1. #1
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    Die alte Frau in der Telefonzelle

    Die alte Frau in der Telefonzelle

    Jeden Morgen um kurz vor Acht fahre ich die Straße zur Firma hinauf. Am oberen Ende ist eine Kreuzung. Dort, auf der rechten Seite neben einer Bushaltestelle, steht eine Telefonzelle.

    Im Zeitalter der Handys und Notebooks ist das ein recht seltener Anblick geworden, finde ich. Ich habe schon seit mindestens 10 Jahren kein Gespräch mehr an einem öffentlichen Fernsprechapparat geführt. An Flughäfen vielleicht; oder Bahnhöfen – ja – dort sieht man es tendenziell noch häufiger, dass Menschen an einem dieser, meist als halbrunde Goldfischgläser, getarnten Telefone stehen und laute oder leise, hektische oder ruhige, beschwichtigende oder wütende Worte in die Muschel sprechen. In der ländlicheren Gegend, die nur ansatzweise städtische Hektik nachahmt ist dies jedoch ein sehr abstrakter Gedanke.

    Und jeden Morgen in den vergangenen Wochen habe ich sie dort gesehen. Diese kleine zarte Frau, deren Mantel wie ein schützender Panzer wirkt. Sie trägt einen Hut und immer eine Tasche am linken Arm. Nie habe ich bemerkt, dass sie die Tasche auch nur eine Sekunde abstellt. Wenn ich recht darüber nachdenke, habe ich überhaupt nie eine Regung an ihr bemerkt. Es scheint, als warte sie auf etwas das nie passiert. Zu einer Säule erstarrt. Kein Leben.

    War da jemals Leben? Was hat sie erlebt? Wer ist diese Frau? Welche schönen und weniger schönen Dinge sind ihre Erinnerungen? Wird aus mir auch eines Tages eine solche Frau. Alt. Starr. Regungslos und stumm?

    Wird es dann noch Telefonzellen geben? Oder werde ich möglicherweise in einem Transporter stehen, der auf Knopfdruck Menschen an andere Orte bringt. Gegen Gebühr versteht sich. Werde ich dann dort stehen und die Menschen, die ganze Welt um mich herum beobachten? Wird diese Welt dann denken: „Diese alte, kleine, zarte Frau – mit diesem Mantelpanzer und der Tasche…was bewegt sie dazu so früh am Morgen hier zu stehen?“

    Werde ich dann dort stehen und denken: „Diese Welt da draußen, diese große, laute, bunte, hektische Welt…ist das einmal meine Welt gewesen? Und wenn ja, wie war sie – meine Welt? War sie groß und bunt? Oder klein und trist? Habe ich etwas versäumt?“

    Wird es eines Tages so sein, dass wir alle auf unsere eigene Weise in einer derartigen Telefonzelle enden? Dass das Leben sich weiterbewegt, ohne uns. Und wir das wortlos zulassen? Hinnehmen sogar? Wie wird sie sein, diese „Telefonzelle“?

    Werden wir allein sein? Einsam? Oder einfach nur allein? Werden wir es genießen? Oder in Erinnerung an die Vergangenheit leiden und uns in die verflossene Zeit zurücksehnen? Werden wir begreifen, was um uns herum geschieht? Oder wird es ähnlich einem Film sein, der vor uns abläuft und dessen Ende wir ahnen, aber auf das wir keinen Einfluss haben?

    Schreiben wir in unserem „Vor-Telefonzellen-Stadium“ selbst an diesem zukünftigen Film? Die Gegenwart ist beeinflusst durch unsere Vergangenheit – ohne Zweifel. Wie beeinflusst unsere durch die Vergangenheit beeinflusste Gegenwart unsere Zukunft? Werden wir verbitterte alte Zellenhocker sein, weil uns in der Vergangenheit schlechte Dinge widerfahren sind? Oder werden wir gerade dem zum Trotz umso fröhlichere, glücklichere alte Herrschaften sein? Reifer und gelassener und erfahrener und ruhiger und schlauer und wissend um das Geheimnis des Lebens?

    Man kann sich darum ja die tollsten Gedanken machen. Es werden zu viele sein, als dass sie alle in einer kleinen Telefonzelle mit gerade mal einem Quadratmeter Grundfläche Platz finden würden. Und dennoch: Diese eine alte, kleine, zerbrechlich-starke Frau verkörpert all diese Theorien vom Altsein für mich.

    Sie ist ein Sammelsurium aus Erfahrungen, Gefühlen, Zeitgeschehen der Vergangenheit. Sie trägt all das mit sich herum. Für viele nicht sichtbar, für manche zu erahnen. Jedoch für die Wenigsten zu verstehen – zu begreifen.

    Wenn man jung ist macht man sich doch keine Gedanken darüber, wie es sein könnte, alt zu sein. Da genießt man das Leben, die Liebe – den Tag. Aber die Tage kommen und sie gehen. Die Stunden nehmen die Minuten bei der Hand und tanzen mit den Tagen und Monaten einen Jahresreigen um den anderen. Und kaum hast du begriffen, dass du nur dieses eine Leben hast, stehst du am Ende und blickst zurück.

    Und worauf blickst du dann zurück? Auf eine ganze Menge an Jahren hoffentlich. Voll angefüllt mit Erfahrungen und Emotionen. Du stehst dann dort, vielleicht ja auch vor der Telefonzelle und denkst dir: „Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt um von dieser Welt zu gehen. Ich betrete die Telefonzelle nicht mehr – ich brauche das nicht. Es ist gut, so wie es ist.“
    Lächeln!!!

  2. #2
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    Hallo Murmeli,
    ein sehr nachdenklicher Text, die Telefonzelle als Ruhezone und Verbindung zu Welt - ich wünsche Dir nun mir nicht zu den aus der Vergangenheit lebenden zu gehören - das was war ist vergangen richten wir den Blick auf das was kommt!
    Dann können wir im Alter schlauer, wissender, und weiser der Welt entgegentreten und wenn es soweit ist auch über unser Ende mitentscheiden.
    Es ist immer wieder schön Dich zu lesen - Liebe Grüße - Hubert
    Perfektion - beendet die Suche nach neuem

    Vergeben heißt sich überwinden-
    und neues Glück auf altem finden

    Wer nur nach Reichtümern strebt - hat nie aus sich selbst gelebt.

  3. #3
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    das Gestern macht uns zu dem was wir heute sind....

    ...und was wir morgen sein werden, bestimmt das Heute.

    Lieber Hubert,

    danke für deine Kommentierung ja, ich habe den Text geschrieben, weil meine Vergangenheit keine schöne war, aber ich darum wahrscheinlich auch jedes neue Heute umso mehr genieße. Wir dürfen nicht immer nach dem Motto leben: "wenn ich erstmal das erreicht habe, dann... / wenn ich erstmal älter bin, dann... / wenn ich erstmal ........" denn dann verpassen wir doch immer das Heute!

    Jeder Tag ist wieder einer weniger auf unserer Lebensuhr und wir sollten doch versuchen, das nicht zu vergessen - hey - wir haben eine Chance!!!! Wir sind in einem Land geboren, dass uns zu den wenigen privilegierten Menschen gehören lässt. Warum jammern wir immer? Wir haben es doch selbst in der Hand!

    Ich liebe mein Leben! Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass es immer weitergeht - egal was auch passiert - aber das ist nichts, was ich hier schreiben möchte.

    Liebe Grüße für meinen Traumtänzer aus dem verschneiten südlichen Ländle,
    murmeli
    Lächeln!!!

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