1. #1
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    Die Sterntaler

    Die Sterntaler

    (Ballade nach dem Märchen der Gebrüder Grimm)

    Es ist ein Mädchen bettelarm,
    dem in der Not und großen Harm
    die Eltern sind gegangen.
    Es hat nichts, als das auf dem Leib
    und ungewiss ist sein Verbleib
    im Hoffen und im Bangen.
    Ihm ist ein Stückchen Brot geschenkt,
    auf dass es seine Schritte lenkt
    in stetem Gottvertrauen.
    So zieht es auf das Feld hinaus,
    da es nicht Bett hat, hat nicht Haus,
    hinein ins Abendgrauen.

    Auf ihrem Wege sitzt ein Mann,
    der Hungers kaum noch laufen kann,
    er bittet um zu essen.
    Da gibt sie ihm ihr ganzes Brot,
    dass er entgeht dem Hungertod.
    "Ich werd's dir nie vergessen!",
    spricht jener Mann und senkt den Blick,
    denn er erkennt das Wohlgeschick,
    hat Tränen in den Augen.
    Das Mädchen setzt den Fußmarsch fort
    zu jenem fernen, fremden Ort,
    zu dem sie führt das Glauben.

    Sie trifft des Wegs ein kleines Kind,
    dem friert es im Dezemberwind
    an beiden kalten Ohren.
    Da setzt sie ihren warmen Hut
    auf dessen Kopf, denn der wärmt gut,
    doch hat sie nichts verloren.
    Ein andres Kindlein fröstelt sehr,
    es hat kein warmes Mäntlein mehr,
    es steht mit kalten Armen.
    Auch dem zieht sie ihr Habe an,
    damit's das Kindchen wärmen kann,
    mit wahrem Gotterbarmen.

    Und leise fällt der erste Schnee,
    ein Knäblein steht mit blauen Zeh',
    ist bitterlich am weinen.
    Da zieht's ihm ihre Schuhe an,
    weil sie auch barfuß laufen kann
    auf harten, spitzen Steinen.
    Und noch ein Kindlein in der Not,
    es frieret fast den Kältetod,
    es jammert und es bittet.
    Dem gibt sie auch ihr letztes Hemd,
    denn weil es dunkel und sie fremd
    ist es nicht ungesittet.

    Und völlig arm bis auf die Haut
    steht sie bevor der Morgen graut,
    da öffnet sich der Himmel.
    Es regnet Sterne auf ihr Haupt,
    weil sie so sehr ans Gute glaubt.
    Mit klimperndem Gebimmel,
    denn alle Sterne sind aus Gold,
    die sie belohnen wunderhold,
    als wenn die Engel weinen.
    Ein Hemdlein trägt sie auf dem Leib,
    ein edles, wunderschönes Kleid
    aus allerfeinstem Leinen.

    Da sammelt sie die Taler ein,
    geht munter in die Welt hinein,
    lebt bis ans Lebensende
    entfernt von Kummer und von Leid,
    doch bleibt ihr die Bescheidenheit,
    so wird sie zur Legende.
    Geändert von Woitek (22.01.2009 um 22:43 Uhr)

  2. #2
    DerKleinePrinz* Guest
    Lieber Woitek

    Ich kann mir vorstellen das es eine Menge Arbeit war dieses Märchen in Gedichtform zu schreiben. Das Gute ist, dass ich es als sehr gelungen empfinde. Selten lese ich so lange Gedichte mit einer solchen Aufmerksamkeit, dir ist es gelungen mich zu fesseln, fein

    Menschliche Grüße
    Der Kleine Prinz*

  3. #3
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    Hallo Prinz,

    na das freut mich aber, dass es dir gefallen konnte, das Geschichtlein vom Sternentaler. Solch lange Gedichte kann man seinen Lesern auch nur dann zumuten, wenn es sich nicht um Lyrik, sondern um Epik handelt.

    Gruß
    Woitek

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