches Leben? Das Leben der Person, um die es geht, des "Dir"? Natürlich wäre "Dein Leben" klarer, es ist aber verständlich, wenn man diese vielleicht zu klare Formulierung varieren will. Jedoch ist der wohl beabsichtigte Sinn "für ein Leben sind das genug Tränen" in dieser Form aus meiner Sicht krumm formuliert. Das Bild, dass "ein Leben weint", macht gefühlsmäßig für mich als Metapher keinen Sinn. Man ist ein "Leben" nicht als ein Handelndes gewohnt ist, nicht einmal als Abstraktum, nur als Zusammenfassung oder Hintergrund. Deswegen funktioniert die Metapher in der vierten Zeile nicht.

    Das Gedicht ist ein großes Versprechen, das sich leider nicht einlöst, sondern das Ziel ab der Mitte verliert und im Tieferen ausklingt.

    Unabhängig davon bist du mir aber allein schon wegen der ersten fünf bis sechs Zeilen als sehr vielversprechender Autor aufgefallen.

    Viele Grüße

    Wegesanfang

  4. #4
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    so wie fast alle deine werke...genial* mir fällt nicht mehr dazu ein, deine art zu schreiben-einfach klasse!
    lg

  5. #5
    Windundwetter Guest
    Hallo Maccabros,

    sehr gern gelesen, fast ohne stolperer...einen habe ich gefunden (da bin ich zumindest gestolpert).

    "Das Licht des Morgens zeigt Dir Hoffnung,
    so fern die Helligkeit Dir auch erscheint," Ich weis nicht, irgendwie ist hier was zuviel. Ich bin schon am überlegen wie man es eventuell anders formulieren könnte. Sowas wie "so fern die Helligkeit dir scheint" oder so...?


    "Der Mond am Himmel zeigt Dir Wege,
    die nicht erkannt im Tageslicht," Finde ich besonders schön. Und oh wie wahr.

    Ich freu mich auf dein nächstes.

    Liebe Grüße
    Bibi

  6. #6
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    Hallo Maccabros,

    ich ahne etwas.. aber ich ahne nur..

    weißt du, wenn man deine Zeilen liest weiß man dass da zu Hundertprozent ein Gefühlsmensch dahinter steckt.. und wenns mal holpert dann nur weils eben gerade in dem Moment durchgeht .. das Gefühl.. dein Temprament .. dein Wünschen dass es anderen gut geht...

    Es ist alles zu deinen Zeilen gesagt, ich lehne mich genießend zurück..

    Behutsame und liebe Grüße
    Line
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  7. #7
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    @ All

    Danke für die zahlreichen Beiträge und Kritikpunkte.


    @n.eurofighter

    Kann es ZU hoffnungsvoll sein?


    @ Wegesanfang

    Dir Danke ich für die sehr ausführliche Kritik, die ich aufmerksam gelesen habe.
    Die Aussage, dass die ersten Zeilen eine höhere Qualität haben, kann ich eigentlich nur bestätigen.
    Der weitere Verlauf zeigt den Versuch, Gefühle in Worte zu fassen, wobei manches Wort sicherlich austauschbar sein kann.

    Ist ein Gedicht ein Versprechen oder ein Art von Wortgefühl?


    @ Morgengrauen

    Danke Dir - werde versuchen das Niveau zu halten


    @ Windundwetter

    so fern die Helligkeit dabei erscheint?


    @ Line

    Im Grunde hast Du recht - sind Gefühle wichtig oder geschliffenere Wörter?

    GLG


    Maccabros
    Ich schreibe um mir bewusst zu machen, was ich fühle und denke -
    beim Lesen versuche ich das WARUM zu ergründen...


    © Maccabros

  8. #8
    Registriert seit
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    Grüß dich, Maccabros.

    Dass du meinen Kommentar aufmerksam gelesen hast, freut mich sehr.

    Ob ein Gedicht ein Versprechen an den Leser ist, dass der Autor etwa unbedingt einhalten müsste, oder nur die wahre Äußerung einer inneren Erfahrung, muss man hier nicht klären, weil sich die Frage zum Glück nicht stellt (Im Übrigen denke ich, dass es bei einer Beantwortung darauf ankäme, ob ein Autor nur für sich schreibt.). So wie ein lichter und klarer Morgen einen hellen und wärmenden Tag "verspricht", so "verspricht" eine anfängliche sehr hohe Qualität eines Gedichts ihre eigene Kontinuität, eine Fortführung der Motive und eine erhebende Conclusio. Wenn das eine oder das andere nicht eintreten, dann folgt daraus weder Vorwurf noch Enttäuschung, sondern lediglich ein das Gewordene betrachtendes Bedauern.

    Vielleicht kannst du ja, wenn du es selbst nach deiner Meinung auch so siehst, aus Zeile 7 und den folgenden mehr machen als sie sind und so dem Gedicht die insgesamte Form geben, die es nach seinem "lichten Morgen" verdient.

    Viel Erfolg!

    Wegesanfang
    Geändert von Wegesanfang (20.01.2009 um 19:28 Uhr)

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